{"id":3972,"date":"2024-06-25T07:00:00","date_gmt":"2024-06-25T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3972"},"modified":"2024-06-23T23:30:27","modified_gmt":"2024-06-23T21:30:27","slug":"freitag-25-06-2004-party-los","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3972","title":{"rendered":"Freitag, 25.06.2004 \u2013 &#8230; Party los!"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich brenne am Morgen den Gro\u00dfteil meiner derzeit verf\u00fcgbaren Daten und habe somit wieder Platz auf der Festplatte. Bin gespannt, wann ich dazu komme, mir das alles anzusehen&#8230; <em>\u201eBakuretsu Tenshi\u201c<\/em>, <em>\u201eeX Driver Danger Zone OVA\u201c<\/em>, <em>\u201eBLAME\u201c<\/em> und <em>\u201eCombustible Campus Guardress\u201c<\/em> sind jetzt neu in meiner Sammlung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir besuchen mit Kuramata-sensei eine Sake-Brauerei im Umland von Hirosaki und werden durch die Anlage gef\u00fchrt, gegen die die Karlsberg Brauerei zuhause wie ein High-tech Chemiewerk aussieht. Die Anlage in Hirosaki hat mehr das Flair einer besseren Schwarzbrennerei in der heimischen Garage. Gut, das ist untertrieben. Der Eindruck mag daher kommen, dass in dem Laden nichts los ist \u2013 japanischer Sake wird n\u00e4mlich nur im Winter hergestellt. Im Sommer beschr\u00e4nkt sich die Firmenaktivit\u00e4t auf&#8230; ja, auf was eigentlich? Ich sehe ein paar Damen, die Flaschen einer besonderen Sorte von Sake etikettieren und in Kisten stellen. Alle anderen Angestellten scheinen nur wegen uns da zu sein und eigentlich nichts zu machen. In der Anlage herrscht sommerliche Stille.<br>Man erkl\u00e4rt uns zuerst das Herstellungsverfahren. Der Reis kommt an und wird poliert, das hei\u00dft, er verliert einen gewissen Prozentsatz seiner Substanz ab der Au\u00dfenhaut in Richtung Kern. Der Reis, der gegessen wird, hat eine 92er Politur, das hei\u00dft, dass 8 % der Substanz, das ist haupts\u00e4chlich die Schale, mit Hilfe von Sandpapier in einer speziellen Anlage abgefr\u00e4st werden. F\u00fcr normalen Sake werden 30 % wegpoliert, und f\u00fcr einen Spitzensake sind es bis zu 60 %. Da bleibt von dem Korn kaum was \u00fcbrig, aber angeblich ist das Endprodukt ungeheuer gut. Vielleicht sollte ich doch mal teuren Sake kaufen. Ich komme so schnell nicht mehr her&#8230;<br>Der Angestellte f\u00fchrt weiter aus, dass der Reis in seinen Au\u00dfenschichten mehr N\u00e4hrstoffe enthalte, als in seinem Inneren, und diese N\u00e4hrstoffe st\u00f6rten den G\u00e4rungsprozess. Er erkl\u00e4rt das nicht genauer, aber ich kann mir denken, wie er das meint. F\u00fcr eine gute G\u00e4rung muss man die bakterielle Aktivit\u00e4t in der&#8230; Protomasse (Maische?) unter Kontrolle halten, und wenn die Bakterien zu viel zu futtern haben, ger\u00e4t die Sache eventuell aus dem Ruder und setzen dem Geschmack Dinge zu, die da nicht reingeh\u00f6ren. Aber das ist nur mein laienhafter Gedanke bei der Sache, weil ich von Brauchemie \u00fcberhaupt keine Ahnung habe. Ich will aber auch nicht selber machen, sondern nur trinken. Ich m\u00f6chte wissen, was man mit dem Staub macht, der nach dem Polieren \u00fcbrigbleibt: Das Reismehl werde gesammelt und an andere Firmen weitergegeben, z.B. um Klebstoff daraus zu machen.