{"id":4172,"date":"2024-08-29T07:00:00","date_gmt":"2024-08-29T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4172"},"modified":"2024-08-27T10:37:01","modified_gmt":"2024-08-27T08:37:01","slug":"sonntag-29-08-2004-yude-tamago","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4172","title":{"rendered":"Sonntag, 29.08.2004 \u2013 Yude Tamago"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute muss als erstes die Gasrechnung bezahlt werden. Ich will das vor Ort, bei der Gesellschaft selbst machen, weil ich immer noch meine Probleme beim Telefonieren mit Japanern habe. Entweder, weil die hier oft einen unverst\u00e4ndlichen Dialekt reden, oder weil ich einfach den Gegen\u00fcber nicht sehen kann und wegen der fehlenden K\u00f6rpersprache einiges weniger verstehe. Au\u00dferdem ist diese Gasangelegenheit dringend und ich will nicht warten, bis jemand bei mir vorbeikommt. Als ich das letzte Mal sp\u00e4t dran war mit bezahlen, stand zwar ziemlich schnell jemand vor meiner Haust\u00fcr, um die ausstehenden Geb\u00fchren zu kassieren, aber darauf soll man sich nicht verlassen.<br>Ich gehe also zur Post und frage dort nach der Adresse von \u201eLP Gas\u201c. Drei Minuten sp\u00e4ter erhalte ich eine Karte, auf der das Geb\u00e4ude eingezeichnet ist. Eigentlich ist es ganz einfach zu finden. Nur die fehlende Angabe eines Ma\u00dfstabes auf der Karte (ver)leitet mich ein gutes St\u00fcck zu weit. Man muss eigentlich nur auf der s\u00fcdlichen Hauptstra\u00dfe nach Osten fahren, wo sich das Book Off befindet. Das Book Off l\u00e4sst man allerdings, wo es ist, und f\u00e4hrt daran vorbei bis kurz vor das Cub Center, ein gro\u00dfes Kaufhaus, vergleichbar mit dem \u201eGlobus\u201c. Bevor man es erreicht, muss man einen kleinen Fluss \u00fcberqueren, und wenn man das tut, ist man schon zu weit. Man muss die Stra\u00dfe vor dem Fluss links einbiegen. Dann interpretiere ich die Karte, dass ich an der ersten Kreuzung links abbiegen muss, bis ich zu einer senkrecht verlaufenden Querstra\u00dfe komme. Die kann ich aber nicht entdecken. Also fahre ich noch ein wenig in der Gegend herum, um das Gel\u00e4nde zu sondieren und Orientierungspunkte zu finden. Schlie\u00dflich bin ich wieder an der Hauptstra\u00dfe. Aha, so ist das also. Der Ma\u00dfstab der Karte ist geradezu l\u00e4cherlich. Ich bin kurzerhand f\u00fcnfmal so weit gefahren wie notwendig.<br>Also biege ich wieder vor dem Cub Center in die entsprechende Richtung ab und nach vielleicht f\u00fcnfzig Metern in die erste Stra\u00dfe ein, die wie eine Kreuzung aussieht \u2013 nur ohne Ampel, sehr unscheinbar eigentlich. Und dann finde ich das Gasgeb\u00e4ude auch ganz schnell, 100 Meter weiter. Ich gehe zum Empfang, zahle meine Rechnung und erhalte ein Handtuch als Werbegeschenk.