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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

29. Januar 2017

Die Fracht am Rhein (Teil 12)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 14:43

Bei meiner Schilderung des Sommers habe ich meinen Umzug nach Koblenz übersprungen. Ich werde das im kommenden Beitrag nachholen. Da ich aber nun am Ende von Teil 11 bereits auf zwei der drei Praktikanten im September 2013 hingewiesen habe, sei hier die etwas umfangreichere Geschichte des dritten Praktikanten erzählt, einem traurigen Vertreter der Sorte, die wirklich wollen, die ein geordnetes Leben zum Ziel haben – denen aber die Befähigung fehlt. Mit einem Sprichwort (dessen Ursprung ich nicht herausfinden konnte):
„Jeder ist seines Glückes Schmied – sofern ihm das Schicksal nicht Hammer und Amboss versagt hat.“
Nennen wir ihn Lennie.

Lennie war ein netter Typ. Man konnte ihn gar nicht anders bezeichnen. Ich glaube nicht, dass er schon 20 war; etwa so groß wie ich, aber circa 20 kg schwerer, etwas formlos, ohne bedeutende Mukelkraft. Ich erklärte ihm die grundlegenden Vorgänge, also woran man die eigenen Pakete auf dem Band erkennt, wie man sie ordnet und effizient aufstapelt, wie der Scanner funktioniert, welche Papiere man so braucht, und mit welchen Kniffen man Pakete schneller findet, die man am Ende doch noch suchen muss. Er sah sich alles interessiert an, hörte zu und nickte am Ende von Informationseinheiten.
Ich drückte ihm einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber in die Hand.
„Ich kann nicht an alles denken. Mach Dir Notizen zu dem, was ich sage und zu Dingen, die Dir auffallen, damit Du später, wenn Du allein fährst, Orientierungshilfen hast.“ Wie alle anderen Praktikanten vor ihm machte er natürlich keine Notizen, von daher dachte ich mir nicht allzu viel dabei.

Wir fuhren los in Richtung Eifel. Ich erinnere mich nicht mehr an den konkreten geografischen Rahmen der Tour, die je nach Fähigkeiten der benachbarten Fahrer ständig in den Randgebieten geändert wurde. Ich glaube, es war angedacht, die Ausfahrt Bitburg zu nehmen, um als erstes Oberweis anzufahren, aber in diesem ersten Drittel der Tour sollte mir meine Unfähigkeit zum Multitasking zu einem Verhängnis werden.
Die Einweisung eines potentiellen neuen Fahrers macht es notwendig, dass ich viel rede. Das allein ist schon ungewohnt für mich und macht es für mich schwierig, auf andere wichtige Dinge zu achten. Kurz vor der Anschlussstelle Bitburg bemerkte ich, dass die Tankanzeige leuchtete. Seit wann war die an? Ich wusste es nicht. Alle an JP Transporte angeschlossenen Fuhrunternehmer tankten bei Shell, die Eifel ist weitgehend frei von Shell. Von der Ausfahrt bis zur nächsten Shelltankstelle waren es 30 km, mit den Sprintern konnte man riskieren, mit der Reserve noch 65 km weit zu fahren, bevor man Gefahr lief, stehen zu bleiben. Seit wann war die verdammte Anzeige an? Ich konnte es beim besten Willen nicht sagen und hoffte auf das Beste.

Wir fuhren nach Oberweis, Bettingen, Holsthum, dann über Prümzurlay Richtung Prümerburg, zu dem Kunden, dessen Zauntor ich angefahren hatte (beschrieben in Gaytal Kamikaze 12), aber hinter dem Ortsausgang von Prümzurlay, gerade ein Stück in den Wald hinein, stotterte der Motor und ging aus. Das hieß, zumindest bergan war nichts mehr zu machen. Ich wendete das Fahrzeug, rollte, brachte den Motor wieder zum Laufen. Bis zur nächsten Shell in Echternach würde ich ebenerdig fahren können – aber das waren noch mehr als 10 km. Und beim Wiedererreichen des Orts war es vorbei. Der Motor machte keinen Mucks mehr. Handbremse, Warnblinker. Ich ließ Lennie im Auto und wendete mich auf gut Glück nach links die Hauptstraße hinunter. Vielleicht ließ sich jemand finden, der mir helfen konnte.

Nach 500 m fiel mein Blick in einen Innenhof, wo zwei Männer arbeiteten und ein Traktor herumstand. Ich schilderte den beiden meine Lage und kaufte ihnen fünf Liter Diesel zum handelsüblichen Preis ab. Ich bekam auch einen Einfülltrichter. Allein, das war nicht die Lösung meines Problems. Wird die Treibstoffleitung leer gesaugt, ist es scheinbar schwierig, wieder Sprit zum Motor zu pumpen. Ich ließ die Maschine juckeln, bis das Geräusch mir sagte, dass die Batterie langsam schlapp machte. Ich ging also zu Fuß zu meinen beiden Helfern zurück und bat darum, mir auch zu helfen, den Sprinter wieder in Bewegung zu versetzen.
Wir spannten den Schlepper vor den Transporter, und ließen uns ein paar Hundert Meter weit ziehen, wobei ich die Technik verwendete, den Motor bei eingeschalteter Zündung über das Kupplungspedal kommen zu lassen. Das funktionierte, also bedankte ich mich bei allen Beteiligten für ihre Geduld. Wir bedienten den Kunden bei Prümerburg, arbeiteten Irrel ab und machten uns schleunigst auf den Weg nach Echternach, um vollzutanken.

