{"id":500,"date":"2009-06-14T17:25:21","date_gmt":"2009-06-14T15:25:21","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=500"},"modified":"2017-10-22T13:08:57","modified_gmt":"2017-10-22T11:08:57","slug":"oh-canada","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=500","title":{"rendered":"Oh Canada&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Bei einem lockeren Tagesjob quasi genau vor meiner Haust\u00fcr (ein bisschen au\u00dferhalb vom gegen\u00fcberliegenden Ende der Uni) hatte ich diesmal das Vergn\u00fcgen, einen Kanadier kennen zu lernen. Es ging darum, im Kellergescho\u00df eines Hauses eine zus\u00e4tzliche Wand einzubauen, eine Fl\u00e4che von ca. vier Quadratmetern, und besagter Kanadier ist a) ein erfahrener Bauschreiner und b) der Schwiegersohn der Schwester der alten Dame, die in besagtem Keller wohnt.<\/p>\n<p>Mein erster Eindruck war, dass es sich um einen Hanseaten handele, wegen der markant alveolaren Aussprache des Lautes &#8220;R&#8221;, aber die typischen Schwierigkeiten bei der Auswahl der Artikel &#8220;der&#8221;, &#8220;die&#8221;, oder &#8220;das&#8221; entlarvten ihn schnell als geb\u00fcrtigen Ausl\u00e4nder, und als er dann anfing, von Eishockey zu erz\u00e4hlen und wie ihn sein Vater zum Teil mitten in der Nacht vor den Fernseher gesetzt habe, um die Endspiele Kanadas gegen die CSSR oder die UdSSR zu sehen, war der Fall klar (und wurde auch schnell best\u00e4tigt).<\/p>\n<p>Aber zuerst bot man mir was zu essen an, Br\u00f6tchen, Kartoffelsalat, und Wiener W\u00fcrstchen. Ich a\u00df eine kleine Portion davon, damit der Magen nicht knurrte, und erwehrte mich aller Versuche, mir erneut etwas auf den Teller zu laden. Das hing noch nicht einmal damit zusammen, dass es sich um den langweiligsten Kartoffelsalat handelte, den ich je gegessen habe (ich glaube, da waren nur Kartoffeln und Mayonnaise nebst einiger Spurenelemente von Gew\u00fcrzen drin), sondern schlicht damit, dass ein voller Bauch nicht gern arbeitet, und Dave, der Kanadier, stimmt mir da zu.<\/p>\n<p>Wir s\u00e4gten also ein paar armdicke Balken zurecht, d\u00fcbelten sie an Decke und Boden fest, verschraubten dann L\u00e4ngs- und Querbalken, montierten Spanplatten an einer Seite, f\u00fcllten den Zwischenraum mit D\u00e4mmstoff, montierten anschlie\u00dfend auch Spanplatten auf der zweiten Seite und waren fertig. Zum Tapezieren am Folgetag w\u00fcrde er mich nicht brauchen.<\/p>\n<p>Das klingt nach einer Stunde, es waren aber sieben, und das, ohne dass grobe Fehler gemacht wurden, abgesehen von ein paar Schnittfehlern, die daher kommen, dass Dave englisch denkt: Er misst innen etwas aus, SAGT <em>&#8220;eins-<strong>vier<\/strong>-und-<strong>drei<\/strong>\u00dfig&#8221;<\/em>, und stellt dann fest, dass sein Querbalken neun Zentimeter zu lang ist, weil er DENKT <em>&#8220;one-point<strong>-four<\/strong>&#8211;<strong>three<\/strong>&#8220;<\/em>,\u00a0 also  &#8220;1,43&#8221; statt &#8220;1,34&#8221;. Er sagte, er habe \u00f6fters Probleme mit der deutschen Eigenart, die zweistelligen Zahlen &#8220;in falscher Reihenfolge&#8221; zu nennen.<\/p>\n<p>Zwischendurch wurde neben uns ein kleiner Tisch aufgebaut, auf dem Lipton Eistee, schwarzer Tee, und eine Flasche Mineralwasser bereitstanden, und daneben ein Teller mit Teilchen aus der B\u00e4ckerei. Tee und Wasser haben wir getrunken, die Teilchen aber liegen gelassen. Das Konzept, dass essen und arbeiten sich nicht so vertragen, schien nicht ganz angekommen zu sein.<br \/>\n<em>&#8220;M\u00f6gen Sie beide denn keine Teilchen?&#8221;<br \/>\n&#8220;Doch, aber erst nach der Arbeit.&#8221;<\/em><br \/>\nSie wurden aber auch nachher nicht gegessen. Zumindest nicht von uns. Ich sp\u00fcrte nach dem Aufr\u00e4umen einen Anflug von hungergeleiteter Versuchung, aber der Gedanke an meine schmutzigen H\u00e4nde hielt mich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Dave ist ein unterhaltsamer Kerl. Nicht mehr ganz schlank, noch nicht Vierzig, mit angegrauten Haaren und Kinnbart, Liebhaber von T\u00e4towierungen, und mit H\u00e4nden, die zum Beruf passen. Vor 16 Jahren ist er nach Deutschland gekommen, wie genau, sagte er nicht, und hat hier geheiratet. Er hebt bereitwillig hervor, dass er wenig Bildung habe und mit B\u00fcchern kaum was anfangen k\u00f6nne. Die Gebr\u00fcder Grimm jedenfalls h\u00e4lt er f\u00fcr die beiden Typen aus dem Film <em>&#8220;Brothers