{"id":76,"date":"2007-07-12T18:09:03","date_gmt":"2007-07-12T17:09:03","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=76"},"modified":"2012-10-20T16:47:28","modified_gmt":"2012-10-20T14:47:28","slug":"der-verfluchte-kafka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=76","title":{"rendered":"Der verfluchte Kafka"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich im Zug unterwegs bin, dann lese ich gerne B\u00fccher, die keinen fachlichen Bezug zu meinen Studienf\u00e4chern haben. Nachdem ich vor einigen Wochen <em>&#8220;Everything is under Control&#8221;<\/em> von Robert Wilson beendet hatte, nahm ich den Kafka hervor, den ich in einer Laune Anfang des Jahres f\u00fcr 2 Euro gebraucht gekauft habe: <em>&#8220;Erz\u00e4hlungen&#8221;<\/em>.<br \/>\nMan kann Kafka in der Tat gerne lesen, so unglaublich das klingt, aber laut meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung sollte man ihn dazu freiwillig lesen. Sobald ein Lehrer oder eine Art Unterricht dabei eine Rolle spielt, wird man ihn hassen.<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, ich arbeitete mich Seite f\u00fcr Seite durch, bis knapp zur H\u00e4lfte, und dann lie\u00dfen \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde nicht zu, dass ich weiter z\u00fcgig weiterlas.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal w\u00e4re da die 86 Jahre alte Dame zu nennen, die sich letzten Monat mir gegen\u00fcber hinsetzte. Sie sagte irgendetwas, ich wei\u00df nicht mehr, was, aber es motivierte mich zu der Frage, wo sie denn hinfahre. Sie fuhr nach Trier und aus irgendeinem Grund unterhielten wir uns die ganze Zeit \u00fcber dies und das. Sie erz\u00e4hlte viel von der Nachkriegszeit, und daf\u00fcr habe ich nat\u00fcrlich immer ein Ohr, und nat\u00fcrlich (?) von Kindern, Enkeln und Urenkeln. Einer der letzteren, in der Grundschule, hat wohl, nach seinem Berufswunsch gefragt, mit der Ur-Oma im Hinterkopf, angegeben, er wolle &#8220;Reisetante&#8221; werden: Die fahre jahraus, jahrein mit dem Zug durch Deutschland und halb Europa, habe viel zu erz\u00e4hlen und bringe immer was mit.<br \/>\nDass ihr verstorbener Gatte aktiver Boxer und Oberleutnant der Wehrmacht gewesen war und zum Zeitpunkt seiner Gefangennahme nach der Kapitulation in Meran\/Italien stationiert, hat sie mir verraten, aber allgemein wollte sie nicht \u00fcber den Zweiten Weltkrieg als politisches Ph\u00e4nomen reden. Sie glaube auch nicht an die Kriegsursache, wie sie im Geschichtsbuch stehe. Das mag jetzt im kleinen Rahmen bedeuten, dass sie die Geschichte vom polnischen \u00dcberfall auf den Sender Gleiwitz glaubt, oder im gro\u00dfen Rahmen, dass sie (wie konservative Japaner) eine Verschw\u00f6rung anderer M\u00e4chte vermutet, die Deutschland in den Krieg zwang, vielleicht ausgehend von der Aussage Churchills (?), nach der es Deutschlands einzige S\u00fcnde gewesen sei, einen eigenen Wirtschaftsbereich und W\u00e4hrungsblock aufzubauen. Aber ich habe nicht weiter gefragt.<\/p>\n<p>Einige Wochen sp\u00e4ter war es dann ein Oberstleutnant der Reserve (Artillerie), der mich mit seiner Anwesenheit schockierte. Ich dachte, solche Leute fahren mit einem eigenen Wagen, aber Ausnahmen gibt es scheinbar. Aus dem Blickwinkel, der nicht vom Buch versperrt wurde, sah ich jedenfalls ein paar Hosen im Punkttarn und der Tr\u00e4ger war darum bem\u00fcht, sein Gep\u00e4ck zu verstauen, was erst nicht gelang, weil da oben mein Rucksack lag, daher wollte er mit dem Sitz Vorlieb nehmen. Also sagte ich <em>&#8220;Warte, stell Dein Zeug oben ab&#8221;<\/em>, und r\u00e4umte meinen Rucksack etwas beiseite. Erst, als der Betreffende dann sa\u00df, konte ich sehen, dass er einiges auf der Schulter hatte.<br \/>\nUnd der fuhr nach Saarbr\u00fccken. Wir unterhielten uns dann ein bisschen \u00fcber globale Wehrpolitik, die ver\u00e4nderte Auftragslage der Bundeswehr, taktischen Atomkrieg (nukleare Rohrartillerie gab&#8217;s tats\u00e4chlich, ebenso nukleare Minen und auch die Atombazooka ist gebaut worden wie er sagt) und \u00fcber seinen Eindruck vom Ausbildungs- und Disziplinstand unsere verschiedenen Verb\u00fcndeten (<em>&#8220;Was bei den Amerikanern f\u00fcr Leute bei den Nuklearen Einsatzkr\u00e4ften dienen, das glaubt man kaum!