{"id":9,"date":"2006-11-24T18:32:43","date_gmt":"2006-11-24T17:32:43","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=9"},"modified":"2012-10-07T19:13:39","modified_gmt":"2012-10-07T17:13:39","slug":"haben-sie-vorurteile-gegenuber-dresdnern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=9","title":{"rendered":"Haben Sie Vorurteile gegen\u00fcber Dresdnern?"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte gestern eine Begegnung der zweiten Art.<br \/>\nUnd bevor ich das weiter ausf\u00fchre, kl\u00e4re ich dieses popul\u00e4re Missverst\u00e4ndnis mit den Begegnungen auf.<\/p>\n<p>Jeder kennt den Begriff &#8220;Begegnung der dritten Art&#8221; und jeder wei\u00df, dass das was mit Au\u00dferirdischen zu tun hat. Man \u00fcbertr\u00e4gt den Begriff mittlerweile auch auf &#8220;seltsame Leute&#8221;. Aber mehr wei\u00df Otto Normaldosenbiertrinker nicht &#8211; daher eine kurze und lehrreiche Darstellung verschiedener &#8220;Begegnungen&#8221;:<\/p>\n<p>Wenn man ein UFO sieht, ist das \u00fcberhaupt keine Begegnung.<br \/>\nWenn man Au\u00dferirdische vor der Haust\u00fcr sieht und so tut, als sei man nicht da, dann ist das eine Begegnung der <strong>ersten<\/strong> Art. Wenn man die Au\u00dferirdischen dann aber reinl\u00e4sst und die sagen sowas wie: <em>&#8220;Erdling, wir machen da &#8216;ne Umfrage&#8230;&#8221;<\/em>, dann ist das eine Begegnung der <strong>zweiten<\/strong> Art. Wenn sie Dich dann aber einpacken und mitnehmen, dann erst ist das eine Begegnung der <strong>dritten<\/strong> Art. Und so schlimm war&#8217;s ja nicht.<\/p>\n<p>Spulen wir erst mal zur\u00fcck zum Oktober des vergangenen Jahres.<\/p>\n<p>Es klingelt an der T\u00fcr. Ein untersetzter Mann Mitte Zwanzig steht davor und sagt:<br \/>\n<em>&#8220;Wir machen da &#8216;ne Umfrage&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nDa ich Zeit habe, sch\u00fcttele ich seine Hand, bitte ihn herein und stelle ihm was zu Trinken hin.<br \/>\n<em>&#8220;Sind sie vielleicht auch Jurist?&#8221;<\/em> fragt er mich zuerst, so nebenbei.<br \/>\nIch bin kurz verwirrt, sehe an mir herunter, finde meine Armyhosen an ihrem Platz und antworte: <em>&#8220;Bestimmt nicht, sowas w\u00fcrden Juristen nicht mal in ihrer Freizeit anziehen.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Ah, ich dachte nur, weil da hinten auch eine Juristin wohnt.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Kann sein, hier wohnen alle m\u00f6glichen Leute und ich kenne die wenigsten.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Dann f\u00e4ngt er mit seiner Einleitung an.<br \/>\nAh ja, eine Umfrage. Er stellt ein paar Fragen zum Thema &#8220;Rettungsdienst in Deutschland&#8221;, scheinbar, um herauszufinden, wie viel ich dar\u00fcber wei\u00df. Die Art der Umfrage zeigt mir bereits, dass es sich um einen Vorwand handelt. Er machte recht unsaubere Striche auf einem einzelnen Blatt Papier.<\/p>\n<p>(Zu der Zeit, im Sommer 2005, hatte ich gerade eine Umfrage f\u00fcr ein Saarlouiser Marktforschungsunternehmen bei Hela gemacht. F\u00fcr repr\u00e4sentative Zwecke verwendet man ein Blatt f\u00fcr jeden Gefragten, damit auch seine\/ihre demografischen Daten erfasst werden k\u00f6nnen. Aber daran will ich mich nicht aufh\u00e4ngen. Auch nicht daran, dass drei Minuten sp\u00e4ter, mitten in der folgenden Unterhaltung, auf einmal zwei junge Mormonen vor meiner T\u00fcr standen, die \u00fcber Gott reden wollten und bei denen ich kurz mit dem Gedanken spielte, sie zur Erweiterung meines Vergn\u00fcgens ebenfalls herein zu bitten, was ich aber verwarf und sie wegschickte.)