{"id":647,"date":"2009-09-24T14:52:55","date_gmt":"2009-09-24T12:52:55","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=647"},"modified":"2017-10-22T13:02:18","modified_gmt":"2017-10-22T11:02:18","slug":"ich-geh-dann-mal-zelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=647","title":{"rendered":"Ich geh dann mal Zelten"},"content":{"rendered":"<p>Kommen wir zum 20. September.<br \/>\nIch wurde am Mittwoch zuvor \u00fcberraschend von der City-Initiative kontaktiert und gefragt, ob ich am Sonntag nicht Zeit und Lust h\u00e4tte, auf das bis dahin leere Zelt am Domfreihof aufzupassen, f\u00fcr zehn Stunden von 0900 bis 1900, das Ganze ohne besondere Aufgaben. Das Zelt k\u00f6nne am Sonntag nicht abgebaut werden und m\u00fcsse daher bewacht werden.<br \/>\nGut, die zahlen zwar nur 6 E die Stunde, aber daf\u00fcr, zehn Stunden totzuschlagen und dabei, wenn auch zwingend ortsgebunden, machen zu k\u00f6nnen, was man will, kann man auch nicht mehr verlangen, und 60 E sind sechzig Euro.<\/p>\n<p>Als ich am Sonntag Morgen um 0855 ankam (es stellte sich als zeitlich g\u00fcnstiger heraus, den Bus ab Uni S\u00fcd zu nehmen und an der Basilika auszusteigen), war niemand da. Eigentlich sollte ich das Zelt von der Nachtschicht des Wachdiensts \u00fcbernehmen, aber weit und breit keine Menschenseele, au\u00dfer ein paar Dombesuchern, die unter den feierlichen Kl\u00e4ngen eines Chors durch das Tor der Kultst\u00e4tte schritten, und der Frau Bohlen, die vorm &#8220;Domstein&#8221; Tische saubermacht.<br \/>\nNach zehn Minuten wurde mir das Warten zu dumm. Ich kn\u00f6pfte den Eingang vom Zelt auf, ging hinein, und baute mir von der Bierzeltgarnitur einen Tisch und eine Bank mit Blick zum Eingang auf. Ich hatte zum Lesen eine inoffizielle Biografie von Patrick Stewart dabei (die mehr ein &#8220;Behind the Scenes of Star Trek: Next Generation&#8221; mit Schwerpunkt auf den Captain und seinen Darsteller ist), von der ich nicht sicher war, ob sie noch bis zum Tagesende reichen w\u00fcrde, au\u00dferdem noch ein paar andere SciFi Titel, u.a. &#8220;Door to Summer&#8221; von Heinlein, meinen MP3 Player mit Vorlesungen zum Thema Relativit\u00e4tstheorie und meine komplette GameBoy Sammlung dabei. Als Tageszehrung werden mir zwei Liter Wasser dienen.<br \/>\nUm 0915 rief der Wachdienst bei mir an, fragte, ob ich vor Ort sei, und w\u00fcnschte mir viel Vergn\u00fcgen bis zum Abend. Der Verantwortliche hatte sich scheinbar kurz vor meiner Ankunft auf einen abschlie\u00dfenden Rundgang begeben, der so rund nicht sein kann, weil er ja dann wieder zum Dom zur\u00fcckgekehrt w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df da und las bis zum fr\u00fchen Nachmittag, hin und wieder regnete es ein bisschen oder auch ein bisschen viel. Ich ermunterte Leute, sich bei mir unterzustellen, aber die gingen dann doch lieber noch die paar Schritte bis zum Dom. Wenn es nicht regnete, vertrat ich mir die Beine mit einer Runde um das Zelt. Eine Weile schien die Sonne auf das Plastikdach, und das machte sich im Klima darinnen schon bemerkbar, von daher hatte ich die Regenphasen eigentlich lieber. Das Zelt hat n\u00e4mlich einen waagerecht ausgerichteten Plankenboden, unter dem das Regenwasser hindurchl\u00e4uft, ohne mich mit seiner Feuchtigkeit zu bel\u00e4stigen.