{"id":4055,"date":"2024-07-23T07:00:00","date_gmt":"2024-07-23T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4055"},"modified":"2024-07-22T12:43:21","modified_gmt":"2024-07-22T10:43:21","slug":"freitag-23-07-2004-sie-waren-sieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4055","title":{"rendered":"Freitag, 23.07.2004 \u2013 Sie waren sieben&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da mein Referat f\u00fcr heute bereits fertig ist, verbringe ich meine Zeit im Center mit der \u201ePflege\u201c meines Postfachs. Ab 12:30 k\u00f6nnen wir dann f\u00fcr das \u201eReisseminar\u201c unsere Handouts kopieren und um 12:40 mit den Kurzvortr\u00e4gen loslegen. Da wie \u00fcblich keiner der erste sein will, mache ich den Vorschlag, ganz einfach ganz links oder ganz rechts anzufangen und die Reihe durchzugehen. Melanie sitzt ganz links und beginnt. Ihre Schwierigkeiten bei der Aussprache des englischen Begriffs \u201eSubsidies\u201c konnten im Vorhinein zwar nicht gel\u00f6st werden, aber dennoch ist es ein solider Vortrag f\u00fcr die Leistungsebene, in der wir uns in diesem Seminar bewegen.<br>Dann bin ich dran und rede nicht \u00fcber Reis im Sinne eines Nahrungsmittels, sondern \u00fcber <em>\u201eRice\u201c<\/em> als Begriff im amerikanischen Englisch und was man daraus machen kann. Schon mal den Begriff <em>\u201eRiced Car\u201c<\/em> geh\u00f6rt? Ich auch nicht. Auf Deutsch w\u00fcrde man wohl sagten <em>\u201eAufgemotzte Karre\u201c<\/em>, ein Auto mit vielen optischen Extras, die einen aggressiven, sportlichen Look ausmachen sollen. <em>\u201eSpanish Rice\u201c<\/em> w\u00e4re das genaue Gegenteil \u2013 eine alte Schrottkiste, die in Deutschland nie \u00fcber den TUV k\u00e4me, aber in den USA in \u00e4rmeren Gebieten anzutreffen ist, oft gefahren von Leuten lateinamerikanischer Herkunft, die sich nichts Besseres leisten k\u00f6nnen. Ich erreiche den gew\u00fcnschten Unterhaltungseffekt und bleibe von Fragen verschont.<br>Die \u00fcbrigen Vortr\u00e4ge halten sich in einem vern\u00fcnftigen und ernsthaften Rahmen. Interessant fand ich auf jeden Fall, dass die thail\u00e4ndische Version von <em>\u201eHallo, wie geht\u2019s?\u201c<\/em> auf <em>\u201eHeute schon Reis gegessen?\u201c<\/em> lautet. Aber angeblich sagt man in Osaka unter Gesch\u00e4ftsleuten ja auch <em>\u201eHeute schon Geld verdient?\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ogasawara-sensei hat zum Semesterende den Plan gefasst, einen Film vorzuf\u00fchren. Nat\u00fcrlich nicht, ohne vorher den Unterrichtsstoff zu Ende zu behandeln, was angesichts der Restzeit ihr Vorhaben reichlich obsolet erscheinen l\u00e4sst. Sie hat <em>\u201eShall we dance?\u201c<\/em> ausgesucht. Es handelt sich dabei um einen Tanzfilm der japanischen Art und ich m\u00f6chte betonen, dass es sich dabei um ein japanisches Original handelt \u2013 der Film mit Richard Geere ist die Kopie. Ein (verheirateter) Gesch\u00e4ftsmann sieht aus seiner S-Bahn heraus eine melancholisch und geheimnisvoll anmutende Frau am Fenster einer Tanzschule stehen und nimmt fortan Tanzunterricht \u2013 mit sehr zaghaften und lustigen, wenn auch klischeehaften, Anf\u00e4ngen. Es sind ein paar bekannte Gesichter in dem Film zu sehen, aber erst Takenaka Naoto