{"id":3999,"date":"2024-07-07T07:00:00","date_gmt":"2024-07-07T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3999"},"modified":"2024-06-30T21:25:35","modified_gmt":"2024-06-30T19:25:35","slug":"mittwoch-07-07-2004-themenvielfalt-macht-den-tag-schoener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3999","title":{"rendered":"Mittwoch, 07.07.2004 \u2013 Themenvielfalt macht den Tag sch\u00f6ner"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich plagt heute den ganzen Tag \u00fcber eine mehr oder weniger unterschwellige \u00dcbelkeit&#8230; ich habe keine Ahnung, wo ich die herhaben k\u00f6nnte. Morgens schreibe ich Kanji f\u00fcr den Test bei Yamazaki-sensei ab und in der Mittagspause fasse ich den \u201eSozialbericht\u201c von <em>\u201eLloyd\u2019s London\u201c<\/em> f\u00fcr Hugosson zusammen, den er f\u00fcr heute noch gar nicht haben wollte&#8230; aber immerhin ist diese Arbeit damit erledigt. Stattdessen fragt er mich, wo mein Bericht \u00fcber den Ausflug letzte Woche bleibe. Moment mal, den Bericht habe ich l\u00e4ngst versendet! Er hat ihn aber nicht erhalten. Ich betreibe ein wenig Ursachenforschung und stelle fest, dass ich die E-Mail-Adresse falsch in das Adressfeld eingegeben habe. Nach \u201eHugosson@\u201c folgt n\u00e4mlich zuerst mal \u201ecc.\u201c und nicht gleich \u201ehirosaki-u\u201c. Was mich dabei wundert, ist die Tatsache, dass die Post nicht mit dem Vermerk <em>\u201eunbekannter Empf\u00e4nger\u201c<\/em> zur\u00fcckgekommen ist. Das w\u00fcrde bedeuten, dass die Mail zwar noch irgendwo im Netzwerk existiert, aber eben nicht dort, wo sie eigentlich hinsollte. Aber was soll\u2019s, ich hole die Versendung nach und es herrscht wieder Frieden im Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann ist erst mal Kond\u00f4-sensei dran und SangSu h\u00e4lt einen weiteren Vortrag, diesmal \u00fcber die atemberaubenden Unterschiede zwischen der (inzwischen nicht mehr existenten) japanischen Fuji Bank und der amerikanischen CitiCorp Bank. Der zugrundeliegende Aufsatz stammt von 1996. F\u00fcr unsereins sind die Details eigentlich langweilig, keiner von uns studiert ein wirtschaftlich relevantes Fach, abgesehen davon, dass ich die Erweiterung meines Allgemeinwissens guthei\u00dfe. Nim kommt noch nahe heran, weil sie die Feinheiten der Gefl\u00fcgelzucht studiert&#8230;<br>Der Aufsatz, der vom Computerwissenschaftler SangSu zusammengefasst und vom Finanzspezialisten Kond\u00f4 genauer erkl\u00e4rt wird, f\u00fchrt den Nachweis, dass japanische Banken zu viel Kapital haben. Diese These kommt einem Laien wie mir nat\u00fcrlich seltsam vor \u2013 wie kann man zu viel Kapital haben? Die Fuji Bank, die durchaus stellvertretend f\u00fcr die g\u00e4ngige Praxis stand und als Paradebeispiel heute noch steht, hatte zwar riesige R\u00fccklagen und eine gro\u00dfe Summe laufender Kredite, aber die Investitionen waren wenig gewinnbringend angelegt. Die CitiCorp kam letztendlich zwar auf ein niedrigeres Gesch\u00e4ftsergebnis, aber der Gewinn pro investiertem Dollar war deutlich h\u00f6her als der der Fuji Bank. Warum war das so?