{"id":910,"date":"2009-12-17T23:36:47","date_gmt":"2009-12-17T22:36:47","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=910"},"modified":"2012-12-11T19:13:45","modified_gmt":"2012-12-11T18:13:45","slug":"stuckwerk-ist-unsere-erkenntnis-stuckwerk-unser-tun%e2%80%a6-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=910","title":{"rendered":"St\u00fcckwerk ist unsere Erkenntnis, St\u00fcckwerk unser Tun\u2026 (2\/3)"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem lauten, wenn auch leicht ged\u00e4mpften Aufprall landete der gro\u00dfe Wasserkocher der Station auf dem Fliesenboden in der K\u00fcche des Pflegeheims, und 20 Liter hei\u00dfes Wasser verteilten sich dampfend im Raum. Der Altenpflegehelfer zog eine Augenbraue hoch und l\u00e4chelte s\u00fcffisant, drei Sekunden sp\u00e4ter stand der Altenpfleger in der T\u00fcr. Die betreten dreinblickende Gestalt, die verlegen das zerst\u00f6rte Thermostat begutachtete und aus kniender Position zu ihm aufsah, sagte ihm alles, und selbst wenn er sich nicht sicher gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte ihm der Blick seines n\u00e4chsten Untergebenen den Schuldigen des Vorfalls sofort verraten.<br \/>\n\u201eHerr S.! Passen Sie doch besser auf! Jetzt muss das Wasser neu gekocht werden und das Fr\u00fchst\u00fcck unserer Patienten verz\u00f6gert sich\u2026 hat Ihnen das Geschirr letzten Monat noch nicht gereicht? Jetzt sehen Sie mich bitte nicht so an!\u201c<br \/>\nS. wusste aber nicht, wie er gerade guckte. Der Altenpfleger war wohl der Meinung, er sehe ihn komisch an, weil ihn die Standpauke nervte. Dabei war S. gerade dabei, sich selbst, im Geiste, in den Hintern zu treten, dabei machte man wohl auch so ein Gesicht. Aber nur wenige Leute hatten Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass man mit sich selbst nicht weniger kritisch umging, als mit anderen Leuten. Der Altenpfleger seufzte genervt und verschwand wieder.<br \/>\n\u201eEs ist ja nichts Schlimmes passiert\u2026 der K\u00fcbel ist ersetzbar,\u201c sagte der Altenpflegerhelfer.<br \/>\nJa, das Dumme ist aber: Ich bin es auch. Das sagte S. aber nicht. Er dachte es nur.<br \/>\n\u201eNa komm, ich hol den Ersatz aus\u2019m Lager, hol Du Lappen und Kehrblech\u2026\u201c sagte der Altenpflegerhelfer und l\u00e4chelte weiter, w\u00e4hrend er den Lagerschl\u00fcssel aus der Schublade nahm.<br \/>\nSoll er nur l\u00e4cheln, dachte S., und wusste sehr gut, warum der so l\u00e4chelte. F\u00fcr den Fall, dass er in Ungnade fiel, w\u00fcrde er, S., seinen Job problemlos \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, und seinen eigenen potentiellen Nachfolger einzuweisen war wohl eine Aufgabe, die niemand mochte. Aber selbst, wenn S. den n\u00e4chst h\u00f6heren Job gewollt h\u00e4tte, Festeinstellung hin oder her, sah er in letzter Zeit seine Chancen immer mehr schwinden, eine l\u00e4ngere Anstellung zu erhalten. Die brauchten keine Leute, die Sachen kaputt machten, und der Personalchef machte seine Entscheidung nat\u00fcrlich von der Aussage des Altenpflegers abh\u00e4ngig, von dem S. wusste, dass er ihn nicht leiden konnte. Dass er den Bewohnern mit echter Sympathie entgegentrat, w\u00e4hrend der Altenpfleger und der Altenpflegehelfer die ihnen anvertrauten Leute wie Lagerposten verwalteten, anstatt sie als individuelle Menschen zu betrachten, spielte keine Rolle. Sie machten die von Ihnen erwartete Arbeit richtig. Technisch zumindest. Der Altenpflegehelfer beendete seine Lehrg\u00e4nge sogar f\u00fcr gew\u00f6hnlich als Seminarsbester und w\u00fcrde zweifelsfrei irgendwann in eine leitende Position aufsteigen. Eine Beurteilung der Pers\u00f6nlichkeit war ja in keinem Test vorgesehen.