<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlt er, er komme aus Dresden (zeigt mir seinen Personalausweis, auf dem das geschrieben steht) und sei Dachdecker gewesen, bis er vom Ger\u00fcst gest\u00fcrzt sei. Schwere innere Verletzungen, der Rettungsdienst habe zu lange gebraucht, deswegen habe er eine Niere verloren und sei wegen weiterer Sch\u00e4den an Gelenken und Wirbels\u00e4ule nun berufsunf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Und dann l\u00e4sst er die Katze aus dem Sack: Ich solle doch bitte dem Rettungsdienst, dessen Unterlagen er mir zeigt, 60 EURO pro Jahr spenden &#8211; <em>&#8220;nicht mal 20 Cent am Tag&#8221;<\/em>.<\/p>\n<p>Danke, nein, ich lebte damals ja selbst nur von Spenden. Sichtlich verstimmt verl\u00e4sst der untersetzte Mittzwanziger dann die Wohnung wieder, mit einem Gesicht, als h\u00e4tte ich ihm erkl\u00e4rt, er k\u00f6nne von mir aus was Unversch\u00e4mtes mit seiner Mutter machen.<\/p>\n<p>Zeitsprung vom Oktober 2005 zum 23. November 2006.<\/p>\n<p>Es klingelt an der T\u00fcr.<br \/>\nEin mittelgro\u00dfer, blonder Mann Anfang Zwanzig steht davor und sagt:<br \/>\n<em>&#8220;Wir machen da &#8216;ne Umfrage&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nDa ich Zeit habe, sch\u00fcttele ich seine Hand, bitte ihn herein und stelle ihm was zu Trinken hin.<br \/>\n<em>&#8220;Sind sie vielleicht auch Jurist?&#8221;<\/em> fragt er mich zuerst, so nebenbei.<br \/>\nIch bin kurz verwirrt, sehe an mir herunter, finde aber meine Armyhosen nicht an ihrem Platz vor und antworte deshalb nur: <em>&#8220;Nein, ich arbeite mit Kulturwissenschaften.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Ah, ich dachte nur, weil da hinten auch eine Juristin wohnt.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Kann sein, hier wohnen alle m\u00f6glichen Leute und ich kenne die wenigsten.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Dann f\u00e4ngt er mit seiner Einleitung an.<br \/>\nAh ja, eine Umfrage. Er stellt ein paar Fragen zum Thema &#8220;Vorurteile gegen\u00fcber straff\u00e4llig gewordenen Jugendlichen&#8221;, scheinbar, um herauszufinden, wie viel ich dar\u00fcber wei\u00df. Zum Beispiel, ob ich, w\u00e4re ich ein Chef, eine an sich qualifizierte Person nicht einstellen w\u00fcrde, nur weil die Person gerade gesessen habe.<br \/>\nDie Art der Umfrage zeigt mir bereits, dass es sich um einen Vorwand handelt. Er macht recht unsaubere Striche auf einem einzelnen Blatt Papier. Meine Hela-Umfrage habe ich noch immer im Ged\u00e4chtnis und zum ersten Mal werden mir Parallelen zu einem \u00e4hnlichen Ereignis vor einem Jahr bewusst.<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlt er, er komme aus dem Erzgebirge (zeigt mir seinen Personalausweis, auf dem ein Ortsname geschrieben steht, der sich in dieser Gegend befindet) und sei vor kurzem nach zweij\u00e4hriger Haft wegen Drogendelikten aus der JVA Dresden entlassen worden, sei derzeit offiziell obdachlos, daher mangels Wohnsitz aus staatlicher Sicht nicht unterst\u00fctzungsw\u00fcrdig und m\u00fcsse nun durch vorgezeigte Arbeitsmotivation irgendwelche Creditpunkte sammeln, um ein Bewertungsschreiben zu bekommen, das seine Arbeitsplatzchancen erh\u00f6he. (H\u00e4\u00e4!?)<br \/>\n<em>&#8220;Ich wei\u00df ja nich&#8217;, vielleicht war&#8217;n se schon mal in Dresden&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nSp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt grinse ich so breit, dass es schon unheimlich wirken muss.<br \/>\n<em>&#8220;Nein, ich war noch nicht da&#8230; aber ich kenne da einen aus Dresden. Der hat vor genau einem Jahr auf genau dem Stuhl da gesessen, hat mir ein paar Fragen zum Thema Rettungsdienste gestellt, mir dann ebenfalls seinen Perso gezeigt und wollte dann, dass ich f\u00fcr Spenden unterschreibe.