{"id":973,"date":"2010-02-16T23:19:19","date_gmt":"2010-02-16T22:19:19","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=973"},"modified":"2017-10-22T12:51:32","modified_gmt":"2017-10-22T10:51:32","slug":"ich-kam-ich-sah-und-ging-lieber-wieder-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=973","title":{"rendered":"Ich kam, ich sah, und ging lieber wieder (1\/3)"},"content":{"rendered":"<p>Reden wir also mal \u00fcber den beschissensten Job, den ich je hatte: Sp\u00fclk\u00fcche im Restaurant \u201eDomstein\u201c, am Trierer Hauptmarkt, benannt nach einem Stein, der am Eingang vom Dom rumliegt, wo ich vom 17. Dezember 2008 bis zum 22. Januar 2009 besch\u00e4ftigt war.<\/p>\n<p>Am 12. Dezember 2008 bewarb ich mich f\u00fcr einen Job im Domstein, nachdem ich eine entsprechende Anzeige \u00fcber die Minijobzentrale erhalten hatte. Der Domstein hatte zwei Jobs zu vergeben \u2013 einen als Kellner und einen als Sp\u00fcler, und ich entschied mich f\u00fcr letzteren, weil ich mit dem Kellnern dank meiner grobmotorischen Eigenschaften schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Die bieten einen (f\u00fcr Minijobber) guten Stundenlohn in H\u00f6he von 9 E, und ich dachte, ich k\u00f6nne auf diese Art und Weise der Stadt vielleicht das Wohngeld ersparen, ohne das ich nicht auskomme. Am 17. Dezember sollte mein Probetermin sein, damit ich feststellen konnte, ob der Job \u00fcberhaupt etwas f\u00fcr mich ist, Arbeitsbeginn 0700 in der Fr\u00fch.<\/p>\n<p>Es wiederholte sich zun\u00e4chst das gleiche, was ich vor jedem neuen Job erlebe: Ich konnte die halbe Nacht nicht schlafen, war vor lauter Aufregung um 0530 hellwach, und stand auf, ohne den Wecker bem\u00fchen zu m\u00fcssen. Die kurz zuvor gekauften Energiesparlampen machten sich an jenem Morgen angenehm bemerkbar: Im Wohnzimmer ist ein ganz billiges Modell angebracht, das ein paar Minuten braucht, um auf volle Leuchtkraft zu kommen. Man bemerkt das Einschalten eigentlich nur, wenn es stockdunkel ist, also wie im Winter um halb sechs morgens. Aber das kam mir ganz gelegen, weil es f\u00fcr die Augen angenehmer ist, als ZACK! HELL!<\/p>\n<p>Auf die Wasserdichte meiner Schuhe war und ist Verlass, und ich zog auch nur die Klamotten an, die gerade eine Spur besser als meine zerschlissenen und geflickten Armeehosen waren. Ich packte eine Flasche Wasser und einen Apfel als Mittagessen ein, hoffte aber insgeheim, dass sich dieselben Gelegenheiten ergeben w\u00fcrden wie damals, Ende 2004, im Robert-Schumann-Haus. Wenn da abger\u00e4umt wurde, dann konnte man aus den Serviersch\u00fcsseln noch warme Kalbsmedaillons aus der So\u00dfe fischen, die gerade in meinen Mund passten, irgendwas vom Buffet abgreifen, und nach dem Kaffee am Nachmittag blieb immer das eine oder andere St\u00fcck Kuchen liegen \u2013 was alles niemandem auffiel, weil die jeweiligen Leistungen ja schon bezahlt worden waren, also z.B. \u201eMittagstisch f\u00fcr 10 Personen\u201c oder \u201eKaffee und Kuchen f\u00fcr 20 Personen\u201c, unabh\u00e4ngig davon, wie viel letztendlich konsumiert wurde (allein der Wein wurde nach angebrochenen Flaschen berechnet).<\/p>\n<p>Um viertel nach Sechs sa\u00df ich im Bus Richtung Innenstadt und musste feststellen: Im Bus ist es im Winter um diese Uhrzeit saukalt. Aber beim ersten Mal glaubte ich noch an einen Defekt an der Heizung.