<\/p>\n<p>Am folgenden Morgen wachte er auf und es wurde ihm spei\u00fcbel, wenn er nur daran dachte, in dieses verdammte Haus voller Arschl\u00f6cher zu gehen, um wieder zwischen Kaffeekochen, dem Wechseln gen\u00e4sster Bettw\u00e4sche, und B\u00e4der putzen hin und her zu wechseln. Beim Fr\u00fchst\u00fcck sah er aus dem Fenster. Der ganze Sommer war v\u00f6llig verregnet gewesen, aber auch auf dem Kalender ging der Sommer so langsam zu Ende. Die Bewerbungen, die er geschrieben hatte, waren zum gr\u00f6\u00dften Teil unbeantwortet geblieben, bei den restlichen hatte man ihm immerhin mitgeteilt, dass man ihn abgelehnt hatte. Bis auf eine. Da war er sogar bis zum Vorstellungsgespr\u00e4ch gekommen. Aber der Interviewer hatte kein bisschen Humor, hatte nicht einmal bei der Begr\u00fc\u00dfung gel\u00e4chelt, wie man das als h\u00f6flicher Mensch doch macht, und schien mehr auf unpers\u00f6nliche, roboterhafte Effizienz und formale Dinge bedacht zu sein, als darauf, einen motivierten und eloquenten Mitarbeiter zu bekommen, der auch in der Lage war, gute Laune zu verbreiten. Als S. dann seine Jacke anzog, um die Wohnung zu verlassen, bekam er derma\u00dfen heftige Kopfschmerzen, dass er sofort zum Arzt ging. Wieder wurde er eine Woche krank geschrieben.<\/p>\n<p>Es kam etwa so, wie er erwartet hatte. Bereits Ende August teilte man ihm mit, dass man seinen Vertrag \u00fcber Ende Oktober hinaus nicht verl\u00e4ngern w\u00fcrde. S. f\u00fchlte sich in ein Loch fallen und machte sich verbittert ein Bild von der besch\u00f6nigenden Praxis der Arbeitsvermittlung. Sie geben Dir ein Praktikum, und der Arbeitgeber freut sich, denn die Kosten tr\u00e4gt komplett der Staat. Dann geben sie Dir einen Sechsmonatsvertrag, und der Arbeitgeber hat immer noch eine spottbillige Arbeitskraft, weil er einen Euro pro Stunde und keinerlei Sozialabgaben zahlt, und der Rest kommt immer noch vom Staat. Aber wenn es dann um \u00dcbernahme, um Festanstellung geht, also darum, dass der Arbeitgeber die Bezahlung der Arbeitskraft komplett \u00fcbernehmen soll, dann wird der Vertrag nicht mehr verl\u00e4ngert und die Firma sucht sich lieber einen neuen Idioten, den man innerhalb von f\u00fcnf Arbeitstagen locker in den vakanten Idiotenjob einarbeiten kann. Wen interessiert da die Motivation und die Bef\u00e4higung dessen, \u00fcber dessen Arbeitsplatz da geredet wird? Und dann reden sie gro\u00df daher, dass man die sinkende Zahl der offiziellen Wehrdienstverweigerer ausgleichen m\u00fcsse, und dass eine vollst\u00e4ndige Professionalisierung eine Preisexplosion im Pflegebereich bedeuten w\u00fcrde. Und davon will ja keiner reden, angesichts des steigenden Durchschnittsalters der Bev\u00f6lkerung, das Problem schweigen wir lieber tot und ignorieren die Praktiken der Betriebe. Aber unmoralisches Verhalten ist ja nicht strafbar. Die Pille ist eine \u2013 vielleicht sogar die \u2013 Wurzel des \u00dcbels, dachte er abschweifend. Nein, sie ist nur eine Folgeerscheinung. Bequemlichkeit ist das Haupt\u00fcbel dieser Welt, um Akif Pirinccis Kater zu zitieren. Fr\u00fcher verbrachte man eine Nacht zusammen, und schon war ein Kind unterwegs. Die Leute zwangen sich mit ihrer Geilheit selbst in die Verantwortung. Aber heute