<br>Man f\u00fchrt uns anschlie\u00dfend in eine Ecke einer Fertigungshalle, wo eine Destille steht. Aha, aus Frankreich importiert, wie man uns mitteilt. Aber japanischer Sake wird gegoren, ist also Wein, und nicht gebrannt, also was macht diese Destille hier? Man kann aus Reis auch Schnaps machen, sagt der Angestellte und weist auf einen weiteren Mitarbeiter in einer Arbeitssch\u00fcrze, der neben einem Fass Aufstellung genommen hat. In dem Fass befindet sich ein eben solcher Reisschnaps, und ich habe leider nicht verstanden, ob es sich um Weinbrand handelt oder um ein&#8230; Direktprodukt. Der Mann in der Sch\u00fcrze taucht eine Sch\u00f6pfkelle in den Bottich und bietet uns grinsend einen Schluck an. \u201e45 %\u201c sagt er nur. Ei, dann lass die Kelle mal kreisen, guter Mann! Unseren Freunden aus Thailand ist die Mischung ein wenig zu stark, w\u00e4hrend M\u00e9lanie die Portion ohne viel Aufhebens schluckt. Der Schnaps ist stark, kein Zweifel, aber sehr angenehm zu trinken (nach meinem Empfinden). Ich erlaube mir einen zweiten Schluck und mache mir eine mentale Notiz, dass ich Yukiyo bei Gelegenheit nach dem Zeug fragen muss, wenn sie schon an der Quelle arbeitet.<br>Zuletzt bekommen wir drei Flaschen vorgesetzt, die Sake in drei verschiedenen \u201eH\u00e4rtegraden\u201c enthalten und wir sollen sie bitte probieren und ein Urteil abgeben. Der Alkoholgehalt ist \u00fcberall gleich, nur die Rezeptur unterscheidet sich ein wenig. Der \u201emittlere\u201c ist der beste, denke ich, eine gute Mischung aus Alkohol und Geschmack. Und zum Abschied bekommen wir jeder eine 0,2 l Flasche geschenkt, \u201ekaraguchi\u201c, also stark. Man solle diesen Reiswein am besten auf Eis trinken, sagt man uns, damit etwas Verd\u00fcnnung dabei sei. Aber nat\u00fcrlich spreche nichts gegen den puren Genuss.<br>Und dann gehen wir nach drau\u00dfen. Ins Warme. Es trifft mich ein sanfter Schlag \u201evon Innen\u201c und ich muss Acht geben, auf dem Weg zum Bus nicht zu sehr zu wanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr. \u201eDragon\u201c gibt die CD an Ogasawara-sensei zur\u00fcck und ich bitte gleich darum, sie mir als n\u00e4chstes ausleihen zu d\u00fcrfen. Allerdings bin ich davon nach dem Anh\u00f6ren nicht sehr begeistert, da <em>\u201eThe Boom\u201c<\/em> offenbar auf einen Mix von \u201eklassischem\u201c J-Pop und Ska spezialisiert ist, und bis auf ein einziges Lied (<em>\u201eMichizure\u201c<\/em>) ist die <em>\u201eSingle Collection\u201c<\/em> eine Ansammlung langweiliger und gleich klingender Vertreter der japanischen Popmusik. Sehr entt\u00e4uschend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Unterricht haben wir noch eine Stunde Zeit, unsere Post durchzugehen und \u00e4hnliche Dinge zu tun, so arbeite ich zum Beispiel weiter an meinen R\u00fcckreisepl\u00e4nen. Da ich die Stipendiumszahlung vom 01.09. noch in Anspruch nehmen will (ich kann nicht auf 600 E verzichten), werde ich am 02.09. fliegen. Melanie hat da das Problem, dass ihre