{"id":6,"date":"2006-11-19T14:14:54","date_gmt":"2006-11-19T13:14:54","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=6"},"modified":"2009-09-25T11:46:20","modified_gmt":"2009-09-25T09:46:20","slug":"der-japanische-blick-nach-asien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=6","title":{"rendered":"Der japanische Blick nach Asien"},"content":{"rendered":"<p>Da ist  mir im Laufe eines aktuellen Hauptseminars ein Aufsatz von einem Herrn Tanaka in die H\u00e4nde gekommen, betitelt mit &#8220;Enkan no soto he&#8221; &#8211; &#8220;Aus dem Ring heraus&#8221;.<\/p>\n<p>Der Text besch\u00e4ftigt sich mit dem sich ver\u00e4ndernden Verh\u00e4ltnis der Japaner zum asiatischen Kontinent, bedingt zum einen durch den japanischen Export von Popul\u00e4rkultur in Form von allen m\u00f6glichen Medien, und zum anderen eigentlich noch mehr durch die steigende Beliebtheit von Importen aus Asien, seien es nun M\u00f6bel, Nahrungsmittel oder Popstars, und wie Asien demnach in japanischen Medien dargestellt wird.<\/p>\n<p>Zur Darstellung der Entwicklung greift der Autor zu v\u00f6llig legitimen Argumenten, aber ich muss doch hier und da ein wenig dar\u00fcber l\u00e4cheln. Bestimmend f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis der Japaner zum Kontinent, sagt er, sei bisher eine gewisse Distanz gewesen. Japaner seien ganz \u00fcberrascht, wenn man sie als Asiaten bezeichne. Darin mag viel Wahrheit liegen, aber dieser Umstand \u00fcberrascht mich nicht. Welcher gestandene Engl\u00e4nder w\u00fcrde kein s\u00fcffisantes L\u00e4cheln aufsetzen, wenn man ihn als Europ\u00e4er bezeichnet? Bestimmte Bewusstseinsz\u00fcge scheinen allen Inselv\u00f6lkern inne zu wohnen. Vielleicht sollte man eine entsprechende Umfrage auf Madagaskar starten: &#8220;Betrachten Sie sich als Afrikaner?&#8221;<\/p>\n<p>Dass die geistige Distanz der Japaner zum Kontinent unter anderem auch auf einem aus dem \u00f6ffentlichen Bewusstsein weitgehend verdr\u00e4ngten mehrj\u00e4hrigen, z\u00fcgellosen imperialistischen Feldzug inklusive einiger Millionen Toter und Erniedrigter beruht, steht da nat\u00fcrlich nicht, aber ich will es der Vollst\u00e4ndigkeit halber dennoch erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Also Japan wendet sich wieder Asien zu. Japaner fahren nach Korea und schwelgen darin, dass es dort so sch\u00f6n sei, &#8220;wie fr\u00fcher in Japan&#8221;. Man schwelgt also in romantischer Verkl\u00e4rung und es gelangt \u00fcberhaupt nicht ins Bewusstsein, dass man den Koreanern damit R\u00fcckst\u00e4ndigkeit bescheinigt. Und was soll das eigentlich hei\u00dfen <em>&#8220;Da ist es wie fr\u00fcher in Japan&#8221;<\/em>? Was hei\u00dft &#8220;fr\u00fcher&#8221;?<br \/>\nDie Frage beantwortet sich mir nicht so einfach, aber ein Umstand aus der Popul\u00e4rkultur zeigt meines Erachtens grob in die Richtung der Wahrheit:<br \/>\nWenn Japaner in meinem Alter von &#8220;Sh\u00f4wa Idols&#8221; reden (= Popstars der Sh\u00f4wa \u00c4ra), dann meinen sie S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen aus den Achtziger Jahren, und die sind gerade mal das letzte Jahrzehnt der genannten \u00c4ra. Dabei f\u00e4ngt das Sh\u00f4wa-Zeitalter mit der Thronbesteigung des Kaisers Hirohito anno 1926 an. Das Zeitgef\u00fchl der Japaner, deren Konservative gerne die 2000j\u00e4hrige Geschichte des Kaiserhauses betonen, reicht also scheinbar im Allgemeinen nicht weit.<\/p>\n<p>Von der Romantik zum Pragmatismus: Im Mittelpunkt japanischer Aufmerksamkeit stand die meiste Zeit im Laufe der Geschichte der Teil der Welt, von dem man etwas lernen zu k\u00f6nnen glaubte. Das war eine ganze Weile China, in der Neuzeit war es Europa, in der Folge des Zweiten Weltkrieges waren es die USA. In Anbetracht der wirtschaftlich schnell aufsteigenden und expandierenden Volksrepublik China scheint es mir also wenig verwunderlich, wenn kontinentale Angelegenheiten wieder n\u00e4her &#8211; oder ganz &#8211; ins Zentrum der japanischen Aufmerksamkeit r\u00fccken.