reden alle von individueller Freiheit, und wie toll das doch ist, ohne zu sehen, wie man damit die Fundamente der Gesellschaft untergr\u00e4bt. Wer \u00fcbernimmt denn freiwillig Verantwortung? Die wenigsten doch, oder? Da helfen auch finanzielle Anreize vom Staat wenig. Und gegen Leichtsinn schmei\u00dft man mal schnell ne Pille ein \u2013 Party on, Wayne! Ergebnis: Bev\u00f6lkerung r\u00fcckl\u00e4ufig, Sozialsysteme am Arsch. S. f\u00fchlte sich flau im Magen und legte sich den Nachmittag \u00fcber aufs Ohr, bevor er am Abend wieder Jobangebote im Internet aufrief und nach etwas Passendem suchte.<\/p>\n<p>Wiederholte Fehlschl\u00e4ge lie\u00dfen ihn seine Pr\u00e4ferenzen aufweichen und er begann verst\u00e4rkt, sich f\u00fcr alle m\u00f6glichen Jobs im weitesten Bereich seiner Qualifikation und Interessen zu bewerben, aber ebenfalls ohne Erfolg. Die Arbeitsagentur ihrerseits schien dieses Jahr nicht einmal eine andere Art von Hilfsassistentenbilligjob anbieten zu k\u00f6nnen. Vielleicht betrachteten sie mich schon als hoffnungslosen Fall, dachte er bei sich. Zu lange auf der Uni, Leute, die da zu lang bleiben, gelten als faul und verantwortungsscheu, realit\u00e4tsfern, Bewohner eines Wolkenkuckucksheims, wo man mindestens den halben Tag rumh\u00e4ngen und jedes Wochenende auf Partys gehen kann. Dabei war es doch so einfach nicht. Aber das verteidigende Argument, dass ein bedeutender Teil der Studierenden unter stressbedingten Depressionen litt, und er geh\u00f6rte nun mal dazu, konnte er nicht vorbringen. Wenn Sie das bisschen Uni, die paar Jahre, nicht aushalten, wie wollen Sie sich in einem Betrieb halten, wo vierzig Stunden die Woche Leistung gefordert wird, \u00fcber Jahrzehnte, w\u00fcrde man ihn fragen. Was sollte er auch sagen? Der Angestellte XY arbeitet wohl 40 Stunden die Woche, aber wenn er nach Hause kommt, kann er die T\u00fcr hinter sich zumachen und die Arbeit bleibt drau\u00dfen, Feierabend. Der Student steht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in der Verantwortung. Er geht in Seminare und Tutorien und hat dort Leistung zu bringen, und mit einiger Wahrscheinlichkeit muss er mit einem Nebenjob 20 Stunden pro Woche f\u00fcr seinen Lebensunterhalt sorgen. Dann kommt er nach Hause und auf dem Schreibtisch liegt immer noch mehr Arbeit, Nachbereitungen und Vorbereitungen. Aber Personalchefs schienen das nicht zu wissen oder vergessen zu haben, und \u00fcberhaupt waren das keine Menschen, die viel von Diskussionen hielten.<\/p>\n<p>Die vielen Absagen machten ihm zu schaffen, und die vielen Male, die man sein Anschreiben ignoriert hatte, belasteten ihn noch mehr. Nach hunderten von Bewerbungsversuchen sah er sich v\u00f6llig entmutigt, und im Laufe der Wochen ging die Frequenz seiner Bewerbungen immer weiter zur\u00fcck, etwa im gleichen Ma\u00dfe, wie ihm die Ideen ausgingen, f\u00fcr was seine Qualifikation (und sein dehnbares Interesse) noch geeignet sein k\u00f6nnte. Als besonders verletzend empfand er die immer gleiche Stellenanzeige einer Firma, die ihn bereits mehrfach abgelehnt hatte, aber seit einem Jahr alle paar Wochen die gleiche Stelle ausschrieb. Man hatte ihm die Absage zwar immer h\u00f6flich mitgeteilt, aber auch nie ein Wort \u00fcber eine Begr\u00fcndung verloren, ob er denn zu alt, zu unerfahren, \u00fcberqualifiziert oder unterqualifiziert oder was auch immer sei.