letzte Zahlung erst Ende September f\u00e4llig ist, und bei ihr geht es um fast doppelt so viel Geld. Sie wird die Wohnung alleine bestreiten m\u00fcssen. Vorsorglich bestelle ich ein Zimmer im G\u00e4stehaus, f\u00fcr den Fall, das Melanie sich dazu entschlie\u00dft, mit mir zusammen heimzureisen. Das hei\u00dft, ich f\u00fclle den Antrag aus, aber ob ich auch bezahle und die Buchung damit vollst\u00e4ndig mache, ist was Anderes. Wenn Melanie noch \u00fcber September hierbleibt, werde ich nat\u00fcrlich nicht schon ab dem 31.08. ins G\u00e4stehaus ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um kurz nach F\u00fcnf fahren wir nach Hause und verpacken unsere vorbereiteten Nahrungsmittel so gut wie m\u00f6glich und fahren zum <em>\u201eSchorum\u201c<\/em> (\u201eschool forum\u201c), dem Restaurant im zweiten Stock des Mensageb\u00e4udes<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, wo die Party von <em>\u201eKIWA American\u201c<\/em> steigen soll. Ich glaube, wir sind die ersten Ausl\u00e4nder vor Ort und bis auf ein paar (\u00fcbrigens ebenso schmackhafte wie violette) Onigiri ist unser mitgebrachtes Essen das einzige, das selbst gemacht ist. Die \u00fcbrigen Tische sind voll beladen mit Chips und Keksen und allem m\u00f6glichen anderen Junkfood. In Folge m\u00fcssen wir in der K\u00fcche Essst\u00e4bchen besorgen, da man den Nudelsalat ja nicht mit den Fingern essen kann. Der gr\u00f6\u00dfte Teil davon wird \u00fcbrigens weggegessen.<br>Als n\u00e4chstes packt mich das Grauen, als ich den \u201eParty Zeitplan\u201c erblicke. Oh, es steht gar nichts so schreckliches darauf, mich ersch\u00fcttert nur immer wieder die Tatsache, dass es solche Zeitpl\u00e4ne \u00fcberhaupt gibt!<br>Ich sehe mich um und versuche mir einen \u00dcberblick \u00fcber die Nicht-Japaner zu verschaffen. Einige der Thais sind da, das hei\u00dft Ii, Nun, Wiirit und Nan, die Koreaner sind zahlreich vertreten, SangSu, J\u00fb, SongMin, MinJi und einige andere, deren Namen mir nicht gel\u00e4ufig sind, nur SungYi kann ich nicht entdecken, dann sind noch mindestens drei Chinesinnen da, deren Gesicht ich kenne, aber nicht BiRei und Mei, weil die, wie sich sp\u00e4ter zeigen wird, wie auch ich noch vorgestern der Meinung sind, die Party sei erst am Samstag. Baqr, der \u00c4gypter, ist ebenfalls vor Ort, ebenso Irena, Chris und Eve. Misi, Marc oder Alex sind nicht erschienen, ebenso wie auch die m\u00e4nnlichen Chinesen, von denen sich kein einziger hier blicken l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst h\u00e4lt der Clubpr\u00e4sident eine Begr\u00fc\u00dfungsansprache in holprigem, aber verst\u00e4ndlichem Englisch, und seine Stellvertreterin \u00fcbersetzt das Ganze ins Japanische. Und damit dabei auch bestimmt nichts schiefgeht, sind beide Texte im Voraus geschrieben und einstudiert worden, weswegen der Ablauf etwas ins Stocken ger\u00e4t, als der Vorsitzende einen Nebensatz vergisst und die \u00dcbersetzerin somit kein Stichwort erh\u00e4lt. Dann erkl\u00e4rt er die Regeln des obligatorischen Spiels, das eigentlich kein Spiel ist, sondern eine Motivation zur Kommunikation, wieder mal ein