{"id":4183,"date":"2024-10-15T11:05:35","date_gmt":"2024-10-15T09:05:35","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4183"},"modified":"2024-10-15T11:05:35","modified_gmt":"2024-10-15T09:05:35","slug":"montag-30-08-2004-bis-donnerstag-02-09-2004","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4183","title":{"rendered":"Montag, 30.08.2004 bis Donnerstag, 02.09.2004"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und jetzt wird die Sache schwierig. Meine letzten Tage in Hirosaki waren gesch\u00e4ftig und es existieren keinerlei schriftliche Aufzeichnungen von mir. Mit 20 Jahren Abstand habe ich auch fast alles vergessen, was sich in der Zeit abgespielt hat. Ich musste Melanies Tagebuch zu Rate ziehen, das sich nat\u00fcrlich auf ihre eigenen Erlebnisse konzentriert und meine nur insoweit behandelt, wie sie uns beide betreffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 30. August trafen wir JP und seine damalige Freundin Emi, die uns aufforderten, morgen Nachmittag um F\u00fcnf mit ihnen Soba essen zu gehen. Ja, JP geh\u00f6rte nat\u00fcrlich zu den Trierer Austauschstudenten, die 2002 bis 2003 in Hirosaki gewesen waren, und wie es scheint, befand er sich gerade zur Urlaubszwecken in Japan. Ich kann allerdings nicht rekonstruieren, ob er am vorletzten Augusttag pl\u00f6tzlich vor der T\u00fcr stand oder ob er sich angek\u00fcndigt hatte, da sich in meinen eigenen Aufzeichnungen kein Hinweis befindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 31. August hat es wohl morgens kr\u00e4ftig geregnet, ab F\u00fcnf oder so. Zuvor war Melanie rausgegangen, weil sie nicht schlafen konnte und betrachtete den Sonnenaufgang. Am Nachmittag um F\u00fcnf gingen wir mit JP und Emi zum gemeinsamen Soba-Essen gegen\u00fcber vom Sunkus Conbini. Soba sind gut, treffen aber meinen pers\u00f6nlichen Geschmack nicht so, dass ich dringend nochmal welche essen m\u00fcsste. Wir verbrachten zwei Stunden in dem Restaurant. <br>Danach sah ich mir mit Melanie die aktuelle SailorMoon Episode und den Film \u201eBayside Shakedown 2\u201c an. Der Inhalt der Episode wurde leider nicht festgehalten. Der Film war gar nicht schlecht. Vielleicht nicht wirklich gut, aber gar nicht schlecht. Nur das Ende zog sich ein bisschen.<br>Und dann fing ich an, meine Sachen zu packen. Mich \u00e4rgerte, dass ich meine erworbene CD-Sammlung \u00fcber den Standardversand nicht versichern konnte. Wenn ich eine Versicherung f\u00fcr meine Ware wollte, musste ich den n\u00e4chsth\u00f6heren Service kaufen und der kostete 10000 Yen pro Paket (also mal eben um die 75 Euro). Dann eben nicht. Die Angelegenheit lief aber gut und es ging nichts verloren.<br>\u00dcbrigens dauerte es nach diesem Tag noch \u00fcber 10 Jahre, bis ich endlich dazu kam, SailorMoon bis zum Ende anzusehen. Ich machte im Laufe der Jahre mehrere Anl\u00e4ufe, blieb aber immer irgendwo stecken und musste wieder ein paar Jahre sp\u00e4ter von vorn anfangen. Ich finde die Serie gut erz\u00e4hlt und ich mag den Plot Twist, der daf\u00fcr sorgt, dass man nicht einfach &#8220;mehr vom Gleichen&#8221; hat &#8211; eine Wunschvorstellung vieler Animefans, die zum Beispiel der Cowboy Bebop Realverfilmung nach nur einer Staffel ungerechtfertigterweise das Genick brach. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 1. September ging weiter mit dem Packen meiner Siebensachen. Laut Melanies Aufzeichnungen war ich an jenem Tag auch unterwegs, um unsere Gasrechnung zu bezahlen, aber das kann nicht sein, weil ich diesen Vorgang bereits am 29. August beschrieben habe. Es ist aber nicht auszuschlie\u00dfen, dass ich irgendwo noch irgendwas habe bezahlen m\u00fcssen, denn am ersten Tag eines jeden Monats bekamen wir unsere Stipendien ausgezahlt und ich verf\u00fcgte also wieder \u00fcber mehr als die umgerechnet 35 Euro von vorgestern. Nun, wie es scheint, fasste mein Koffer das Sammelsurium an Dingen nicht, die ich mir in Japan zugelegt hatte und wir mussten eine gro\u00dfe Kiste f\u00fcr mich in Beschlag nehmen, die Melanie eigentlich f\u00fcr sich selbst gekauft hatte. Auch diese Kiste wurde noch voll, mit Melanies Winterjacke als polsterndem Abschluss. Insgesamt mussten sieben Pakete zur Post, sechs kleine und das eine gro\u00dfe, aber wir schafften mangels Transportkapazit\u00e4t nur f\u00fcnf im ersten Rutsch.<br>Wir waren am Postamt um etwa halb drei. Die Pakete gingen mitunter an verschiedene Empf\u00e4nger und wurden auf verschiedenen Servicestufen verschickt, das dauert halt. Bis dann alle zollrelevanten Zettel ausgef\u00fcllt und unterschrieben waren, war es auch schon Drei. Gerade noch rechtzeitig, denn um 15 Uhr kam das Abholfahrzeug, das die Pakete der vergangenen 24 Stunden zum Verteilerzentrum brachte. Auch hier bekamen wir ein Handtuch geschenkt, allerdings habe ich keine Ahnung, was aus dem geworden ist, ich habe auch an dieses Detail keinerlei Erinnerung. Zwanzig Minuten sp\u00e4ter waren wir mit den verbliebenen beiden Paketen wieder zur\u00fcck und brachten auch diese auf den Weg. Wir m\u00fcssen wohl schon verschwitzt und m\u00fcde ausgesehen haben, denn der Schichtleiter machte uns mit einer Liebensw\u00fcrdigkeit, die dem japanischen Dienstleistungsgewerbe eigen ist, darauf aufmerksam, dass man bei solch umfangreichen Sendungen einfach anrufen und die Ware ohne weitere Kosten an der Haust\u00fcr abholen lassen k\u00f6nne. Melanie w\u00fcrde davon sicherlich profitieren, denn sie musste ja ebenfalls in sehr absehbarer Zeit ihre Sachen nach Hause schicken.<br>Wir fuhren nach Nishihiro, um die Miete zu \u00fcberweisen, und dann weiter ins Center. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, alle meine Tagebucheintr\u00e4ge auszudrucken, um sie nachfolgenden \u201eGenerationen\u201c zur Verf\u00fcgung zu stellen, sei es als m\u00f6gliche Hilfestellung, sei es zur Unterhaltung, also handelte ich mit Frau Torigata aus, die vielen, vielen Seiten in Form von zwei Aktenordnern ins Regal stellen zu d\u00fcrfen. Titel der Sammlung: \u201eHirosaki ni \u2018tte\u201c, Anlehnung an \u201eKinosaki ni \u2018tte\u201c von Shiga Naoya. Und das alles hielt uns auf bis um etwa Sechs. Und dann fuhren wir zur Familie Jin, von der ich mich verabschieden wollte.<br>Ich glaube, ich war spontan auf diese Idee gekommen und hatte mich bzw. uns nicht angek\u00fcndigt, dem entsprechend waren Frau Jin, Y\u00fbtar\u00f4 und Y\u00fbmiko auch nicht zuhause. Ich bin bis heute geradezu erstaunt, dass ich von Melanie wegen dieses Fehltritts nie die Leviten gelesen bekam. Aber Gro\u00dfmutter Jin bat uns h\u00f6flich herein, ihre Schwiegertochter und ihre Enkelin seien gerade auf einer Besorgungsfahrt, und setzte uns ins Wohnzimmer im Erdgeschoss, worauf sie zum Telefon griff, um unsere Anwesenheit mitzuteilen.<br>An das Zimmer erinnere ich mich relativ gut. Da standen gleich zwei Klaviere an der Wand, etwa in der Mitte standen sich zwei kleine senfgelbe Sofas an einem kleinen, etwa kniehohen Wohnzimmertisch gegen\u00fcber. Wir bekamen jeder eine geschnittene Birne, die perfekt nach Birne schmeckte und auch nicht vor Saft triefte, danach noch ein paar Kekse. Gro\u00dfmutter Jin wusste wohl nicht recht etwas mit uns anzufangen, also \u00fcberlie\u00df sie uns selbst, und es dauerte immerhin f\u00fcnfzig Minuten, bis kurz vor Sieben, bis Frau Jin mit Y\u00fbmiko zuhause eintraf. Y\u00fbtar\u00f4 wurde nicht erw\u00e4hnt, und Dr. Jin befand sich auf einer Tagung in Tokyo.