<br>Die CitiCorp hat ein breit gef\u00e4chertes Investitionsfeld, wogegen die Fuji Bank, wie praktisch alle anderen japanischen Banken auch, eine klare Konzentration auf Gro\u00dfkunden besa\u00df. Das hei\u00dft, Kredite wurden praktisch nie an K\u00f6rperschaften vergeben, die nicht mindestens in die Kategorie \u201emittleres Unternehmen\u201c fielen. Kleine Unternehmen oder gar Privatpersonen haben in Japan \u00fcberhaupt keine Chance, an einen regul\u00e4ren Kredit zu kommen. Ich erw\u00e4hnte das bereits an anderer Stelle. Gro\u00dfkunden allerdings sind oft einflussreiche Konzerne, die die M\u00f6glichkeit besitzen, den Zinssatz der Bank herunterzuhandeln. Entweder die Bank setzt die Zinsrate niedrig an oder verliert das Gesch\u00e4ft. Ergo: Die Banken sollten also ihr Investitionskapital verringern und sich mehr auf mittlere und kleine Unternehmen konzentrieren, sowie auf individuelle Kreditnehmer, um so das Risiko einer einzelnen Investition zu streuen. Die Zeiten, wo man Kredite an japanische Gro\u00dfunternehmen als sicher betrachten konnte, sind seit etwa zehn Jahren vorbei, aber das haben die gro\u00dfen Kreditinstitute offenbar noch nicht gemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir besuchen mit Hugosson heute eine wirklich naheliegende NPO. Sie hat ihren Sitz im Studierzimmer eines Professors im Physikgeb\u00e4ude nebenan, und weil da alle ganz umweltbewusst sind (die anwesenden Studenten wohl eher weniger freiwillig), l\u00e4uft da auch keine Klimaanlage. Das Zimmer ist ein Backofen und die Fenster m\u00fcssen geschlossen bleiben, damit nicht ein Windsto\u00df wichtige Papiere durcheinanderbringt. Nach f\u00fcnf Minuten, in denen ich nur stillsitze, l\u00e4uft mir der Schwei\u00df bereits in Str\u00f6men vom Gesicht und ich wage gar nicht, meine Arme auf dem Tisch abzust\u00fctzen, weil sich an den Ber\u00fchrungsfl\u00e4chen sofort Pf\u00fctzen bilden. Der Professor macht f\u00fcr uns G\u00e4ste eine Ausnahme und schaltet die Klimaanlage ein. Nach weiteren f\u00fcnf Minuten kann man den Raum dann als bewohnbar betrachten.<br>Das erkl\u00e4rte Ziel dieser Organisation ist die Renaturierung stillgelegter Agrarfl\u00e4chen, um durch menschlichen Einfluss verdr\u00e4ngte Insektenarten, unter anderem (oder vor allem) ein paar sehr sch\u00f6ne Libellenarten, wieder anzusiedeln. Diesbez\u00fcglich seien bereits einige Erfolge eingetreten \u2013 auch solche, die eigentlich nicht beabsichtigt waren. So habe sich nach der Aufnahme der Arbeit der NPO die Rote Libelle, die unter der japanischen Bezeichnung \u201eAkatombo\u201c jedem Kind in Japan ein Begriff ist, stark verbreitet. Allerdings sei diese Libelle vorher in Aomori nicht heimisch gewesen, bis vor f\u00fcnfzig Jahren gab es sie hier oben noch gar nicht \u2013 es war zu k\u00fchl. Die Verbreitung dieses Raubinsekts nach Norden ist also ein Anzeichen f\u00fcr die globale Erw\u00e4rmung. Aber die sp\u00fcrt man auch weiter s\u00fcdlich. In Tokyo sollen schon Gottesanbeterinnen gesehen worden sein, und auch ein paar h\u00e4ssliche und auch giftige Spinnenarten sollen sich bereits in der S\u00fcdh\u00e4lfte von Honsh\u00fb ausgebreitet haben. Na Mahlzeit, darauf kann ich verzichten. Aber vor die Wahl gestellt, w\u00fcrde ich lieber mit einer Gottesanbeterin zusammenleben.<br>Nebenbei hat man sich der Umwelterziehung der einheimischen Kinder verschrieben, und ich pers\u00f6nlich finde das angesichts des M\u00fclls, den man auch in den W\u00e4ldern findet, recht notwendig. Der Professor ist sehr angetan vom deutschen M\u00fclltrennungssystem, lobt es in den h\u00f6chsten T\u00f6nen und zeigt uns ein paar typische Fotos, die er w\u00e4hrend einer Umwelttagung in Frankfurt am Main gemacht hat: M\u00fclltonnen. Ich habe schon \u00f6fters Touristen in Trier am Bahnhof gesehen, die angesichts der verschiedenartigen M\u00fcllboxen auf dem Bahnsteig die Kamera rausholten und Fotos von den Eimern machten. Dann zeigt er ein paar andere Fotos und Statistiken, die belegen (sollen) wie sehr der Kohlendioxidgehalt der Luft in den vergangenen 200 Jahren zugenommen hat. Festgestellt wird das alles anhand von Ablagerungen verschiedener Art, in erster Linie durch Proben von den Polkappen, wo sich ja jedes Jahr eine aussagekr\u00e4ftige neue Schicht von Eis bildet.