{"id":3984,"date":"2024-07-01T07:00:00","date_gmt":"2024-07-01T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3984"},"modified":"2024-06-28T08:07:51","modified_gmt":"2024-06-28T06:07:51","slug":"donnerstag-01-07-2004-curry-hausgemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3984","title":{"rendered":"Donnerstag, 01.07.2004 \u2013 Curry, hausgemacht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Unterricht setze ich mich ins Center und sehe mit gro\u00dfer Freude, dass zumindest auf einem der beiden Computer, die ich wegen dauernder Programmfehler und Abst\u00fcrze klammheimlich formatiert habe, heute wieder ein Betriebssystem installiert wird. Ich finde keine Gelegenheit, den zweiten zerschossenen Rechner ebenfalls auf Neuinstallation zu \u00fcberpr\u00fcfen. Immerhin ist jetzt wieder ein Rechner da, der voll und ganz funktioniert und frei von den tausend verwendeten Messenger-, Chat- und Pausenspielprogrammen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 13:00 treffe ich Mei; offiziell, um ihre Englischlektion durchzugehen, aber wir sind den gr\u00f6\u00dften Teil der Zeit damit besch\u00e4ftigt, die CDs, die sie sich ausgeliehen hat, in MP3 Sammlungen und weitere Audio-CDs zu verwandeln, w\u00e4hrend wir nebenher ein paar grammatikalische Angelegenheiten besprechen. Sie hat von Computern so viel Ahnung wie ich von Chinesisch \u2013 ich kann ein paar Zeichen lesen und hin und wieder eine Schlagzeile in einer chinesischen Tageszeitung richtig interpretieren, aber mit dem Ganzen kann ich nichts anfangen. Also \u00fcbe ich mit ihr Learning-by-Doing, indem ich ihr sage, wie das Programm funktioniert und welche Begriffe sie sich merken muss, um eine CD und ein Cover daf\u00fcr herzustellen, und sie vollzieht die Schritte selbst nach. Wenn man das zweimal gemacht hat, kann man es und im Notfall kann sie die Spracheinstellung der Nero Benutzeroberfl\u00e4che auch auf Chinesisch umschalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um etwa 15:00 kommt dann Frau Maeda herein und knappe zehn Minuten sp\u00e4ter fahren wir zu ihr nach Hause. Sie wohnt n\u00e4her an Nakano als an der Universit\u00e4t, und wir stellen fest, dass wir bereits mehrfach w\u00e4hrend unserer Spazierg\u00e4nge im vergangenen Herbst an ihrer Haust\u00fcr vorbeigegangen sind.<br>Jetzt h\u00e4tte ich eigentlich gehofft, etwas aktiver in die Herstellung des Currys einbezogen zu werden, aber stattdessen sitze ich auf der Couch rum, sehe Schildkr\u00f6ten in ihrem unappetitlich tr\u00fcb-gr\u00fcnen Aquarium zu und versuche, die <em>\u201eAsahi Zeitung f\u00fcr Grundsch\u00fcler\u201c<\/em> zu lesen. Das ist auch ganz gut m\u00f6glich, weil alle Kanji mit Lesungen ausgestattet sind, von daher kann ich die W\u00f6rter, die ich nicht kenne, schneller nachschlagen. Es finden sich darin Artikel \u00fcber aktuell laufende Kinderserien, auch \u00fcber <em>\u201eSailorMoon\u201c<\/em>, in Form von Interviews, Hintergrundberichten und Zusammenfassungen von Episoden. In einer der Ausgaben ist zu lesen, dass die Senshi einen Live-Auftritt in Tokyo hatten, den ich an sich gerne gesehen h\u00e4tte. Und ich habe nichts davon gewusst und hatte keine Chance, auch nur eine Sekunde davon zu sehen! Ich hadere mit dem Schicksal, aber ich habe erst das allererste Mal das Gef\u00fchl, in Hirosaki etwas verpasst zu haben.