Grimm&#8221;<\/em>&#8230; nun ja, bei ihm zuhause lese man den Kindern Mark Twain vor. In seiner fr\u00fchen Jugend habe er &#8220;D&#038;D&#8221; und &#8220;Squad Leader&#8221; gespielt&#8230; und war \u00fcberrascht, dass ich schon mal davon geh\u00f6rt habe. Heute h\u00e4nge sein Herz eher an Spielkonsolen und PC-Spielen, nachdem er vor gar nicht allzu langen Jahren noch der Meinung gewesen war, das sei alles Quatsch. Dann allerdings habe er an einem lokalen Pokerturnier teilgenommen und sei bereits als zweiter ausgeschieden. Da er mit einem Freund und Mitfahrer da war, konnte er nicht einfach so verschwinden, und sa\u00df gelangweilt in der Gegend herum, bis ihm sein Bekannter seine PSP (PlayStation Portable) zum Zeitvertreib lieh&#8230; und seitdem sei er ein Fan. \u00dcber Konsolen kann ich leider nicht reden, ich h\u00e4nge nicht sonderlich an ihnen, nachdem die Controller seit der PS2 so kompliziert geworden sind. Ich mag Maus und Joystick. Mit seiner Erw\u00e4hnung von &#8220;Warhammer&#8221; konnte ich allerdings auch wenig anfangen, da er das PC Spiel meint und ich dabei eher an ein Tabletop mit Ma\u00dfband und Miniaturen denke.<\/p>\n<p>Bevor er eine Anstellung als Arbeiter bekam, hielt er sich mit Schwarzarbeit \u00fcber Wasser, wor\u00fcber er scheinbar gern Witze macht: <em>&#8220;Den Akkubohrer hier hab ich vor 16 Jahren von meinem ersten Schwarzgeld gekauft&#8230; und die Hands\u00e4ge da von meinem zweiten.&#8221; <\/em>Der Akkubohrer ist \u00fcbrigens von FESTO, kostete damals 400 DM, und l\u00e4uft nach all den Jahren noch problemlos, nur der aktuelle Akku sei neu. Auch die Bits (die Schraubaufs\u00e4tze) seien bereits einige Zeit alt, aber die sind noch fast wie neu. Wer solche Sets im Sonderangebot f\u00fcr sechs Euro made in Korea kaufe, sei ja selber schuld.<\/p>\n<p>Wir arbeiteten nicht langsam, waren aber auch nicht in Eile. Prima Sache, gute Stimmung. Ich habe dann und wann mit den Z\u00e4hnen geknirscht, wenn ich an der linken Wand Schrauben drehen musste, weil ich den Schrauber dann mit der linken Hand bedienen musste, was bedeutete, dass mir \u00f6fters Schrauben runterfielen und sie nicht so sch\u00f6n im Holz verschwinden, weil ich mit Links nicht so viel Druck machen kann. <em>&#8220;Das Leben ist kein Ponyhof!&#8221;<\/em> sagt Dave dann scheinbar gern, verga\u00df aber auch nie, hinzuzuf\u00fcgen, dass es der bekloppteste Spruch sei, den er in Deutschland je geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Das habe er auch zu einem seiner fr\u00fcheren Helfer gesagt, einem Wehrdienstverweigerer von der Art &#8220;pazifistischer Punk&#8221;. Der habe sich beim Nageln auf den Finger geschlagen und sei dar\u00fcber in Tr\u00e4nen ausgebrochen. <em>&#8220;Ich habe gedacht, was ist das? Ein Mann flucht, wenn er sich auf den Finger schl\u00e4gt und mault rum, aber der fing an zu weinen! Unglaublich.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Da hatten sich auch die zwei Richtigen getroffen. Dave war einige Jahre bei der kanadischen Infanterie, war 91 im Irak, 92 in Bosnien und 93 in Mogadishu. Dieser Lebenslauf hat ihn nicht seine lockere Art gekostet, ihm aber scheinbar verr\u00fcckte Begegnungen eingebracht. So habe er vor ein paar Monaten eine Antwort auf ein Bewerbungsschreiben erhalten (sein Job ist nach 15 Jahren der derzeitigen Krise zum Opfer gefallen), und sei zu einem Gespr\u00e4ch eingeladen worden. Also sei er hingefahren, habe dann eine halbe Stunde gewartet, um schlie\u00dflich zu h\u00f6ren, <em>&#8220;Es tut mir leid, dass wir Ihnen derzeit keinen Job anbieten k\u00f6nnen, aber ich bin ehemaliger Fallschirmj\u00e4ger und ihr Lebenslauf liest sich so irre, dass ich Sie unbedingt kennenlernen wollte.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Um 2100 sind wir fertig. Ich wasche meine H\u00e4nde, tausche besten Dank mit der Auftraggeberin aus und erhalte einen Umschlag mit Geld&#8230; ein erstaunlicher Stundenlohn f\u00fcr meine Verh\u00e4ltnisse, der die beiden Wochenenden, die ich diesen Monate nicht im Teppichladen arbeite (gestern und am 27.), wieder ausgleicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einem lockeren Tagesjob quasi genau vor meiner Haust\u00fcr (ein bisschen au\u00dferhalb vom gegen\u00fcberliegenden Ende der Uni) hatte ich diesmal das Vergn\u00fcgen, einen Kanadier kennen zu lernen. 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