<br>Der liebe Professor redet viel und wir \u00fcberziehen zehn Minuten lang, aber nach dieser Stunde hat keiner von uns mehr Unterricht. Zuletzt bittet er uns, an einer Radiosendung der <em>\u201eApple Wave\u201c<\/em>, des Aomori-ken Lokalsenders, teilzunehmen, um von unseren heimatlichen M\u00fclltrennungs- und anderen Umweltma\u00dfnahmen zu berichten. Er kann uns noch kein Datum nennen, aber er werde mit unserem Dr. Hugosson in Kontakt treten, um die Sache in die Wege zu leiten. Nat\u00fcrlich interessiert mich diese Erfahrung&#8230; obwohl hier kaum jemand Radio h\u00f6rt und was von mir mitbekommen wird. W\u00fcrde sich der Betrieb einer Radiostation lohnen (durch Werbeeinnahmen z.B.), dann g\u00e4be es sicher mehr als zwei oder drei pro Region. Wenn ich bedenke, wie viel Radioauswahl ich in Deutschland genie\u00dfe&#8230; dort kann ich mir beinahe f\u00fcr jedes Interessengebiet einen anderen Sender aussuchen \u2013 Musik auf RTL oder SR1, Nachrichten auf der Europawelle und beknackte Moderatoren auf Radio Sal\u00fc (wenn man sich wieder vergewissern m\u00f6chte, warum man diesen Sender nicht h\u00f6ren will).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich surfe danach ein bisschen im Internet und finde die Homepage von Koike Rina.<br>Wer ist Koike Rina? Dabei handelt es sich um die junge Schauspielerin, die die menschliche Luna in der <em>\u201eSailorMoon\u201c<\/em> Realserie spielt. Aus verschiedenen Kommentaren kann ich entnehmen, dass Luna manche Leute so sehr an die wenig beliebte ChibiUsa erinnert, dass sie keine Chance hat, irgendwelche Sympathiepunkte zu erreichen. Diese Kommentare h\u00f6re ich derweil nur aus Deutschland, aber wen wundert das? Die Animeserie war in erster Linie in Europa ein Erfolg, vor allem in Deutschland und Italien. Italiener haben wir hier aber keine, und auch Amerikaner, die immerhin einen Teil der Serie kennen k\u00f6nnten, haben wir auch nicht. Die Japaner, die ich gefragt habe, kennen zwar alle die Animeserie, streiten aber ab, die Realserie zu kennen. Andererseits wird sie aber auch zu einer Zeit gesendet, zu der Studenten noch tief und fest schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie dem auch sei, ich habe also \u201cLunas\u201c Homepage gefunden.<br>Aha&#8230; sie ist 1993 geboren und 135 cm gro\u00df, bei knapp 29 kg Gewicht. Meine G\u00fcte \u2013 ein Zwerg, und ein ziemlich leichter obendrein. Sie wird wohl noch ein paar Zentimeter wachsen. Rina ist unter Vertrag bei einer Promotion-Firma, die <em>\u201eVery Berry\u201c<\/em> hei\u00dft, was im Japanischen Englisch irgendwo wieder lustig klingt, weil beide Begriffe gleich ausgesprochen werden. Diese Firma verdient ihr Geld offenbar mit der Vermittlung junger \u201eTalente\u201c an Firmen, die etwas mit diesen produzieren, was sich irgendwie vermarkten l\u00e4sst.<br>Eine der Firmen, die Rina \u201egemietet\u201c haben, ist z.B. <em>\u201eIdolland\u201c<\/em> (\u201eIdol\u201c ist die japanische Bezeichnung f\u00fcr junge Showstars). Diese Firma wiederum verdient ihr Geld mit so genannten \u201eImage Videos\u201c. Das sind Videos, die, so fasse ich das zumindest auf, f\u00fcr die jeweilige Vertragsnehmerin (die sind n\u00e4mlich alle weiblich, soweit ich das \u00fcberblicken kann) als Werbema\u00dfnahme zur \u201eWeitervermietung\u201c dienen sollen \u2013 zumindest offiziell. Dass diese Videos n\u00e4mlich f\u00fcr die Darstellung des k\u00fcnstlerischen Potentials der Vertragsnehmerin geeignet (oder auch nur gedacht) sind, halte ich