{"id":622,"date":"2009-09-06T13:16:14","date_gmt":"2009-09-06T11:16:14","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=622"},"modified":"2013-01-06T18:46:56","modified_gmt":"2013-01-06T17:46:56","slug":"mein-leicht-entflammbarer-dienstag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=622","title":{"rendered":"Mein leicht entflammbarer Dienstag"},"content":{"rendered":"<p>Springen wir zu Dienstag, dem 25. August.<\/p>\n<p>Der Plan war klar: Am Dienstag Morgen wollte ich bereits vor dem Mittagessen wieder in Richtung Trier fahren. Melanie wollte unbedingt ein weiteres kleines Regal kaufen, damit die Mikrowelle nicht im B\u00fccherregal im Wohnzimmer stehen muss. Ich behaupte, die steht da ebenso gut, wie anderswo, aber wenn Melanie mal einen Plan gefasst hat, den sie als notwendig erachtet, dann wird meine Meinung dazu irrelevant.<\/p>\n<p>Dieser Teil des Plans wurde ge\u00e4ndert: Nachdem wir um etwa 0900 aufgewacht waren, sahen wir uns nach einem Fr\u00fchst\u00fcck zwischen 1000 und 1400 noch den dritten Film der <em>\u201eHerr der Ringe\u201c <\/em>Trilogie an, womit Melanie dann endlich die Extended Version der <em>\u201eR\u00fcckkehr des K\u00f6nigs\u201c<\/em> gesehen hat. Das hie\u00df nun, dass wir doch noch zum Mittagessen blieben, aber auch das war ja kein Beinbruch.<\/p>\n<p>Interessant wurde die ganze Sache, nachdem der Film vorbei war und Vorbereitungen zum Aufbruch getroffen wurden. Als ich mich von meiner Gro\u00dfmutter verabschiedete, fiel beim Gro\u00dfvater der belustigt klingende Satz, <em>\u201eDer denkt wahrscheinlich, Du f\u00e4hrst nicht mit,\u201c<\/em> und es dauerte ein paar Sekunden, bis ich verstand, was das zu bedeuten hatte. Zu dem Zeitpunkt, wo der Groschen viel, standen die beiden zus\u00e4tzlichen Mitfahrer schon auf der Treppe vom Balkon, wo gerade die T\u00fcr verschlossen werden sollte. Ich erinnere an dieser Stelle daran, dass mein Gro\u00dfvater nicht mehr Auto fahren soll \u2013 aber scheinbar ist er der Meinung, der Arzt habe damit lediglich die Rehaphase nach dem Krankenhausaufenthalt gemeint.<\/p>\n<p><em>\u201eMoment mal &#8211; Du willst ja wohl nicht etwa von Saarbr\u00fccken aus heimfahren???\u201c<\/em> fragte ich ihn spontan. Darauf sah er mich drei Sekunden an, als habe ich ihn mit einer japanischen Lebensweisheit konfrontiert, bevor wieder Bewegung in ihn kam und er den Schl\u00fcssel im Schloss drehte, um anschlie\u00dfend auf den Stock gest\u00fctzt mit unsicheren Schritten Richtung Garage zu gehen. Meine Frage &#8211; mein Einwand &#8211; wurde ignoriert. Den Gedanken hinter seinem Gesicht konnte man interpretieren als <em>&#8220;&#8230; nein, der kann eben unm\u00f6glich das gesagt haben, was ich geh\u00f6rt habe.&#8221;<\/em><\/p>\n<p><strong>Mein<\/strong> Plan war es, nach Saarlouis zu IKEA, dann nach Wasserbillig zum Tanken, und dann nach Trier zu fahren. <strong>Sein<\/strong> Plan war es, dass ich nach Saarbr\u00fccken zum Zug fahre, und er mit dem Auto wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Ich war den Rest des Tages so oberstinkesauer, wie man sich das kaum vorstellen kann, auch wenn man mich bereits eine Weile kennt, und mein Kehlkopf verkrampfte sich derart, dass meine Stimme klang, als w\u00fcrde ich gleich in Tr\u00e4nen ausbrechen &#8211; was mitnichten der Fall war, das garantiere ich.<br \/>\nIch verstehe sein Argument irgendwo: Ohne einen PKW kommt er weder zum Arzt noch in den Supermarkt, und seine Liebe zur pers\u00f6nlichen Unabh\u00e4ngigkeit, vielleicht auch Stolz, verhindert, dass er st\u00e4ndig die Nachbarn um Hilfe bitten will, wenn irgendwas im Haushalt fehlt.<\/p>\n<p>Seine Aussage <em>\u201eIch fahre nur noch die Strecken, die ich kenne\u201c<\/em> klingt an sich vern\u00fcnftig, wenn die Sache nicht zwei Pferdef\u00fc\u00dfe h\u00e4tte: Erstens hat ihn dieser schon vor l\u00e4ngerer Zeit gefasste Vorsatz nicht daran gehindert, einen Ausflug nach Remich (Luxemburg, d.h. 250 km hin und zur\u00fcck) zu machen, denn er verst\u00f6\u00dft damit nicht gegen seinen Vorsatz: Die Strecke kennt er ja schlie\u00dflich auch, er ist sie bereits Dutzende Male gefahren &#8211; was k\u00f6nnte also schief gehen? Der zweite Punkt k\u00f6nnte schief gehen: Wenn sein Arzt eine Aussage macht, wie, dass er (wegen der Gefahr eines neuerlichen Schlaganfalls) jeden Moment tot umfallen k\u00f6nne, dann meint er damit eindeutig nicht, <em>\u201eDas kann Ihnen nat\u00fcrlich nie w\u00e4hrend des Autofahrens passieren\u201c<\/em>!!