&#8221;<\/em>).<br \/>\nDa war&#8217;s also wieder nichts mit Kafka, allerdings muss ich zugeben, dass ich eher <strong>ihn<\/strong> an der Nachbereitung seiner eben abgeschlossenen Wehr\u00fcbung gehindert habe (er hatte da ein paar Unterlagen dabei), als er mich beim Lesen <strong>meiner<\/strong> Lekt\u00fcre.<br \/>\nIn Saarbr\u00fccken angekommen, fragte er dann, was ich studiere. <em>&#8220;Japanische Sprache und Kultur&#8221;<\/em>, sagte ich ihm, und gerade aus dem Ostausgang raus fragte er nach Mentalit\u00e4t und H\u00f6flichkeit, und ob das nicht gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig sei. <em>&#8220;Man wird darauf vorbereitet&#8221;<\/em>, sagte ich, <em>&#8220;viel heftiger ist der Kulturschock, wenn man wieder nach Deutschland zur\u00fcckkommt.&#8221;<\/em> Am Ostausgang befindet sich eine Art Kneipe, und mit einem perfekten Timing ruft in diesem Moment, beim Vorbeigehen, einer zu uns her\u00fcber: <em>&#8220;Herr Major, sind Sie schwul?&#8221;<\/em> Mir blieb nur noch die rhetorische Frage: <em>&#8220;Sehen Sie, was ich meine?&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Wenige Tage darauf neuer Versuch. Es blieb allerdings bei dem Versuch, denn als ich aufbrach, sp\u00fcrte ich ein derartiges Verlangen, den GameBoy Klassiker <em>&#8220;Gargoyle&#8217;s Quest&#8221;<\/em> noch einmal durchzuspielen, dass ich das Ger\u00e4t mitnahm und spielte. Einsteigen, anschalten, aussteigen, Endboss pl\u00e4tten, fertig. In 90 Minuten. Ich war ausnahmsweise mit der RegionalBahn statt mit dem RegionalExpress gefahren, weil ich letzteren mangels Bus am Sonntag Morgen verpasst hatte. Und die 90 Minuten Spielzeit find ich gar nicht schlecht daf\u00fcr, dass ich das seit Jahren nicht gespielt habe. Allerdings schaffe ich es nicht mehr, durch das Spiel zu kommen, ohne dabei eines meiner beiden Leben zu verlieren.<\/p>\n<p>Aber auf der R\u00fcckfahrt nach Trier, da wollte ich dann wieder!<br \/>\nN\u00e4chstes &#8220;aber&#8221;&#8230; nachdem ich dann die Geschichten vom <em>J\u00e4ger Gracchus<\/em> gelesen hatte, fielen mir die Augen zu und ich kriegte sie erst wieder auf, als wir gerade durch Trier S\u00fcd rollten.<\/p>\n<p>Und jetzt habe ich zwar versprochen, in den kommenden Wochen zur Unterst\u00fctzung meiner Oma jeweils Sonntag bis Dienstag in Gersheim zu sein, allerdings war der sich derzeit in Weiskirchen zur Reha aufhaltende Opa so nett, mir das Auto zur Verf\u00fcgung zu stellen, damit ich ihn am Ende seines Aufenthaltes sofort mit nach Hause nehmen k\u00f6nne.<br \/>\nAn sich ein guter Plan, aber er hat zwei negative Punkte: Erstens kann ich nat\u00fcrlich w\u00e4hrend des Autofahrens meinen Kafka nicht weiterlesen (ich fahre auch noch viel lieber, als ich Kafka lese), und zweitens muss ich mal hoffen, dass das Ende seiner Reha nicht gerade auf einen Tag f\u00e4llt, den ich wegen meiner anstehenden Geburtstagsfeiern lieber zur freien Verf\u00fcgung h\u00e4tte. Seine m\u00f6gliche Entlassung f\u00e4llt n\u00e4mlich gerade auf Ende Juli oder Anfang August.<br \/>\nNach Beginn der vorlesungsfreien Zeit am 21. Juli ist es mir ja generell egal, an welchem Wochentag er abgeholt werden will (da ja auch mein Teppichladen Betriebsferien hat), aber dann doch bitte nicht am 27.\/28. Juli oder am 05. August&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich im Zug unterwegs bin, dann lese ich gerne B\u00fccher, die keinen fachlichen Bezug zu meinen Studienf\u00e4chern haben. Nachdem ich vor einigen Wochen &#8220;Everything is under Control&#8221; von Robert Wilson beendet hatte, nahm ich den Kafka hervor, den ich in einer Laune Anfang des Jahres f\u00fcr 2 Euro gebraucht gekauft habe: &#8220;Erz\u00e4hlungen&#8221;. 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