f\u00fcr \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig. Man kann sie auch im Handel kaufen, f\u00fcr 3900 Yen pro DVD. Daf\u00fcr bekomme ich 40 Minuten Unterhaltung. Ich m\u00f6chte es mal so nennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man werfe einen Blick auf die Seite <a href=\"http:\/\/www.idolland.co.jp\/\"><em>www.idolland.co.jp<\/em><\/a>. Die Aufmachung der Seite sagt alles dar\u00fcber aus, um was es hier tats\u00e4chlich geht. Aber f\u00fcr die, die keinen Zugang haben, f\u00fchre ich das noch ein wenig aus. Die Gestaltung der Cover der DVDs (von den Fotos auf der Idolland Homepage mal ganz abgesehen) zeigt mir, dass hier <strong>sehr<\/strong> k\u00f6rperbetonte Aufnahmen verkauft werden. Oh nein, nat\u00fcrlich keine expliziten Details. Das w\u00fcrde dem ganzen Gesch\u00e4ft ja den legalen Rahmen rauben. Die meisten der dargestellten M\u00e4dchen sind minderj\u00e4hrig. Das ist im Idol-Business allerdings nichts Ungew\u00f6hnliches, und ich habe auch gar nichts dagegen, wenn die M\u00e4dchen singen und tanzen. Eben das tun sie in den \u201eIdolland\u201c Produktionen aber eben nicht. Da sind Titel wie <em>\u201eCh\u00fbgakusei\u201c<\/em> (\u201eMittelsch\u00fclerinnen\u201c) nicht selten, und die M\u00e4dchen werden dargestellt in den \u201e\u00fcblichen\u201c Outfits: Freizeitkleidung, Schuluniform, Schulsportdress (also T-Shirt mit kurzen, enganliegenden Hosen) und Badeanzug. Die Posen m\u00f6chte ich dabei schon f\u00fcr \u201eeindeutig\u201c bis \u201eobsz\u00f6n\u201c halten, aber mir scheint, dass es Abstufungen je nach Alter der Vertragsnehmerin gibt: Je n\u00e4her die Person an 21 (Vollj\u00e4hrigkeit) herankommt, desto deutlicher treten die eigentlichen Zwecke dieser Aufnahmen hervor. Aber die \u00e4ltesten Models bei \u201eIdolland\u201c tragen immer noch Schuluniform, sind also bestenfalls 18 Jahre alt \u2013 sofern das Alter nicht falsch angegeben wird.<br>Sagen wir es kurz und knapp: Die liebe Rina kommt aus dem Loli-Business. Wie ich mit der \u201eAltersabstufung\u201c andeutete, gibt zumindest das Cover ihrer DVD keine allzu erotischen Bilder her (ein magerer Spatz im Badeanzug ist nicht sonderlich anziehend in meinen Augen). Aber letztendlich handelt es sich dabei um ein Produkt, das in bewegten Bildern das zeigt, was man auch in dem kleinen Bilderbuch sehen kann, das ich vor wenigen Wochen gekauft habe. Man kann die inneliegende P\u00e4dophilie aus dem Bildschirm herausriechen. Aber ich will hier keinen Vorurteilen Vorschub leisten. Es gibt in Japan ganz bestimmt nicht mehr P\u00e4dophile als anderswo in der so genannten zivilisierten Welt \u2013 die legalen Grauzonen am Rand dieser Ausrichtung sind nur akzeptierter als sonst wo. Ich pers\u00f6nlich f\u00fchre das auf eine Eigenart der japanischen Kultur zur\u00fcck, die jedem Japaner und jeder Japanerin eingeimpft wird und sich in der Sprache niederschl\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich im Winter in Tokyo war, habe ich mich, wie ich erz\u00e4hlt habe, mit Shizuka getroffen, die ich von ihrem Studienjahr in Trier her kannte. In Akihabara kamen wir an einem gro\u00dfen Werbeplakat vorbei, auf dem Nakama Yukie abgebildet war, und meine Sympathie f\u00fcr diese junge Frau habe ich in meinem Tagebuch schon \u00f6fters zur Sprache gebracht. Beim Anblick des Posters machte ich die Bemerkung, dass sie meines Erachtens die derzeit sch\u00f6nste Frau Japans sei. Shizuka sah mich an und fragte mich, ob ich sie \u201eniedlich\u201c finde \u2013 <em>\u201eKawaii?