{"id":4037,"date":"2024-07-19T07:00:00","date_gmt":"2024-07-19T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4037"},"modified":"2024-07-18T13:02:19","modified_gmt":"2024-07-18T11:02:19","slug":"montag-19-07-2004-die-letzten-fussgaenger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4037","title":{"rendered":"Montag, 19.07.2004 \u2013 Die letzten Fu\u00dfg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich wollte ich fr\u00fch aufstehen, um ein bisschen wandern zu gehen, aber als ich um 05:30 aus dem Fenster schaue, sieht es da drau\u00dfen eher nach Regen aus, also bleibe ich vorerst liegen. Um 09:00 ist das Wetter dann aber bedeutend besser, also beschlie\u00dfe ich, dennoch zu gehen. \u00dcberraschenderweise will Melanie mit \u2013 obwohl ihr klar sein sollte, dass Wandern mit mir kein Spaziergang ist und ich auch keine Scheu habe, irgendwohin zu gehen, von wo aus ich den R\u00fcckweg nicht im Einzelnen kenne. Aber sie will trotzdem mit. Na denn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fahren mit dem Fahrrad grob nach S\u00fcdwesten, zwischen f\u00fcnf und zehn Kilometer weit, und ich nehme einen auff\u00e4lligen H\u00fcgel als Orientierungspunkt. In dem Ort Ishikawa biegen wir dann rechts von der Hauptstra\u00dfe ab und passieren eine Baustelle. Der Posten winkt uns mit seiner Kelle durch, aber das scheint dem Baggerfahrer nicht ganz klar zu sein, weil pl\u00f6tzlich keine 50 cm \u00fcber meinem Kopf eine Baggerschaufel vorbeirauscht, in die ich selbst hineingepasst h\u00e4tte, auf halbem Weg vom Loch zur Lkw-Ladefl\u00e4che. Aber knapp daneben ist schlie\u00dflich auch vorbei, also warum sollte ich mich damit aufhalten.<br>Mein &#8220;Plan&#8221; ist es, die geschlossene Ortschaft zu verlassen und die Apfelplantagen hoch bis in die H\u00fcgel zu fahren, wo der Wald beginnt und dort die Fahrr\u00e4der abzustellen. Dieser Zeitpunkt kommt allerdings ein paar Minuten fr\u00fcher als erhofft, weil bei Melanies Hinterreifen pl\u00f6tzlich die Materialerm\u00fcdung zuschl\u00e4gt und die Luft mit einem kurzen Zischen daraus entweicht. Ich stelle sie vor die Wahl, entweder sofort mein Fahrrad zu nehmen und nach Hause zu fahren oder aber mitzugehen und hinterher mit meinem Fahrrad zu fahren, da ich bestimmt noch mehr Kraft zum Gehen \u00fcbrig haben werde als sie. Sie entscheidet sich f\u00fcr eine Fortsetzung der Tour. Na immerhin, gute Einstellung.<br>Wir folgen dem Waldweg, der nach ein paar Kilometern v\u00f6llig von Pflanzen \u00fcberwuchert ist \u2013 aber ich kann seiner Spur noch folgen und sehe daher gar nicht ein, meinen Ausflug wegen einer Ansammlung wilder Gr\u00e4ser zu beenden. Man k\u00f6nnte dem Weg auch mit einem Gel\u00e4ndefahrzeug noch folgen. Zumindest eine Weile. Schlie\u00dflich wird der Weg f\u00fcr jedes Fahrzeug zu schmal. Es wird immer abenteuerlicher.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001084-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4047\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001084-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001084-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001084-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001084-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001084.