<\/p>\n<p>Ich war am Telefon angewiesen worden, vor dem Eingang zu warten, bis die Hausdame (wohl die zivile, weibliche Bezeichnung f\u00fcr den \u201eSpie\u00df\u201c) mir \u00f6ffnen w\u00fcrde. Ich hatte dieses Haus meines Wissens nach nur einmal betreten, als mein japanischer Freund Kenji auf der Suche nach einem guten Wein war, den er als \u201eOmiyage\u201c, Mitbringsel, mit nach Hause nehmen konnte. Der Domstein hat einen hervorragenden Ruf, was Wein betrifft (meines Erachtens berechtigt), allerdings war Kenji durch den Preis etwas abgeschreckt und wir kauften letztendlich woanders.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, ich erkannte das Innere des Gastraums wieder, wurde aber durch T\u00fcren \u201eNur f\u00fcr Mitarbeiter\u201c und \u201ePrivat\u201c die Treppe hoch an der Kochk\u00fcche vorbei in ein Pseudob\u00fcro geleitet, das aus einem Schreibtisch vor der Waschk\u00fcche bestand. Ich f\u00fcllte schnell einen Personalbogen aus, bekam eine blaue Sp\u00fclsch\u00fcrze aus Baumwolle, und erhielt einen Notizzettel, was ich beim n\u00e4chsten mal alles mitzubringen h\u00e4tte, sofern ich bliebe, also Dinge wie einen Immatrikulationsnachweis, meine Lohnsteuerkarte, und meinen Rentenversicherungsausweis.<br \/>\nDann ging es in den Lastenaufzug, ein Stockwerk tiefer, \u00fcber dem Innenhof vorbei, links in die Sp\u00fclk\u00fcche hinein, wo bereits drei Personen anwesend waren:<\/p>\n<p>&#8211; Die Vorarbeiterin, blond, schlank, um die vierzig Jahre alt, deren Namen ich mittlerweile vergessen habe (man nannte sie in der Regel \u201eMutti\u201c),<\/p>\n<p>&#8211; Dennis, lang und d\u00fcnn, wohl Ende Zwanzig, mittellange, dunkelblonde Haare, runde Brille, und<\/p>\n<p>&#8211; \u201eLeo\u201c, eine nicht ganz intelligent anmutende, aber sehr nette junge Frau Anfang Zwanzig mit recht kurzen Haaren, kr\u00e4ftig gebaut, ohne dick zu wirken, ebenfalls bebrillt.<\/p>\n<p>\u201eMutti\u201c wies mir nach kurzer Begr\u00fc\u00dfung gleich ein paar neue Gummihandschuhe zu, auf die ich meine Initialen schrieb, und f\u00fchrte mich in die \u201er\u00f6mische K\u00fcche\u201c (dort werden antik-r\u00f6mische Originalrezepte zubereitet) und erkl\u00e4rte mir knapp, dass und wie der Speiseaufzug gewienert und anschlie\u00dfend der Boden gewischt werden m\u00fcsse. Die Ablagen solle ich sein lassen, weil die K\u00f6che daf\u00fcr selbst zust\u00e4ndig seien. Eine nicht gerade anspruchsvolle Arbeit, die auch in der festgelegten halben Stunde zu machen war.<\/p>\n<p>Innerhalb dieser Zeit hatten die anderen drei das Geschirr vom Abendessen des Vortags zum eigentlichen Sp\u00fclen vorbereitet und die Hauptk\u00fcche geschrubbt, und nachdem ich fertig war, ging es daran, den ersten Berg abzuarbeiten: Gro\u00dfe T\u00f6pfe und Schneidbretter und all das, was die K\u00f6che verwenden, kommt in die Sp\u00fclmaschine zur linken.<\/p>\n<p>Das ganze Kleinzeug wie Teller und Tassen, Besteck, und das Allerlei, das in einem Restaurant f\u00fcr G\u00e4ste und von G\u00e4sten so gebraucht wird, mit gelben Plastikgitterk\u00f6rben, 50 x 50 cm, in die Rollbandsp\u00fclmaschine zur rechten (von der Eingangst\u00fcr aus gesehen).