{"id":3982,"date":"2024-06-30T07:00:00","date_gmt":"2024-06-30T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3982"},"modified":"2024-06-28T07:53:06","modified_gmt":"2024-06-28T05:53:06","slug":"mittwoch-30-06-2004-hallo-vermittlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3982","title":{"rendered":"Mittwoch, 30.06.2004 \u2013 Hallo, Vermittlung?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem kaum zu k\u00fchlenden Lehrsaal beendet SangSu heute seinen Vortrag \u00fcber das japanische Bankensystem und wieder h\u00e4lt Kond\u00f4-sensei die halbe Stunde, weil SangSu verschiedene Details nicht verstanden hat. Daf\u00fcr erh\u00e4lt er den Auftrag, den n\u00e4chsten Text f\u00fcr die kommende Stunde ebenfalls vorzubereiten und noch einen themenverwandten Vortrag zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Hugosson fahren wir in einem Wagen der Universit\u00e4t heute zu einer NPO, \u201eNon-Profit-Organization\u201c, einer Organisation, deren erkl\u00e4rtes Ziel nicht materieller Gewinn ist. Wir erleben auf der Fahrt einen kr\u00e4ftigen Platzregen und sehen am\u00fcsiert oder mitleidig den davon \u00fcberraschten Fahrradfahrern hinterher.<br>KiJong schreibt w\u00e4hrenddessen kleine Nachrichten auf ihrem Telefon und Hugosson fragt sie scherzhaft, ob sie ihrem Ehemann schreibe. Nein, sagt sie, er sei \u201enur\u201c ihr Freund. Und dann verliere ich das Interesse an dem Gespr\u00e4ch, wei\u00df also nicht, wie sich die Pointe f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter herleitet, als sie sagt, dass ihr Freund Schauspieler sei. Ob er ber\u00fchmt sei, fragt Hugosson, wieder ohne die Frage sonderlich ernst zu meinen. Schlie\u00dflich sind Statisten in TV-Serien auch irgendwo Schauspieler, und einige machen diese Hintergrundrollen ja auch professionell. KiJong aber sagt, dass ihr Freund \u201emehr oder weniger\u201c ber\u00fchmt sei. Ja, was bedeutet denn das? Sie sagt, er habe eine der Hauptrollen in dem recht neuen koreanischen Film, der in Japan unter dem Titel <em>\u201eBrotherhood\u201c<\/em> in den Kinos laufe, und sie finde es gar nicht gut, wie er mit dem ganzen Schmutz und Schwei\u00df im Gesicht aussehe.<br>Die Welt kommt mir dabei wieder ziemlich klein vor. Der Werbung nach zu urteilen ist <em>\u201eBrotherhood\u201c<\/em> nicht irgendein ostasiatischer Actionstreifen. Aufnahmequalit\u00e4t und die gezeigten Bilder deuten auf einen durchaus ernsthaften Film hin, der sich m\u00f6glicherweise mit US Produktionen messen kann. Ich wollte ihn schon l\u00e4ngst im Kino sehen, aber ich komme nie dazu. Irgendwann wird er aus den Kinos wieder verschwinden, falls er das nicht schon ist, und wenn ich die DVD-Ver\u00f6ffentlichung in Japan verpasse (und der Film in Europa nicht rauskommt), dann werde ich SangSu fragen m\u00fcssen, ob er mir eine Version aus Korea schicken kann. Ich gehe davon aus, dass DVDs dort deutlich billiger sind, als in Europa und vor allem in Japan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das B\u00fcro der Organisation, die wir besuchen, befindet sich in einem Geb\u00e4ude, in dem offenbar viele Nachhilfeschulen untergebracht sind, denn das ganze Haus ist voller Sch\u00fcler, die mit ihren Blicken ein nicht geringes Interesse an dieser Konzentration von Ausl\u00e4ndern bekunden. Die selbst gestellte Aufgabe der NPO ist die Vermittlung von freiwilligen Helfern jeder Art. Es kann jeder in das B\u00fcro kommen, wo er oder sie einen Fragebogen ausf\u00fcllen und eine Art Vorstellungsgespr\u00e4ch f\u00fchren muss, der sich als Freiwilliger registrieren lassen m\u00f6chte. Auf dem Fragebogen gibt man also an, welche Aufgaben man \u00fcbernehmen m\u00f6chte und welche lieber nicht, dann nat\u00fcrlich die notwendigsten pers\u00f6nlichen Daten und allgemeine Interessengebiete. Gleichzeitig kann sich auch jeder in diesem B\u00fcro melden, der Freiwillige f\u00fcr irgendeine Aufgabe sucht, sei es also Autos mittels eines blinkenden Stabes um eine Baustelle herumleiten oder Kinder h\u00fcten. Anhand der erstellten Kartei kann man sich jemanden heraussuchen, der f\u00fcr die Aufgabe am ehesten geeignet erscheint. Der Freiwillige bleibt dabei bis zum letzten Moment anonym.