{"id":8,"date":"2006-11-23T14:01:25","date_gmt":"2006-11-23T13:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=8"},"modified":"2012-10-07T19:08:57","modified_gmt":"2012-10-07T17:08:57","slug":"das-zweite-ding-der-querdenkerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=8","title":{"rendered":"Das zweite Ding der Querdenkerei"},"content":{"rendered":"<p>Von denen, die nich&#8217; so drauf stehen, werden japanische Animationsfilme &#8211; im Jargon kurz &#8220;Anime&#8221; genannt &#8211; gern als Kinderkram bezeichnet und in der Ablage P abgelegt. Oder aber man h\u00e4lt die ganze Angelegenheit f\u00fcr zur Pornografie (und damit in die komplett andere Richtung) neigend. Diese Meinung ist jedem zu g\u00f6nnen, auch wenn sie nicht richtig ist, und (aber) das aus anderen Gr\u00fcnden, wie popul\u00e4r angenommen.<br \/>\nDarum soll&#8217;s mir aber gar nicht gehen. \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Trifft der Anime-Unwillige mit seiner Meinung auf einen diskutierfreudigen Anime-Fan, h\u00f6rt man von letzterem oft eine Aufz\u00e4hlung der vielen Genres, die von Anime abgedeckt werden, Genres so zahlreich wie im Live-Action Bereich (= Filme, Serien, etc. mit Schauspielern), so dass f\u00fcr jeden Geschmack etwas zu finden sei, nicht nur f\u00fcr Kinder oder eben f\u00fcr die Freunde der eher animalischen Unterhaltungsm\u00f6glichkeiten.<br \/>\nUnd zuletzt wird ein Argument besonders gerne angef\u00fchrt:<br \/>\nAnime sei in Japan eine v\u00f6llig akzeptierte Form der Unterhaltung, auf die niemand herablassend herabblicke, mal abgesehen von ein paar wenigen Extremfans, die man (herablassend) &#8220;Otakus&#8221; nennt, weil sie sich mit nichts anderem mehr besch\u00e4ftigen und keinen Kontakt zur Realit\u00e4t mehr haben. Aber ansonsten sei Anime und das Drumherum in Japan so normal, dass sich niemand was dabei denke, wenn der Kollege sagt, er k\u00f6nne heute nicht mit in die Kneipe, weil er keine Episode der neuesten Gundam-Staffel verpassen wolle (nur, um ein Beispiel zu nennen).<\/p>\n<p>Mit diesem Wissen im Hinterkpf ging ich nach Japan und erlebte den nachhaltigsten Kulturschock, den jemand wie ich sich vorstellen konnte.<br \/>\nMan lernt japanische Studenten kennen, zwangloses Gespr\u00e4ch:<br \/>\n<em>&#8220;Was f\u00fcr Musik h\u00f6rst Du so?&#8221;<\/em><br \/>\nIch nannte ein paar Bands von hier und da, was so etwa auf <em>&#8220;Von Bach bis Cannibal Corpse ist alles drin&#8221;<\/em> hinauslief, und als ich speziell nach japanischer Musik gefragt wurde, fiel mir als erstes  &#8211; wer k\u00f6nnte es anders sein &#8211; Hayashibara Megumi ein.<\/p>\n<p>Jeder wahre Animefan dieses Planeten kennt sie. Sie ist (innerhalb der genannten Zielgruppe) ein internationaler Superstar der Sprechkunst, sie hat einer langen Liste beliebtester Charaktere ihre Stimme geliehen und zu den entsprechenden Filmen und Serien auch noch viele, viele Soundtracks und Imagesongs geliefert, ganz zu schweigen von der Anime-unabh\u00e4ngigen Handvoll Platten, die sie rausgebracht hat. Man konnte in Japan nicht an ihr vorbeikommen. Dachte ich jedenfalls.<\/p>\n<p>Dem entgegen sah mich mein Gegen\u00fcber verwirrt an und fragte: <em>&#8220;\u00c4h, wer ist das?&#8221;<\/em><br \/>\nIch war platt wie ein Blatt Papier auf dem Fu\u00dfboden des Flohmarktes einer Anime Convention. Ich erkl\u00e4rte mich also, dass es sich um eine S\u00e4ngerin und um eine Seiy\u00fb (Synchronsprecherin) handele, die im Animebereich t\u00e4tig sei. Das ratlose Gesicht meines Gegen\u00fcbers wechselte von Verwirrung zu belustigtem Erstaunen:<br \/>\n<em>&#8220;Eine Synchronsprecherin? Meinst Du das ernst?