Mit allem drum und dran hat die Aktion mehr als eine wertvolle halbe Stunde gekostet. Ich habe wirklich den Hang dazu, mit Praktikanten in haarige Situationen zu kommen. Man erinnere sich daran, wie ich mit Doc bei Daleiden im Schnee stecken geblieben war (siehe Fracht am Rhein 1). Mangel an Fähigkeit zum Multitasking ist mein Problem, für das ich immer noch keine gute Lösung weiß. Da es sich hierbei um einen ganz alten Hut handelt, kommen wir lieber zu dem Problem, das Lennie hat, das meine Angelegenheiten wie Scheinprobleme in einem Groschenroman erscheinen lässt.

Lennie hatte eine Ausbildung zum Ziergärtner abgeschlossen. Immerhin. Ein Ziergärtner hat aber mehr noch als ein Landschafts- und Gartenbauer das Problem, dass er im Winter arbeitslos ist. Wenn die Natur das Blühen einstellt, werden diese Leute auf die Straße gesetzt und müssen hoffen, dass man sie im kommenden Jahr wieder beschäftigt. Außerdem sagt man, dass Ziergärtner so ein Beruf ist, den man nimmt, wenn man für nicht viel geeignet ist. Intellektuell sei die Arbeit nicht fordernd und wenn es einem an Kraft mangelt, dann könne man so Sachen wie Gartenbauer und Müllmann eigentlich auch vergessen. Heißt es, ich habe beides nie selbst ausprobiert. Danach offenbarte sich der Kern der Schwierigkeiten in seinem Leben: Er litt an einer ausgeprägten Legasthenie und war auf eine Schule für Minderbegabte gewesen, und er war wohl minderbegabt auf eine derartige Weise, dass er mit über 18 Jahren noch immer in Betreuung lebte.
Das Gleiche galt für seine Freundin, die er auf der Schule kennen gelernt hatte. Die beiden wollten einen gemeinsamen Haushalt gründen, aber der Betreuer durfte nur dann zustimmen, wenn wenigstens einer der beiden einen Arbeitsvertrag vorweisen konnte. Lennie brauchte den Job, um sich einen Traum zu erfüllen, den Traum vom selbständigen Leben.

Wir kamen natürlich beide spät nach Hause, nach etwa sieben Stunden Schlaf stand ich wieder auf, nahm mein kleines Frühstück ein und ging wieder zur Arbeit. Lennie erschien erneut – er besaß also Motivation genug für eine solche Arbeit.
Da Legastheniker nicht gut im Schreiben und im Ordnen von Informationen sind, hatte ich am Abend zuvor noch Listen für ihn vorbereitet: Alle Postleitzahlen des Tourgebiets, insgesamt etwa ein Dutzend Zahlen, deren letzte drei Stellen sich jeweils unterschieden. Des weiteren die Namen der Orte, in denen Stammkunden lebten, und zum Schluss eine aktuelle Version einer optimalen Tourreihenfolge: „Du musst zuerst die Postleitzahlen auswendig lernen, damit Du weißt, welche Pakete Du vom Band nehmen musst. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, diesen Job überhaupt machen zu können.“

Er steckte die Listen ein, belud nach meiner Anweisung das Auto und wir machten uns erneut auf den Weg. Nach wenigen Minuten auf der Autobahn schlief er ein, und zwar richtig. Lange Arbeitstage und kurze Nächte schienen ihn schon nach einem einmaligen Versuch sehr zu beanspruchen, denn er schlief ab diesem Zeitpunkt über drei Stunden lang tief und fest und wachte nicht einmal auf, wenn ich zum Anhalten beim Kunden bremste und die Türen öffnete und schloss. Irgendwann zwischen 11 und 12 Uhr war er wieder ansprechbar. Die Zeiten, die wir mit Fahren von einem Dorf zum nächsten verbrachten, nutzte er nicht, um meine Listen zu studieren. Meine Hoffnung schwand und zerstob endgültig, als ich ihn am Nachmittag in die Zustellung der Pakete mit einbezog.