<br>Wir unterhielten uns angenehm etwa eine Stunde lang und Melanie war es sicherlich unangenehm, dass wir ohne Geschenke aufgetaucht waren. Denn wir bekamen welche, und wir hatten ja den deutschen Kr\u00e4utertee exakt f\u00fcr solche Gelegenheiten mitgebracht. Ich glaube, Herr Ikeda war der einzige, der jemals etwas davon bekam. Melanie bekam ein sch\u00f6n anzusehendes Taschentuch mit Kirschbl\u00fctenmotiv, dazu einen Taschenspiegel mit Hasenpl\u00fcschbezug dran. Ich bekam\u2026 eine edel anmutende Krawatte in Himmelblau. Nat\u00fcrlich besitze ich diese Krawatte noch, und sie wurde auch nie ausgepackt. Nicht allein deshalb, weil es sich um ein ideell bedeutendes Geschenk handelte, sondern auch mangels Bedarf. Bei f\u00f6rmlichen Gelegenheiten trage ich meine schwarze Gakuran (japanische Schuluniform) mit den Dai-Kn\u00f6pfen aus Messing, die ist oben geschlossen und l\u00e4sst keinen Raum zum Vorzeigen einer Krawatte. Ich besitze keinen Anzug, zu dem man eine Krawatte tragen sollte, und ich habe Zweifel, dass dies jemals der Fall sein wird, da ich nicht davon ausgehe, jemals in einer entsprechenden Position zu arbeiten oder mich auf einem entsprechenden sozialen Niveau zu bewegen. Na ja, aber bei aller R\u00fchrung muss ich dennoch einf\u00fcgen, dass das Geschenk einer f\u00f6rmlichen Krawatte doch ein Gef\u00fchl des Alterns vermittelte. Das war nat\u00fcrlich nicht so gemeint; in Japan ist es normal, dass man sich als Abg\u00e4nger einer Universit\u00e4t einen Anzug zulegt, weil der sehr f\u00f6rmliche Bewerbungsprozess einen solchen notwendig macht. In Deutschland kleidet man sich eher dem Arbeitsplatz angemessen, wenn ich also eine Stelle anstrebe, wo man im Tagesgesch\u00e4ft keinen Anzug tr\u00e4gt, dann trage ich auch zum Bewerbungsgespr\u00e4ch keinen.<br>Wie dem auch sei. Melanie und ich hatten noch vor, im Sushi-Restaurant \u201eSeijir\u00f4\u201c essen zu gehen, da wir nie dort gewesen waren. Frau Jin hatte das Restaurant einmal erw\u00e4hnt, also fragten wir, ob sie wisse, wie lange dort ge\u00f6ffnet sei. Sie wusste es nicht, nahm sich aber das Telefon und rief an. Ge\u00f6ffnet bis um 22 Uhr, Einlass bis um 21:30. Und weil sie eine hatte, \u00fcberreichte sie uns noch eine Rabattkarte des \u201eSeijir\u00f4\u201c, die uns eine Erm\u00e4\u00dfigung von 1000 Yen bescherte. Sie esse \u00f6fter dort und sammele die Rabattstempel daher schnell an. Wir bedankten uns f\u00fcr alles, tauschten Adressen aus, und fuhren los, von Y\u00fbmiko noch f\u00fcnfzig Meter weit begleitet. Ich bin wom\u00f6glich noch nie so ungern irgendwo weggegangen. Ich musste auch im Nachhinein feststellen (als ich zuhause handschriftliche Daten auf den Computer speicherte), dass ich den Tag meines Abflugs einen Tag vor Y\u00fbmikos Geburtstag gesetzt hatte. Diesen Umstand bedauerlich zu nennen, w\u00e4re eine Untertreibung meiner spontanen Gef\u00fchle gewesen.<br>Das \u201eSeijir\u00f4\u201c jedenfalls mussten wir aber auch erst mal suchen und wiederfinden. Denn nach Anbruch der Dunkelheit sieht die Umgebung anders aus, wodurch wir Abzweigungen verpassten, die wir am Tag sofort erkannt h\u00e4tten, und wir wussten die Strecke auch nicht gerade auswendig, also fuhren wir ein paar Umwege. Um 20:30 kamen wir an und bekamen problemlos einen Tisch. Wir haben sicherlich wie westliche Barbaren gegessen, als g\u00e4be es kein Morgen, bei einem Budget von 4500 + 1000 Yen, also etwa 40 Euro zu