<\/p>\n<p>Er verbrachte seine Tage zunehmend auf seiner Couch und las Magazine wie GEO oder National Geographic, oder tat \u00e4hnliches im Internet, und wenn das Wetter gut war, ging er auch mal nach drau\u00dfen und machte ein paar Fotos von der Landschaft. Aber im Allgemeinen war sein Leben derzeit ein zielloses Dahind\u00e4mmern von einem Tag zum anderen. Er ging Abends ins Bett mit dem Bewusstsein, einen weiteren Tag seines Lebens verschwendet zu haben, und jeden Abend sagte er sich, dass er morgen wieder etwas Sinnvolles tun w\u00fcrde, also Webseiten mit Jobangeboten aufsuchen und Bewerbungen schreiben zum Beispiel, oder in die Stadt gehen und in Gesch\u00e4ften zu fragen, ob man vielleicht eine Aushilfe brauche. Aber dann stand er morgens auf, f\u00fchlte sich zu nichts motiviert, setzte sich an seinen Computer, las neue E-Mails, ging dann zu den Seiten von Spiegel und ZEIT \u00fcber, las Kurzmeldungen der DPA, schaute in Blogs hinein, die er wegen ihres interessanten Inhalts gespeichert hatte.<br \/>\nEs funktionierte aber nicht. Er war zu intelligent, um sich auf diese Art und Weise selbst zu bel\u00fcgen. Gut, er wusste nicht, inwiefern seine Umwelt davon Notiz nahm, aber er war in der Lage, vor sich selbst zu analysieren, warum er den Tag \u00fcber die Dinge tat, die er tat. Es h\u00e4tte sein Gewissen zu sehr belastet, sich Filme anzusehen oder Spiele zu spielen. Stattdessen las er Artikel und Zeitschriften, die einen guten Ruf bei der Mehrung von Allgemeinwissen hatten. Seht, ich verschwende meine Zeit nicht, rief er damit nach au\u00dfen, ich erweitere meinen Horizont, ich st\u00fcrze mich nicht v\u00f6llig sinnfrei in die WoW, w\u00e4hrend ihm im Innern v\u00f6llig klar war, dass es sich um nichts anderes als Zeitverschwendung und Lethargie handelte. \u00dcber einen Vergleich musste er selber lachen: W\u00fcrde er ein Nintendo DS besitzen, w\u00fcrde er zweifellos \u00fcber weite Teile des Tages damit besch\u00e4ftigt sein, \u201eDr. Kawashimas Gehirntraining\u201c zu spielen, die aktuell wahrscheinlich fortschrittlichste Form der Ausrede zum Spielen. Unterbrochen wurde seine t\u00e4gliche Routine nur von seiner Gewohnheit, in einem stadtbekannten Chor zu singen, abgesehen von der Zeit, die er mit seiner Freundin verbrachte und den seltenen Besuchen des Brettspielclubs.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Monate sp\u00fcrte er den Drang, sich kreativ schreibend zu bet\u00e4tigen und dachte dabei an ein parodistisches Konzept. Er w\u00fcrde diese Stadt, in der er so lange studiert hatte, ihre Bewohner, und Menschen, die ihm in seiner Umgebung aufgefallen waren, ein wenig auf die Schippe nehmen. Die Stadt sollte dabei ungenannt bleiben, aber Insider w\u00fcrden sie nat\u00fcrlich dennoch erkennen, und auch das sollte Teil des Konzepts sein. Aber ihm widerstrebte die altbackene Idee, ein Printmedium zu verwenden, das hei\u00dft, den Text in die Tastatur zu h\u00e4mmern, ihn auszudrucken und anschlie\u00dfend in der Schublade vor Staub zu bewahren, also bat er einen in entsprechender Position arbeitenden Freund, ihm ein Blog einzurichten. Er w\u00fcrde dann die Geschichte dort St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck ver\u00f6ffentlichen, und dem Leser die M\u00f6glichkeit anbieten, aus zwei Alternativen eine Art von Fortsetzung zu w\u00e4hlen.