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Danach bin ich 13000 Yen \u00e4rmer und habe noch 4000 Yen in meinem Geldbeutel. Zum Gl\u00fcck habe ich noch Au\u00dfenst\u00e4nde, um mein Konto wieder ein wenig aufzuf\u00fcllen, und bis zum 01. September wird es wohl reichen. Ich fahre nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df nicht wie, aber ich komme gerade jetzt auf die Idee, ein Onsen zu besuchen. Wenn man nach Japan kommt, sollte man das schon einmal probiert haben. Was mich allerdings an einem wirklich warmen Tag wie diesem auf die Idee bringt, eine <strong>hei\u00dfe<\/strong> Quelle zu besuchen, ist mir ebenfalls schleierhaft. Zuerst muss ich allerdings herausfinden, wo \u00fcberhaupt ein Onsen ist. Dabei ist Hirosaki voll davon. Wir haben hier mehr echte hei\u00dfe Quellen (also vulkanisch gespeiste) als es in Tokyo gibt. Ich nehme die Stadtkarte von Melanie und fahre in den 100-Yen-Shop. Dort frage ich die Angestellte, aber die kann mich nur ein St\u00fcck die Stra\u00dfe runter schicken mit dem Hinweis, dass ich dort fragen solle, da sie nur wisse, dass es weiter s\u00fcd\u00f6stlich, in Richtung Ishikawa, ein Onsen gebe. Ich fahre dann also zwei Kilometer in diese Richtung, einfach die Hauptstra\u00dfe lang, und frage in der angegebenen Gegend eine Ladenbesitzerin. Das sei einfach zu finden, sagt die. Einfach weiter Richtung Ishikawa, an der Ampel an der Tankstelle geradeaus weiterfahren, und eigentlich k\u00f6nne man das blaue Schild des Badehauses bereits von der Ampel aus sehen.<br>Gesagt, getan, das Onsen ist dort, wo es sein soll. Ich gehe hinein und frage den \u00e4lteren Herrn an der Kasse, was man denn so brauche, wenn man ins Onsen geht. Nicht viel, sagt er, man brauche ein gro\u00dfes Badetuch zum Abtrocknen, ein kleines Handtuch, um es sich auf den Kopf zu legen, des Weiteren Badelatschen (weil mir die zur Verf\u00fcgung gestellten Gr\u00f6\u00dfen in der Regel nicht passen) und nat\u00fcrlich Waschzeug. F\u00fcr 300 Yen k\u00f6nne man dann so lange im Bad bleiben, wie man wolle. Ich fahre zur\u00fcck nach Nakano und sage Melanie Bescheid. Wir packen unsere Sachen und machen uns auf den Weg zum Bad. Da ich Onsen nur aus dem Fernsehen kenne, wei\u00df ich nicht, wie es im Bad mit Verh\u00fcllung der privaten K\u00f6rperteile aussieht. Ich nehme also vorsichtshalber zwei Badet\u00fccher mit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Badebetrieb ist nach Geschlechtern getrennt und man geht nackt ins Wasser. Und weil das alle machen, habe ich auch kein Problem damit. Was mich allerdings ein wenig \u00fcberrascht hat, war die Gro\u00dfmutter, die offenbar f\u00fcr den Betrieb verantwortlich ist und zweimal aus einer T\u00fcr (<em>\u201eNur f\u00fcr Angestellte\u201c<\/em>) in den M\u00e4nnerbaderaum kam, um\u2026 was wei\u00df ich was zu machen. Das schien niemanden sonderlich zu st\u00f6ren. Ich f\u00fchlte mich auch nicht peinlich ber\u00fchrt, aber verbl\u00fcfft war ich doch, ob der Selbstverst\u00e4ndlichkeit dieser \u201eBesuche\u201c.<br>Nachdem man sich gr\u00fcndlich gewaschen hat (ich beschr\u00e4nke mich allerdings auf zehn Minuten, weil ich nicht einsehe, mich mehrfach zu waschen, nur um den Japanern an Zeit gleichzukommen), kann man guten Gewissens in das Badebecken gehen und sich hei\u00df einweichen lassen. Das Wasser ist nicht so hei\u00df, wie ich dachte (daf\u00fcr ist das \u201ekalte\u201c Wasser der Duschen lauwarm), aber immerhin hat das Becken eine Temperatur von knapp 60 Grad Celsius. Ich kann nicht l\u00e4nger als f\u00fcnf Minuten drinnen bleiben, ohne f\u00fcrchten zu m\u00fcssen, das Bewusstsein zu verlieren, also sehe ich mich auf dem kleinen Gel\u00e4nde ein bisschen um. Das Badehaus, dessen