macht die Angelegenheit so richtig interessant. K\u00f6nnte die beste Rolle sein, in der ich ihn seit langem (\u00e4hem, im Laufe des vergangenen Jahres&#8230;) gesehen habe. Aber die Zeit ist leider knapp, wie ich bereits angedeutet habe, und wir bekommen vielleicht etwas mehr als eine halbe Stunde zu sehen, bevor die Unterrichtszeit um ist. Ich bleibe noch ein paar Minuten l\u00e4nger, muss dann aber auch gehen, weil ich erstens noch in mein Postfach sehen m\u00f6chte und zweitens habe ich heute eine gr\u00f6\u00dfere Verabredung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe bereits letzten Monat f\u00fcr heute ein Tabeh\u00f4dai im MooMoo angek\u00fcndigt und warte ab 17:00 dort vor der T\u00fcr voller Spannung, wer letztendlich denn wohl kommt. Und in dieser Situation, w\u00e4hrend ich noch mit meiner Post zu Gange bin, er\u00f6ffnet mir Val\u00e9rie, dass in der N\u00e4he der Shimoda Heights I (also dort, wo sie und Irena und Misi wohnen) eine Grillparty stattfinde, wo sich auch eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl der Studenten einfinden werde. Ah, deshalb ist die Zahl der Zusagen mal wieder so gering. Aber vielleicht war die Ank\u00fcndigungszeit auch <strong>zu<\/strong> lang, und au\u00dferdem bin ich nicht der geborene Propagandist. Val\u00e9rie und Misi z.B. pflegen ja viel engere Kontakte zu Austauschstudenten als ich, und von daher k\u00f6nnte meine Ansage schlicht vergessen worden sein. Ach, was soll\u2019s, ich stelle mich einfach mal da hin und warte, wer kommt, und wenn es zu wenige sind (weniger als f\u00fcnf Personen), dann k\u00f6nnen wir ja immer noch zur Party gehen.<br>Schlie\u00dflich kommen dann Mei, BiRei, Yukiyo, SangSu, Shin und Melanie. Wir sind also zu siebt&#8230; eine direkt schicksalhaft anmutende Zahl. Wir beschlie\u00dfen, dennoch zum Yakiniku-Tabeh\u00f4dai zu gehen und auf die anderen zu pfeifen. Dann stopfen wir uns eben im kleinen Rahmen voll. Shin quengelt zwar, dass keiner der anderen Chinesen da ist, mit denen er sonst immer Kontakt pflegt (ob ihm \u00fcberhaupt klar ist, dass Mei und BiRei ebenfalls chinesische Staatsb\u00fcrger sind, wei\u00df ich nicht), aber ich \u00fcberrede ihn, sich uns dennoch anzuschlie\u00dfen. Er soll ja essen, nicht reden. Der Laden ist weitgehend leer, wie um diese fr\u00fche Zeit zu erwarten, bis auf eine F\u00fcnfergruppe Sch\u00fclerinnen, die w\u00e4hrend unserer Wartezeit bereits hineingegangen war. Wir haben also freie Tischauswahl. Einer nat\u00fcrlichen Regung folgend, suche ich einen Tisch mit St\u00fchlen aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Spa\u00df geht bereits bei der Getr\u00e4nkeauswahl los. Wir werden uns schnell einig, 200 Yen draufzulegen und ein Softdrink-Nomih\u00f4dai einzuschlie\u00dfen \u2013 wenn auch nicht einstimmig. Shin wei\u00df entweder nicht, was er will, oder er leidet an mangelnder Kommunikationsf\u00e4higkeit. Zuerst fasst er ein alkoholisches Nomih\u00f4dai ins Auge, aber das w\u00fcrde seinen Preis auf 3300 Yen hochschrauben, und das ist wohl etwas viel. Dann fragt er nach Bier, und der Kellner, dessen wachsenden Verwirrungsgrad man deutlich erkennen kann, legt ihm Preise und Mengen dar. <em>\u201eDas ist aber teuer!