\u201c<\/em> Die R\u00fcckfrage lie\u00df mich kurz stutzen, weil ich an diesen Begriff \u00fcberhaupt nicht gedacht hatte. Ich sagte, nein, \u201eniedlich\u201c sei das falsche Wort, ich f\u00e4nde Yukie \u201esch\u00f6n\u201c \u2013 <em>\u201eutsukushii\u201c<\/em>. Bei \u201ekawaii\u201c denke ich in erster Linie an \u201eniedliche\u201c Kleinstkinder aller Art, seien es Tiere oder Menschen, aber nicht an erwachsene Frauen.<br>Sensibilisiert durch diese kurze Episode fielen mir in den folgenden Monaten \u00f6fters solche Kommentare auf, in denen der Begriff \u201ekawaii\u201c auf erwachsene Frauen angewendet wurde, um ihr \u00c4u\u00dferes und ihre Ausstrahlung zu beschreiben, und nach und nach fielen mir auch derlei Kommentare aus japanischen Filmen ein, die ich gesehen hatte. Ich muss daraus schlie\u00dfen, dass die Begriffe \u201eh\u00fcbsch\u201c, \u201egut aussehend\u201c und \u201eniedlich\u201c hier synonym sind. Der implizierte Sexismus solcher Sprachmuster besteht darin, dass, laut japanischem Sprachgebrauch, eine Frau, die nicht \u201eniedlich\u201c ist, auch nicht \u201eh\u00fcbsch\u201c \u2013 und damit nicht anziehend sein kann. Ich habe eine solche Pr\u00e4gung nicht und bin durchaus der Meinung, dass sch\u00f6ne Frauen nicht unbedingt auch immer irgendwie niedlich sind.<br>\u201eNiedlich\u201c ist ein Begriff, den ich \u2013 wieder beim Thema \u2013 mit einer kindlich-unschuldigen Art von Sch\u00f6nheit in Verbindung bringe. Nakama Yukie zum Beispiel besitzt f\u00fcr mich eine \u201eerwachsene\u201c Sch\u00f6nheit, in der ich pers\u00f6nlich keine \u201eKindhaftigkeit\u201c sehe und auch nicht sehen kann. In Japan zu einer Frau zu sagen, sie sei <em>\u201ekawaiku nai\u201c<\/em> (<em>\u201enicht niedlich\u201c<\/em>) ist allerdings schon eine Art Affront, da damit alle anderen \u00e4u\u00dferen Qualit\u00e4ten, die die Angesprochene haben mag, in Frage gestellt werden. Diese zweifelsfrei m\u00e4nnliche Sicht der Dinge hat nat\u00fcrlich der Kosmetikindustrie ihren Stempel aufgedr\u00fcckt.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres sprachliches Ph\u00e4nomen in dieser Richtung ist die seltsame Angewohnheit von japanischen Frauen, sich im mehr oder minder engen Bekanntenkreis mit dem eher kindlichen Suffix <em>\u201e-chan\u201c<\/em> anzusprechen, den ich gerade beschrieben habe. Als Mitteleurop\u00e4er will ich nicht verstehen, warum erwachsene Frauen sich mit Bezeichnungen anzureden, wie sie eher in den Kindergarten passen w\u00fcrden. Ich w\u00fcrde gar nicht auf die Idee kommen, eine Japanerin, die 16 Jahre oder \u00e4lter ist, mit diesem meines Erachtens diskriminierenden Suffix anzusprechen. Es ist ein Sexismus, der sich in der Sprache niederschl\u00e4gt und die japanische Frau in ein untergeordnetes, kindliches Muster presst. Um dieses Konzept f\u00fcr die Frauen akzeptabel zu machen, erz\u00e4hlt man ihnen von klein auf, dass niedlich zu sein eine weibliche Tugend sei. <br>Wenn ich zu viel dar\u00fcber nachdenke, wird mir noch \u00fcbel davon. Ich bin ganz froh, dass der Umgang, den ich mit der Familie Jin pflege, nicht auf solche Stereotypen schlie\u00dfen l\u00e4sst. Dr. Jin bedenkt seine Frau mit der sehr h\u00f6flich zu nennenden Bezeichnung <em>\u201eEiko<strong>-san<\/strong>\u201c<\/em>, und dieses Suffix wird, laut dem einen oder anderen Soziologen, f\u00fcr gew\u00f6hnlich schnell vergessen, sobald man mal dasselbe Kopfkissen geteilt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe schlie\u00dflich nach Hause. Ein Blick in den Himmel zeigt mir, dass der Himmel, der den ganzen Tag \u00fcber, wie auch w\u00e4hrend der Tage zuvor, weitgehend klar gewesen war, jetzt bew\u00f6lkt ist. Was mich daran erinnert, dass heute \u201eTanabata\u201c ist. Was ist Tanabata?