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der &#8220;Pfad&#8221;<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer wilden Gel\u00e4ndetour durch die Vegetation erreichen wir eine Zeit sp\u00e4ter den Kamm des H\u00fcgels und treffen dort auf den offiziellen <em>\u201eT\u00f4hoku Naturwanderpfad\u201c<\/em>. Wir k\u00f6nnten entweder den H\u00fcgel auf der anderen Seite s\u00fcdlich runtergehen, oder aber auf dem Kamm bleiben und weiter in Richtung Osten weitergehen. Ich entscheide mich f\u00fcr letzteres, da ich angesichts der fortschreitenden Zeit nicht einen ganzen H\u00fcgel zwischen mich und meinen R\u00fcckweg schieben will. Wir folgen also dem Naturwanderpfad grob in \u00f6stlicher Richtung, der irgendwann nicht mehr befestigt ist. Man kann deutlich einen Trampelpfad erkennen, und der ist mit einem Seil versehen, an dem man sich festhalten kann, wenn man sich seines Tritts nicht sicher ist. F\u00fcr sehr touristenfreundlich w\u00fcrde ich das allerdings nicht halten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001086-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4048\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001086-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001086-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001086-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001086-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001086.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Wandern am Seil<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerhin ist das mehr als unten am italienischen Monte Cassino, wo zwar ein geschichtstr\u00e4chtiges Kloster (immerhin gegr\u00fcndet von Franz von Assisi h\u00f6chstselbst) und ein bedeutendes Schlachtfeld mit Ehrenfriedh\u00f6fen zu finden sind, der besagte Berg touristisch aber in keiner Weise erschlossen ist. Da gab es nur Ziegen- und Rinderpfade f\u00fcr den Wanderausflug bei \u00fcber 40 Grad Celsius im nicht vorhandenen Schatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser \u201eangeleinter\u201c Pfad f\u00fchrt schon bald parallel zum Kamm bergab und wir erreichen einen Stra\u00dfenendpunkt. Eine Betonstra\u00dfe f\u00fchrt den H\u00fcgel hinunter und man findet ein Schild, auf dem vor B\u00e4ren gewarnt wird. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001088-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4049\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001088-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001088-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001088-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001088-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001088.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Klingeling, hier komm ich&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dem Schild ist eine Handglocke angebracht. Wenn man also von einem B\u00e4ren verfolgt wird, soll man hier kurz anhalten und um sein Leben bimmeln.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Aber das schreckt mich wenig. Wir folgen einem weiteren Pfad, bergauf, zum Berg Obiraki, der nicht mehr als ein 500 m hoher H\u00fcgel ist. Der Wanderpfad endet groteskerweise auf seiner Spitze und wir m\u00fcssen schlie\u00dflich exakt denselben Weg zur\u00fcckgehen, den wir gekommen sind. Dort oben befindet sich leider kein Schrein. Ich nehme an, dass der H\u00fcgel zu niedrig ist. Aber die Informationstafel in japanischer und englischer Sprache (immerhin <strong>ein<\/strong> Zugest\u00e4ndnis an den internationalen Tourismus) dort sagt, dass es einen gegeben habe, ohne Angabe des Zeitpunktes, zu dem er eventuell verschwunden ist. Au\u00dferdem soll das Umland ein Trainingsgebiet f\u00fcr Ninja gewesen sein. Mit sch\u00f6ner Aussicht ist von hier oben aus leider auch nichts, weil dieselbe v\u00f6llig zugewachsen ist. B\u00e4ume und Str\u00e4ucher. Man kann mit M\u00fche und Not etwas von der Ebene entdecken, die aber leider zus\u00e4tzlich in einem undeutlichen Nebel verschwindet. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001093-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4051\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001093-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001093-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001093-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001093-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/IM001093.