<\/p>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich ganz richtig, wenn Tanaka sagt, dass die Massenmedien einen bedeutenden Anteil am Fortschreiten dieser &#8220;R\u00fcckbesinnung auf Asien&#8221; haben. Mir pers\u00f6nlich d\u00fcnkt allerdings, dass die Medien exotische, romantische und zum einen heilsbringende, zum anderen Grauen erregende Aspekte hervorheben, w\u00e4hrend die im Gegensatz zur bunten Fernsehwelt in tristem, unpopul\u00e4ren Grau von Zahlenkolonnen erscheinenden wirtschaftlichen Anreize lediglich von daf\u00fcr zust\u00e4ndigen Kreisen wahrgenommen und aufgegriffen werden. Die potentiellen Absatzm\u00f6glichkeiten f\u00fcr japanischen Stahl in China rei\u00dfen im Fr\u00fchst\u00fccksprogramm halt keinen so richtig vom Fr\u00fchst\u00fcck weg. Nur bei Bomben im Irak oder h\u00fcbschen Koreanerinnen h\u00e4lt man beim Kauen vielleicht mal f\u00fcr f\u00fcnf Sekunden inne.<\/p>\n<p>China und Korea sind geografisch relativ nahe an Japan gelegen. Aber Asien ist gro\u00df, sehr gro\u00df, mit einer kaum \u00fcberschaubaren Vielzahl von kulturellen F\u00e4rbungen. Asien f\u00e4ngt gewisserma\u00dfen in Istanbul an und endet in Tokyo. Ein Gro\u00dfteil Asiens ist also ein fernes Land, und wegen dieser Entferntheit, sagt Tanaka, werde Asien zum Teil zu einem gewisserma\u00dfen fiktiven Ort.<br \/>\nWenn man nicht weiter dar\u00fcber nachdenkt, klingt das nat\u00fcrlich toll. Aber dass man sich in Ermangelung von Fakten ein Gewirr aus Ger\u00fcchten, \u00dcberlieferungen und Halbwahrheiten zu einer subjektiven Realit\u00e4t zusammenstrickt, ist auch nichts Neues. Ich glaube, die R\u00f6mer wollten der Nachwelt weismachen, die Karthager w\u00fcrden neugeborene Kinder ihren G\u00f6ttern opfern, indem sie sie bei lebendigem Leib in einen geweihten Glutofen warfen.<\/p>\n<p>Und die multimediale Welt ist voll dabei, uns, je nach pers\u00f6nlichem Geschmack, in unserer Meinung zu best\u00e4rken, da wir gerne aufnehmen, was wir glauben wollen und alles andere lieber vergessen. Da hei\u00dft es bei uns zum Beispiel, in Japan ginge alles diszipliniert und wohl organisiert vor. Das beschere den Japanern ihre wirtschaftliche Stellung in der Welt. Als negative Konsequenz seien arbeitende Japaner und vor allem die dortigen Sch\u00fcler einem erheblichen Stress durch Leistungsdruck ausgesetzt und viele st\u00fcrzten sich vom Dach der Schule, weswegen man da oben Z\u00e4une gebaut hat. Zum anderen seien Japaner aber auch gleichzeitig so ausgeglichen &#8211; wegen des Buddhismus. Und sie essen in erster Linie gesunde kleine Reisb\u00e4llchen mit Fisch drauf oder drin.<br \/>\nWer auch immer sich das ausgedacht hat, muss woanders gewesen sein als ich. Aber ich fasse ja nur verschiedene Ansichten zusammen; bislang habe ich noch niemanden getroffen, der von allen diesen Punkten gleichzeitig \u00fcberzeugt war.<\/p>\n<p>Und die Konstruktion einer subjektiven Realit\u00e4t l\u00e4uft in Japan eben nicht viel anders als bei uns. Auch die Leute dort weben und kn\u00fcpfen sich den Flickenteppich Asien, wie es ihnen am besten gef\u00e4llt &#8211; zusammengesetzt aus all dem, was man im Fernsehen so mitbekommt. Exotik und Romantik, Heil und Horror. Und alles scheint darauf zu beruhen, dass man &#8220;die Asiaten&#8221; f\u00fcr r\u00fcckst\u00e4ndig h\u00e4lt.<br \/>\nIn S\u00fcdkorea sieht man die Werte und Tugenden des Konfuzianismus, die man im eigenen Land verloren glaubt, in Zentralasien sieht man Brutst\u00e4tten f\u00fcr den internationalen Terrorismus, in S\u00fcdostasien wechselt ein General gewaltsam den anderen ab und in Nordkorea sitzt die nukleare Bedrohung vor der eigenen Haust\u00fcr, wie das in einem anderen politischen und geografischen Zusammenhang einmal in Kuba zur Realit\u00e4t zu werden drohte&#8230; und leider fehlt den Japanern der JFK, der das hinbiegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ist mir im Laufe eines aktuellen Hauptseminars ein Aufsatz von einem Herrn Tanaka in die H\u00e4nde gekommen, betitelt mit &#8220;Enkan no soto he&#8221; &#8211; &#8220;Aus dem Ring heraus&#8221;. 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