{"id":4169,"date":"2024-08-28T07:00:00","date_gmt":"2024-08-28T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4169"},"modified":"2024-08-27T10:19:29","modified_gmt":"2024-08-27T08:19:29","slug":"samstag-28-08-2004-ans-meer-ans-meer-go-west-version","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4169","title":{"rendered":"Samstag, 28.08.2004 \u2013 Ans Meer! Ans Meer! (\u201eGo West\u201c Version)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wetter ist pr\u00e4chtig heute. Die Sonne scheint, ein paar Wolken, und es ist nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig warm. Ich setze mich gegen Mittag auf mein Fahrrad, mit dem Plan, heute nach Goshokawahara zu fahren (das der Einfachheit halber aber tats\u00e4chlich, entgegen der Kanjischreibung, offiziell \u201eGoshogawara\u201c genannt wird). Der Ort ist wegen seines Neputa ber\u00fchmt, also warum sollte ich nicht die knapp 25 km dorthin fahren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie es meine fragw\u00fcrdige Spontaneit\u00e4t aber will, biege ich vorher nach links ab, weil ich pl\u00f6tzlich den st\u00e4rkeren Drang versp\u00fcre, vom Berg Iwaki auch mal ein Bild zu machen, das nicht von S\u00fcdosten her aufgenommen wurde, sondern vielleicht auch mal ein Bild von Norden her. Ich fahre also weiter in westlicher Richtung. Als erstes l\u00f6st sich dabei das Problem meines rechten Schn\u00fcrsenkels. Der ist n\u00e4mlich, entgegen meiner Hoffnung, bereits vor \u00fcber einer Woche gerissen, und es scheint in Japan ein Ding der Unm\u00f6glichkeit zu sein, Schn\u00fcrsenkel zu bekommen, die 180 cm lang sind. Das Problem l\u00f6st sich, zumindest provisorisch, dadurch, dass ich einen weggeworfenen Turnschuh am Stra\u00dfenrand finde. Ich nehme den Schn\u00fcrsenkel heraus und f\u00e4dele ihn so an meinen rechten Stiefel, dass der mir immerhin nicht mehr vom Fu\u00df fallen kann und auch nicht mehr so locker sitzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fahre eine Weile sp\u00e4ter auf einer Br\u00fccke an einer ebenfalls radfahrenden Sch\u00fclerin vorbei und frage sie, wo denn das Meer sei. Sie muss dar\u00fcber sehr erschrocken und\/oder verwirrt gewesen sein, weil sie sagt, sie habe keine Ahnung. Das kann ich ja kaum glauben. Vor allem dauert es danach nur noch ein paar Minuten, bis ich an einem Schild vorbeikomme, auf dem zu lesen ist \u201eAjigasawa 14 km\u201c. Nur 14 km bis zum Strand? Das ist ja l\u00e4cherlich, da komme ich ja bequem in einer Stunde hin. Also trete ich in die Pedale, bringe den einzigen ernstzunehmenden Berg mit Hilfe eines Getr\u00e4nkeautomaten hinter mich und fahre dann bis zum Strand quasi nur bergab. Und beinahe w\u00e4re ich daran vorbeigefahren.<br>Ich frage mich, wo hier der Bereich ist, der bis zum 19. August als Badestrand ge\u00f6ffnet war. Der Abschnitt, den ich hier sehe, ist voller M\u00fcll, der aus dem Meer angesp\u00fclt oder aber von Besuchern weggeworfen worden ist. In erster Linie Plastikzeug, T\u00fcten und Flaschen. Ich m\u00f6chte hier lieber nicht baden. Ein einsamer Surfer verbringt hier gerade seine Zeit, ansonsten nur Angler am nahen Kai. Aber mit Surfen ist hier nicht viel, daf\u00fcr sind die Wellen viel zu klein. Das Wasser scheint nur sehr langsam tiefer zu werden, weil eben jener Surfer noch 20 Meter weit drau\u00dfen nur bis zur H\u00fcfte im Wasser steht. In Tanesashi funktioniert das nicht. F\u00fcnf Meter vom Strand weg ist das Wasser bereits zwei Meter tief.