{"id":4033,"date":"2024-07-17T07:00:00","date_gmt":"2024-07-17T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4033"},"modified":"2024-07-15T23:03:23","modified_gmt":"2024-07-15T21:03:23","slug":"samstag-17-07-2004-menschliche-ueberheblichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=4033","title":{"rendered":"Samstag, 17.07.2004 \u2013 Menschliche \u00dcberheblichkeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es regnet heute Morgen, wenn auch nicht stark. Trotzdem dr\u00fcckt Melanie mir einen Schirm in die Hand, den ich nach 200 m bereits nicht mehr brauche, weil der Regen aufh\u00f6rt. Die Einsch\u00e4tzung (der Intensit\u00e4t) des Regens ist in unserer Nachbarschaft eine t\u00fcckische Angelegenheit. Erstens haben wir hier viele Blechd\u00e4cher und zweitens haben wir hier sehr wenige Regenrinnen. Man h\u00f6rt also viel mehr Wasser trommeln und pl\u00e4tschern, als sich tats\u00e4chlich pro Quadratmeter bemerkbar macht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schreibe ein paar Berichte und Forumseintr\u00e4ge, bevor ich um 17:00 wieder gehe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Montag ist die Bibliothek wegen des <em>\u201eUmi no Hi\u201c<\/em>, dem <em>\u201eTag des Meeres\u201c<\/em>, ebenso geschlossen wie der ganze Rest der Uni, ein freier Tag also. Aber der wird nat\u00fcrlich nachgeholt, wenn ich das richtig sehe, am 30. Juli.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fahre dann mit Melanie nach Hause, um <em>\u201eShin-chan\u201c<\/em> und <em>\u201eB\u00f4bobo\u201c<\/em> anzusehen, bevor wir zu Misi r\u00fcber fahren. Das hei\u00dft, ich fahre eigentlich alleine, weil Melanie im Supermarkt noch was zu trinken kaufen will und ich keine B\u00f6cke habe, diesen Umweg zu fahren, nur weil sie mich in ihrer N\u00e4he haben will. Bei Misi soll unsere gemeinsame Geburtstagsparty stattfinden. Die von Misi und mir \u2013 SangSu hat seinen bereits gefeiert und Melanie hat erst am 20. Juli Geburtstag.<br>Misi sagte ausdr\u00fccklich, dass es so ab Acht losgehen solle, und um kurz nach Acht bin auch da \u2013 als einziger. Misis derzeitige Freundin ist ebenfalls anwesend, aber sie hat noch eine dringendere Verabredung und wird so gegen 21:00 wieder gehen. Bis um diese Zeit ist auch nur Melanie dazugekommen, und das wundert mich doch sehr. Normalerweise hat Misi keine Probleme, seine Partys mit lustigen Leuten zu f\u00fcllen. Er meint, dass er vielleicht zu wenig Propaganda betrieben habe, aber Fakt ist auch, dass heute irgendwo eine (sp\u00e4tnachmittagliche) Grillparty irgendwelcher Gasteltern stattfindet, zu der eine Menge der von uns eingeladenen Leute wohl gegangen ist. Ein Anruf best\u00e4tigt, dass das Grillen am Ausklingen und die Truppe am r\u00fcberrollen sei. Die Leute tr\u00f6pfeln dann irgendwie so einer nach dem anderen herein; der Endstand sind Chris, Val\u00e9rie, Irena, Arpi, Izham, Baqr, Eve, Glenn, M\u00e9lanie, Kazu, J\u00fb, KiJong, und nat\u00fcrlich Misi, Melanie und meine Wenigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meiner Meinung nach leiden wir an einem eklatanten Mangel an Japanern, Koreanern und Chinesen. Ich habe nicht wenige eingeladen, aber so l\u00e4uft das halt, wenn ich solche Ereignisse ansage. Es mangelt mir offenbar an \u201eeinladendem Charisma\u201c. Ich scheine eher einen \u201eFurchtkreis\u201c um mich zu haben, wie der seit Jahren \u201euntergetauchte\u201c Studienkollege Sascha \u201eD\u00f6del\u201c einmal scherzhaft bemerkte. Aber warum blo\u00df sind so wenige der Koreanerinnen gekommen, die die Ansage dieser Party doch letzte Woche live mitbekommen haben d\u00fcrften? Nachdem Misi den Termin \u201eFreitag\u201c (also gestern) in den Raum gestellt hatte, sagte eine der Damen, dass sie da keine Zeit habe, also wurde der Vorschlag \u201eSamstag\u201c (das ist heute) gemacht. Offenbar kam das nicht mehr bei allen an, da viele bereits im Gehen begriffen waren. Bei SangSu ging die Party ja noch eine Weile weiter und eigentlich dachte ich, die Zeit sei zur weiteren \u201eSondierung\u201c des Vorschlags genutzt worden. Leider war dem nicht so. Die Koreaner, mit Ausnahme von J\u00fb und KiJong offenbar, wussten durch die Bank nichts von dem heutigen Termin. SangSu dachte, sie sei bereits gestern gewesen und SongMin sowie SungYi lagen um die (jetzige) Zeit, 21:30, bereits in den Federn und sahen sich nicht motiviert, daran noch etwas zu \u00e4ndern.<br>Dennoch ist der Raum brechend voll. Zum Teil sitzen auch immer wieder mal zwei oder drei Leute in der K\u00fcche, um der Enge des Hauptraums zu entfliehen. Immerhin waren wir in der Lage, die Funktionsweise der Klimaanlage auszut\u00fcfteln \u2013 und das gelang nur, weil Val\u00e9rie wusste, dass man daf\u00fcr eine Fernbedienung braucht (von der Misi nichts wusste), die Glenn dann aus ihrem (gleich ausgestatteten) Apartment besorgte, und schon war die Atmosph\u00e4re viel angenehmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe Arpi bereits eine l\u00e4ngere Zeit nicht mehr im Center gesehen, also dachte ich, dass er bereits wieder in die Heimat abgereist sei. Seine Frau in Ungarn war schlie\u00dflich nicht sehr angetan davon, dass ihr Mann direkt nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit auf die andere Seite der Welt entschwand. Er sagt, dass er sehr mit seiner Forschung besch\u00e4ftigt sei und st\u00e4ndig zwischen dem Uniklinikum Hirosaki und einer Klinik in Aomori hin und her pendele. Er werde auch nicht l\u00e4nger als unbedingt notwendig hierbleiben. Sein Traum sei eine Forschungsbeteiligung in Heidelberg, wohin ihm seine Frau auch zu folgen bereit w\u00e4re. Aber er schw\u00e4rmt nicht nur wegen der famili\u00e4ren Umst\u00e4nde f\u00fcr Heidelberg und lobt die dortige Universit\u00e4t f\u00fcr ihre Leistungsf\u00e4higkeit im medizinischen Bereich. Er erz\u00e4hlt mir auf Anfrage auch ein paar Dinge \u00fcber Gehirnchirurgie (er hat als Jugendlicher das Spiel <em>\u201eLife and Death \u2013 The Brain\u201c<\/em> gespielt, was ich doch irgendwie lustig finde) und ich frage ihn, ob er vielleicht ein paar Bilder habe. Oh ja, sagt er, nichts leichter als das. Er habe die Dokumentation einer ganzen Operation auf seiner Festplatte. Wenn ich ihm eine E-Mail zusende, k\u00f6nne er mich mit einer ganzen Reihe \u201eherrlicher Horrorbilder\u201c versorgen. Das lasse ich mir dann doch nicht entgehen. Das k\u00f6nnte das Bild von der Entfernung eines Hautkrebstumors, das ich von Dr. \u201eDragon\u201c Chen erhalten habe, noch toppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich frage Izham, wie es bei ihm eigentlich mit dem Thema Alkohol aussehe. Er sei zwar Moslem, aber nicht sonderlich religi\u00f6s, erz\u00e4hlt er, aber er trinke auch aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden keinen Alkohol.