<\/p>\n<p>Nicht vergessen: L\u00fcftung einschalten, sonst f\u00fcllt sich der Raum mit Wasserdampf.<\/p>\n<p>Am Ende des F\u00f6rderbands, wo das fertige Kleingeschirr rauskommt, befindet sich zum einen ein Karren, in den die gro\u00dfen Teller reinsortiert werden, zwei Karren f\u00fcr Salat- und Dessertteller, und ein rollbarer Stahltisch, was mir einen Quadratmeter zum Stehen lie\u00df. Auf dem Stahltisch stehen sechs offene wei\u00dfe Plastikboxen von 30 x 30 x 50 cm, in die die Kleinteile reinsortiert werden m\u00fcssen, je nachdem, wo sie nachher hingeliefert werden m\u00fcssen. Denn der Domstein besteht aus insgesamt drei Gastr\u00e4umen: Da w\u00e4re zum einen der eigentliche \u201eDomstein\u201c, dann noch der \u201eK\u00fcfer\u201c, und der \u201eR\u00f6merkeller\u201c.<br \/>\nZuerst muss man also mal lernen, welches Geschirr zusammengeh\u00f6rt und welches nicht, weil jede \u201eAbteilung\u201c spezielle Gedecke hat, die sich nur in Teilen \u00fcberschneiden. Das gilt f\u00fcr die Reihenfolge der Geschirreingabe und das Aufstapeln davor, wie auch f\u00fcr die Abnahme des gereinigten Materials; dass man Metallwaren anders nachbehandelt, als Keramik (Besteck wird von Hand noch einmal im Sp\u00fclbecken gesp\u00fclt, in Boxen getrennt und mit einem Tuch bedeckt, Metallsch\u00fcsseln f\u00fcr So\u00dfen und Pommes werden kurz mit einem Tuch abgewischt, w\u00e4hrend die Teller von alleine trocknen und die Tassen einfach nur umgedreht und anschlie\u00dfend eingeboxt werden, worauf die K\u00f6rbe \u00fcber eine Rutsche zum Einr\u00e4umer zur\u00fcckbef\u00f6rdert werden), und wie man mit noch schmutzigen Teilen zu verfahren hat, und das alles unter dem Zeitdruck des gnadenlosen Takts der Sp\u00fclmaschine. Wenn man zu langsam arbeitet, staut sich das Geschirr und bet\u00e4tigt einen Notausschalter, die Maschine h\u00e4lt an und man erntet missg\u00fcnstige Blicke von der Vorarbeiterin. Und w\u00e4hrend all dieser Zeit weicht das warme Wasser Haut und Fingern\u00e4gel auf. Der Nagel meines linken Zeigefingers, der \u00fcberstehende Teil, riss irgendwann ein und ab, ohne dass ich etwas davon bemerkt h\u00e4tte, und bei anderer Gelegenheit f\u00fcgte ich mir mit einer Kante eine blutende Wunde am rechten Mittelfinger zu, als h\u00e4tte ich eine Wachsschicht statt Haut am Leib.<\/p>\n<p>Das war dabei noch der einfachere Teil, weil man nach wenigen Wiederholungen (f\u00fcr mich ein Zeitraum von drei oder vier Arbeitstagen) ein Gef\u00fchl daf\u00fcr bekommt, welche Teile wohin kommen. \u00dcbler war das alles bei dem Zeug, das in die Hauptk\u00fcche ger\u00e4umt werden muss. Dazu gibt es gro\u00dfe Rollwagen, von denen in der K\u00fcche drei herumstehen, damit die K\u00f6che schmutziges Geschirr hineintun k\u00f6nnen. Wir holten das regelm\u00e4\u00dfig zum Reinigen ab, und ich habe mir auch nur zweimal die Finger an einem noch hei\u00dfen Kochtopf verbrannt. In dieser K\u00fcche interessierte es scheinbar auch niemanden, ob etwas anbrannte, was den Spachtel am Sp\u00fclbecken erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p>Aus dem Rollwagen kam das Zeug dann gleich in die linke Sp\u00fclmaschine. Nachdem der Reinigungsprozess abgeschlossen war, nahmen wir alles raus, rieben es kurz ab und stellten es nach einem irgendwie in jahrelanger Erfahrung ermittelten, idealen Muster auf den bereits erw\u00e4hnten Stahltisch, ein Regal, ebenfalls aus Edelstahl, links neben der Maschine, und die gro\u00dfen P\u00f6tte auf den Fu\u00dfboden unter dem Regal, um es dann in den Rollwagen zu stellen, grob nach Kategorien geordnet, damit man es schneller zuordnen kann.