<br>Ich drehe eine Runde an den Anglern vorbei und fahre zu einem kleinen Laden f\u00fcr Angelbedarf. Dort lasse ich mir eine kleine Plastikt\u00fcte geben. Da ich mit einem ganz anderen Fahrziel aufgebrochen war, habe ich keine mitgenommen, aber wenn ich schon mal da bin, kann ich auch eine Handvoll Sand mitnehmen. Ich h\u00e4nge die T\u00fcte an meinen Lenker, weil in meinen Beintaschen kein Platz ist und ich au\u00dferdem f\u00fcrchten muss, dass mein Schl\u00fcsselbund wegen der st\u00e4ndigen Bewegung ein Loch in die T\u00fcte rei\u00dft. Das bisschen Sand ist auch nicht schwer genug, um das Lenkverhalten des Rades zu beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um kurz vor Drei mache ich mich auf den R\u00fcckweg. Um meiner Gewohnheit zu folgen, nehme ich auf dem R\u00fcckweg eine andere Route als auf dem Weg hin. Der Anfahrtsweg war, den Stra\u00dfenschildern nach zu rechnen, knapp 40 km lang. Auf dem Schild, dass ich gerade sehe, 150 Meter vom Meer weg, steht, dass es nach Hirosaki auf diesem Weg nur 33 km seien. Also los.<br>Was ich dabei nicht bedacht habe, ist, dass diese Route weiter s\u00fcdlich verl\u00e4uft. <em>\u201eWeiter s\u00fcdlich\u201c<\/em> ist hier vor Ort gleichzusetzen mit <em>\u201en\u00e4her am Berg Iwaki\u201c<\/em>, was wiederum bedeutet, dass dieser Weg durch die h\u00fcgeligen Ausl\u00e4ufer des Wahrzeichens von Tsugaru f\u00fchrt. Anstatt also einen gro\u00dfen H\u00fcgel zu haben, muss ich in der Folgezeit gut ein Dutzend kleine und mittlere Anstiege bew\u00e4ltigen, die meine Getr\u00e4nkekosten in die H\u00f6he treiben. Ich bin ohne Gep\u00e4ck aufgebrochen und fahre quasi von einem Automaten zum n\u00e4chsten.<br>Zwischendurch liefere ich mir ein ungleiches Rennen mit drei (Ober-?) Sch\u00fclern, die sich a) f\u00fcr cool und b) f\u00fcr schnell halten. Sie sind aber weder das eine noch das andere und ich lasse sie mit Hilfe meiner Gangschaltung auch bald hinter mir. Was sie nicht daran hindert, mich noch f\u00fcnf Kilometer weit zu \u201everfolgen\u201c, so schnell sie k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich sind es noch neun Kilometer bis Hirosaki und ich f\u00fchle mich, als w\u00fcrde ich bald vom Rad fallen. Aber dann taucht ein Lawson Konbini \u201eam Horizont\u201c auf. Ich stelle mein Fahrrad vor dem Laden ab, wanke, fast geistesabwesend, hinein und kaufe mir eine 2-Liter Flasche Wasser. Ich wanke wieder hinaus und muss mir von dem Angestellten meine M\u00fctze nachreichen lassen, die ich auf dem Tresen habe liegen lassen. Ich lasse mich neben dem Konbini auf dem Boden nieder und verwende den Zigarettenautomaten als R\u00fcckenlehne. Ist mir alles egal, bequemer habe ich seit heute Morgen nicht mehr gesessen. Rechts von mir vertilgt eine Gruppe Sch\u00fclerinnen in uniformen Trainingsanz\u00fcgen ihre Eink\u00e4ufe, bevor sie ihre Fahrradhelme aufsetzen und davonradeln. Entweder geh\u00f6ren die Helme zur Uniform (weil sie alle gleich aussehen), oder es gibt nur ein einziges Design abgesehen von den Helmen f\u00fcr Radrennfahrer.<br>Kurz danach kommen drei Jungs (um die 10 oder 11 Jahre alt) aus dem Ort zum Laden her\u00fcber. Der erste winkt und ruft <em>\u201eKonnichiwa!\u201c<\/em> Ich winke zur\u00fcck und gr\u00fc\u00dfe ihn gleichlautend, was ihn schon mal irgendwie erstaunt. Sie gehen in den Laden und ich trinke derweil mein Wasser weiter. Dann kommen sie wieder raus. Der \u201eWortf\u00fchrer\u201c geht an mir vorbei und sagt <em>\u201eKakkoii\u201c<\/em>. Ich frage ihn, was er meint, und er sagt, er meine mich. Oh, danke. Ich f\u00fchle mich aber gerade ein wenig schlapp. Die drei knien dann um mich herum. <em>\u201eVielleicht solltest Du was essen\u201c<\/em> meinen sie und einer h\u00e4lt mir etwas hin, worauf \u201eWasabinori\u201c geschrieben steht. <em>\u201eDa, schenke ich Dir. Ist aber scharf.