{"id":903,"date":"2009-12-16T17:52:21","date_gmt":"2009-12-16T16:52:21","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=903"},"modified":"2012-12-11T19:15:21","modified_gmt":"2012-12-11T18:15:21","slug":"stuckwerk-ist-unsere-erkenntnis-stuckwerk-unser-tun%e2%80%a6-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=903","title":{"rendered":"St\u00fcckwerk ist unsere Erkenntnis, St\u00fcckwerk unser Tun\u2026 (1\/3)"},"content":{"rendered":"<p>Er war auf dem Weg, und er sah nicht zur\u00fcck. Es w\u00e4re auch sinnlos gewesen. Der Wind strich beschleunigt \u00fcber sein Gesicht und an seinem K\u00f6rper entlang und er sah die untergehende Sonne aufsteigen, immer h\u00f6her, aber er f\u00fchlte Frieden in sich, mit sich und der Welt, ein Gef\u00fchl, das er schon lange nicht mehr gesp\u00fcrt hatte. Sein Vater kam ihm in den Sinn, die Opfer, die er ihm abverlangt hatte, und seine Mutter, deren Schmerzen bei seiner Geburt er gerade entehrte. Und pl\u00f6tzlich Dunkelheit.<\/p>\n<p>\u201eHerr S.! Wie sch\u00f6n, Sie mal wieder hier bei mir zu sehen,\u201c sagte der Professor. \u201eSie wollen also tats\u00e4chlich ihre Magisterarbeit schreiben? Kann ich gut verstehen, die goldenen Tage sind ja vorbei\u2026 und die anstehenden Geb\u00fchren sind nicht jedermanns Gefallen. Ihrer Mitteilung habe ich entnommen, ihnen schwebt eine Abhandlung \u00fcber\u2026\u201c er warf einen Blick auf seinen Bildschirm, \u201eah: <em>Betriebsklima, Mitarbeitermotivation und pr\u00e4ventive Bek\u00e4mpfung von Mobbing<\/em> vor?\u201c<br \/>\n\u201eJa, allerdings bin ich mir bei der Mitarbeitermotivation noch nicht ganz sicher. Die Quellensituation ist nicht so, wie ich das gerne h\u00e4tte. Es gibt eine Menge Ratgeber, aber die wenigsten bauen auf betriebspsychologischen Forschungen auf, eher auf gesundem Menschenverstand, und ich m\u00f6chte in Richtung einer Firmenphilosophie gehen, die den Mitarbeiter auch bewegt, anstatt dass er sie nur als tote Tinte auf der Visitenkarte mit sich herumtr\u00e4gt\u2026\u201c<br \/>\n\u201eInteressant, ja, warum nicht. Setzen Sie sich dran und zeigen Sie mir regelm\u00e4\u00dfig ihre Zwischenergebnisse, dann besprechen wir die gemeinsam. Das kriegen wir schon hin. Mit Ihrer Erfahrung m\u00fcsste das doch ganz flott gehen\u2026 immerhin sind Sie schon ein gutes St\u00fcck l\u00e4nger in der Abteilung als ich.\u201c Der Professor lachte \u00fcber seine durchaus nicht b\u00f6se gemeinte Bemerkung; S. biss sich auf die Unterlippe und sein Blick sank auf die Tischplatte. Pressholz mit wei\u00dfem Plastik\u00fcberzug. Er sah auf und l\u00e4chelte.<br \/>\n\u201eJa, dann packen wir\u2019s an, nicht wahr\u2026\u201c<\/p>\n<p>Er verlie\u00df das Geb\u00e4ude und stapfte in Gedanken versunken nach Hause. Es regnete eiskalt vom Himmel und der Blick auf das Datum sagte, dass es nicht mehr allzu viele Wochen bis Weihnachten waren.<\/p>\n<p>S. feierte seinen Abschluss. Das hatte er auch verdient. Seine Endnote lag bei Eins-Komma-viel, aber immerhin noch unter Zwei. Ein guter Abschluss. Damit sollte doch was anzufangen sein. Ein Freund, der am anderen Tischende sa\u00df, f\u00fcllte sein Glas erneut mit Sekt und prostete ihm fr\u00f6hlich zu. S. erwiderte die Geste l\u00e4chelnd und trank sein Glas aus.