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die &#8220;Aussicht&#8221;<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Luftfeuchtigkeit ist ziemlich hoch und die Sonne ist weitgehend verschwunden. Das hei\u00dft, sie brennt nicht hei\u00df vom Himmel, womit uns immerhin das Heftigste erspart bleibt, aber der Schwei\u00df flie\u00dft dennoch in Str\u00f6men. Ich bin dankbar f\u00fcr mein Schwei\u00dftuch aus Bundeswehr-Tagen (das eigentlich als Taschentuch f\u00fcr Nasenauswurf konzipiert ist).<br>Wir kehren zu dem B\u00e4renschild zur\u00fcck und ich m\u00f6chte die Betonstra\u00dfe hinuntergehen, weil es mir widerstrebt, den gleichen Weg noch einmal zu gehen, wenn auch in die entgegengesetzte Richtung. Da geht mir der Erlebnisspa\u00df irgendwie verloren. Laut Wegweiser kommen wir in dieser Richtung an einen Ort, der \u201eOchanomizu\u201c hei\u00dft, also \u201eTeewasser\u201c, was mich doch sehr an den Bahnknotenpunkt in Tokyo erinnert. Aber schlie\u00dflich haben wir auch \u201eShinagawa\u201c und \u201eGinza\u201c in Hirosaki.<br>Melanie hat eine Landkarte dabei und Ochanomizu ist nicht eingezeichnet, was mich doch etwas verwirrt. Als wir dann knapp eine halbe Stunde sp\u00e4ter ankommen, ist mir auch klar, warum das so ist: Es handelt sich nicht um ein Dorf oder einen Stadtteil, sondern lediglich um eine Wasserquelle, mit angef\u00fcgter Regenschutzh\u00fctte. Daneben steht wieder ein Hinweisschild, ebenfalls in japanischer und englischer Sprache, auf dem etwa zu lesen ist: <em>\u201eAus dem Wasser dieser Quelle wurde der Tee des Meiji Kaisers gemacht, als dieser im Jahre 1881 die Stadt Hirosaki besuchte.\u201c<\/em> Ist das nicht toll? Wenn wir also schon kein Kaiserwetter haben, bekommen wir wenigstens Kaiserwasser. Es ist herrlich k\u00fchl und schmeckt auch gar nicht schlecht, aber dennoch ziehe ich es vor, gr\u00f6\u00dfere Mengen lieber abgekocht zu genie\u00dfen. Wir nehmen eine Flasche voll mit, um Reis damit zu kochen. Die Quelle scheint beliebt. W\u00e4hrend wir weitergehen, kommen uns mehrere Autos entgegen, und jedes hat eine unglaubliche Menge 20-Liter Kanister im Kofferraum.<br>Eine weitere Beobachtung dieses Ausflugs ist die Menge an M\u00fcll, den man im Wald und am Wegrand findet. Wird das Volk von Japan hier und da nicht gerne als \u201enaturverbunden\u201c propagiert? Mit Verlaub, das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine schmutzige L\u00fcge, die eher zur Selbstverherrlichung zu dienen scheint, oder eine von Ausl\u00e4ndern geschaffene Legende, wobei jene Ausl\u00e4nder keine Ahnung haben, von was sie reden. W\u00fcrde mich wundern, wenn ich mich dar\u00fcber nicht bereits ausgelassen h\u00e4tte&#8230;<br>Einige Zeit sp\u00e4ter verlassen wir den Wald wieder und bewegen uns zwischen Apfelplantagen, immer der Stra\u00dfe lang. Wegen eines Hinweisschildes wei\u00df ich, dass wir uns in der N\u00e4he von Ishikawa befinden (obwohl ich das, abgesehen von der genauen Kilometerangabe, auch selbst gewusst h\u00e4tte), aber ich h\u00e4tte gerne einen Orientierungspunkt. Theoretisch m\u00fcssen wir im Halbkreis um den H\u00fcgel herumlaufen, um wieder zu unseren Fahrr\u00e4dern zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Weg kommen wir mit einer Gro\u00dfmutter ins Gespr\u00e4ch, die gerade ihr Gem\u00fcse, das sie am Wegrand zwischen die Apfelb\u00e4ume gepflanzt hat, pflegt. Ich kann mich an die genauen Inhalte des wohl reichlich bedeutungslosen Gespr\u00e4chs nicht erinnern, es ist nur beachtlich, dass die \u00e4ltere Dame aus eigener Initiative kurzerhand zwei wildfremde Leute anspricht. Und es kommt noch besser. Sie erz\u00e4hlt eingangs was von Tomaten. Tomaten? Ich verstehe nicht genau, was sie meint und sage, dass ich hier noch keine Tomaten gesehen