der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich muss an dieser Stelle kurz auf die Besonderheit dieses Budgets eingehen, dessen Einrichtung ich bisher nicht erw\u00e4hnt habe. In unserem Apartment befand sich ein Gasboiler. Ein Mitarbeiter des Energieversorgers hatte den Boiler im vergangenen September eingeschaltet und die Bedienung erkl\u00e4rt, war aber nicht darauf eingegangen, wie man das Ger\u00e4t beim Verl\u00f6schen der Flamme wieder einschaltet. Hm. Mangels Erfahrung mit Gas kam ich auch nicht auf die Idee, danach zu fragen. Wie ich bald feststellte, ging die Flamme hin und wieder von alleine aus, weil das Gas vor\u00fcbergehend ungleichm\u00e4\u00dfig str\u00f6mte und es zu einer harmlosen Verpuffung kam, und das schon wenige Tage nach der Freigabe. Nach einem oder zwei Versuchen hatten wir raus, wie man das Ding wieder zum Laufen bekommt, also sollte die Heizflamme beim Verlassen des Hauses zum Sparen von Gas und Geld immer abgeschaltet werden. Wer das Abschalten verga\u00df, und wegen mitunter unterschiedlicher Unterrichtszeiten war in der Regel klar, wer zuletzt gegangen war, musste 100 Yen in ein Sammelglas werfen, das Melanie \u201edie Verfehlungskasse\u201c nannte. Ich hatte sicherlich ein anderes Wort daf\u00fcr, aber wenn, dann f\u00e4llt es mir nicht mehr ein.  Nun ja, von dem Budget in H\u00f6he von 4500 Yen waren 500 Yen von mir. Den Restbetrag \u2013 f\u00fcr unser Sushi im gehobenen Preissegment \u2013 hat demnach Melanie beigesteuert, ein Umstand, der in der Folgezeit f\u00fcr nicht wenig Humor sorgte. <br>Und dann war da nat\u00fcrlich noch der 1000 Yen Gutschein\u2026 aber mehr als 5000 Yen schafften wir nicht, bis einfach nichts mehr in den Magen passte. Das hei\u00dft, dass meine 500 Yen aus der Verfehlungskasse immer noch verf\u00fcgbar waren.<br>Um kurz vor Zehn waren wir zuhause, nach einem Besuch in der Videothek, wo wir uns den \u201eAtashi\u2019n\u2019chi\u201c Film ausliehen. Hm, es geht um K\u00f6rpertausch, nat\u00fcrlich Mikan und ihre Mutter, die den jungen, gesunden K\u00f6rper genie\u00dft und Mikan vor\u00fcbergehend zu einem Sportass macht. Unterhaltsam, aber nicht sonderlich originell. Die Serie hat die besseren Drehb\u00fccher und Dialoge.<br>Gegen Mitternacht endete der Tag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann kam der 2. September. Melanie hatte in der Nacht nur wenig geschlafen und war schon um F\u00fcnf wieder aufgestanden. K\u00f6nnte an dem reichhaltigen sp\u00e4ten Essen gestern Abend gelegen haben. Aber lange rumliegen konnte ich auch nicht, denn ich musste gleich nach Aomori zum Flughafen aufbrechen. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich dahin gekommen bin. Ich bin ziemlich sicher, nicht mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln gereist zu sein, also muss mich ja eigentlich jemand gefahren haben, aber ich habe keine Erinnerung daran. Ich wei\u00df daher auch nicht, ob es in Aomori oder in Bezug auf den Flug etwas Besonderes gab, denn meine wenigen Erinnerungen stammen vom Flughafen in Tokyo.<br>Dort kaufte ich eine Postkarte. Ich hatte meinem Dozenten (der Anglistik) Dr. Sch\u00e4fer vor meiner Abreise letztes Jahr versprochen, ihm eine Postkarte aus Japan zu schreiben. Das fiel mir hier an dieser Stelle siedend hei\u00df wieder ein, zum letztm\u00f6glichen Zeitpunkt. Ich habe auch keine Ahnung mehr, was auf der Karte abgebildet war oder was ich auf die Karte geschrieben habe, aber als wir uns bei unserem n\u00e4chsten Besprechungstermin begr\u00fc\u00dften, lachte er und sagte, er habe meine Postkarte erhalten, und was ich geschrieben hatte und wann ich es geschrieben hatte, sei genau gewesen, was er von mir erwartet habe.