&#8221;<\/em><br \/>\nAus allen Wolken gefallen fiel mir nicht mehr viel zum Thema ein und wir wechselten bald. Er hatte wohl mehr mit Antworten wie <strong>Morning Musume<\/strong>, <strong>SMAP<\/strong> oder <strong>TOKIO<\/strong> gerechnet, w\u00e4re vielleicht noch angenehm \u00fcberrascht gewesen, h\u00e4tte ich <strong>Orange Range<\/strong>, <strong>The Boom<\/strong> oder <strong>Dreams come true<\/strong> genannt&#8230;<\/p>\n<p>Zur zumindest oberfl\u00e4chlichen \u00dcberpr\u00fcfung der Umst\u00e4nde habe ich auch sp\u00e4ter noch mit anderen Leuten das Thema angeschnitten und bekam immer ganz \u00e4hnliche, meist auffallend diplomatische, Antworten. Ich stelle also fest: Ich will den Leuten, mit denen ich mein Interesse an Anime teile, ungern in den R\u00fccken fallen, aber das Argument, Anime sei in Japan ein anerkanntes und gleichberechtigtes Medium, ist unhaltbar und hinf\u00e4llig. Ich habe sogar den Verdacht, dass der durchschnittliche Animefan &#8211; oder auch Leser von Manga (japanischen Comics) &#8211; weitaus tiefer in der japanischen \u00f6ffentlichen Meinung steht, als dies bei dem durchschnittlichen Leser von <strong>Donald Duck<\/strong> Taschenb\u00fcchern im Westen der Fall ist.<\/p>\n<p>Die allgemeine Meinung zum Thema scheint mir hier wie dort gleich zu sein, mit Abweichungen in Details vielleicht. Ja, Anime l\u00e4uft in Japan im Vorabendprogramm im so genannten Free-TV, sagt der Fan (wenn er genug Ahnung hat) &#8211; aber das ist kein Argument mehr, weil: ist auch bei uns der Fall. Ich habe die Entwicklung wohl ein bisschen aus den Augen verloren, aber ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren <strong>DragonBall<\/strong> um 19:30 Uhr gelaufen ist.<\/p>\n<p>Der kleine (?) Detailunterschied: Die Vorabendserien in Japan sind das Hauptprogramm (in Bezug auf Anime), w\u00e4hrend das Hauptprogramm in Deutschland am Nachmittag zu finden ist und Vorabend-Anime hierzulande scheinbar Ausnahmef\u00e4lle sind. Bei <strong>DragonBall<\/strong> muss es an den st\u00e4ndigen Pr\u00fcgeleien gelegen haben. Die Darstellung von SonGokus nacktem Hintern kann es nicht gewesen sein, weil ich mich nicht erinnern kann, dass man wegen solcher Dinge <strong>Wicki<\/strong> oder <strong>Ronja R\u00e4ubertochter<\/strong> zu sp\u00e4terer Stunde gezeigt h\u00e4tte.<br \/>\nAnders ist auch, dass das \u00c4quivalent der deutschen \u00d6ffentlich-Rechtlichen Sender in Japan eben Anime im Vorabendprogramm haben und man nach Mitternacht immer wieder mal Serien im Programm findet, die nicht ganz jugendfrei sind (echt animalisches Material gibt&#8217;s allerdings nur im Pay-TV), w\u00e4hrend derlei Dinge in Deutschland die Angelegenheit der Privatfernsehens zu sein scheinen (mit der Einschr\u00e4nkung, dass besorgte Animefans vor Jahren die \u00dcbertragung nicht jugendfreier Serien unter Klageandrohung abgewendet haben, um dem eh fragilen Image des Anime nicht noch Schaden zukommen zu lassen, worauf nur eher comedylastige Episoden einer Anime-Erotikserie gezeigt wurden).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von denen, die nich&#8217; so drauf stehen, werden japanische Animationsfilme &#8211; im Jargon kurz &#8220;Anime&#8221; genannt &#8211; gern als Kinderkram bezeichnet und in der Ablage P abgelegt. 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