M\u00e4nnerabteilung eine Gr\u00f6\u00dfe von vielleicht 5 x 6 Metern hat, erinnert mich irgendwie an eine Kirche. Die Decke ist sehr hoch und scheint das Dach selbst zu sein. Bei einer solchen \u201eDauerheizung\u201c muss man auch nicht auf Isolierung achten. Vor allem der kleine \u201eTurm\u201c, der aus dem Dach herausragt, verst\u00e4rkt meinen Eindruck, aber auch die Form der Fenster und die mehrfarbige Gestaltung der Scheiben, die sich weiter oben befinden. Die Fenster auf Menschenh\u00f6he sind v\u00f6llig normal. Au\u00dfen befindet sich ein so genanntes \u201eRotenburo\u201c, was lediglich hei\u00dft, dass es ein Badebecken au\u00dfen, unter freiem Himmel, ist. Aber dort gef\u00e4llt es mir nicht sonderlich. Unter freiem Himmel (mit Sichtschutz nach den Seiten nat\u00fcrlich) zu baden ist zwar ganz nett, aber ich frage mich, warum das Au\u00dfenbecken nur k\u00f6rperwarm ist. Ich habe den Verdacht, dass es nicht von der gleichen Quelle gespeist wird. Hier drau\u00dfen haben wir also das Onsen f\u00fcr Warmduscher.<br>Ich gehe wieder hinein und gebe mir meine zweite F\u00fcnfminutentour. Das Handtuch auf dem Kopf bringt \u00fcberhaupt nichts. Das hei\u00dft, es w\u00fcrde wohl was bringen, wenn das Wasser aus den Waschh\u00e4hnen an der Wand, in dem ich es eingeweicht habe, tats\u00e4chlich kalt w\u00e4re. Aber es ist eben lauwarm, von daher ist der K\u00fchleffekt ann\u00e4hernd Null. Nach diesem Bad bin ich so richtig aufgeheizt und wanke zur\u00fcck zu den Waschpl\u00e4tzen. Meine Fingerspitzen kribbeln. Ich f\u00fcrchte, mein Blutdruck ist etwas niedrig. An den Wasserh\u00e4hnen versuche ich mein Bestes, mich etwas zu k\u00fchlen, indem ich den Waschzuber (aus Plastik, eher eine Rasiersch\u00fcssel) dazu verwende, mich mit Wasser zu \u00fcbergie\u00dfen, aber damit ist nicht viel zu erreichen. Ich verlasse den Raum dann, sobald ich wieder gerade gehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Liebe Animefreunde, wenn Ihr mal in Japan seid, dann geht auch mal in ein Onsen. Das Erlebnis lohnt sich. Seid aber bitte nicht so naiv zu glauben, dass ihr ein paar hei\u00dfe Br\u00e4ute zu sehen bekommt, wenn ihr in ein gemischtes Bad geht \u2013 der Durchschnittsbesucher ist n\u00e4mlich \u00fcber f\u00fcnfzig, eher \u00fcber sechzig Jahre alt. Alles alte Gro\u00dfm\u00fctter, von der Last des Lebens gebeugt und Linderung suchend, und wenn Ausnahmen anwesend sind, dann handelt es sich mit gr\u00f6\u00dfter Wahrscheinlichkeit um Kinder bis h\u00f6chstens zehn Jahre, die mit den Gro\u00dfeltern da sind. Man sollte sich also keine Hoffnungen machen, eine \u201eOnsen Episode\u201c f\u00fcr das eigene Leben zu bekommen. Das nur am Rande, falls jemand tats\u00e4chlich solche Hoffnungen hegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie kommt zuf\u00e4llig zur gleichen Zeit auf die Idee, das Bad zu verlassen, wie ich. Ich kann deutlich ihre G\u00fcrtelschnalle vom Damenbereich her klappern h\u00f6ren, w\u00e4hrend ich mich anziehe. Eigentlich wundert mich das ein bisschen, weil Melanie mehr vom hei\u00dfen Baden h\u00e4lt, als ich, und ich habe beinahe das Gef\u00fchl, dass das letzte Bad, das ich bei ihr \u201egenie\u00dfen durfte\u201c, noch hei\u00dfer eingelassen war, als dieses Onsen, weil mir damals schneller die Luft ausgegangen war.