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><br>Weiter auff\u00e4llig waren die am Flughafen anwesenden Deutschen. Die mussten kein Wort sagen, obwohl sie rein \u00e4u\u00dferlich auch Franzosen oder D\u00e4nen oder sonst was in der Art h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Nein, man erkannte die Deutschen sofort an ihrem griesgr\u00e4migen Gesicht irgendwo zwischen Ernst des Lebens und schicksalsergeben erduldetem Weltschmerz, und ich fragte mich erneut: Will ich in dem Land wirklich leben, mit solchen Leuten? Aber im Nachhinein kann ich nur festhalten: Man gew\u00f6hnt sich an fast alles.<br>Und dann stand ich an der Zollkontrolle, wo ein Beamter meine Reisedokumente besah und wohl auch per Computer meine Daten pr\u00fcfte, denn er sagte zu mir: \u201eSie haben Ihre Krankenversicherungsbeitr\u00e4ge nicht vollst\u00e4ndig gezahlt.\u201c Er nannte mir den Betrag und wies mir den Weg zum n\u00e4chsten Bankautomaten. Es handelte sich um eine Summe zwischen 9000 und 10000 Yen, \u00fcber die ich ja in Bar verf\u00fcgte, also war das kein Problem. Allerdings muss ich mich im Nachhinein fragen, ob der Zollbeamte in Deutschland einem ausreisenden Austauschstudenten ebenfalls einen solchen ausstehenden Betrag nennen kann, oder ob dies mit dem Datenschutz nicht zu vereinbaren ist. Jedenfalls wurde mir erst nach dieser \u00dcberweisung die Ausreise erlaubt. Und so ging die Reise los, ich ber\u00fchrte vor dem Einstieg and\u00e4chtig den Erdboden, machte aus dem Flugzeug heraus noch zwei Fotos und das war\u2019s dann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Punkt in meinem Blog w\u00e4re eigentlich der Platz, um die Collage zu ver\u00f6ffentlichen, die ich von allen Mitstudierenden gemacht hatte, zu denen ich ein positives Verh\u00e4ltnis hatte. Von jedem ein Portr\u00e4t zu einem alphabetisch geordneten Poster zusammengef\u00fcgt. Aber ich hatte irgendwann ein Problem mit der Festplatte und ein paar Bilder verschwanden im Nichts. Das Poster war eines davon, die Backup CD-ROM existiert nicht mehr.<br>Dar\u00fcber hinaus hatte ich die Absicht, mir von jeder erreichbaren Person einen kurzen Abriss geben zu lassen, was aus ihr oder ihm in den vergangenen zwei Jahrzehnten geworden war, aber das scheiterte an einem Mangel an verbliebenen Kontakten im Vergleich zu der Masse an Adressen, die ich damals notiert hatte. Das hei\u00dft, ein paar Mailadressen wurden mir im Laufe der Jahre zwar als nicht mehr existent zur\u00fcckgemeldet, da konnte man nichts mehr machen, aber ich glaube, dass die technische Entwicklung die E-Mail einfach unpopul\u00e4r gemacht hat. Die meisten Leute kommunizieren heutzutage doch \u00fcber entsprechende Apps auf dem Handy. Wenn ich Mails schrieb und schreibe &#8211; vor allem nach Asien &#8211; dauert es mitunter Wochen, bis ich eine Antwort erhalte, falls ich eine Antwort erhalte, weil nur wenige \u00fcberhaupt noch Mailpostf\u00e4cher verwenden. Ich kann daher nur Aussagen \u00fcber wenige Personen machen, und deren letzte Informationen sind zum Teil schon uralt. Mein Freund Hiroyuki ist die einzige dauerhafte Ausnahme, der ist genauso \u201eoldschool\u201c wie ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frau Jin ist weiterhin Hausfrau mit zahlreichen Hobbys, mittlerweile kurz vorm Rentenalter.<br>Herr Jin ist bereits in Rente.<br>Y\u00fbtar\u00f4 geht einem B\u00fcrojob nach.<br>Y\u00fbmiko wurde Erzieherin in einem Kindergarten.<br>Gro\u00dfmutter Jin erfreut sich noch guter Gesundheit, aber Gro\u00dfvater Jin ist verstorben.