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Aha, und Luna hei\u00dft also \u201eKoike Rina\u201c. Dann sollte ich ihre Homepage auftreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich entdecke w\u00e4hrend meiner \u201eCouch-Periode\u201c die Vorteile einer Gastfamilie, deren Kinder nicht mehr ganz so das sind, was man \u201eklein\u201c nennt. Jin Y\u00fbmiko ist noch 11 und ihr Bruder Y\u00fbtar\u00f4 inzwischen 15 Jahre alt. Er kriegt zwar die Z\u00e4hne nicht so sehr auseinander, wie ich mir das w\u00fcnschen w\u00fcrde, aber ich kann auch mit Y\u00fbmiko Gespr\u00e4che auf einer f\u00fcr mich befriedigenden Stufe f\u00fchren. Die Kinder der Familie Maeda dagegen sind sch\u00e4tzungsweise 1 (Riku, m), 6 (Minato, w) und 8 Jahre alt (Ai, m). Die sind zwar alle ganz niedlich, aber ihr Unterhaltungswert strebt f\u00fcr mich gegen Null. Das Baby f\u00e4llt ja v\u00f6llig flach, und ich besch\u00e4ftige mich gar nicht gerne mit Kleinstkindern, weil ich nicht wei\u00df, was ich mit ihnen anfangen soll und ich verstehe auch ihre K\u00f6rpersprache nicht. Minato, die Schwester in der Mitte, wei\u00df auch nicht, was sie mit einem wie mir anfangen soll und sieht lieber fern (und die Fragen, die ich ihr zum Programm stelle, kann sie mangels Hintergrundwissen nicht beantworten), und der achtj\u00e4hrige Ai (dessen kurzen Namen man mit einem unglaublich komplizierten Kanji schreibt) bedenkt mich mit einer Nichtbeachtung, aus der ich schlie\u00dfen m\u00f6chte, dass er Angst vor mir hat. Y\u00fbmiko dagegen zeigt ja \u00fcberhaupt keine Scheu, sich mit mir zu besch\u00e4ftigen und sie zieht auch immer wieder etwas aus ihrer \u201eWunderkiste\u201c, um zu verhindern, dass ich mich langweile. Es muss ein besonderes Talent von ihr sein.<br>Es l\u00e4uft dann also eine Serie nach der anderen herunter, darunter ein japanisches Gegenst\u00fcck zur <em>\u201eSesamstrasse\u201c<\/em> und <em>\u201eTensai Terebi-kun MAX\u201c<\/em> (\u201eTerebi\u201c = \u201eTelevision\u201c), wobei es sich um eine Show mit einer Handvoll singender und tanzender Kinder beiderlei Geschlechts zwischen 9 und 13 Jahren handelt, die weder singen noch tanzen k\u00f6nnen, und die Live-Band im Hintergrund ist schon geradezu bedauernswert. Was machen die denn da? Irgendwelche Grundsch\u00fcler haben ihre Liebesgest\u00e4ndnisse an die Redaktion geschickt und dieser untalentierte Haufen da bringt die unlyrischen Texte mit Hilfe der \u201eRockband\u201c in eine am St\u00fcck gesungene Form. Also, das solltet ihr noch \u00fcben&#8230; das reicht nicht einmal f\u00fcr <em>\u201eMorning Musume\u201c<\/em>.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fahren zwischendurch in den Supermarkt, weil noch irgendwelche Zutaten fehlen. Dort stelle ich zum ersten Mal bewusst fest, wie viele Serviceangebote so ein japanischer Supermarkt bietet: Da stehen drei verschiedene Wagen, die f\u00fcr die Mitnahme von Kleinkindern geeignet sind und einige Rollst\u00fchle f\u00fcr \u00e4ltere Leute, die es vielleicht n\u00f6tig haben. Auch der Maruesu nahe der Uni bietet Rollst\u00fchle f\u00fcr Leute mit k\u00f6rperlichen Defiziten an. Melanie entdeckt dabei einen gro\u00dfen \u201eGEO\u201c Laden, wo man CDs und Spiele nicht nur kaufen, sondern auch leihen kann, und wir machen einen Abstecher dorthin. Anbei danke ich Maeda-san f\u00fcr ihre Geduld, die uns ja begleitet und deren Essen wir verz\u00f6gern. Dort f\u00e4llt mir exakt die <em>\u201eDrifters\u201c<\/em> CD auf, die mir der Verk\u00e4ufer erst gestern im Ito Y\u00f4kad\u00f4 gezeigt hat. Ich sch\u00e4tze, ich sollte hier Mitglied werden.