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Misi erz\u00e4hlt von einem Besuch bei der Gastfamilie von Chris, wo er die japanische Unsitte des <em>\u201eKabuto Mushi\u201c<\/em> kennen lernen \u201edurfte\u201c. Ich wage hier tats\u00e4chlich den \u00fcberheblichen Begriff \u201eUnsitte\u201c, weil es hierbei um ein Brauchtum jenseits der Grenze meiner kulturellen Toleranz geht, und man kann mir hoffentlich nicht vorwerfen, dass mein kultureller Horizont zu eng sei.<br>Bei <em>\u201eKabuto Mushi\u201c<\/em> handelt es sich um gro\u00dfe Hirsch- oder Hornk\u00e4fer, bzw. um das Sammeln derselben. Dieses \u201eHobby\u201c ist so beliebt, dass es sogar Videospiele dazu gibt, deren Bedeutung ich erst jetzt zu erfassen in der Lage bin.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In den Videospielen l\u00e4sst man die K\u00e4fer gegeneinander k\u00e4mpfen, aber <em>\u201eKabuto Mushi\u201c<\/em> ist wohl die (kampflose) Grundlage. Die K\u00e4fer sind zum Teil so gro\u00df wie eine kleine Kinderfaust, und das Sammeln ist an sich nicht weiter seltsam, weil es \u00fcberall auf der Welt Insektensammler gibt. Woanders als in Japan t\u00f6tet man die K\u00e4fer jedoch, spie\u00dft sie dann auf und bewundert sie konserviert in einem Glaskasten.<br>In Japan dagegen kauft man sie lebend, nicht selten f\u00fcr 20000 Yen (ca. 150 E) das St\u00fcck, packt sie in eine durchsichtige Plastikbox und findet sie ganz toll, bis sie nach etwa einem Monat an Wasser- und Nahrungsmangel, Pilzkrankheiten und Insektenbefall langsam und allm\u00e4hlich verreckt sind. Sie bekommen keine Nahrung und kein Wasser, und im Laufe der Zeit beginnen sie, bei lebendigem Leibe zu verfaulen. Ihre Fl\u00fcgel fallen ab, ebenso verlieren sie ihren Au\u00dfenpanzer, und man kann ihren inneren Leib pulsieren sehen, w\u00e4hrend Fliegen ihre Eier auf ihnen ablegen und sowohl die Maden als auch die Fliegen sich von den verrottenden K\u00f6rpern ern\u00e4hren.<br>Bei aller Liebe, das ist mit Abstand das Grausamste, was mir in den letzten Monaten zu Ohren gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Etwa um Mitternacht verlassen Melanie und ich, mehr oder minder zuf\u00e4llig zeitgleich mit Kazu, die Party wieder, nachdem Melanie eigentlich die halbe Zeit nur noch mit starrem Blick in der Ecke gesessen hatte. Ich glaube, sie braucht Schlaf. Lange Konversationen in englischer Sprache sind sehr Kraft raubend, wenn man es nicht gewohnt ist.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a><em>&nbsp;&nbsp; Pokemon<\/em> ist das wohl ber\u00fchmteste dieser Spiele, die auf Kabuto Mushi zur\u00fcckgehen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es regnet heute Morgen, wenn auch nicht stark. Trotzdem dr\u00fcckt Melanie mir einen Schirm in die Hand, den ich nach 200 m bereits nicht mehr brauche, weil der Regen aufh\u00f6rt. Die Einsch\u00e4tzung (der Intensit\u00e4t) des Regens ist in unserer Nachbarschaft eine t\u00fcckische Angelegenheit. 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