h\u00e4tte. Daraufhin bittet sie uns, ihr zu folgen und bringt uns an ein weiteres Gem\u00fcsebeet, wo Tomatenstr\u00e4ucher wachsen. Sie geht aufrechten Ganges zwischen den B\u00e4umen hindurch (soweit man das bei ihrem altersgebeugten R\u00fccken noch sagen kann), w\u00e4hrend ich beinahe auf den Knien rutschen muss. Hier und da existieren noch weitere Gem\u00fcsebeete&#8230; eine interessante Ausnutzung des vorhandenen Bodens. Da ist auch ein Tomatenbeet, mit beachtlich gro\u00dfen Fr\u00fcchten. Und dann schneidet sie die besten Tomaten vom Strauch ab und sagt, sie wolle sie uns schenken. Na ja, jetzt, wo sie schon abgeschnitten sind, kann man sie schlecht noch ablehnen. Ich habe eine Plastikt\u00fcte dabei, und die Tomaten werden hineingepackt. Es sind bestimmt zwei Kilo Tomaten, die wir jetzt mit nach Hause nehmen. Ich h\u00e4tte sie mit der T\u00fcte in meinen Rucksack getan, aber Melanie f\u00fcrchtet, dass sie so zu sehr eingedr\u00fcckt werden. Wir bedanken uns h\u00f6flich und wortreich f\u00fcr das Gem\u00fcse, ein Erinnerungsfoto lehnt sie leider ab. Hat man das schon erlebt? Wir werden einen ganzen Topf voll Tomatenso\u00dfe damit kochen k\u00f6nnen, und Tomaten sind hier nicht gerade billig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir erreichen schlie\u00dflich den Bahnhof von Ishikawa und schauen uns die Karte an, um herauszufinden, wie wir wieder zur Hauptstra\u00dfe kommen, von der wir ja abgebogen sind. Da fallen die ersten Regentropfen. Es geht mir in erster Linie um die Frage, an welchem Bahnhof wir uns genau befinden, weil es n\u00e4mlich zwei gibt \u2013 einen f\u00fcr die staatlichen \u201eJapan Railways\u201c und ein weiterer f\u00fcr eine private Linie. Zwischendurch h\u00e4lt ein \u201eJR\u201c Zug am Bahnsteig und beantwortet die Frage damit. Trotzdem komme ich mit der eingezeichneten Anordnung der Stra\u00dfen nicht zurecht. Offenbar mangelt es mir mittlerweile an \u00dcbung im Kartenlesen.<br>W\u00e4hrend Melanie die Toilette benutzt, latscht ein Japaner auf mich zu. Um die Drei\u00dfig, schlecht rasiert, im Trainingsanzug. Er sieht nicht gesund aus. Das, was bei normalen Leuten in den Augen wei\u00df ist, ist bei ihm br\u00e4unlich-gelb. Aber gut, er kommt halt her\u00fcber und sagt <em>\u201eHello!\u201c<\/em> Das ist noch nichts Ungew\u00f6hnliches, also gr\u00fc\u00dfe ich zur\u00fcck und \u201eharre der Dinge, die da kommen\u201c, bis er dann direkt vor mir stehen bleibt. H\u00e4tte mich auch gewundert. Wenn Japaner <em>\u201eHello\u201c<\/em> rufen, sind sie in der Regel kommunikationsbereit. Ob wir auf einen Zug warten, m\u00f6chte er wissen. Nein, wir suchen die Hauptstra\u00dfe zwischen Hirosaki und Kuroishi. Er zeigt daraufhin nach Nordosten und Nordwesten und sagt, die betreffenden St\u00e4dte l\u00e4gen in dieser Richtung. Ja, danke, das wei\u00df ich auch selbst, aber das erz\u00e4hle ich ihm jetzt nicht, schon gar nicht in dem Tonfall, in dem mir das jetzt gerade durch den Kopf geht. Im Laufe der folgenden zwei Minuten mache ich ihm dann St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck klar, dass wir den Platz suchen, wo wir unsere Fahrr\u00e4der abgestellt haben, das sei irgendwo westlich von hier und wir suchten die Hauptstra\u00dfe, weil wir die Baustelle finden m\u00f6chten, an der wir abgebogen sind.