<br \/>\nZwar merkt man sich auch da schnell, wo die Pommessch\u00fcsseln, die Eispokale, die Salat- und die Dessertteller hinkommen, und dass die gro\u00dfen Teller (die man wohl \u201eTurboteller\u201c nennt) in den Heizschrank unter der Anrichte kommen, allerdings gibt es da, neben der K\u00fcche, auch einen Lagerraum, in dem das Material gelagert wird, das die G\u00e4ste nie zu Gesicht bekommen, und sich da drinnen auszukennen, ist geradezu eine Kunst f\u00fcr sich, weil nat\u00fcrlich jede auch nur leicht abweichend aussehende Pfanne, Sch\u00fcssel, oder Kelle einen eigenen Platz hat, und manche Dinge, die denen im Lager \u00e4hnlich sehen, kommen gar nicht ins Lager, sondern werden ebenfalls direkt in der K\u00fcche gelagert, zum Beispiel Salatanrichtek\u00f6rbe\u2026 oder wie auch immer man den Krempel nennt. Man glaubt kaum, welche Artenvielfalt da herrscht.<\/p>\n<p>Mein erstes Missgeschick passierte zum Beispiel beim Stapeln der Metalleimer (es gibt auch welche aus Plastik), da beschwerte sich doch gleich ein Koch bei \u201eMutti\u201c: Das, was f\u00fcr\u00a0 mich wie ein Stapel gew\u00f6hnlicher 10-Liter Eimer aus Edelstahl aussah, waren in Wirklichkeit zwei verschiedene Eimersorten \u2013 die einen Eimer haben einen Wulst am oberen Rand und die anderen nicht. Das ist der einzige Unterschied, und ich habe keine Ahnung, warum das wichtig ist. Ich hatte aber meistens das Gl\u00fcck, bei Unsicherheit einen der K\u00f6che oder Azubis fragen zu k\u00f6nnen. Abgesehen davon, dass die es nicht mochten, wenn beim Wegr\u00e4umen mal ein Topf zu laut klapperte, waren die eigentlich sehr nett (und nicht \u00fcberheblich, wie die \u201eBlauen\u201c in der Sp\u00fclk\u00fcche das von den \u201eWei\u00dfen\u201c ab und zu behaupteten), und ich muss sagen, dass bei den weiblichen Azubis auch zwei sehr leckere Exemplare dabei waren.<\/p>\n<p>Die K\u00fcche war auch sonst immer sehr interessant. Erstens roch es da drinnen nat\u00fcrlich ganz toll, und zweitens konnte man immer mal wieder einen Blick auf die Zubereitungsweise erlangen. Ich finde Zwiebeln schneiden in weniger als zehn Sekunden immer wieder beeindruckend. Und das gro\u00dfe 80 x 40 cm Becken dort war, wie von mir auf den ersten Blick angenommen, mitnichten f\u00fcr die schnelle Reinigung von Arbeitsger\u00e4t zwischendurch vorgesehen \u2013 das war ein heizbarer So\u00dfenbottich. Da wurde erst kiloweise alles m\u00f6gliche reingeschnippelt und dann mit 50 Litern Wasser aufgegossen und gekocht.<br \/>\nPommes und dergleichen werden \u00fcbrigens tats\u00e4chlich herablassend \u201eF\u00fcllbeilage\u201c genannt und genauso behandelt: Die Dinger haben keinen Wert, es lag st\u00e4ndig zwischen einem Pfund und einem Kilo davon auf dem Fu\u00dfboden rum (bis die Heinis aus der Sp\u00fclk\u00fcche es am n\u00e4chsten Morgen entfernten, wenn es dem Chefkoch in seltenen F\u00e4llen nicht schon vorher zu bunt wurde und er einen Azubi den Besen schwingen lie\u00df).