&#8221;<\/em><br \/>\nMein Gegen\u00fcber wirkt geschockt.<br \/>\n<em>&#8220;Was!? Wie!?&#8221;<\/em> Er wendet den Kopf ruckartig wie ein Huhn, schaut erst \u00fcberrascht an die Wand links von ihm, dann auf den Stuhl, auf dem er sitzt und dann wieder in mein Gesicht&#8230; so binnen einer Sekunde.<\/p>\n<p>Und dann l\u00e4sst er die Katze aus dem Sack. Er schiebt mir schon beinahe diskret einen eingeschwei\u00dften Zettel r\u00fcber, auf dem die Namen und Preise verschiedener Wochenzeitschriften zu lesen sind. Ich werfe einen kurzen Blick darauf (TV-Zeitschriften und Boulevardpresse, kurz unterbrochen vom Handelsblatt) und gebe es ihm wieder zur\u00fcck.<br \/>\n<em>&#8220;K\u00f6nnten Se mich da &#8216;n bisschen unterst\u00fctzen?&#8221;<\/em><br \/>\nIch lebe zwar nicht mehr von Spenden, aber:<br \/>\n<em>&#8220;Danke, nein, ich kaufe nichts. Was soll ich auch mit &#8216;ner Zeitung, die mich nicht interessiert?&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Dann nehmen Se doch eine, die Sie interessiert.&#8221;<\/em><br \/>\nIch zeige grob aus meinem Fenster.<br \/>\n<em>&#8220;Da dr\u00fcben steht die Bibliothek der Uni Trier. Wenn ich da zum Haupteingang reingehe, dann treffe ich als erstes auf eine breite Regalwand, in der jede Zeitung zu finden ist, die mich auch nur entfernt interessieren k\u00f6nnte &#8211; und das v\u00f6llig umsonst.&#8221;<\/em> *breites Grinsen*<br \/>\n<em>&#8220;Aber es geht doch nicht um die Zeitung, es geht doch hier um einen Menschen, dem man helfen kann!&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Trotzdem. Viel Spa\u00df noch.&#8221;<\/em><br \/>\n<em>&#8220;Mit Spa\u00df hat das nichts zu tun&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nSichtlich verstimmt verl\u00e4sst der mittelgro\u00dfe, blonde Anfanganziger dann die Wohnung wieder, mit einem Gesicht, als h\u00e4tte ich ihm erkl\u00e4rt, er k\u00f6nne von mir aus was Unversch\u00e4mtes mit seiner Mutter machen.<\/p>\n<p>Ich warte gespannt auf den n\u00e4chsten Herbst.<br \/>\nVielleicht steht dann ein gro\u00dfgewachsener Endzwanziger vor meiner T\u00fcr, der sagt:<br \/>\n<em>&#8220;Wir machen da &#8216;ne Umfrage&#8230;&#8221;<\/em><br \/>\nUnd wenn ich seine Hand sch\u00fcttele, winde ich mich in Zuckungen und sage:<\/p>\n<p><em><strong>&#8220;Gro\u00dfer Gott! Ich hatte eben eine Vision! Warte&#8230; Du hast ein einzelnes Blatt Papier mit f\u00fcnf oder sechs Fragen dabei&#8230; Deinen Perso hast Du griffbereit in der Manteltasche&#8230; und&#8230; und&#8230; ich sp\u00fcre, dass&#8230; dass Du&#8230; mich f\u00fcr einen Juristen h\u00e4ltst, und&#8230; und&#8230; einen pr\u00e4genden Abschnitt Deines Lebens in Dresden verbracht hast! <\/strong>&#8230; nein, ich unterschreibe trotzdem nichts.<strong>&#8220;<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte gestern eine Begegnung der zweiten Art. Und bevor ich das weiter ausf\u00fchre, kl\u00e4re ich dieses popul\u00e4re Missverst\u00e4ndnis mit den Begegnungen auf. Jeder kennt den Begriff &#8220;Begegnung der dritten Art&#8221; und jeder wei\u00df, dass das was mit Au\u00dferirdischen zu tun hat. Man \u00fcbertr\u00e4gt den Begriff mittlerweile auch auf &#8220;seltsame Leute&#8221;. Aber mehr wei\u00df Otto [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-9","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-mylife"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2284,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9\/revisions\/2284"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}