<br>W\u00e4hrenddessen intensiviert sich der Regen und er bietet uns an, uns mit seinem Auto dorthin zu bringen. Wir nehmen an. Ich habe das dreimalige Ablehnen vor dem \u201eUmkippen\u201c nicht so verinnerlicht, wie es vielleicht der japanischen Sitte entspricht. W\u00e4hrend der Fahrt erz\u00e4hlt er, dass er Jieitai-Soldat sei und gerade von den Golan-H\u00f6hen zur\u00fcckgekommen sei. Das muss er zweimal sagen, weil ich hinter \u201eGoran\u201c zuerst ein japanisches Wort vermutet habe. Im zweiten Anlauf erw\u00e4hnt er dann Israel und Syrien und der Fall wird mir klar. Ich wusste nicht, dass sich Japan an der UNO Mission im israelisch-syrischen Grenzgebiet beteiligt. Er mache gerade Urlaub, bevor sein n\u00e4chster Auftrag beginne \u2013 Irak. Ich erz\u00e4hle ihm auch, dass wir in den vergangenen vier Stunden den H\u00fcgel bis zum Obiraki-san hochgeklettert und \u00fcber Ochanomizu wieder heruntergekommen seien, und er findet das so unglaublich, dass er laut lacht. Ob die Jieitai denn keine M\u00e4rsche absolviere, will ich wissen. Aber er sagt nur: <em>\u201eWir fahren am liebsten mit dem Auto.\u201c<\/em> Ich kann jetzt nicht sagen, was das in Bezug auf meine Frage bedeutet. F\u00fcr mich ist es v\u00f6llig normal, dass man bei der Armee pro Jahr mehrere M\u00e4rsche von drei\u00dfig Kilometern absolviert, zuz\u00fcglich einiger \u00fcbungsbedingter Gefechtsm\u00e4rsche. Wenn die Jieitai das nicht macht, f\u00e4nde ich das doch absonderlich.<br>Von seinem Haus aus, das direkt neben dem Bahnhof steht, bis zur Einfahrt der Baustelle sind es vielleicht drei Kilometer. Nicht weit, aber wir sparen dadurch Zeit ein, die wir im Regen h\u00e4tten verbringen m\u00fcssen. Wir finden unsere R\u00e4der noch am gleichen Platz vor und trennen uns von unserem Fahrer. Der H\u00f6flichkeit entsprechend l\u00e4dt er uns ein, doch noch einmal vorbeizukommen, bevor er abreist, und wir bedanken uns f\u00fcrs Mitnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie f\u00e4hrt mit ihrem platten Hinterrad. Langsam, aber schneller als zu Fu\u00df. Zur\u00fcck in Nakano gehe ich noch etwas zu Essen besorgen, weil Melanie Bent\u00f4 essen m\u00f6chte \u2013 ein japanisches Lunchpaket, um es mal so zu vereinfachen. Im Normalfall befinden sich darin Reis und ein wenig eingelegtes Gem\u00fcse, der Rest ist weitgehend dem Angebot des Ladens und dem Kundenwunsch \u00fcberlassen. An der entsprechenden Bude in Nishihiro bestelle ich ein Bent\u00f4 mit frittiertem Vogel zum Reis f\u00fcr sie und suche noch eine Weile auf der Speisekarte herum, was ich selbst essen m\u00f6chte. Ich bestelle <em>\u201eMenchi<\/em>\u201c f\u00fcr mich, und wenn ich das richtig sehe, handelt es sich dabei um eine Art frittierten Hackfleischkloss. Aber leider interpretiert der schon beinahe \u00e4ngstlich aussehende Koch meine Absicht falsch und meint offenbar, dass ich meine Bestellung habe \u00e4ndern wollen. Meine G\u00fcte, warum macht der so ein Gesicht? Macht er sich solche Sorgen, den Ausl\u00e4nder nicht zu verstehen? Bei den Japanern, die hier bestellen, macht er ein wesentlich entspannteres Gesicht. Wie dem auch sei, als ich dann den Preis gesagt bekomme, habe ich nur ein Menchi Bent\u00f4 vor mir stehen. Ich gebe mich verwirrt und bestelle noch ein \u201eBikkuri\u201c Bent\u00f4. Nach meinem Verst\u00e4ndnis hei\u00dft das \u201e\u00dcberraschung\u201c. Entgegen dieser Bezeichnung steht auf der Speisekarte aber genau, was in dem Gericht drin ist, also verstehe ich den Witz daran nicht. Mir gefallen die Zutaten, also will ich es essen. Am Ende sind wir beide wieder pappsatt f\u00fcr nicht mehr als umgerechnet 10 E \u2013 ist das nicht toll?<br>Dieser Tag hat sich gelohnt. Ich w\u00fcrde solche Tage gerne wiederholen, aber ich f\u00fcrchte, dass mir daf\u00fcr die Zeit fehlen wird.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp; Korrektur: Wenn man die Glocke erreicht, soll man kurz laut bimmeln, weil B\u00e4ren kontaktscheu sind und sich bei lauten Ger\u00e4uschen tiefer in den Wald zur\u00fcckziehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich fr\u00fch aufstehen, um ein bisschen wandern zu gehen, aber als ich um 05:30 aus dem Fenster schaue, sieht es da drau\u00dfen eher nach Regen aus, also bleibe ich vorerst liegen. 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