Wenig im Hauruck-Stil. Jeder hat eingangs ein Namensschild erhalten, mit dem Namen und einer Nummer darauf. Man soll zuerst die Person ausfindig machen, die die gleiche Nummer hat, wobei durch eine zweigeteilte Anwesenheitsliste grob gew\u00e4hrleistet ist, dass nicht zwei Japaner oder zwei Ausl\u00e4nder zusammenkommen, obwohl das \u201enationale\u201c Ungleichgewicht der Anwesenden f\u00fcr eben solche Einzelf\u00e4lle sorgt. Hat man die betreffende Person also gefunden, soll man sich mit dieser f\u00fcr zehn Minuten auseinandersetzen und sich schlie\u00dflich gegenseitig vorstellen. Ich finde Shida Eiko, 18 Jahre alt, im ersten Studienjahr, geboren in der Pr\u00e4fektur Aichi, mit 10 Jahren umgezogen nach Niigata und vor wenigen Jahren in Hirosaki gelandet. Sie will Lehrerin an einer Mittelschule werden&#8230; weil ihr diese Zeit so gut gefallen habe, wie sie sagt.<br>Die Aufgabe ist, sich gegenseitig in englischer Sprache vorzustellen, was m\u00f6glicherweise von Seiten der Japaner ganz sinnvoll ist, aber man h\u00e4tte die Ausl\u00e4nder schon zum Japanisch sprechen bewegen sollen. So ist die ganze Sache ja ein Kinderspiel. Zumindest f\u00fcr mich, denn MinJi z.B. klagt laut, was sie denn tun solle, weil sie eigentlich kein Wort Englisch k\u00f6nne (ihr Englisch ist wirklich sehr rudiment\u00e4r).<br>Jedes Paar hat zwei Minuten Zeit, sich gegenseitig vorzustellen, daneben steht auch einer mit der Stoppuhr (!) und nach irgendwelchen nie genannten Kriterien soll am Ende ein Siegerpaar gek\u00fcrt werden. Nat\u00fcrlich ist all die Arbeit vergebliche Liebesm\u00fch, weil vielleicht ein Drittel der Anwesenden, aber nicht mehr, den Ausf\u00fchrungen auf der kleinen B\u00fchne zuh\u00f6rt, w\u00e4hrend die anderen das machen, wof\u00fcr die Party eigentlich ausgerufen wurde: Sie unterhalten sich interkulturell.<br>Ich bin mit Eiko als drittes Paar an der Reihe, weil wir ja relativ fr\u00fch da waren. Eiko f\u00e4ngt an und nachdem ich im Anschluss dann den ersten Satz gesprochen habe, in dem ich Eiko f\u00fcr ihre Vorstellung meiner Person danke, geht ein Raunen durch den Saal. Mein Gott, ist mein Englisch denn so umwerfend f\u00fcr die japanischen Zuh\u00f6rer oder habe ich irgendein Geschehnis verpasst? Wie dem auch sei, wir kommen mit unseren zwei Minuten gut hin und nachdem wir die kleine B\u00fchne wieder verlassen haben, findet Eiko gleich mit Melanie zusammen und tauscht sich mit ihr \u00fcber japanische TV-Serien aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem so genannten Spiel folgt ein kurzer Vortrag (von 20 Minuten) von Prof. Uematsu zum Thema <em>\u201eWarum Fremdsprachenerwerb wichtig ist\u201c<\/em>, wobei er eingangs erw\u00e4hnt, dass er bis vor wenigen Augenblicken noch keine Ahnung hatte, dass er vor einer internationalen Gruppe sprechen sollte, weil der Clubvorsitzende nur etwas von Clubmitgliedern erw\u00e4hnt hatte, als er ihn um den Vortrag gebeten hatte, daher richte sich sein Vortrag nat\u00fcrlich an Japaner und sage den anderen G\u00e4sten mit h\u00f6chster Wahrscheinlichkeit nicht viel. So etwas meinte ich, als von \u201eChaoten\u201c sprach.