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Aus dem noch unerforschten Inneren meines Schädels

25. Dezember 2015

Die Fracht am Rhein (Teil 10)

Filed under: Arbeitswelt — 42317 @ 15:29

Ich hatte meinen Umzug also mit dem Vermieter abgemacht und unterrichtete meine Arbeitgeber, denn das hieß, dass ich den Sprinter zum Transport meiner Sachen und gegebenenfalls einen freien Tag brauchte (der jedem Arbeitnehmer für den Fall eines Umzugs aus beruflichen Gründen auch zusteht). Da fingen die erst mal an zu grübeln und zu hadern, bevor sie sich im Laufe des Morgens damit abfanden. Scheinbar war ihnen die Sache mit dem Umzug wohl dann doch zu schnell gegangen.

Übrigens, was einem Arbeitnehmer noch so interessantes zusteht: Es gibt u.a. in Rheinland-Pfalz das so genannte „Landesgesetz über die Freistellung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern für Zwecke der Weiterbildung“. Laut diesem Gesetz stehen jedem Arbeitnehmer in jedem Kalenderjahr fünf Tage Dienstfreistellung zum Zwecke der persönlichen Weiterbildung zu. Ich kann nur empfehlen, sich einmal hineinzulesen, und weise darauf hin, dass das Land dem Arbeitgeber eine Entschädigung für die entgangene Arbeitsleistung zahlt.

Doch zurück zu meinem Arbeitsleben. Der nächste Punkt wäre also „mit Magnus 22.06.“. Peter setzte mich zu Magnus mit ins Auto, einem Vito, damit ich mir das Aufgabenfeld des Gefahrgut- und Frühdienstfahrers ansehen könnte, denn auch das sollte ja Teil meiner neuen Aufgaben sein. Und Frühdienst heißt: Aufbruch gegen sieben Uhr, also über eine Stunde vor den anderen Fahrern.
Das Gefahrgut auf dieser Tour besteht in erster Linie aus radioaktiven Stoffen für Röntgen- und Strahlentherapieabteilungen, und die laufen natürlich nicht übers Band, sondern müssen gesondert aus dem Verschlusslager abgeholt werden. Warum kann eine gewöhnliche Liefertour einen Kanister Schwefelsäure transportieren aber keinen faustgroßen Bleibehälter mit Cäsium? Weil laut ADR-Bestimmungen ein Kanister Schwefelsäure weniger als 1000 Gefahrgutpunkte aufweist und ein nur oberflächlich angewiesener Lieferfahrer somit im Rahmen des geltenden Rechts als Transporteur in Frage kommt, während eine Cäsiumpille locker einige Hunderttausend Punkte auf die Waage bringt.

Die Abholung des Transportguts im Lager ist eine Formalie für sich, wo man nicht nur den Empfang quittiert, man muss auch den Gefahrgutschein vorzeigen und das Dosimeter sichtbar tragen. Das Dosimeter sieht aus wie ein kleiner Plastikorden und reagiert auf radioaktive Strahlung. Verfärbt sich der Testbereich des Dosimeters, weiß der Betrachter, dass die maximal erlaubte Strahlenmenge bald erreicht sein wird und der Fahrer darf nicht in den Einsatz. Die Warnanzeige ist allerdings eine reine Formsache, da das Material, das in Strahlentherapien eingesetzt wird, eine nur geringe Strahlungsreichweite hat, keine 50 cm. Schnallt man die Behälter also ans hintere Ende des Autos, hat man eigentlich nichts zu befürchten. Den Rocker musste ich allerdings erst davon „unterrichten“, dass diese Plastikkarte mit biometrischem Passbild, die ich bei mir trug, eben der neue Gefahrgutschein ist. Ich war Absolvent des ersten Lehrdurchgangs nach den neuen Vorschriften, der die Karten ausgestellt bekam. Vorher waren Papiere im ursprünglichen Sinne des Wortes üblich. Nachdem alles sicher verzurrt war, brachten wir die Warntafeln an und es konnte losgehen.