<br \/>\nDie kleine Party hielt sich noch bis halb Eins, dann ging die letzte der acht G\u00e4ste nach Hause. Er hatte sie im vergangenen Herbst kennen gelernt, als sie Neumitglied seines Brettspielclubs geworden war. Sie war etwa 20 Jahre j\u00fcnger als er, aber wen wunderte das in der gegebenen Situation. Sie war keine Sch\u00f6nheit, und die komische rotger\u00e4nderte Brille, die auf ihrer Nase sa\u00df, trug nicht eben positiv zu ihrem \u00c4u\u00dferen bei. Aber sie hatte Humor, war nett und intelligent, und wenn schon nicht sch\u00f6n, dann aber doch h\u00fcbsch. Zumindest in seinen Augen, die immer ein kleinwenig zu ihren aufschauen mussten, wenn sie sich gegen\u00fcberstanden, und allein das z\u00e4hlte. Sie beugte sich zu ihm, gab ihm einen Schmatz und zwickte ihn frech, aber liebevoll, in seinen Bauch, den einen \u201eAnsatz\u201c zu nennen bereits eine h\u00f6fliche Untertreibung gewesen w\u00e4re.<br \/>\n\u201eIch seh\u2019 Dich dann am Montag Abend, B\u00e4rchen. Bis dann!\u201c<br \/>\nDas Wochenende \u00fcber w\u00fcrde er ausschlafen und am Montag wollte er zur Arbeitsvermittlung gehen. In dem Stress der vergangenen Monate waren Bewerbungsabsichten v\u00f6llig untergegangen. Au\u00dferdem, sagte er sich, habe er ja nicht sicher sein k\u00f6nnen, ob er die m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungen auch schaffen w\u00fcrde, und wie w\u00fcrde er denn da stehen, wenn man ihm einen Job anb\u00f6te und er m\u00fcsste dann sagen, dass er wegen einer nicht geschafften Pr\u00fcfung die verlangte Qualifikation nun doch nicht, wie in der Bewerbung angegeben, erf\u00fcllte. Nein, alles zu seiner Zeit.<br \/>\nEr \u00f6ffnete das Fenster, um die verbrauchte Luft im Raum durch frische zu ersetzen. Der sommerliche Geruch gem\u00e4hter Wiesen stieg ihm in die Nase. Nach all dem Stress, der Ungewissheit und der Melancholie der letzten Monate kam es ihm heute zum ersten Mal seit Jahren wieder so vor, als k\u00f6nne man mit der Welt vielleicht doch etwas anfangen.<\/p>\n<p>Der Wind rauschte in B\u00fcschen und B\u00e4umen, warf Werbeaufsteller vor Gesch\u00e4ften um, und trieb ihm eiskalte Regentropfen ins Gesicht, w\u00e4hrend er, zum wievielten Male wusste er schon nicht mehr, von der Bushaltestelle aus zu dem rotbraunen Ziegelgeb\u00e4ude mit dem gro\u00dfen \u201eA\u201c darauf hin\u00fcberging. Danach sa\u00df er missmutig eine Weile im Warteraum, und w\u00e4hrend er darauf wartete, aufgerufen zu werden, lie\u00df er seinen Blick \u00fcber die Umgebung gleiten. Das Innere des Baus war schon direkt gediegen, post-modern vielleicht, zu nennen, gemessen an anderen B\u00fcrobauten solcher staatlicher Betriebe. Ziegelrote W\u00e4nde, eine gro\u00dfe Innenhalle mit Empfangsschalter, Treppen aus sauberem Stahlbeton. Kein Vergleich zu der st\u00e4dtischen Wohngeldstelle in der Innenstadt, die den Eindruck machte, als sei sie in den F\u00fcnfzigern gebaut und seitdem nicht mehr renoviert worden. Nur die dort angebrachte automatische Fl\u00fcgelt\u00fcr wirkte modern und damit seltsam anachronistisch. Aber wegen ihres fraglichen Geb\u00e4udezustandes wirkte die Wohngeldstelle nicht wie ein Kontrast zu der dort wartenden Bittstellerschaft, so wie das hier der Fall war. Ein schick eingerichtetes Geb\u00e4ude voller m\u00fcder Gesichter, denen man Stress, Hoffnungslosigkeit, Frust, Depression und oft genug auch \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Alkoholgenuss nur allzu gut ansah.<\/p>\n<p>\u201eHerr S., guten Tag. Wie geht es Ihnen?\u201c fragte der Angestellte h\u00f6flich, ein Herr Mitte F\u00fcnfzig mit sich ausbreitender Glatze und Schnauzbart, eine Goldrandbrille auf der Nase.<br \/>\n\u201eJa, es geht\u2026\u201c sagte S. ausweichend und betrachtete die Frage als reine H\u00f6flichkeitsfloskel.<br \/>\n\u201eWir haben ein Arbeitsangebot f\u00fcr Sie, das Ihrer Leistungsf\u00e4higkeit entspricht\u2026\u201c<br \/>\n\u201eJa? Um was geht es denn?