<br>Uematsu-sensei sagt, er habe damals sogar auf Englisch getr\u00e4umt, als er Sch\u00fcler und Student war, was mich wenig wundert, wenn ich seinen Ausf\u00fchrungen, dass er ununterbrochen englische Vokabeln wiederholt habe, Glauben schenken darf. Er erz\u00e4hlt mir sonst wirklich nichts Neues, und ich will nicht weiter darauf eingehen, weil jeder vernunftbegabte Mensch eine Vorstellung davon haben sollte, warum man Fremdsprachen lernen sollte. Aber f\u00fcr die meisten Japaner d\u00fcrften seine Argumente, vor allem in Bezug auf die Methodik, geradezu revolution\u00e4r sein, geht doch das hartn\u00e4ckige Ger\u00fccht um, dass Japaner wegen der angeblichen Einzigartigkeit ihrer Sprache und Kultur angeblich nicht in der Lage seien, eine Fremdsprache vollst\u00e4ndig zu beherrschen. Nat\u00fcrlich ist das Unsinn, aber darauf baut das Bildungssystem, das die Qualit\u00e4t des Fremdsprachenunterrichts an Schulen absichtlich vernachl\u00e4ssigt. Ich danke ihm im Anschluss f\u00fcr den Vortrag (dem ebenfalls kaum jemand zugeh\u00f6rt hat), weil er Dinge zur Sprache bringt, die eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein sollten. Er bittet mich im Gegenzug, bei Gelegenheit einen Fragebogen auszuf\u00fcllen, ohne n\u00e4her darauf einzugehen, um was es sich dabei handelt. Ich sollte ihn also einfach mal besuchen, sobald ich herausgefunden habe, wo man ihn findet. Ah.<br>Apropos Fragebogen: Da diese Party von der Firma gesponsert wird, der das Seikyo, das ist der Uni- und B\u00fcrobedarfsladen im Erdgeschoss, geh\u00f6rt, sollen wir einen Zettel ausf\u00fcllen, auf dem gefragt wird, wie sehr wir mit dem Laden zufrieden seien, wo wir St\u00e4rken und Schw\u00e4chen s\u00e4hen. Au\u00dferdem wird wohl im August je eine Fahrt nach Hiroshima und Nagasaki organisiert, um an den Veranstaltungen der Friedensbewegung teilzunehmen, \u00fcber die \u00d4e Kenzabur\u00f4 in seinem Buch <em>\u201eHiroshima Notes\u201c<\/em> bereits ein paar Kommentare, unter anderem wenig l\u00f6bliche, hinterlassen hat. Auf dem Werbezettel steht kein Preis und ich frage, was die Sache koste, aber ich erhalte keine definitive Antwort. Etwa so viel, dass der Preis mitunter davon abh\u00e4nge, wie viele Leute daran teiln\u00e4hmen. Da ist zuerst mal von mehr als 20.000 Yen die Rede, und so gerne ich mal nach Hiroshima fahren w\u00fcrde \u2013 das ist zu viel. Ich kreuze also an, dass ich nicht interessiert bin.<br>Danach ist noch Zeit f\u00fcr freie Kommunikation eingeplant und die Gewinner der gegenseitigen Vorstellungen werden bekannt gegeben, bevor dann das verbliebene Essen verteilt und der Raum aufger\u00e4umt wird. Die Thail\u00e4nderinnen und SangSu nehmen das zum Anlass, alle m\u00f6glichen Packungen mit Keksen und anderem Kram in der Kapuze von MinJis Hoody zu stopfen, \u201eals Vorrat f\u00fcr sp\u00e4ter\u201c. Ich sehe am\u00fcsiert zu, w\u00e4hrend sich MinJi zeternd, aber vergn\u00fcgt und reichlich halbherzig dagegen zur Wehr setzt. Schlie\u00dflich zeigt sie auf SangSu und sagt zu mir: <em>\u201eDominik, der macht lauter b\u00f6se Sachen mit mir!