Dabei muss ich zu allererst beschreiben, dass Magnus‘ Wagen wie neu aussah, um nicht das kolloquiale „wie geleckt“ zu verwenden. Das fing schon mit den Warntafeln an: Die steckten nicht einfach irgendwo, wo sie leicht zu greifen waren, nein, Magnus hatte eine Art großen Ordner dafür besorgt und die einzelnen Schilder, drei an der Zahl, noch durch Zeitungspapier getrennt, damit keinesfalls eins am anderen rieb und es dadurch zu Schäden kommen konnte.
In dem Auto selbst lag kein Krümel, da wurde regelmäßig der Staubsauger eingesetzt, auf dem Boden lagen noch mehr Zeitungsseiten, damit sich kein Straßenschmutz in der Oberfläche festsetzte. So musste man nur schmutziges Papier entfernen und vielleicht noch Krümelchen rauskehren, anstatt, wie ich als Nichtpapieranwender, den Boden mit einer feuchten Bürste zu reinigen, denn: das Wasser sickert ja in Ritzen ein und verbleibt unter der Verkleidung. Eine abscheuliche Vorstellung im Geist des älteren Herrn.
Auch außen konnte man nur staunen, wo sich kein Stäubchen auf der Karosserie befand. Im Falle feuchter Witterung reinigte Magnus den Vito sofort nach Arbeitsende, noch bevor sich der Straßenstaub festbacken konnte.
Ich brachte seine sorgsam gewählte Anordnung im Inneren erst einmal durcheinander, weil ich den Beifahrersitz benötigte, aber scheinbar kam er damit zurecht.

Wir setzten uns auf die A48 und Magnus fuhr mit 160 Sachen in Richtung Wittlich. Es würde ein wunderschöner, angenehm frühsommerlicher Tag mit warmen Temperaturen und blauem Himmel werden. Eigentlich ein perfekter Tag, um eben NICHT zu arbeiten, sondern nur irgendwo sinnierend auf der Wiese zu liegen oder einfach nur das Wetter zu genießen. Leider war uns solche Muße nicht gegönnt.
Erste Lektion in Sachen Ortskenntnis: Wenn man aus Richtung Koblenz kommend zum Krankenhaus „St. Elisabeth“ Wittlich möchte, dann fährt man nicht die Ausfahrt Wittlich raus und dann durch die Stadt, nein, man nimmt die Ausfahrt Hasborn und gelangt über ein paar Serpentinen quasi direkt dorthin. Gut zu wissen.
Weitere Stopps hatten wir in Bitburg, Trier und Saarburg, auf die man nicht weiter eingehen muss, vielleicht von einer kurzen Szene im Brüder-Krankenhaus in Trier abgesehen, wo Magnus zwei Damen, die ebenfalls vor dem Aufzug warteten, mit dem Hinweis auf unsere radioaktive Fracht dazu überredete, vielleicht doch erst den nächsten zu nehmen und nicht direkt mit uns zu fahren.

Man muss ja auch ein bisschen reden und Geschichten von Leuten sind ja das, was mich im Kern interessiert. Magnus war bereits Mitte 70 und hatte schon so einiges gesehen und erlebt. Er war kein abhängig Angestellter, schließlich hatte er das gesetzliche Rentenalter bereits überschritten, sondern arbeitete als selbständiger Subsubunternehmer im Auftrag der JP-Transporte. Natürlich zeigte er bereits körperliche Einschränkungen, auffällig sind zum Beispiel die relativ kurzen, wenn auch schnellen Schritte, mit denen er sich fortbewegt, was für mich nach Hüftproblemen aussieht, aber man muss festhalten, dass ihm ein wacher und immer noch scharfer Verstand gegeben ist. Im Allgemeinen kann man sagen, dass es sich um jemanden handelte, der alle ihm gestellten Aufgaben mit 200 % Genauigkeit erfüllte. Er heftete zum Beispiel alle Tourübergabeblätter fein säuberlich in Aktenordner und es kursierten Witzchen, dass Magnus sicherlich alle Transporte der vergangenen 10 Jahre nachweisen könne. Die Tourübergabeblätter wurden nach Feierabend eigentlich überflüssig und wurden weggeworfen. Magnus sah das scheinbar anders.