\u201c<br \/>\nDer Angestellte schob ein paar Seiten Papier her\u00fcber, eine Jobbeschreibung und der dazu geh\u00f6rige Vertrag. S. las die ersten Zeilen, wurde dann immer langsamer und sorgf\u00e4ltiger und traute seinen Augen immer weniger, nach dem, was er gerade \u00fcber den Job gesagt bekommen hatte.<br \/>\n\u201eAltenpflegerhelferassistent? So einen Beruf gibt es? Und was hat das mit meiner Qualifikation zu tun? Ich habe einen Abschluss in Betriebswirtschaft und Philosophie!\u201c<br \/>\n\u201eNein, so d\u00fcrfen Sie das nicht verstehen. Wir erwarten von Ihnen nicht, dass Sie bis zum Antritt Ihres Rentenalters diese Arbeit machen. Aber wenn Sie hier unterschreiben, dann haben Sie den Job auch, dann haben Sie schon mal f\u00fcr sechs Monate was. Sie k\u00f6nnen finanziell auf eigenen Beinen stehen, und aus dieser finanziellen Sicherheit heraus k\u00f6nnen Sie sich nat\u00fcrlich f\u00fcr Stellen bewerben, die Ihnen mehr zusagen.\u201c<br \/>\n\u201eFinanzielle Sicherheit? Das ist ein Ein-Euro-Job! Wie kann man da von Sicherheit reden? Ich werde kaum mehr Geld haben als jetzt!\u201c<br \/>\n\u201eEs geht ja nicht nur ums Geld. Es geht auch darum, sich wieder an einen regelm\u00e4\u00dfigen Rhythmus zu gew\u00f6hnen, also morgens um Sieben aufstehen, um Acht auf der Arbeit sein, und so weiter. Das nur als Beispiel. Wenn Sie guten Willen und Lernbereitschaft zeigen, wird man Ihren Vertrag sicherlich verl\u00e4ngern, falls Sie in sechs Monaten nichts besseres gefunden haben. Au\u00dferdem haben Sie damit eine neue Qualifikation und auch soziales Engagement im Lebenslauf stehen, das ist doch was wert.\u201c<br \/>\n\u201eAltenpflegerhelferassistent\u2026 das hei\u00dft, ich stehe in der Rangfolge unterhalb von dem, der dem Altenpfleger den Kaffee kocht und seinen Rollwagen vorbereitet. Ich werde also Besorgungen machen, den Boden wischen und den Hof fegen, Autos waschen und Teekannen nachf\u00fcllen\u2026 was sagten Sie eben \u00fcber eine neue Qualifikation?\u201c<br \/>\nDer Mann mit der Goldrandbrille \u00fcberging diesen Sarkasmus.<br \/>\n\u201eWenn Sie das Stellenangebot ablehnen, mache ich Sie darauf aufmerksam, dass wir nach Pr\u00fcfung der Umst\u00e4nde dazu berechtigt sind, Ihre Bez\u00fcge zu k\u00fcrzen\u2026\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich sehe ja ein, dass es besser ist, als nichts\u2026\u201c<br \/>\nEr gab die notwendigen pers\u00f6nlichen Daten an und setzte seine Unterschrift unter den Vertrag.<\/p>\n<p>Ein L\u00e4mpchen blinkte im morgendlichen Bereitschaftszimmer. Ein Bewohner hatte den Notfallknopf gedr\u00fcckt\u2026 Herr Z. aus Zimmer 209. Er hatte sich vor einer halben Stunde wegen Verdauungsbeschwerden gemeldet, nachdem ihm seine wohlmeinende Tochter am Tag zuvor einen kleinen Strau\u00df Bananen mitgebracht hatte. Der Altenpflegerhelfer hatte ihm nach Angabe des Arztes daraufhin ein Mittel auf den Nachttisch gestellt. Der Altenpfleger lief los, kam in der 209 an und besah sich, was geschehen war. Dann rief er nach dem Altenpflegerhelfer. Der besah sich ebenfalls, was geschehen war. Mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Herrn Z., der, um seine Scham zu verbergen, m\u00fcrrisch auf seinem Bett sa\u00df. Aber keiner der Anwesenden verwechselte seine Gesichtsfarbe mit Zornesr\u00f6te.<br \/>\n\u201eHerr Z., ich habe Sie doch gebeten, das Mittel erst einzunehmen, nachdem Sie auf der Toilette sitzen. Ich sagte doch, dass es schnell wirkt!\u201c<br \/>\n\u201eAch was! Man hat mir zwar vor zehn Jahren einen halben Meter entfernt, aber mein Darm ist doch immer noch zig Meter lang! Wie sollte ich wissen, dass ich kaum mehr Zeit haben w\u00fcrde, mein Handtuch aus\u2019m Schrank zu nehmen!? Ich dachte gerade, mir explodiert ne Handgranate im Arsch! Zum Gl\u00fcck hatte ich wenigstens die Hosen schon unten!