<\/p>\n<p>Gleich auff\u00e4llig ist eine lebensgef\u00e4hrliche Sache: Meine Schuhe sind zwar wasserdicht und sie bewahren den Tr\u00e4ger zumindest angeblich auch vor dem Ausrutschen in \u00d6llachen auf einem Fabrikhallenboden, aber nasse Fliesen sind wie blankes Eis! Meine Fortbewegung war also sehr angestrengt darauf bedacht, keine zu schnellen Richtungswechsel vorzunehmen, und auch diese Anspannung machte sich nach Feierabend in meinen Muskeln bemerkbar. Alle anderen trugen zu diesem Zweck spezielle Latschen, aber ich mag diese halboffenen Dinger nicht und nasse F\u00fc\u00dfe noch weniger. Ich nahm also lieber die Gefahr in Kauf.<\/p>\n<p>Um 0915 gibt es eine erste Pause von 15 Minuten. Die anderen drei nutzten sie dazu, um im Aufenthaltsraum eine zu rauchen, ich nutzte die Gelegenheit, vor der Sp\u00fclk\u00fcche mal durchzuatmen und die k\u00fchle Morgenluft zu genie\u00dfen. Bei dieser Arbeit wird einem warm. Sie ist wegen der geforderten Geschwindigkeit k\u00f6rperlich anstrengend genug, und die von den Sp\u00fclmaschinen ausgehende Hitze tut ihr \u00fcbriges, um trotz hoher Luftfeuchtigkeit eine \u00fcberraschend angenehme Temperatur entstehen zu lassen. Sie erfordert Konzentration, und mit wachsender Erfahrung w\u00fcrde ich auch schneller und sicherer werden, es wird einem weder kalt noch langweilig und die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Klingt an sich wie eine gute Sache.<\/p>\n<p>Um 1230 ist 30 Minuten Mittagspause f\u00fcr die, die keine K\u00f6che sind, die sind erst eine halbe Stunde sp\u00e4ter dran. Bis um 1100 h\u00e4tte ich ein verbilligtes Essen in der K\u00fcche bestellen k\u00f6nnen, aber da ich was dabei hatte, wollte ich darauf verzichten, und zuletzt ist auch ein Essen zum Selbstkostenpreis immer noch teurer als ein oder zwei \u00c4pfel und ein Liter Wasser.<br \/>\nDem Herdentrieb folgend ging ich in den Aufenthaltsraum und bereute es sofort: Ungest\u00f6rt davon, dass da Leute sa\u00dfen und ihr Mittagessen verspeisten, rauchten die anderen munter drauflos. Das waren drei, die a\u00dfen, und sechs oder sieben, die rauchten. Niemand kam auf die Idee, ein Fenster zu \u00f6ffnen oder gar das Rauchen zu unterlassen, bis die Mahlzeiten verspeist waren. Dabei lief der Fernseher, und es h\u00e4tte kein belangloseres Proletenprogramm sein k\u00f6nnen, als eine dieser hirnlosen Talkshows auf einem der Privatsender. Man wusste sofort, in welcher Gesellschaft man sich befindet.<br \/>\nZwischendurch kam die Verwalterin vorbei und fragte mich, was ich von der Arbeit hielte, und ich sagte, dass ich damit klark\u00e4me und gern hier arbeiten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Am Nachmittag um etwa zwei oder halb drei Uhr ist immer eine spezielle Aufgabe zu erledigen, die ebenfalls der Sp\u00fclk\u00fcche obliegt: Die Kontrolle der Toiletten. Um diese Uhrzeit ist die Hauptlast erledigt, zumindest das Mittagessen mit seinem Geschirraufkommen ist weitgehend abgearbeitet. Kontrolle hei\u00dft, dass wir nachsahen, ob gen\u00fcgend Seife und Toilettenpapier an den daf\u00fcr vorgesehen Stellen zu finden war. Ich habe nichts dagegen, als Mann f\u00fcr Toiletten mitverantwortlich zu sein, aber was mir schleierhaft