\u201c<\/em> Warum den Spa\u00df also nicht mitmachen? Ich baue mich also vor SangSu auf, schubse ihn mehrfach (locker) an der Schulter und sage streng <em>\u201eHey, Du! Man hackt nicht auf M\u00e4dchen rum, verstanden?\u201c<\/em> MinJi grinsend zu den Thais: <em>\u201eIst er nicht toll?\u201c<\/em> (<em>\u201eKakoii deshou!\u201c<\/em>) Trotzdem wird sie von den Thais weiter mit Lebensmitteln \u201eversorgt\u201c, und mit denen m\u00f6chte ich denselben Scherz nicht machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann wird die Party aufgel\u00f6st und die Leute werden aus dem Geb\u00e4ude gebeten, worauf man eben vor der T\u00fcr weiter dar\u00fcber nachdenkt, was man mit dem angebrochenen Abend noch anfangen k\u00f6nne. Nach einer Viertelstunde der Entschlusslosigkeit (weil ein Anf\u00fchrer fehlt, der sagt <em>\u201eWir machen das jetzt!\u201c<\/em>), macht sich dann die H\u00e4lfte der Gruppe auf den Weg ins Skatt Land.<br>Wir fallen mit 18 Leuten dort ein und haben Gl\u00fcck, dass so viel Platz auf einmal frei ist. Baqr genie\u00dft offenbar bereits einen gewissen Ruf in der Gegend, weil er von einem der bereits anwesenden G\u00e4ste (im Studentenalter) begeistert begr\u00fc\u00dft wird. Ich nehme also nicht an, dass dieser \u00c4gypter sonderlich streng mit der Religion ist. Und kaum sitzen wir, werden die drei Tische im Hauptraum fertig und wir machen uns dort breit. Den Platz brauchen wir auch, weil kurze Zeit sp\u00e4ter ein weiteres Dutzend \u201eKIWA\u201c Partyteilnehmer eintrifft und sich zu uns gesellt. Dann kommt der Chef des Ladens pers\u00f6nlich und die Japaner verhandeln mit ihm das \u201eWarikan\u201c. Dabei handelt es sich um das in Japan \u00fcbliche System der Kosten- und Materialteilung in Kneipen, wo man nicht nur trinkt, sondern auch was dabei isst. Es wird eine Grenze von 45.000 Yen ausgemacht, das hei\u00dft, bis zu dieser Grenze bezahlt jeder einen pauschalen Anteil von 1500 Yen und kann daf\u00fcr essen und trinken, was immer er oder sie m\u00f6chte. Wird dieses Limit erreicht, wird abgerechnet und jeder zahlt das, was er dar\u00fcber hinaus vertilgt, f\u00fcr sich allein, um damit die Leute mit den kleinen M\u00e4gen nicht zu sehr zu benachteiligen.<br>Im Prinzip handelt es sich dabei um die M\u00f6glichkeit, zu g\u00fcnstigen Konditionen an ein \u201eNomitabeh\u00f4dai\u201c heranzukommen, das, inklusive alkoholischer Getr\u00e4nke, hier ja 2500 Yen kostet. Auf diese Art und Weise habe ich 1500 Yen gezahlt und trotzdem einen vollen Bauch mit nach Hause getragen, aber das kommt ja erst sp\u00e4ter. Die Kostenteilung schlie\u00dft auch die Teilung der Bestellungen mit ein. Das bedeutet, dass die Getr\u00e4nke zwar individuell geliefert werden, aber das Essen wird in die Mitte des Tischs gestellt und jeder nimmt sich was davon. Es werden ganz automatisch kleine Esssch\u00fcsseln mit auf den Tisch gestellt, um damit den gew\u00fcnschten Anteil abgreifen zu k\u00f6nnen. Ein weiterer Faktor bei der gerechteren Kostenteilung, und ich finde das f\u00fcr die Gemeinschaftsbildung sehr interessant.