<\/p>\n<p>Der Herr Gro\u00dfvater hat chronisch geschwollene H\u00e4nde (keine Entz\u00fcndung, aber Wasseransammlung im Gewebe), kann keinerlei Arbeiten mehr verrichten, kann kaum noch gehen, hat gro\u00dfe M\u00fche, aus dem Autositz (oder seinem Sessel) zu kommen, ist erst zu deutlicher Sprache f\u00e4hig, nachdem am Morgen sein Kreislauf ein wenig in Schwung gekommen ist, seine Aufmerksamkeitsspanne ist geschrumpft wie ein Joghurtbecher im Backofen (und wenn ich damals auf der R\u00fcckfahrt von Neuss im Beifahrersitz geschlafen h\u00e4tte, anstatt bewusst auf sein Fahrverhalten zu achten, w\u00e4re ich heute vielleicht nicht mehr unter den Lebenden), und er ist auf einem Auge blind. Sein infarktgef\u00e4hrdetes Herz und seine anf\u00e4lligen Blutgef\u00e4\u00dfe im Gehirn interessieren sich nicht die Bohne daf\u00fcr, wie gut er die Strecke kennt&#8230; wenn er w\u00e4hrend der Fahrt auf der Landstra\u00dfe pl\u00f6tzlich das Bewusstsein verliert, bringt er hoffentlich nur sich alleine um \u2013 und nicht noch meine Gro\u00dfmutter und Leute, die in einem entgegenkommenden Fahrzeug sitzen.<\/p>\n<p>Oder angenommen, es gibt nur einen Personenschaden \u2013 was sagt wohl die Versicherung, wenn sie erf\u00e4hrt, dass der Fahrer des Wagens eigentlich fahruntauglich war? So eine Schadensersatzforderung wegen eines Personenschadens kann ihn dabei sein (und damit mein) k\u00fcrzlich erst abbezahltes Haus kosten. Aber auch ein Sachschaden w\u00e4re unter diesen Bedingungen vermutlich schon geradezu unbezahlbar.<\/p>\n<p>Auf Anfrage habe ich erfahren, dass die F\u00fchrerscheinstelle einen F\u00fchrerschein bei fehlender Eignung eines Fahrers einziehen kann, und das auch aus Krankheitsgr\u00fcnden, denn ich kann nicht zulassen, dass der alte Mann sich selbst und andere gef\u00e4hrdet. Wenn er ins Dorf oder zum Einkaufen will, dann soll er sich ein Taxi nehmen. F\u00fcr die drei Termine, die er im Monat hat, wird er sich das leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Anruf bei der Fahrerlaubnisbeh\u00f6rde in Homburg brachte etwas Licht in den Fall: Wenn irgendjemand den begr\u00fcndeten Verdacht hat, dass jemand auf Grund egal welcher Einschr\u00e4nkungen nicht mehr fahrtauglich ist, dann kann er das den Beh\u00f6rden melden, und diese laden dann den Verd\u00e4chtigten zu einem \u00e4rztlichen Untersuchungstermin vor, bei dem vom Amtsarzt oder Verkehrsarzt entschieden wird, ob der Betroffene seinen F\u00fchrerschein behalten darf. Ung\u00fcnstig f\u00fcr mich als Familienmitglied ist dabei, dass die Beh\u00f6rde dem zu Untersuchenden nicht verheimlichen darf, wer den Tipp gegeben hat. Das w\u00fcrde ein Familiendrama ausl\u00f6sen&#8230; das ist wahrscheinlich in anderen F\u00e4llen bereits geschehen und deswegen melden auch viele Familien ihre \u00e4lteren Fahrer nicht und hoffen auf das Beste. Der Mann am Telefon empfahl mir allerdings, mit der Polizei Kontakt aufzunehmen, die den verd\u00e4chtigten Fahrer dann &#8220;zuf\u00e4llig&#8221; kontrollieren k\u00f6nne, wenn er unterwegs ist. So w\u00fcrde die Polizei den Untersuchungsantrag stellen, und die Familie ist aus dem Schneider. Was ich nicht erwartet habe, ist, dass sogar der Hausarzt diese Meldung machen kann. Ich dachte, der sei durch seine Schweigepflicht gebunden. Scheinbar gilt das nicht bei Gefahr f\u00fcr die Allgemeinheit.<\/p>\n<p>Ich werde wohl dem Herrn Doktor mal schreiben, und ihn auffordern, den gef\u00e4hrlichen Fahrer zu melden. Ganz eindeutig wird der Gro\u00dfvater empfindlich reagieren und der Arzt wird vermutlich diesen Patienten aus Trotz verlieren &#8211; andererseits: Wie lange, glaubt dieser Arzt eigentlich, wird jener Patient auch bei Nichtmeldung noch sein Patient sein, wenn er ja &#8220;jeden Moment umfallen&#8221; kann?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Springen wir zu Dienstag, dem 25. August. Der Plan war klar: Am Dienstag Morgen wollte ich bereits vor dem Mittagessen wieder in Richtung Trier fahren. Melanie wollte unbedingt ein weiteres kleines Regal kaufen, damit die Mikrowelle nicht im B\u00fccherregal im Wohnzimmer stehen muss. 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