<br>Hiroyuki ist Dozent f\u00fcr Germanistik an einer nicht n\u00e4her genannten Universit\u00e4t im Gro\u00dfraum Tokyo und hat eine Tochter.<br>SangSuu arbeitet wom\u00f6glich noch f\u00fcr Siemens und hat ebenfalls eine Tochter.<br>Mei und BiRei haben ebenfalls Familien gegr\u00fcndet.<br>Izham ist Network\/NOC Engineer bei KDDI America.<br>Alex ist Senior Renewal Manager at Salesforce an der Universit\u00e4t von Illinois.<br>Misi ist so unabh\u00e4ngig wie eh und je und wechselt Arbeitspl\u00e4tze, wie es ihm gef\u00e4llt, um seine Urlaube in Kroatien zu bezahlen, die er bevorzugt auf einem Mountainbike verbringt.<br>Irena engagierte sich in Ihrer Freizeit im Kindertheater und arbeitete hauptberuflich f\u00fcr einen Reiseveranstalter, bis sie zu Beginn der Coronapandemie mangels Reiseverkehr Ihren Arbeitsplatz verlor. Als ich Ihr eine Mail zum Geburtstag schrieb, warnte sie mich davor, mich impfen zu lassen, weil diese finsteren Zwecken diene und verstieg sich zu dem Vergleich, sie geh\u00f6re als Impfverweigerin zu den heutigen Juden, setzte also die damit einhergehenden Nachteile mit einer Verfolgung durch SS Einsatzgruppen gleich. Ich legte Ihr in sicherlich h\u00f6flicher aber eindeutiger Sprache dar, was ich davon hielt &#8211; und h\u00f6rte nie wieder von ihr. <br>Yui machte ihren Doktor und gr\u00fcndete eine Familie, allerdings nicht mit dem erw\u00e4hnten Daniel \u2013 der wurde erst nach Guantanamo kommandiert und dann in den Irak, ins ber\u00fcchtigte Abu Ghraib Gef\u00e4ngnis (nach dem Skandal), worauf sich seine Spur verlor. Yui bat mich vor etwa 15 Jahren einmal, ob ich nicht etwas herausfinden k\u00f6nne, aber ich konnte nur ermitteln, dass sein Name nicht in einer der Gefallenenlisten des US Milit\u00e4rs auftaucht.<br>Marc ist Senior Research Administrator an der Tohoku Universit\u00e4t.<br>Ricci fand einen tollen Mann \u00fcbers Internet und lebt mit ihm in den USA.<br>Ronald hat es zum Prof. Dr. an der Uni Trier gebracht und den Lehrstuhl von Frau Prof. Dr. G\u00f6ssmann \u00fcbernommen.<br><br>Ich schiebe an dieser Stelle die Feststellung ein, wie sehr ich tats\u00e4chlich diese vielen vielen Zeilen nur f\u00fcr mich schreibe. Immerhin brechen die Eintr\u00e4ge im Japantagebuch abrupt ab. Niemand kontaktierte mich, um nachzufragen, warum ich nicht weiterschrieb, wie die Geschichte denn nun weiter- oder zu Ende gehe. Ich bin nicht so b\u00f6se, dass ich annehme, dass es keinen interessiert. Ich gehe einfach davon aus, dass das Leben dem einen Riegel vorschiebt. Vollzeitarbeit, Ehe, Kinder, andere pers\u00f6nliche Angelegenheiten bis hin zu, ja, Interesseverschiebungen. Und wie bereits angedeutet, muss ich auch davon ausgehen, dass von den Mailadressen, die im Verteiler stehen, bestenfalls noch die wenigsten abgerufen werden. Das ist f\u00fcr mich pers\u00f6nlich schade, da ich mich nat\u00fcrlich auch auf ein wenig Interaktion gefreut hatte, aber ich bin auch jemand, den das Leben gelehrt hat, in dieser und vieler Hinsicht keine Erwartungen zu haben, dann bleibt auch die Entt\u00e4uschung aus. Also: Schade, aber nicht schlimm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kommen wir zum eindr\u00fccklichsten Teil meines Epilogs. Zum jetzigen Zeitpunkt muss ich n\u00e4mlich gestehen, dass ich bei der Abreise aus Japan entschlossen war, mich von Melanie zu trennen. Wir hatten zum ersten Mal zusammen in einer gemeinsamen Wohnung gelebt und es war nicht immer leicht gewesen. Mein Manuskript ist in diesem Bereich direkter und ungeschminkter als die Blogvariante, aber viele intime Details gehen den geneigten Leser einfach nichts an. Wir befanden uns t\u00e4glich