\u201c<br \/>\n\u201eIch werde mit dem Doktor reden,\u201c sagte der Altenpfleger und verschwand.<br \/>\nDer Altenpflegerhelfer hob in einer Ohnmachtsgeste die H\u00e4nde.<br \/>\n\u201eNa gut, dann sehen wir mal zu, dass wir ihre Nasszelle wieder sauber kriegen\u2026\u201c Er ging in die K\u00fcche und traf dort S. an. \u201e\u00c4hm\u2026 kannst Du mal grade in der 209 sauber machen, bitte?\u201c<br \/>\n\u201eWas ist denn los?\u201c<br \/>\n\u201eAm besten schaust Du\u2019s Dir selbst an. Nimm Desinfektionsreiniger mit.\u201c<br \/>\nS. konnte riechen, was ihn erwartete, bevor er es sah. Wenn es nur der Geruch allein gewesen w\u00e4re, was ihm den Magen umdrehte, w\u00e4re es nur halb so schlimm gewesen\u2026 aber die optische Pr\u00e4sentation seiner Aufgabe war\u2026 belastend. Er sah zu Z. hin\u00fcber, der immer noch mit b\u00f6sem Blick auf seinem Bett sa\u00df.<br \/>\n\u201eMachen Se hinne! Ich will duschen,\u201c sagte der.<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich, dauert nur einen Moment, Herr Z.,\u201c sagte S. geduldig und nahm den Duschkopf.<br \/>\nW\u00e4hrend er sp\u00fclte und schrubbte fragte er sich, warum alte Leute oft Macken hatten, die mit ihren Ausscheidungen zusammenhingen. In der 225 wohnte einer, der sein Papier nicht faltete, sondern zu einem B\u00e4llchen zerkn\u00fcllte. Was er mit dreien solcher B\u00e4llchen nicht weg kriegte, entfernte er mit den Fingern seiner linken Hand, und wenn ihm danach war, schnippte er diese Reste an die Wand gegen\u00fcber. Immerhin entschuldigte er sich nachher bei S., er mache das nicht bewusst und merke das erst, wenn es zu sp\u00e4t sei. Er entferne den Schmutz oft auch selbst, wenn es ihm bewusst werde, bevor es jemand anders sah, und S. war geneigt, ihm zu glauben. Und als n\u00e4chstes kam ihm seine Diplomarbeit in den Sinn. Jeder Tag, den er l\u00e4nger diese Arbeit machte, machte ihm mehr und mehr klar, dass er einen hoffnungslos idealistischen Unsinn geschrieben hatte. Es gelang ihm immer weniger, die von ihm selbst vorgetragenen Prinzipien in die Realit\u00e4t umzusetzen.<\/p>\n<p>Nach diesem Vorfall reichte er einen einw\u00f6chigen Krankenschein ein. Er brachte die Motivation zum Aufstehen am Morgen kaum auf.<\/p>\n<p>Um die Osterzeit spendierte S. seiner Spielrunde zwei Flaschen Wein des bisch\u00f6flichen Weinguts, und feierte auf diese Art und Weise den Umstand, dass man ihm einen weiteren Sechsmonatsvertrag angeboten hatte. Anderweitige Bewerbungen waren bislang zwar negativ beschieden worden, aber mit einem weiteren halben Jahr im R\u00fccken w\u00fcrde das bestimmt irgendwie klappen. Die Arbeitsmarktlage war doch im Sommer immer g\u00fcnstiger als im Winter, oder? Sogar eine neue Kamera hatte er sich gekauft, eine digitale Spiegelreflexkamera von Canon. Bei einem Besuch bei seinen Eltern hatte er davon gesprochen, und die hatten ihm, schon zu Weihnachten eigentlich, 200 Euro zugeschoben, weil ihm die Kamera so viel zu bedeuten schien. S. machte also pausenlos Schnappsch\u00fcsse von der Spielrunde, wo man scherzhaft an seinem Verstand zweifelte, und fotografierte hin und wieder seine Spielkarten, um nachher stolz belegen zu k\u00f6nnen, wie gut er gespielt oder auch beschissen hatte. Irgendwas w\u00fcrde schon werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war auf dem Weg, und er sah nicht zur\u00fcck. Es w\u00e4re auch sinnlos gewesen. 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