Ich habe sicherlich bereits früher schon erwähnt, dass man jedes Paket mehrfach in die Hand nehmen muss: Beim Abräumen, beim Aufstapeln und beim Einordnen, und zuletzt hat man immer wieder Pakete von den selben Versendern. Wenn ich losfuhr, wusste ich zumindest ungefähr, welcher Kunde wieviele Pakete bekam, wie die etwa aussahen, und an welcher Stelle sie im Auto gelagert waren. Das alles konnte man von einem Anfänger nicht erwarten, so viel war mir klar, also rechnete ich mit einer gewissen Verzögerungszeit. Wenn Praktikanten etwas nicht fanden, nahm ich das Paket selber heraus und wies gegebenenfalls auf Auffälligkeiten des Verpackungsdesigns des jeweiligen Versenders hin. Bei Lennie waren die Schwierigkeiten besonders groß und mir wurde deren Tragweite erst im Laufe dieses zweiten Tages bewusst.
Ich sagte zum Beispiel zu ihm: „Wir sind hier bei Dr. Soundso, er bekommt drei kleine Pakete, die Pakete sind grau und auf dem Label steht TIERARZTPRAXIS DR. SOUNDSO.“
Und dann sah ich wiederholt und mit wachsendem Unbehagen, wie lange er einzelne Pakete ansah, bevor er sie weglegte, um das nächste nach der richtigen Aufschrift zu untersuchen, bis ich irgendwann den Grund dafür voll erfasste: Lennie brauchte eine Weile, bis die vielen verwirrenden Buchstaben und Zahlen auf den Labels in seinem Kopf einen zusammenhängenden Sinn ergaben. Er besaß in diesem Gebiet scheinbar das Niveau eines Erstklässers. Der Grund, warum ich nicht früher darauf gekommen war, lag schlicht darin, dass ich Lesen und Schreiben als gegeben betrachte. Ich hatte die Zielgruppe jenes berühmten Werbespots getroffen.

Der Tag wurde wie üblich lang und am kommenden Morgen war ich um halb Fünf wieder in der Halle. Peter fragte mich nach einer vorläufigen Beurteilung Lennies, und so sehr ich den Jungen mochte, gab es doch nichts zu beschönigen: „Er hat gestern auf der Tour über drei Stunden geschlafen, er bewegt sich eher behäbig und hat Probleme damit, die Aufschrift der Labels zu entziffern. Der will den Job wirklich haben, aber ich fürchte, der kann das nicht.“
„Nicht gut… guck’s Dir heut noch mal an, ja?“

Aber so weit kam es nicht mehr, denn ich hatte nur noch eine Sache, an der ich meine abschließende Beurteilung festmachen konnte.

Als Lennie erschien, erzählte er mir, dass er morgen früh endlich den Termin mit seinem Betreuer habe, um ihm den Arbeitsvertrag vorzulegen, damit er mit seiner Freundin zusammenziehen könne. Ich muss ehrlich sagen, dass mich so viel Zuversicht erstaunte, fast so wie Leute, die im April 45 noch das Wort „Endsieg“ gebrauchten. Ich fragte ich ihn, ob er die Postleitzahlen auswendig kenne – er verneinte.
„Kennst Du wenigstens ein paar davon auswendig?“
Auch diese Frage musste er verneinen. Ich muss annehmen, dass er nach seiner Heimkehr gestern mehr oder minder sofort ohnmächtig ins Bett gefallen war. Damit war der Würfel gefallen und ich gab mir Mühe, möglichst sanft zu klingen. Aber was sein musste, musste sein.
„Lennie, was willst Du dann noch hier? Wenn Du keine Postleitzahlen kennst, kannst Du keine Pakete abräumen, und das heißt, dass Du hier nur im Weg stehst. Auf der Tour kannst Du nicht helfen, weil Du die Pakete nicht schnell genug findest. Setz Dich draußen in den Pausenraum, nimm Dir einen Kaffee und mach Pause.
Es gibt für Dich zwei Wege hier raus: Einen harten und einen weniger harten. Der weniger harte Weg raus besteht darin, dass Du Peter ansprichst und ihm sagst, dass der Job zu anspruchsvoll für Dich ist. Dann können wir in aller Freundschaft auseinander gehen und jeder wahrt sein Gesicht. Der harte Weg raus besteht darin, dass Du Peter nach dem Arbeitsvertrag fragst, und der wird Dir sagen, dass er Dir mangels Eignung keinen anbieten kann. Ich sage Peter nicht: Schick den nach Hause, schmeiß den raus. Aber hier bin ich Dein Ausbilder und Dein Prüfer. Peter wird mich fragen, was ich von Deiner Arbeit halte, und dann muss ich ihm sagen, dass Du als erstes drei Stunden tief geschlafen hast und des Weiteren nicht schnell genug arbeiten kannst, um eine volle Tour zu fahren. Es gibt nur diese beiden Wege raus; einen Weg rein gibt es leider nicht. Tut mir Leid.“

Er tat mir wirklich Leid. Immerhin hatte ich ihn in dem Moment wieder zurück in die Abhängigkeit gestoßen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass wir hier jedem eine Chance geben, aber letztendlich sind wir ein Fuhrunternehmen und keine Wohlfahrtseinrichtung.
Lennie folgte meiner Aufforderung, nach draußen zu gehen. Welchen Weg er gewählt hat, kann ich nicht sagen, ich habe ihn natürlich nie wieder gesehen.

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