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag wechselte ich zu meinem MP3 Player, muss allerdings feststellen, dass alle Batterien hoffnungslos ausgelutscht sind. Dann eben keine Lektion zu Schwarzen L\u00f6chern und Raum-Zeit-Kr\u00fcmmung.<\/p>\n<p>Unter meinen Spielen waren (und sind) einige, die ich seit Jahren nicht angefasst habe. Bei <em>&#8220;NBA Challenge&#8221;<\/em>, das ich einmal irgendwo gefunden habe, muss ich das auch nicht bedauern. <em>&#8220;Tetris&#8221;<\/em> habe ich nicht mehr so richtig drauf&#8230; ich versage auf B-9\/5 so total, dass mich auch der psychologische Trick mit der Supergeschwindigkeit nicht rettet: Man dr\u00fcckt im Startbildschirm das Steuerkreuz nach unten und dabei auf Start; das Spiel wird daraufhin in doppelter Geschwindigkeit laufen. Wechselt man dann nach wenigen Minuten von &#8220;Super 9&#8221; auf &#8220;Normal 9&#8221;, dann kommt einem der normale Spielmodus recht gem\u00fctlich vor. Aber es mangelte mir mittlerweile oder vielleicht auch nur heute irgendwie an der schnellen, intuitiven Auffassungsgabe, die man braucht, um die zuf\u00e4llig anrollenden Blocks in g\u00fcnstige Positionen zu schieben.<\/p>\n<p>Ich wechselte zu <em>&#8220;Final Fantasy Legend II&#8221;<\/em>. Ich ging davon aus, lediglich noch einen Speicherplatz zum Endkampf zu haben, aber halt! Ich erinnerte mich dunkel, dass ich w\u00e4hrend meiner Oberstufenzeit (also 95-97) ein neues Spiel begonnen hatte, in dem ich zuletzt Venus City von ihrer rassistischen Herrscherin befreit hatte&#8230; und zwar mit einer Abenteurergruppe, die nur aus Menschen besteht &#8211; eine Kombination, die von der Spielanleitung als ung\u00fcnstig, weil teuer, verworfen wird. Es dauerte ein paar Minuten, bis mir die Optionen und Strategien wieder bewusst waren, immerhin habe ich dieses Spiel seit \u00fcber zehn Jahren nicht gespielt, und ich muss mich sehr wundern, dass die Spielst\u00e4nde noch einwandfrei vorhanden sind. Meine Speicherkarte f\u00fcr die Playstation h\u00e4lt diesen Qualit\u00e4tsstandard nicht.<\/p>\n<p>Warum sind Menschen im Gegensatz zu Androiden, Mutanten und Monstern als Spielercharaktere so teuer?<br \/>\nWeil die letztgenannten drei ihre Angriffsoptionen nach einer Nacht im Gasthaus wieder aufladen, w\u00e4hrend die Menschen st\u00e4ndig neue Waffen kaufen m\u00fcssen. Ein Schwert zum Beispiel hat in der Regel 50 Attacken, bevor es unbrauchbar wird. Unrealistisch, aber so sind hier halt die Spielregeln. Die Sonderregeln f\u00fcr Androiden sind dergestalt, dass verwendete Gegenst\u00e4nde auf 50 % ihrer Haltbarkeit reduziert, daf\u00fcr aber &#8220;wiederaufladbar&#8221; werden.\u00a0Au\u00dferdem stehen Mutanten und Monster oftmals magische &#8220;Massenvernichtungsmittel&#8221; zur Verf\u00fcgung, also Angriffe, die sich auf die gesamte Gegnergruppe, anstatt lediglich auf ein Individum, auswirken. Ein Mutantenmagier mit Fl\u00e4chenangriff ist ein dicker Bonus f\u00fcr die Gruppeneffizienz. Aber ich wollte es ja wissen, wie das mit nur Menschen so ist.<br \/>\nIch bin damals darauf gekommen, dass das Management einer ausschlie\u00dflich aus Menschen bestehenden Gruppe reine Betriebswirtschaftslehre in ihrer simpelsten Form ist.