\u201c<\/em> Ist mir auch egal, ich bin f\u00fcr alles dankbar. Ich kaue das ganze Teil auf einmal, es kaut sich wie Plastik, und warte auf die Wirkung des Wasabi. Die setzt auch bald ein, ich verziehe das Gesicht ein wenig und bin gl\u00fccklich. Ich sage, dass das gut sei, worauf er mir noch einen Streifen hinh\u00e4lt. Da ich den nicht auch noch umsonst will, biete ich ihm an, zu tauschen. Noch bevor \u201eder Deal\u201c klar ist, bekomme ich von einem anderen der Jungs einen Streifen einer anderen Geschmacksrichtung zugesteckt. (Dieser zweite Wasabinori-Streifen liegt noch heute in meiner Vitrine.) Ich gebe jedem dann eine der Touristenm\u00fcnzen aus Trier, diese Nachbildung einer r\u00f6mischen M\u00fcnze aus dem ersten Jahrhundert AD. Ich habe welche von diesen Dingern als Mitbringsel mitgebracht, aber nicht alle \u201everbraucht\u201c. Eine bessere Gelegenheit, den f\u00fcr mich wertlosen Krempel loszuwerden, gibt es nicht mehr. Ich erkl\u00e4re ihnen, was es damit auf sich hat und dass es sich nat\u00fcrlich um eine F\u00e4lschung handelt, aber die drei sind ganz begeistert davon. Sie setzen sich dann auf ihre Fahrr\u00e4der, winken und fahren davon. Ich sehe, es war doch eine gute Idee, den schwereren Pfad zu w\u00e4hlen (auch wenn ich vorher nicht wusste, dass er schwer sein w\u00fcrde).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um etwa 17:00 fahre ich von dem Parkplatz wieder weg und strebe gen Hirosaki. Die Pause hat mir gutgetan, und die zwei Liter Wasser ebenfalls. Ich lande schlie\u00dflich in einem Stadtbezirk in der N\u00e4he des Parks, und wenn ich hier nicht letztlich ein Schreinfest besucht h\u00e4tte, w\u00fcsste ich jetzt nicht auf Anhieb, wo ich entlangfahren muss, um in die Innenstadt zu gelangen. Um kurz nach halb Sechs komme ich dann wieder zuhause an. Mit dieser Tour d\u00fcrfte ich in die Fu\u00dfstapfen von Hans Erdmann getreten sein, der nicht nur zum Iwaki gefahren ist, sondern auch noch nach S\u00fcden, \u00fcber die Berge, nach Odate (wo er allerdings wegen der sp\u00fcrbaren Ersch\u00f6pfung lieber \u00fcber Nacht blieb, wie man sich erz\u00e4hlt). Ich habe starke Bedenken, ob ich morgen fr\u00fch in der Lage sein werde, aufzustehen, ohne jeden Beinmuskel einzeln zu sp\u00fcren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wetter ist pr\u00e4chtig heute. Die Sonne scheint, ein paar Wolken, und es ist nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig warm. Ich setze mich gegen Mittag auf mein Fahrrad, mit dem Plan, heute nach Goshokawahara zu fahren (das der Einfachheit halber aber tats\u00e4chlich, entgegen der Kanjischreibung, offiziell \u201eGoshogawara\u201c genannt wird). Der Ort ist wegen seines Neputa ber\u00fchmt, also warum [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[8,7],"tags":[2169,2163,851,2152,2162,2164],"class_list":["post-4169","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-japan","category-mylife","tag-auslandsaufenthalt","tag-auslandsstudium","tag-essen","tag-japan","tag-reise","tag-tagebuch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4169"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4170,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4169\/revisions\/4170"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}