geblieben ist, war die Tatsache, dass zumindest w\u00e4hrend meiner T\u00e4tigkeit ausschlie\u00dflich M\u00e4nner, ich und ein weiterer der Angestellten, diese Aufgabe erledigten, und zwar sowohl in der Herren-, als auch in der Damentoilette. Bis auf ein leicht unangenehmes Gef\u00fchl kam ich auch damit klar, aber ich meldete Bedenken an, ob nicht die weiblichen G\u00e4ste davon peinlich ber\u00fchrt sein k\u00f6nnten, wenn sie aus dem Abteil kommen und direkt davor zwei M\u00e4nner erblicken. Der Einwand wurde als belanglos beiseite geschoben.<\/p>\n<p>Eigentlich, und das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ist der Arbeitstag um 1530 vorbei, das hei\u00dft, die Sp\u00fclk\u00fcche geht nach Hause und die zweite Kochschicht tritt an. Mitte Dezember brummt allerdings das Weihnachtsgesch\u00e4ft, und ich dachte mir rein gar nichts dabei, erst um 1630 Feierabend zu haben. Es sollte noch bis Anfang Januar dauern, bis mir das bekannt wurde. Das erkl\u00e4rt wohl die Sprachlosigkeit des Kochs, der sich \u00fcber mein Topfklappern beim Einr\u00e4umen beschwerte, und dazu sagte, es ginge den K\u00f6chen auf den Keks und wenn das nicht leiser ginge, dann m\u00fcsse es halt um halb Vier gemacht werden, was ich mit einem verst\u00e4ndnislosen <em>\u201eNa und?\u201c<\/em> kommentierte.<\/p>\n<p>Zu Feierabend trug ich meine Arbeitsstunden in eine Liste ein und auch die Hausdame fragte mich, was ich von der Arbeit hielte. Ich sagte ihr, dass sie zwar nervlich anspruchsvoll sei, dass ich mit Stress aber klark\u00e4me. Ich erw\u00e4hnte allerdings die Situation im Pausenraum, und dass ich darin meine Pause nicht verbringen, geschweige denn etwas essen k\u00f6nne, wenn da so viel geraucht werde. Sie bot mir daraufhin an, in der Mittagspause zu ihr an den Schreibtisch zu kommen, da dort wegen der frischen W\u00e4sche in der Waschk\u00fcche nicht geraucht werden d\u00fcrfe. Ich bedankte mich f\u00fcr das Angebot, wusste aber, dass ich nie darauf zur\u00fcckkommen w\u00fcrde, weil es an der Stelle, zwischen Lastenaufzug und W\u00e4scherei, schlicht zu ungem\u00fctlich war. Ich fasste den Plan, w\u00e4hrend der Pause einfach in die Stadt zu gehen und dort eine Kleinigkeit zu essen.<br \/>\nSchlie\u00dflich bekam ich feste Arbeitszeiten, dienstags und freitags. Ein Tag die Woche h\u00e4tte mir gen\u00fcgt, aber die Verwaltung hielt zwei f\u00fcr notwendig. Nun gut, das w\u00fcrde mehr Zeit kosten, aber auch mehr Geld bringen.<br \/>\nAu\u00dferdem sollte ich morgens den Hintereingang benutzen, der vom Domvorplatz in den Innenhof f\u00fchrte, dort sei ein Holztor gleich links, das f\u00fcr uns offen sei, und innen direkt links hinter dem Tor befinde sich der Lastenaufzug. Ich ging also mit einem guten Gef\u00fchl nach Hause. Tellerw\u00e4scher bin ich schon, dann kann die erste Million ja kommen, dachte ich auf dem Nachhauseweg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reden wir also mal \u00fcber den beschissensten Job, den ich je hatte: Sp\u00fclk\u00fcche im Restaurant \u201eDomstein\u201c, am Trierer Hauptmarkt, benannt nach einem Stein, der am Eingang vom Dom rumliegt, wo ich vom 17. Dezember 2008 bis zum 22. Januar 2009 besch\u00e4ftigt war. Am 12. 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