<\/p>\n<p>Angenommen, man erh\u00e4lt f\u00fcr ein totes Monster 250 GP (&#8220;gold pieces&#8221;). Das ist  Geld, das Menschen nachher f\u00fcr neue Ausr\u00fcstung brauchen. Nehmen wir weiterhin an, dass das Schwert des Helden, der das Monster niederstreckt, im Laden 40.000 GP gekostet hat und 50 Anwendungen erlaubt. Der eine Schlag, mit dem das Monster get\u00f6tet wurde &#8211; und man braucht im Idealfall nur einen &#8211; kostet also ein F\u00fcnfzigstel = 2 % des Neupreises: 800 GP. W\u00fcrde ich so weitermachen, h\u00e4tte die Gruppe am Ende 40.000 GP ausgegeben, aber nur 50 x 250 = 12.500 GP eingenommen. Die Gruppe w\u00e4re bald pleite. Und diese Rechnung beachtet noch nicht die 1:1 Kosten, die durch die Heilung von verlorenen Lebenspunkten der Helden im &#8220;Inn&#8221; enstehen, und ganz extrem wird die Sache, wenn man mangels K\u00f6nnen (das hei\u00dft mangels gen\u00fcgend gro\u00dfer F\u00e4higkeit, Schaden auszuteilen) mehrere Schl\u00e4ge f\u00fcr ein Monster braucht.<\/p>\n<p>Der Heldenmanager muss also auf Waffen zur\u00fcckgreifen, deren Kosten das errechnete Einkommen pro Schlag unterschreiten. Zum Beispiel ein Schwert f\u00fcr 11.000 GP. Das kostet pro Schlag nur 220 GP. Pro Monster w\u00fcrde also ein Gewinn von 30 GP anfallen. Ausgaben 11.000, Einnahmen 12.500 GP. Besser als nichts, aber wahrscheinlich nicht genug, da die Helden ja auch Schaden einstecken, der beim Heiler bezahlt werden muss. Bei einem Gewinn von 30 GP muss man 10 Monster f\u00fcr einen Heiltrank umbringen, der, verteilt auf vier Anwendungen, etwa 750 Lebenspunkte zur\u00fcckbringt (und damit deutlich g\u00fcnstiger als der Heiler ist).<br \/>\nAlso noch g\u00fcnstigere Waffen finden. Diese sind dann nat\u00fcrlich direkt proportional zu ihrem Kaufpreis weniger effektiv, und das hei\u00dft: Leveln tut not. Die statistischen Werte der Helden m\u00fcssen mittels Training so weit steigen, dass ihre k\u00f6rperlichen Eigenschaften die mangelnde Schadenskapazit\u00e4t ihrer Waffen ausgleichen.<br \/>\nAnders als bei <em>&#8220;Final Fantasy Legend I&#8221;<\/em> muss ich zum Waffenkaufen auch nicht zeitraubend den Weltenturm hinuntersteigen, weil sich in meiner Sammlung magischer Steine (&#8220;Magi&#8221;) ein &#8220;Pegasus Magi&#8221; befindet, mit dem ich mich zu jeder beliebigen bereits besuchten Stadt teleportieren kann. Echt praktisch.<br \/>\nZuletzt muss man sich nur davor h\u00fcten, vor lauter Finanzplanung den Wert von 999.999 GP im Geldbeutel (oder eher: &#8220;auf dem Ochsenkarren&#8221;?) zu \u00fcberschreiten &#8211; dann f\u00e4ngt die Z\u00e4hlung n\u00e4mlich wieder bei 0 GP an, und alles Gold ist verloren.<\/p>\n<p>Das Heldenmanagement machte ich dann einen guten Teil des Nachnmittags \u00fcber, las das Buch weiter und sah dann auf die Uhr: 1600. Ich k\u00f6nnte mal was essen, aber wie tun? Ich konnte nicht weg, zumindest nicht weit. Bei Blasendruck bin ich in den &#8220;Domstein&#8221; gegangen, mit kommandom\u00e4\u00dfiger Pr\u00e4zision hinein und wieder heraus, da ich den Weg zu deren Toiletten ja auswendig kenne. Dazu irgendwann sp\u00e4ter mal mehr. Der D\u00f6ner am Hauptmarkt ist fad und \u00fcberteuert. Pommes kaufe ich mir nicht an der Bude, weil das Kilo im Supermarkt 90 Cent, im Stra\u00dfenverkauf aber pro Portion 1,80 E kostet. Wieviel werden das sein? 100 Gramm? 