Im Einzelnen… fand ich eher das auffälliger, was er nicht sagte, als das, was er erzählte. Oder vielleicht sollte ich sagen: Die Interpretationen, die seine Geschichte zuließ, schienen mir das über ihn auszusagen, was er lieber aussparte.
Scheinbar war er vor, ja, Jahrzehnten einmal Versicherungsagent gewesen, für Gebäude, Hausrat, Kfz, und so weiter. Er schien auch große Stücke auf seine Fähigkeiten zu halten, erzählte er doch schmunzelnd, dass Kunden, die wegen einer Kündigung des Vertrags zu ihm kamen oder anriefen, nach einem intensiven Gespräch nicht nur seine Kunden blieben, sondern sogar noch Verträge über zusätzlichen Versicherungsschutz unterzeichneten. Es handele sich dabei um ein streng provisionsbasiertes Geschäft, führte er aus, und an kleinen Basisverträgen verdiene man nicht eben viel, aber die großen Papiere brächten auf einen Schlag kleine bis mittlere fünfstellige Beträge in die Haushaltskasse. Mit denen müsse man dann wirtschaften, bis einem der nächste Wurf gelang.

Scheinbar waren ihm in den besten Zeiten einige große Würfe gelungen, denn er hatte sich ein großes Grundstück mit einem schönen Haus ausgesucht, mit Wiese und Wäldchen und einem kleinen Gästehaus sogar. Die Wiese zu mähen habe über zwei Stunden gedauert und von dem Ertrag des Gartens hätte man sich wohl zu zweit das ganze Jahr über ernähren können. Klingt ja toll. Aber… die Zeiten blieben nicht rosig. Die Monatsraten wurden irgendwann zu viel und er richtete sich mit seiner Frau etwas kleiner ein. Auch das erwies sich allerdings als zu kostspielig… also noch eine Nummer kleiner. Und als selbst das zu teuer wurde, ja, da kamen die beiden zu dem Mietapartment, wo sie heute leben. Konservativ, aber geschmackvoll eingerichtet, wie er mir anhand von Fotos darlegen konnte. Biedermeier, würde ich sagen.

Was hatte er also nicht gesagt? Nun ja, wie ich aus seinen Gesamtdarstellungen schlussfolgern möchte, hat Magnus einen Hang zum Prestigeobjekt und zur Selbstdarstellung. Er hatte sich in seinem Streben nach Statussymbolen in seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten nach meiner Interpretation völlig überschätzt, was eigentlich ein krasser Unterschied zu seinem Arbeitsverhalten ist, wo er streng auf das sicher Mögliche achtet. In letzter Konsequenz muss ich schlussfolgern, dass er möglicherweise noch Restschulden hat, dass er sich also derart übernommen hat, dass er arbeiten muss, bis er dazu nicht mehr in der Lage ist. Auch dazu kursieren entsprechende Witzchen: „Der fährt, bis er im Auto stirbt.“
Und eigentlich ist das nicht witzig, aber er ist nun mal so ein krasser Fall, in dem Wollen, Können und Müssen zusammenkommt.

Sicherheit schien doch eigentlich generell seine Domäne? Als ich ihn (an einem ganz anderen Tag) auf meine Erkältung hinwies, wich er demonstrativ drei Schritte zurück. Bei einer kurzen Erläuterung der gemeinsamen Haushaltsführung erzählte er, dass er die Duschkabine nach dem Waschen nicht nur grob reinigte, sondern auch trocken rieb, um Schimmel erst gar keine Grundlage zu liefern. Im Krankenhaus wies er mich darauf hin, am besten keine Türklinken anzufassen, da sich im Krankenhaus (im Sinne der Sache) eine hohe Zahl von Menschen mit tendenziell ansteckenden Krankheiten aufhalte. Beim Verlassen von Krankenhäusern und Altenheimen verwende er grundsätzlich die heutzutage aufgestellten Desinfektionsapparate. So weit bin ich dann doch noch nicht, aber ich trage bei der Arbeit Handschuhe, und mit denen reibe ich mir ja auch nicht die Augen und im Mund rumfummeln tu ich damit ja auch nicht. Er hatte wohl eine übersteigerte Angst vor Ansteckungen und Schmutz, denn auch, wenn ich kerngesund war, schüttelte er niemals meine Hand und wir fassten uns stattdessen an den Unterarmen, wie man es in Sandalenfilmen manchmal sieht.

Die Darstellung der gemeinsamen Haushaltsführung war natürlich schon interessant, gehört Magnus doch zu einer Generation, die noch eher zu patriarchalischem Verhalten neigt. Stattdessen beschrieb er eine Beziehung zweier Individualisten, deren Ansichten schon einmal kollidierten, aber wenn man über 50 Jahre verheiratet sei, dann bringe einen so schnell nichts mehr auseinander. Hausarbeiten werden bei ihm gleichmäßig verteilt, aber ich erinnere mich nicht daran, ob er etwas von festen Pflichten gesagt hat, ob also jeder Aufgaben hat, die nur er oder sie ausführt. Gekocht wird scheinbar von der Person, die den besten Menüvorschlag macht, den Abwasch macht der jeweils andere, und während man sich bei den Vorbereitungen helfe, wie zum Beispiel Karotten schälen, Pilze schneiden, Zwiebeln hacken, und so weiter, wolle er beim Kochen selbst allein sein und werfe seine Frau dann aus der Küche.