<br>Ich sehe an einer Seitent\u00fcr, dass dieses Onsen auch \u00fcber eine Sauna verf\u00fcgt, und weil ich diesbez\u00fcglich neugierig bin, frage ich an der Kasse, ob man mit einem Onsenticket alles inklusive der Sauna benutzen d\u00fcrfe. Ich muss annehmen, dass meine Frage nicht verstanden wurde, denn die Angestellte f\u00e4ngt an zu reden und redet und redet und ich verstehe sie kaum wegen des Dialekts, den sie spricht. Am Ende bin ich wirklich nicht einmal sicher, ob die Antwort positiv oder negativ war. Sie sagte aber in einem ihrer vielen S\u00e4tze, dass man alles benutzen k\u00f6nne. Zumindest interpretiere ich das. Also gibt es nur einen Weg, sicher zu sein. Ich schlendere also ganz nebenl\u00e4ufig zu der besagten T\u00fcr, sie steht offen und f\u00fchrt in einen Seitentrakt. Ich gehe hinein, als sei es das Selbstverst\u00e4ndlichste der Welt, komme an etwas vorbei, was wie eine provisorische K\u00fcche aussieht und entdecke gerade noch ein Schild, auf dem angegeben ist, dass eine Stunde Sauna 1000 Yen koste, als mich die Gro\u00dfmutter, die so selbstverst\u00e4ndlich ins M\u00e4nnerbad gekommen war, \u201ezur\u00fcckpfeift\u201c: <em>\u201eVerehrter Kunde, das Bad ist in dieser Richtung.\u201c<\/em> H\u00f6flich, aber bestimmt. Damit w\u00e4re meine Frage beantwortet. Immerhin spricht es f\u00fcr ihr Beobachtungsverhalten im M\u00e4nnerbad, dass sie sich nicht an mich erinnert. Sie w\u00fcsste sonst, dass ich bereits im Bad gewesen bin. Ob mit oder ohne Brille, mein K\u00f6rperbau und meine Existenz als Ausl\u00e4nder \u00fcberhaupt sind doch auff\u00e4llig. Sie schaut offenbar nicht sehr genau hin. Wie sch\u00f6n f\u00fcr uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fahren wieder nach Hause. Wir haben noch ein wenig Zeit \u2013 um 18:30 wollen wir uns mit Marc und Professor Fuhrt treffen, der uns zu einem Abschiedsessen eingeladen hat. Wir sind bereits seit einigen Tagen am Planen, und Herr Fuhrt sagt, dass er normalerweise lokale, traditionelle K\u00fcche aussuche. Aber die ist eben sehr fischlastig, und Melanie kann mit Fisch gar nichts anfangen. Wir sind dann also zu dem Entschluss gekommen, eine \u201eRetro-Kneipe\u201c in Dotemachi zu besuchen. Dort gibt es Gerichte und Snacks aus den Vierziger und F\u00fcnfziger Jahren, angeblich zu Preisen aus diesen Zeiten, was ich aber nicht recht glauben kann.<br>Melanie muss sich schlie\u00dflich beeilen, weil sie dachte, das Treffen sei erst um 19:30. Nein, wir treffen uns um 18:30. Dann also hopp. Wir d\u00fcsen nach Dotemachi, wo mein Mentor mit seiner Frau und Marc vor dem Nakasan bereits warten. Wir sind etwas sp\u00e4t dran, und Melanie noch sp\u00e4ter, weil sie offenbar an einer Ampel aufgehalten wurde, die f\u00fcr mich noch gr\u00fcn gewesen war. Und das \u00dcberqueren der Stra\u00dfe zum Kaufhaus dauert ebenfalls geradezu ewig, weil die Ampel sehr lange braucht, um den Verkehr anzuhalten. Ich muss die Funktionsf\u00e4higkeit dieser Signalkn\u00f6pfe f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger arg bezweifeln. Ich glaube, die sind rein psychologische Ma\u00dfnahmen, um die Leute zu vertr\u00f6sten. Es handelt sich hier um eine Einbahnstra\u00dfe, nicht einmal um eine Einm\u00fcndung oder Kreuzung, man muss also keinen Verkehrsfluss koordinieren und auf eine g\u00fcnstige Gelegenheit f\u00fcr Rot warten. Man k\u00f6nnte einfach anhalten lassen. Stattdessen steht man minutenlang an der Ampel und schaut dumm aus der W\u00e4sche. Es k\u00f6nnte nat\u00fcrlich auch sein, dass die Ampel ohne Knopfdruck gar nicht auf Gr\u00fcn f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger schalten w\u00fcrde.