150 Gramm? Selbst wenn ich das Fritierfett und die Arbeitskosten mit einbeziehe, ist das eine wahrhaft fette Gewinnspanne. Wenn ich mal ebenso fett im Lotto gewinnen sollte, er\u00f6ffne ich ein Lokal, nenne es &#8220;Truppenk\u00fcche&#8221;, stelle Metzger als K\u00f6che ein, und verkaufe g\u00fcnstiges Bundeswehrniveau zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen an Nostalgiker.<br \/>\nIch versuche es bei einer Pizzeria in der Neustra\u00dfe, aber die er\u00f6ffnen an Sonntag Nachmittagen erst um 1700. Und als ich dann nochmal anrufe, muss ich erfahren, dass die nicht liefern.<\/p>\n<p>Okay, die letzten beiden Stunden w\u00fcrde ich auch noch rumkriegen. Ich sch\u00fcttete mir mein Wasser in den Bauch, damit der Magen nicht knurrte.<br \/>\nUm 1730 legte ich die letzten paar Seiten des Buchs noch einmal beiseite, um mit einer Partie <em>&#8220;Gargoyle&#8217;s Quest&#8221;<\/em> eine Punktlandung zum Feierabend hinzulegen.<br \/>\nBrennende Stadt, der Zundo Druer Kugelfisch, Portal, hallo Baron, Fingernail of the Spectre, Monsterturm, Gremlin Stick, Blockbuster, Candle of the Poltergeist, Wings of the Falcon, Essence of the Soulstream, Bellzemos, Darkoan, Armor of Guile, Desert of Destitution, Zakku Druzer, Candle of Darkness, Claw, Marjorita, Rushifell, Eternal Candle, Darkfire, Breager, Abspann.<\/p>\n<p>Blick auf die Uhr: 1830. Entweder ich habe Illusionen \u00fcber die bisherige Zeit, dieses Spiel durchzuspielen (ich habe gedacht, es dauere 90 Minuten), oder ich habe irgendwas besser gemacht als sonst. Aber das kann ich ausschlie\u00dfen. Ich spiele dieses Spiel seit Jahren von vorn bis hinten durch, ohne dabei auch nur ein Leben zu verlieren oder ein neues kaufen zu m\u00fcssen.<br \/>\nIch habe wohl was verwechselt&#8230; denn das Spiel f\u00fcllt eine Zugfahrt nach Saarbr\u00fccken, und die dauert etwas mehr als eine Stunde. Ich glaube, die Legende von den 90 Minuten sind entstanden, als ich vor \u00fcber 10 Jahren mal spielend von zuhause nach Bebelsheim gelaufen bin; von Haust\u00fcr zu Haust\u00fcr hat es f\u00fcr ein Spiel gereicht, und aus irgendeinem Grund habe ich gedacht, der Spaziergang habe 90 Minuten gedauert&#8230; vermutlich habe ich damals die Abmarschzeit falsch in Erinnerung gehabt.<\/p>\n<p>Die letzte halbe Stunde las ich in meinem Buch, und bis ich an der Bushaltestelle angekam bin, war es zu Ende. Um kurz vor Sieben packte ich zusammen, und als ich gerade die Sitzbank wieder in den Stapel zur\u00fccklegte, kam auch schon die Abl\u00f6sung, die sich die Nacht am Laptop um die Ohren schlagen wollte. Seine Frage, wann das Zelt morgen abgebrochen werde, konnte ich leider nicht beantworten. Ich nahm meinen Rucksack und machte mich auf den Heimweg.<br \/>\nDas war sehr kurzweilig und schnell vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommen wir zum 20. September. Ich wurde am Mittwoch zuvor \u00fcberraschend von der City-Initiative kontaktiert und gefragt, ob ich am Sonntag nicht Zeit und Lust h\u00e4tte, auf das bis dahin leere Zelt am Domfreihof aufzupassen, f\u00fcr zehn Stunden von 0900 bis 1900, das Ganze ohne besondere Aufgaben. 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