In Saarburg kam es zu einer kurzen Verzögerung auf dem Weg zum Krankenhaus, als ein Auto vor uns keine klare Fahrtrichtung einschlug. Die Person darin war sich wohl nicht ganz klar, wo sie sich einzuordnen hatte.
„Manchmal wünsche ich mir ’ne Kanone am Auto,“ sagte er, „damit man solche Hindernisse aus dem Weg sprengen kann.“ Dann konnte er zum Überholen ansetzen. „Ach,“ bemerkte er mit einem Seitenblick, „da sitzt ja auch ’ne Frau drin, da kann das ja nichts werden.“
Da war ich erstaunt, negativ überrascht. Hatte ich mich mit all dem bisher Gesagten in dem alten Mann so sehr getäuscht?
Aber er fuhr fort: „Versteh mich nicht falsch, ich bin der Meinung, dass Frauen das Gleiche können wie Männer. Das Problem ist, dass man es ihnen nicht beibringt.“
Das deckt sich dann schon eher mit dem, was ich bei den Soziologen gelesen und gelernt hatte: Jungs und Mädchen werden durch Erziehung, also selektive Fertigkeitszuordnung, in ihre gesellschaftlich hergebrachten Rollen gepresst und damit entsteht das häufig bemängelte Diskriminierungspotential. Ich war beruhigt.

Wir nutzten eine Sitzgelegenheit vor dem Krankenhaus, um eine Pause zu machen, wo wir auch Patienten trafen, die die warme Sonne genießen wollten. Mit einem davon führten wir ein kurzes, freundliches Gespräch und ich fragte ihn, wie es zu dem dicken Verband an seiner rechten Hand gekommen sei. Ein Unfall mit der Säge, erzählte er.
„Heimwerker oder Handwerker?“
„Heimwerker…“
gab er etwas zerknirscht zu.

Bei dieser Fahrt erfuhr ich nebenher, dass die JP-Werkstatt einen neuen Meister angestellt hatte. Was aus dem Russen geworden ist, habe ich weder erfahren noch je erfragt. Ich nenne den Neuen mal „Scotty“ (einfach, weil ich viel später erfuhr, dass seine Schwester in Schottland verheiratet ist). Wie habe ich von dem neuen Mann „nebenher“ erfahren?
Als wir unser letztes Paket mit radioaktiver Fracht abgegeben hatten, entfernten wir anweisungsgemäß die Warntafeln vom Auto, und bei dieser Gelegenheit sagte Magnus, dass er Scotty jedesmal beim Abnehmen der Platten zum Teufel wünsche und zeigte mir auch gleich, wieso: Die Tafeln werden in Halterungen gesteckt, die natürlich nicht serienmäßig ab Werk am Auto zu finden sind, diese Halterungen werden in der Plaidter Werkstatt angenietet. Jetzt hatte Scotty diese Halterungen allerdings unachtsamerweise so angebracht, dass die Kanten der Warntafeln an einer Kante der Karosserie scheuerten und auf diese Art und Weise die Lackierung in Mitleidenschaft zogen. Während ich Scotty mit dem mittlerweile gegebenen zeitlichen Abstand für einen interessanten Menschen und auch kompetenten Handwerker halte (der auch immer gern und auf verständliche Art und Weise Dinge erklärt, warum etwas so und so gemacht werden muss und nicht anders und wie die Dinge am Auto funktionieren und ineinander greifen), muss ich dennoch sagen, dass diese Arbeit keineswegs eine Meisterleistung darstellte. War ihm auch unangenehm.

Es handelte sich um einen ganz und gar angenehmen Tag, und das nicht nur, weil ich quasi nichts gearbeitet hatte. Diese Art von Job würde mir gefallen. Peter kündigte mir an, dass ich demnächst einmal alleine Gefahrgut fahren sollte. Vielleicht sollte sich zumindest diese Hälfte meiner Hoffnungen erfüllen.

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