<br>Laut einer Legende, die aus eigentlich aus China stammt, waren da vor langer Zeit einmal der Hirte Hikoboshi und die webende Prinzessin Orihime (die Sterne Vega und Altair), die sich so innig liebten, dass sie ihre Arbeit vernachl\u00e4ssigten. Dar\u00fcber war der Himmelskaiser sehr erz\u00fcrnt und er trennte die beiden durch den Himmelsfluss (die Milchstra\u00dfe), \u00fcber den sich nur am siebten Tag des siebten Monats eine Br\u00fccke spannt. Wenn es an diesem Tag allerdings regnet, tritt der Fluss \u00fcber die Ufer, die Br\u00fccke bildet sich nicht und die beiden m\u00fcssen ein Jahr auf die n\u00e4chste Gelegenheit warten. Zu dumm, dass um dieses Datum gerade Regenzeit ist&#8230;<br>Ich bin sicher, dass es auch andere Versionen dieser Legende gibt, mindestens so viele, wie es diesbez\u00fcgliche lokale Br\u00e4uche in Japan gibt. Manche Regionen z.B. feiern Tanabata erst am 07. August, weil dieses Datum n\u00e4her an den urspr\u00fcnglichen Zeitpunkt im Mondkalender herankommt, als der neuere Sonnenkalender. Ich habe Versionen gelesen, denen zu Folge auch der Hirte ein Prinz gewesen sein soll, und andere, nach denen er trotz seiner niederen Geburt die Prinzessin habe heiraten d\u00fcrfen, bevor die beiden aus genannten Gr\u00fcnden getrennt wurden. Anderswo hei\u00dft es auch, dass sich die beiden nicht direkt begegnen, sondern nur <strong>sehen<\/strong> k\u00f6nnten, was nat\u00fcrlich nur geht, wenn der Himmel klar ist \u2013 was w\u00e4hrend der Regenzeit eigentlich eine Seltenheit ist.<br>Aber Tanabata ist ja nicht nur Legende, sondern auch eine feierliche Praxis. Abgesehen davon, dass anl\u00e4sslich des Festes vielerorts kr\u00e4ftig gebechert wird, gibt es sch\u00f6ne Festivals zu sehen. Die Stadt Sendai zum Beispiel, ein St\u00fcck s\u00fcdlich von Hirosaki gelegen, ist ber\u00fchmt f\u00fcr ihr Tanabata-Fest. Weiterhin ist es Brauch, kleine Papierzettel mit W\u00fcnschen an einen Bambusstrauch zu binden, in der Hoffnung, dass die W\u00fcnsche wahr werden. Gew\u00f6hnlich tut man das vor der eigenen Haust\u00fcr, aber auch Bambusdekorationen an Bahnstationen werden verwendet. Traditionellerweise werden die Bambusgew\u00e4chse in einen Fluss geworfen oder in ein Reisfeld gesteckt, um Ungl\u00fcck abzuhalten und eine gute Ernte zu erbitten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was jeweils aus dem Bambus wird, der f\u00fcr das Tanabata-Fest der Japanologie in Trier verwendet wird, ist mir allerdings nicht klar. Reisfelder haben wir ja keine, ebenso mangelt es unserer Fakult\u00e4t an Kindern, die jung genug w\u00e4ren, um tats\u00e4chlich zu glauben, dass W\u00fcnsche wahr werden, die man an eine exotische Graspflanze heftet, die als Schlag- und Stichwaffe, sowie als Folterwerkzeug und Nahrungsmittel einen weitaus gr\u00f6\u00dferen Bekanntheitsgrad besitzt, und ich habe auch noch kein \u201eKommando\u201c bemerkt, dass den Bambus in die Mosel geworfen h\u00e4tte, um so Ungl\u00fcck bei den kommenden Klausuren abzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ich \u00fcbersetze <em>kawaii<\/em> grunds\u00e4tzlich als <em>h\u00fcbsch<\/em> (engl. <em>pretty<\/em>) und verwende <em>niedlich<\/em> (engl. <em>cute<\/em>) nur in passend erscheinenden Kontexten \u2013 was mir noch den Unmut so manches selbstbewussten Hobby\u00fcbersetzers einbrachte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mich plagt heute den ganzen Tag \u00fcber eine mehr oder weniger unterschwellige \u00dcbelkeit&#8230; ich habe keine Ahnung, wo ich die herhaben k\u00f6nnte. 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