<br>Wir sitzen in der Sitzecke des B\u00fcros, in dem sich etwa ein Dutzend Leute befinden, von denen ebenfalls nur zwei f\u00fcr das, was sie tun, bezahlt werden, n\u00e4mlich der B\u00fcroleiter, der uns erz\u00e4hlt, was hier so l\u00e4uft, und seine Stellvertreterin, die f\u00fcr die Einstellungsgespr\u00e4che und f\u00fcr die ganze Kartei zust\u00e4ndig ist. Man k\u00f6nnte sagen, sie tr\u00e4gt die Last der Arbeit und er die Verantwortung \u2013 weswegen es Hugosson am liebsten gewesen w\u00e4re, wenn <strong>sie<\/strong> das Gespr\u00e4ch mit uns gef\u00fchrt h\u00e4tte. Aber nach dem japanischen \u201eSenpai-Prinzip\u201c redet grunds\u00e4tzlich der, der eine l\u00e4ngere Firmenlaufbahn hinter sich hat. Und wenn die Arbeitserfahrung gleich ist, wird automatisch der Mann zum Repr\u00e4sentanten. Der Chef redet also, w\u00e4hrend seine Stellvertreterin eher wie schm\u00fcckendes Beiwerk daneben sitzt und hin und wieder zustimmend nickt. Ich glaube, sie hat w\u00e4hrend der Stunde einen einzigen zusammenh\u00e4ngenden Satz geredet. Andererseits tr\u00e4gt sie wie gesagt ja auch die Arbeitslast, was sich darin \u00e4u\u00dferte, dass sie sich wegen ankommender Klienten zweimal kurz entschuldigen musste.<br>Die NPO ver\u00f6ffentlicht \u00fcbrigens eine eigene Zeitung, die alle zwei Monate erscheint. Ich best\u00e4tige, die Zeitung in der Zeitschriftenecke der Studentenhalle in der Universit\u00e4t schon einmal gesehen zu haben, aber an meine Haust\u00fcr werde sie, anders als dargestellt, nicht geliefert. Das sei ganz klar, sagt der Chef, die Zeitung werde nur an Mitglieder der Nachbarschaftsorganisationen ausgeteilt, und normalerweise werden Austauschstudenten nicht mit einer Mitgliedschaft bel\u00e4stigt, da sie nur \u00fcber einen begrenzten Zeitraum im Land bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hugosson m\u00f6chte, dass wir einen kurzen Bericht \u00fcber den Besuch schreiben und erinnert mich daran, dass ich die Mail, die nur der Kontaktaufnahme dienen sollte, immer noch nicht geschrieben habe. Ich hole das gleich nach unserer R\u00fcckkehr nach. Ich gehe in die Bibliothek, aber da ist kein Durchkommen, also schreibe ich die Mail vom Center aus. Warum wir den Bericht schreiben sollen, ist mir nicht wirklich klar, denn eigentlich handelt es sich dabei um eine Aufgabe f\u00fcr den Englischunterricht in der Mittelstufe. Aber gut, wenn er denn m\u00f6chte. Mehr als eine halbe Seite gibt es dar\u00fcber nicht zu schreiben, wenn man sich auf die nackten Fakten beschr\u00e4nkt. Ich f\u00fcge noch eine pers\u00f6nliche Meinung \u00fcber den Ablauf des Ganzen hinzu, um etwas mehr Raum auf dem Papier zu f\u00fcllen und vergr\u00f6\u00dfere den Zeilenabstand auf 1,5.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann gehe ich ins Ito Y\u00f4kad\u00f4 und hole die CD von Orikasa Fumiko ab. Es handelt sich in der Tat um ein volles Album f\u00fcr 3000 Yen, aber das st\u00f6rt mich wenig, vor allem, nachdem ich sie mir angeh\u00f6rt habe. Fumiko gibt keinen 08\/15 J-Pop zum Besten, sondern sch\u00f6ne, ruhige Musik, und bis auf ein oder zwei Songs, die nach einer Weile langweilig werden, kann man sich alle auch \u00f6fters mal anh\u00f6ren. Vielleicht handelt es sich dabei nicht gerade um partytaugliche Musik, aber als Hintergrundmusik f\u00fcr ein gem\u00fctliches Essen kann sie allemal herhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Bonuskarte der \u201eShinseid\u00f4\u201c CD Abteilung ist jetzt voll, das bedeutet, ich habe 2000 Yen \u201eDankguthaben\u201c daf\u00fcr erhalten, f\u00fcr 40.000 Yen CDs gekauft zu haben, umgerechnet etwa 300 E. Ich \u00fcberlege mir, was ich mit den 2000 Yen anfangen k\u00f6nnte und frage nach einer CD der <em>\u201eDrifters\u201c<\/em>, deren <em>\u201eBibanon Ondo\u201c<\/em> mir sehr gut gefallen hat. Allerdings gibt es von der Gruppe nur zwei Sammelalben, zwei Doppel-CDs, f\u00fcr jeweils 3900 Yen. Ich denke, dass ich mir erst Samples von der Seite des Vertriebs herunterladen will, bevor ich mich zu einem Kauf entscheide. Oder aber ich bem\u00fche den Verleih&#8230; auf jeden Fall vertage ich die Entscheidung \u00fcber mein \u201eDankguthaben\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem kaum zu k\u00fchlenden Lehrsaal beendet SangSu heute seinen Vortrag \u00fcber das japanische Bankensystem und wieder h\u00e4lt Kond\u00f4-sensei die halbe Stunde, weil SangSu verschiedene Details nicht verstanden hat. Daf\u00fcr erh\u00e4lt er den Auftrag, den n\u00e4chsten Text f\u00fcr die kommende Stunde ebenfalls vorzubereiten und noch einen themenverwandten Vortrag zu halten. 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