<br \/>\nEr dachte \u00fcber einen intelligenten und enigmatischen Titel nach. F\u00fcr irgendetwas musste er ja schlie\u00dflich Philosophie studiert haben. Er entschied sich zun\u00e4chst f\u00fcr <em>\u201etot\u201c<\/em>. Aber bald schien ihm das unpassend und er \u00e4nderte den Titel in <em>\u201eWarum Schafe\u201c<\/em>. Das war immer noch enigmatisch, und vor allem weniger d\u00fcster als <em>\u201etot\u201c<\/em>. Die wenigsten h\u00e4tten wohl den grafischen Anspruch des Titels wahrgenommen, denn es ging ja eigentlich nicht um etwas totes. Eigentlich war gedacht, dass der Schriftzug <em>\u201etot\u201c<\/em> durch eine leichte Neigung der Schrift nach <em>\u201eX0X\u201c<\/em> aussehen sollte, aber die Technik wollte es anders, also \u00e4nderte er es.<\/p>\n<p>Leider war das Ergebnis eher mager, soweit es seine Umfrage nach der Fortsetzung betraf. Er hatte einen Termin f\u00fcr die Fortsetzung nach dem ersten Abschnitt gesetzt, aber zur gegebenen Zeit hatten nur zwei Leser aus seinem Freundeskreis ihre W\u00fcnsche ge\u00e4u\u00dfert, gegenl\u00e4ufige allerdings, und er wollte noch warten, ob nicht noch jemand die Waagschale in eine der angebotenen Richtungen neigen w\u00fcrde. Aber es geschah f\u00fcnf Monate lang nichts, also entschied er sich f\u00fcr eine der Optionen und verfasste \u201eFolge 2\u201c. Er war allerdings nun v\u00f6llig desillusioniert, was das Interesse der Au\u00dfenwelt an seinem Schrifttum betraf (wie war er blo\u00df auf die Idee gekommen, dass sein neues und v\u00f6llig unbekanntes Blog von Anfang an, ohne popul\u00e4re Inhalte, wenigstens einige Dutzend Besucher pro Woche anziehen w\u00fcrde?), verzichtete daher auf die urspr\u00fcngliche Idee der Interaktivit\u00e4t und belie\u00df es bei einer Fortsetzung von wenigen, vielleicht f\u00fcnf, Zeilen, die ihm jeweils passend erschienen. Im folgenden Monat ver\u00f6ffentlichte er \u201eFolge 3\u201c, und zwei Tage darauf \u201eFolge 4\u201c.<\/p>\n<p>Nicht jeder in seinem Umfeld teilte seine Ansichten. Und das waren weniger die Leute im Chor und in der Spielrunde, denen er von seinen Problemen nichts erz\u00e4hlte, zumindest nicht genug, um mehr als Vermutungen zuzulassen jedenfalls, und spielen war er in den letzten Monaten \u00fcberhaupt nur noch sehr sporadisch gegangen. Der Hauptbetroffene seiner Melancholie war seine Freundin, die immer wieder den Versuch gemacht hatte, ihn zu ermuntern und zu motivieren, aber mehr als brummig zustimmende und verlegene Kommentare \u2013 Worte \u2013 waren nicht die Folge gewesen. Mittlerweile befand sie sich selbst in den Vorbereitungen zum Abschluss ihres Studiums und hatte neben ihrem Aushilfsjob jetzt zus\u00e4tzlich Literaturrecherchen, Sprechstundentermine, und Kolloquiumssitzungen, mit denen sie sich herumschlagen musste. S. sp\u00fcrte, dass sie sich etwas moralischen R\u00fcckhalt in dieser stressigen Phase erhoffte, aber er war von einem Gef\u00fchl der Nutzlosigkeit und Wertlosigkeit erf\u00fcllt, das ihm sagte, dass er nicht auch noch ihren Stress zu schultern in der Lage war, und so pendelte er unter dem Kopfsch\u00fctteln seiner Freundin weiter zwischen Schreibtisch und Sofa hin und her. Hoffnung war ihm zu einem Fremdwort geworden.<\/p>\n<p>An einem k\u00fchlen Herbstwochenende kam sie wieder zu ihm und klingelte an der T\u00fcr. Er begr\u00fc\u00dfte sie gut gelaunt, ein kurzer Kuss zur Begr\u00fc\u00dfung, dann lie\u00df er sich wieder auf der Couch nieder, w\u00e4hrend sie Jacke und Schuhe auszog, und fragte, wie es ihr denn so ginge. Sie starrte auf ihn hinunter.<br \/>\n\u201eDas m\u00fcsste ich eigentlich Dich fragen.\u201c<br \/>\n\u201eWieso denn dieses?