\u201c<\/em> bemerkt Shin frei raus, und ich muss mich beherrschen, wegen dieser Unverfrorenheit nicht laut zu lachen. Als er dann zwischen warmem und kaltem Sake schwankt, helfe ich seiner Entscheidung nach und ermuntere ihn, kalten Sake zu trinken, weil das Wetter so hei\u00df ist. Nachdem das geschafft ist, packe ich mir zwei gro\u00dfe Tabletts voll mit Fleisch und wir fangen mit dem Essen an.<br>Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ausgerechnet ich auf solche Methoden zur\u00fcckgreifen w\u00fcrde, aber da Shin die ganze Zeit still vor sich hin isst, muss ich ihm die eine oder andere Frage stellen, weil ich glaube, dass er sich sonst ausgeschlossen vorkommt. Er befindet sich hier unter lauter jungen Leuten, von denen ich zwar der \u00e4lteste bin \u2013 aber ich bin immer noch mehr als 15 Jahre j\u00fcnger als er. Zu meinem Gl\u00fcck springt auch Yukiyo auf diesen Zug auf und ich muss ihn nicht mehr alleine bearbeiten. So bekommen wir heraus, dass er 43 Jahre alt und seit 14 Jahren verheiratet ist, und einen Sohn von 13 Jahren hat. Dass er in Pharmazie promoviert hat, wusste ich immerhin schon. Seine Frau jedenfalls ist \u00c4rztin und befindet sich ebenfalls in Hirosaki, w\u00e4hrend der Sohn in China bei den Gro\u00dfeltern lebt. Seine Frau ist auch der Grund, warum er die ganze Zeit \u00fcber im Kaikan wohnen kann. Normalsterbliche Studenten d\u00fcrfen da nur ein Jahr bleiben (auch Marc bereitet sich auf seinen Auszug vor), aber verheiratete Paare genie\u00dfen Sonderregelungen. Er ist bereits seit drei Jahren hier und wird wohl noch zwei Jahre bleiben. Au\u00dferdem ist rasch zu bemerken, dass er gar kein Fleisch isst, sondern ausschlie\u00dflich Fisch und andere Meeresfr\u00fcchte. Ja, er mache das mit Absicht, er m\u00f6ge kein Fleisch. Ich bin verdutzt und muss mir die Frage stellen, warum er trotz der geringen Auswahl an Meeresfr\u00fcchten einer Einladung in ein solches Restaurant folgt, zu einem \u201eYaki<strong>niku<\/strong> Tabeh\u00f4dai\u201c \u2013 einem \u201eSo viel Sie an Grill<strong>fleisch<\/strong> in sich reinstopfen k\u00f6nnen, bevor Sie platzen\u201c Essen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um etwa 19:00 sind wir dann wieder einmal pappsatt. Ich habe drei Tabletts mit Fleisch und eine gro\u00dfe Portion Nachspeise verschlungen. Ich werde solche Gelegenheiten in Deutschland wirklich vermissen, wo es leider keine Restaurants gibt, die auf diese Art von Essvergn\u00fcgen ausgelegt sind. <em>\u201eAll you can eat\u201c<\/em> gibt es bei uns bestenfalls mal als seltenes Sonderangebot, und die letzten beiden, die ich in den vergangenen 15 Jahren gesehen habe, konnte man im Pizza Hut bestellen \u2013 da w\u00fcrde ich wirklich nur essen, wenn man mich einl\u00e4dt, und auch dann nur ungern. Die Pizza schmeckt nach Seife, weil den Leuten \u00f6fters das Gew\u00fcrzfass mit dem Oregano ausrutscht, und die Portionen sind so klein, dass es sich vom Preis her gar nicht lohnt, dort zu essen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir machen ein paar Erinnerungsfotos und es wird mir bewusster denn je, dass all das bald nichts anderes mehr als Erinnerung sein wird. Volker hat mich vor meiner Abreise nach Japan gefragt, ob mir die letzten Tage in Deutschland nicht irgendwie \u201eunwirklich\u201c vork\u00e4men. Nein, so kamen sie mir in Deutschland auf jeden Fall nicht vor. Dieses Gef\u00fchl bef\u00e4llt mich <strong>jetzt<\/strong>. Als ob ich abgesetzt von meinem K\u00f6rper das Geschehen wie im Fernsehen beobachten w\u00fcrde. Oder als ob ich tr\u00e4umte und mir im selben Moment bewusst w\u00e4re, dass der Wecker gleich klingeln m\u00fcsse. Das trifft es wahrscheinlich am ehesten. Ich f\u00fcrchte, dass Sebastian Recht haben und ich Japan mehr vermissen k\u00f6nnte, als Deutschland. Aber auch die Zeit vom Oktober 2003 bis zum August 2004 wird niemals den Sommer 1997 toppen k\u00f6nnen \u2013 und den habe ich ganz eindeutig in Deutschland verbracht. Ich betrachte meinen Japanaufenthalt also als die zweitbeste Zeit in meinem bisherigen Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischendurch hat sich der Laden weitgehend gef\u00fcllt, sogar der Ersatzraum weiter hinten scheint benutzt zu sein. Rechts hinten neben meiner Position befindet sich eine Gruppe junger Frauen (oder sagen wir besser \u201eM\u00e4dchen\u201c), deren Klamotten so \u201ehip\u201c sind, dass ich davon gleich Augenbluten bekomme, wenn noch einmal eine durch mein Sichtfeld geht. Gleichzeitig sind sie auch so lebendig (sprich: \u201elaut\u201c), dass der \u00e4ltere Herr am Tisch gegen\u00fcber offenbar <strong>Ohren<\/strong>bluten zu bekommen droht und sich dieselben auch mehrfach zuh\u00e4lt. Schlie\u00dflich gibt er entnervt auf und verl\u00e4sst das Lokal. Ich f\u00fchle mich wenig gest\u00f6rt, da unsere \u201eNachbarinnen\u201c f\u00fcr mich nur eine Ger\u00e4uschkulisse im Hintergrund sind, die ich kaum bewusst wahrnehme.<br>Um halb Acht bezahlen und gehen wir dann. Wir spalten die Rechnung nach gleichen Teilen auf. Ich zahle alles, um den Gesch\u00e4ftsablauf zu beschleunigen und sammele dann von jedem 1800 Yen ein. Shin gibt mir das Geld und macht dann das, was man wohl einen \u201efranz\u00f6sischen Abgang\u201c nennt \u2013 er verschwindet einfach. Drau\u00dfen sehe ich ihn gerade noch mit seinem Fahrrad um die Ecke biegen. Ich hab\u2019s versucht, aber wenn er nicht will\u2026<br>Wir \u00fcbrigen trennen uns an der T\u00fcr, bis auf Yukiyo und SangSu, die uns noch auf den Campus begleiten, weil Melanie ja ein neues Fahrrad braucht. Wir trennen uns erst am Physikgeb\u00e4ude, wo Yukiyo in Richtung Nishihiro abbiegt und SangSu schon mal nach Hause f\u00e4hrt, weil er ja keinen Grund hat, auf uns zu warten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir nehmen ein Rad aus dem v\u00f6llig \u00fcberwucherten Abstellplatz, pr\u00fcfen, ob die Technik herh\u00e4lt, was sie herhalten soll, schrauben das Schloss ab und pumpen am <em>\u201eCycland\u201c<\/em> neue Luft in die Reifen. Dort steht immer noch nachts ein Eimer aus, in dem zwei Luftpumpen stehen, und immer noch ist eine davon kaputt. Offenbar hat das noch keiner dem Besitzer mitgeteilt, aber ich habe auch wenig Interesse, das zu tun, weil ja eine Pumpe funktioniert und mehr brauche ich auch nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da mein Referat f\u00fcr heute bereits fertig ist, verbringe ich meine Zeit im Center mit der \u201ePflege\u201c meines Postfachs. 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