<br>Nachdem alle eingetroffen sind, m\u00fcssen wir die lahme Ampel gleich noch einmal benutzen, weil unser Ziel auf der anderen Stra\u00dfenseite liegt. Auf der Halterung f\u00fcr den Knopf finde ich ein Paket mit drei kleinen P\u00e4ckchen Natt\u00f4, noch haltbar bis Ende September. W\u00e4re es was Anderes gewesen, h\u00e4tte ich es wohl mitgenommen, aber Natt\u00f4 liebe ich nicht so sehr, dass ich eine solche Fundsache an mich nehmen w\u00fcrde. Ich k\u00f6nnte vom Geruch her nicht einmal feststellen, ob das Zeug noch gut oder bereits schlecht ist \u2013 Natt\u00f4 riecht immer vergammelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir biegen in eine (meines Erachtens) unscheinbare Gasse ab, in der sich mehrere Essl\u00e4den aneinanderreihen. Die besagte Kneipe ist aber extrem auff\u00e4llig und sieht wirklich nach Retro aus. Der Bau wurde mit Holz \u201eummantelt\u201c, damit er wie ein Holzhaus aussieht. Alte Filmplakate schm\u00fccken den Eingang. Das \u00e4u\u00dfere Ambiente l\u00e4sst mich Schlimmes ahnen, aber ich kann aufatmen: Man sitzt auf St\u00fchlen. Es gibt auch ein Tatamizimmer, das als \u201eM\u00e4rchenzimmer\u201c betitelt ist. Man muss auf allen vieren reinkriechen, weil der Eingang so klein gemacht ist. Ich sehe es mir aber nicht genauer an, ich kann so nur \u201em\u00e4rchenhafte\u201c Wandmalereien im Eingangsbereich sehen. Die W\u00e4nde im Gastraum dagegen sind geradezu tapeziert mit alten Werbeanzeigen. Wie es scheint, ist die Marke \u201eKikk\u00f4man\u201c (Sojaso\u00dfe) schon ziemlich alt.<br>Zur Unterhaltung der Kunden dienen noch weitere Eigenschaften des Lokals: Erstens l\u00e4uft die ganze Zeit Musik, die \u00e4lter als vierzig Jahre ist, und ich habe nur ein einziges Instrumentalst\u00fcck geh\u00f6rt, das amerikanischen Ursprungs ist. Vieles von der Musik h\u00f6rt sich so richtig nach patriotischen Ges\u00e4ngen aus der Kriegszeit an, aber ich kann den Text nicht heraush\u00f6ren. Und dann steht da schr\u00e4g hinter mir auf einem Schrank ein uralter Fernseher \u2013 oder ein Fernseher, der zumindest uralt aussieht. Der Bildschirm ist immerhin bereits gr\u00f6\u00dfer als eine Postkarte, aber die Schalter sind noch immer Drehkn\u00f6pfe. Auf dem Schwarz\/Wei\u00df Bildschirm l\u00e4uft <em>\u201eTetsuwan Atomu\u201c<\/em> (\u201eAstro Boy\u201c). Nach einigen Episoden erscheint ein Men\u00fc, das mir verr\u00e4t, dass hier eine DVD l\u00e4uft, mit Hilfe des Fernsehers zus\u00e4tzlich auf Alt gemacht. Und zuletzt bekommt man eine Sorte Zigaretten angeboten, die man anno dazumal offenbar geraucht hat. Von uns raucht aber keiner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als erstes bekommt man hier aber rohen Kohl serviert, den man mit einer scharfen So\u00dfe garnieren kann. Der Kohl ist hier eine Serviceleistung, wie