<br>Dann kehren wir wieder zur famili\u00e4ren K\u00fcche zur\u00fcck und das Fernsehprogramm hat mich wieder, nachdem mir Ai s\u00e4mtliche Zeitungen \u201eentwendet\u201c hat. Ich falle vor Langeweile beinahe vom Sofa, bis mich dann das Essen selbst vor dem Einschlafen rettet. Das Curry ist sehr gut geworden, weitaus besser als das, was man als Instantmix kaufen kann. Allerdings steht Curry nicht in der \u201eTop 10 der Gerichte, die ich am liebsten esse\u201c, also ist es an sich \u201enur\u201c ein herausragendes Essen unter den vielen Gerichten, die ich halt esse.<br>Links von mir sitzt Riku, das Kleinkind, das offenbar mit gro\u00dfer Begeisterung (Kirsch-) Tomaten isst, was ich ungew\u00f6hnlich finde, weil ich glaube, dass die meisten Kinder Tomaten wegen des glibberigen Inhalts \u00fcberhaupt nicht m\u00f6gen. Allerdings landen auch nicht wenige der kleinen Tomaten auf dem Fu\u00dfboden, weil ein Einj\u00e4hriger noch keine ausgereifte Finger-Augen-Koordination hat, und dieser hier auch nicht mehr die ganze Zeit gef\u00fcttert wird. Er entwickelt auch eine gewisse Eigeninitiative beim Essen, indem er die Tomaten, den Broccoli oder den Blumenkohl aus dem Salatteller in die Curryso\u00dfe stopft.<br>Der Ehemann kommt gegen Ende des Essens nach Hause und ich bin direkt erstaunt, wie gut sich der Mann gehalten hat. Er sieht aus, als sei er gerade Drei\u00dfig geworden \u2013 was nat\u00fcrlich nicht unm\u00f6glich ist mit einem \u00e4ltesten Kind von nur acht Jahren. Seine Frau dagegen sieht mir bereits deutlich nach \u00fcber Vierzig aus.<br>W\u00e4hrend des kurzen Gespr\u00e4chs entdecke ich unter der Schutzfolie auf dem Esstisch drei Postkarten aus Deutschland \u2013 von Luba. Offenbar waren die Maedas ihre Gastfamilie gewesen.<br>Wir verabschieden uns gegen acht Uhr, nicht zuletzt wegen meines Magens, der beginnt, seinen Inhalt unkontrolliert wie eine Waschmaschine herumzuw\u00e4lzen, bevor er dann auf Durchzug schaltet und ich sp\u00fcre, wie mein Essen im Schnelldurchlauf durch meine Eingeweide rutscht. Wir werden nach Hause gefahren, ohne den Umweg \u00fcber die Universit\u00e4t zu machen, wo unsere Fahrr\u00e4der stehen, weil die Familie Maeda ja nicht sehr weit von uns weg wohnt. Es wird uns nicht umbringen, morgen fr\u00fch zu Fu\u00df zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es dauert nicht lange, bis ich ins Bett gehe, weil ich vor lauter Langeweile heute hundem\u00fcde geworden bin. Was nicht bedeutet, dass ich den Ausflug bedauern m\u00fcsste, nur will Curry immer so unglaublich schnell wieder raus\u2026<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Diese Darbietung wurde nat\u00fcrlich aufgezeichnet und als \u201eKirari Super Live\u201c ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a><em>&nbsp;&nbsp; Morning Musume<\/em> ist nicht so schlecht, aber halt langweilig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Unterricht setze ich mich ins Center und sehe mit gro\u00dfer Freude, dass zumindest auf einem der beiden Computer, die ich wegen dauernder Programmfehler und Abst\u00fcrze klammheimlich formatiert habe, heute wieder ein Betriebssystem installiert wird. Ich finde keine Gelegenheit, den zweiten zerschossenen Rechner ebenfalls auf Neuinstallation zu \u00fcberpr\u00fcfen. 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