in einer Situation der kulturellen Konfrontation. Japaner verhalten sich anders als Deutsche, das war anstrengend. Japaner sprechen zudem tendenziell Japanisch, was dem zugereisten Ausl\u00e4nder viel M\u00fche abverlangt, wir waren \u00fcber ein wenn auch gutes Smalltalk-Japanisch nicht hinausgekommen, und gew\u00f6hnliche Alltagskommunikation war daher ebenfalls anstrengend, denn wir mussten verstehen und mussten verstanden werden und das gelang nicht immer, auch das geh\u00f6rte zum allt\u00e4glichen Hintergrundrauschen, das f\u00fcr ein Level an Stress und Gereiztheit sorgte, das einfach nicht wegzubekommen war. Wir haben uns oft gestritten wegen irgendwelchem Bl\u00f6dsinn, wegen Dingen, die wir krummer nahmen, als es notwendig gewesen w\u00e4re. Ich war es leid, ich wollte nicht mehr wegen irgendwelcher Kleinigkeiten beschimpft und wie ein Idiot behandelt werden.<br>Zuhause angekommen musste ich mich um eine Wohnung k\u00fcmmern und entgegen meiner eben geschilderten Absicht suchte ich ein Apartment f\u00fcr zwei Personen. Melanie blieb noch drei Wochen in Japan, zwei davon in Hirosaki, wo sie von unseren im Beni Mart angesammelten Treuepunkten lebte, und eine Woche in Tokyo, wo sie bei \u201eClaudia\u201c unterkam, aber\u2026 wer ist Claudia? Jedenfalls hatte ich drei Wochen Beziehungsurlaub und die besserten meine Laune erheblich. Wir zogen zusammen in das private Wohnheim gegen\u00fcber der Uni und wohnten dort zusammen noch zehn Jahre, auch noch zwei Jahre \u00fcber unseren Hochschulabschluss hinaus, dann kamen wir nach Koblenz, wo wir nun auch schon zehn Jahre leben. 2019 wurde unser Sohn geboren\u2026 was soll ich sagen? Das Leben kennt H\u00f6henfl\u00fcge und Talsohlen, ich kenne mehr das letztere, aber ich vergesse nat\u00fcrlich die H\u00f6hen nicht. Mein Jahr in Japan war allem Stress und Streit zum Trotz die gr\u00f6\u00dfte H\u00f6he, die ich je erreichte, ein definierender Zeitraum in meinem Leben, ein Zeitraum, der mein Leben teilt: Vor Japan und nach Japan. Und ja \u2013 ich vermisse Japan heute mehr als ich Deutschland je in Japan vermisst habe.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nat\u00fcrlich wurde da grunds\u00e4tzlich Englisch gesprochen: <em>\u201eI received your postcard, and what you wrote and when you wrote it was exactly what I expected from you.\u201d<\/em> Und daran erinnere ich mich, als sei es letzte Woche gewesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und jetzt wird die Sache schwierig. Meine letzten Tage in Hirosaki waren gesch\u00e4ftig und es existieren keinerlei schriftliche Aufzeichnungen von mir. Mit 20 Jahren Abstand habe ich auch fast alles vergessen, was sich in der Zeit abgespielt hat. Ich musste Melanies Tagebuch zu Rate ziehen, das sich nat\u00fcrlich auf ihre eigenen Erlebnisse konzentriert und meine [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[8,7],"tags":[2169,2163,2152,2164],"class_list":["post-4183","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-japan","category-mylife","tag-auslandsaufenthalt","tag-auslandsstudium","tag-japan","tag-tagebuch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4183","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4183"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4183\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4194,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4183\/revisions\/4194"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4183"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4183"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4183"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}