\u201c<br \/>\n\u201eHast Du Dich in der letzten Zeit mal irgendwo beworben?\u201c<br \/>\nEr sp\u00fcrte den Stich in seinem Inneren.<br \/>\n\u201eIch war doch letztlich in der Stadt, um nach Aushilfsjobs zu suchen\u2026\u201c<br \/>\n\u201eDas war vor zwei Monaten!\u201c Sie seufzte resignierend, konnte aber ihren Unmut nicht verbergen. \u201eErwartest Du, dass Dir ein Job zufliegt? Dass der Headhunter an der T\u00fcr klopft und sagt: Wir wollen Sie!? In welcher Welt lebst Du eigentlich?\u201c<br \/>\nS. f\u00fchlte, dass er angegriffen wurde, und zwar an seinem verwundbarsten Punkt. Aber er wusste auch, dass ein Gegenangriff sinnfrei war. Sie hatte Recht. Ein Konter h\u00e4tte nur seinen kindischen Trotz offenbart. Er setzte sich auf und starrte konzentriert auf den grauen Bodenbelag, auf dem noch ein paar Kr\u00fcmel seiner Pizza von gestern Abend herumlagen. Er w\u00fcrde es nicht schaffen, ihr in diesem Moment in die Augen zu sehen, daf\u00fcr plagte ihn sein schlechtes Gewissen zu sehr.<br \/>\n\u201eIch habe es doch versucht\u2026 immer wieder und wieder\u2026 keiner will mich haben\u2026 das ist doch alles v\u00f6llig sinnlos\u2026\u201c sagte er leise, was er dachte.<br \/>\n\u201eUnd auf der Couch sitzen, im Netz surfen und philosophische Ansichten \u00fcber Schafe zu schreiben, die keiner liest, ist sinnvoller?\u201c Er sp\u00fcrte den zweiten Stich, und er tat noch mehr weh, als der erste. Seine Geschichte bedeutete ihm viel. Nicht, weil er sich einen gro\u00dfen Erfolg davon erhoffte, sondern weil sie ihm als die letzte Art von Arbeit erschien, f\u00fcr die er sich selbst geeignet erschien. Jenseits dieses Strohhalms lag der Abgrund, eine schwarze Tiefe, von der er nicht wusste, ob er jemals wieder den Weg heraus finden w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eWas soll ich denn machen?\u201c fragte er.<br \/>\n\u201eDu k\u00f6nntest aufh\u00f6ren, Dich selbst zu bemitleiden! Aber ich k\u00f6nnte ja ebenso gut mit der Wand reden\u2026 seit fast einem Jahr sage ich Dir immer wieder, was Du machen kannst, um aus der Krise raus zu kommen, aber Du kannst Dich ja zu nichts aufraffen!\u201c S. sa\u00df da wie ein H\u00e4ufchen Elend, und wenn er nicht so sehr auf den Boden gestarrt h\u00e4tte, w\u00e4ren ihm die Tr\u00e4nen aufgefallen, die ihr in den Augen standen.<br \/>\n\u201eIch\u2026 ich kann nicht mehr! Es geht so nicht weiter\u2026 ich hab doch selbst grad genug um die Ohren\u2026 was soll ich mit jemandem, der sich v\u00f6llig aufgegeben hat? Ich hab nicht die Nerven f\u00fcr so was\u2026\u201c Sie schl\u00fcpfte hastig wieder in ihre Schuhe, nahm die Jacke vom Haken und verschwand durch die Eingangst\u00fcr. S. sa\u00df unver\u00e4ndert auf der Couch, starrte auf den Fu\u00dfboden und erkannte, dass er vor lauter Klammern an seinen Strohhalm das Seil \u00fcbersehen hatte, das die ganze Zeit \u00fcber griffbereit an seiner Seite gewesen war. Au\u00dferdem rettete ihn der Strohhalm gar nicht vor dem Abgrund. Er lag l\u00e4ngst drin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem lauten, wenn auch leicht ged\u00e4mpften Aufprall landete der gro\u00dfe Wasserkocher der Station auf dem Fliesenboden in der K\u00fcche des Pflegeheims, und 20 Liter hei\u00dfes Wasser verteilten sich dampfend im Raum. Der Altenpflegehelfer zog eine Augenbraue hoch und l\u00e4chelte s\u00fcffisant, drei Sekunden sp\u00e4ter stand der Altenpfleger in der T\u00fcr. 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