andernorts das kalte Wasser. Ein Schild an der Wand sagt, man k\u00f6nne sich nachbestellen, so viel man wolle. Ich muss auch feststellen, dass der Kohl roh tats\u00e4chlich viel besser schmeckt, als gebraten. Ich bestelle zum Trinken, wie \u00fcblich, Nihonsh\u00fb, also Sake, und bin ein wenig erstaunt \u00fcber die Servierweise: Ich erhalte ein Wasserglas voll, und das Glas steht bis zur H\u00e4lfte seiner H\u00f6he in einem quadratischen Beh\u00e4lter. Der Angestellte gie\u00dft das Glas voll, bis es \u00fcberl\u00e4uft und auch der Beh\u00e4lter darunter randvoll ist. Wie ich so trinken soll, ohne gleich einen guten Teil zu versch\u00fctten, ist mir dabei nicht ganz klar. Ich erfreue mich auch an den Segnungen der Lichtbrechung. Das Innere des \u201eUntersetzers\u201c ist rot, und sobald ich das Glas ein wenig in die klare Fl\u00fcssigkeit darin tauche, schimmert auch der Inhalt des Glases bis zum Rand rot \u2013 und wird wieder v\u00f6llig klar, sobald ich die beiden Objekte trenne. Optik f\u00fcr Kinder, aber cool.<br>Dann bestellen wir uns einmal durch die Speisekarte, was darauf hinausl\u00e4uft, dass wir eine gro\u00dfe Anzahl von \u201eZwischendurch-Mahlzeiten\u201c zu uns nehmen. Aber das ist ja nichts Schlechtes. Die Variet\u00e4t ist so viel h\u00f6her, und man bereut es bei der Qualit\u00e4t der angebotenen Gerichte hier auch nicht. Das Ger\u00fccht mit den Preisen wie in den F\u00fcnfzigern zerschl\u00e4gt sich allerdings ziemlich schnell. Die Preise sind normal, und zwar nach heutigen Standards f\u00fcr die hiesige Gegend. Mit f\u00fcnf satten Leuten kommen wir am Ende auf etwas mehr als 12.000 Yen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor dem Ausgang l\u00e4uft uns noch Oyuna \u00fcber den Weg, die jemanden in der Gegend besuchen m\u00f6chte. Wir wechseln ein paar Worte, dann kehren wir mit dem Ehepaar Fuhrt und Marc zum Nakasan zur\u00fcck und verabschieden uns dort. Herr Fuhrt sagt, dass wir uns in Japan wohl nicht mehr sehen w\u00fcrden, weil er \u00fcbermorgen nach Deutschland fliege, um Verwandte und Bekannte zu besuchen.<br>Marc wird nach Aomori zu Yumi zur\u00fcckkehren. Er bittet mich allerdings, ihm eine CD mit Fotos aus Hirosaki f\u00fcr seine Mutter zusammenzustellen, weil sie scheinbar Bilder aus fernen L\u00e4ndern mag. Ich willige ein, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das Versprechen noch einhalten kann, w\u00e4hrend ich in Japan bin. Ich habe noch drei leere CDs, und die werde ich f\u00fcr meinen eigenen Krempel brauchen. Ich sollte ihm anbieten, die CD in Deutschland zu machen und sie von dort aus an eine von ihm gew\u00fcnschte Adresse zu versenden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auch dieses Handtuch ziert noch heute mein B\u00fccherregal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute muss als erstes die Gasrechnung bezahlt werden. Ich will das vor Ort, bei der Gesellschaft selbst machen, weil ich immer noch meine Probleme beim Telefonieren mit Japanern habe. Entweder, weil die hier oft einen unverst\u00e4ndlichen Dialekt reden, oder weil ich einfach den Gegen\u00fcber nicht sehen kann und wegen der fehlenden K\u00f6rpersprache einiges weniger verstehe. 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