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst habe ich SangSu vor mir, Eve rechts neben mir und einen Japaner namens Satoshi links neben mir. Er hat zusammen mit der Chinesin ReiGen den Vorstellungswettbewerb gewonnen, und er ist ein echter Spinner. Oder sagen wir \u201eer ist ungeheuer lebhaft\u201c und um Fehler in seiner englischen Kommunikation nicht sehr verlegen \u2013 eine gute Voraussetzung, weil man durch Fehler lernt und durch schamhaftes Schweigen in Unf\u00e4higkeit verbleibt.<br>Dann, mittlerweile ist mehr als eine Stunde vergangen, werden die Sitzpl\u00e4tze getauscht, um die zu einseitige Gruppenbildung, vor allem unter den Koreanern, aufzubrechen. Ich habe keine gro\u00dfe Lust, mich zu bewegen, also rutsche ich ganz einfach ein paar Zentimeter nach rechts, wo bis vor wenigen Augenblicken noch Eve gesessen hat. Jetzt habe ich eine Koreanerin, die auf den Namen S\u00fbJin h\u00f6rt, rechts von mir und zwei weitere Koreanerinnen links von mir, deren Namen mir allerdings wieder entfallen sind, weil ich nicht mehr sehr zurechnungsf\u00e4hig bin und au\u00dferdem die Lautst\u00e4rke ein wenig gestiegen ist. Vor mir sitzen zwei oder drei Japaner aus dem Club, darunter eine junge Frau namens Asahi (\u201eMorgensonne\u201c, wie die Brauerei und die Zeitung), die mich angesichts meines steigenden Alkoholpegels immer besorgter anschaut und, wie ich ihr Gesicht interpretiere, offenbar jeden Moment damit rechnet, dass ich gewaltt\u00e4tig werde. Dabei liegt mir auch bei Alkoholgenuss doch nichts ferner \u2013 ich bin aufgrund meiner eingeschr\u00e4nkten Aktionsf\u00e4higkeit sogar eher noch harmloser als in n\u00fcchternem Zustand. Aber meine Sitznachbarn m\u00fcssen eben auf meine Art die zwei kleinen Flaschen Sake ausbaden (etwa 0,33 l pro Flasche), die ich getrunken habe, und die knappe dritte Flasche, die ich nach dem Sitzplatzwechsel noch trinken werde.<br>Ich will gar nicht wissen, was f\u00fcr einen Unsinn ich den Koreanerinnen um mich herum erz\u00e4hlt habe und hoffe, dass sie es auch ganz schnell wieder vergessen. Ich erinnere mich in diesem Punkt nicht an viel&#8230; zu der jungen Frau links habe ich gesagt, dass ihre Klamotten schrecklich konservativ auss\u00e4hen (wie aus den F\u00fcnfzigern), und dass sie mit ihrer Frisur und der Art und Weise, wie sie ihre B\u00fccher festhalte (vor dem Oberk\u00f6rper), locker in einem dieser \u201ePeggy Sue\u201c Filme mitspielen k\u00f6nne, worauf sie entgegnete, dass ihr dieser Stil halt gefalle, wogegen nat\u00fcrlich nichts spricht, aber ich wollte es halt mal gesagt haben. Und ich glaube mich zu erinnern, dass ich S\u00fbJin am Ohrl\u00e4ppchen gezogen habe, weil sie eines hat, das nicht am Ohr herabh\u00e4ngt, sondern unterhalb der Ohrmuschel direkt am Kopf festgewachsen ist. Ich glaube, mehr will ich gar nicht wissen, obwohl es \u00fcber die qualitative Stufe von <em>\u201eHey! Das bl\u00f6de Telefon funktioniert ja gar nicht!\u201c<\/em> hinausgehen d\u00fcrfte. Der eine oder andere unter meinen Lesern d\u00fcrfte wissen, wovon ich rede.<br>Schlie\u00dflich ist Satoshi so frei, mir das letzte Viertel meiner Sake-Flasche wegzutrinken, und meint, dass es besser f\u00fcr mich sei. Mir ist sogar bewusst, dass er Recht hat und ich lasse ihn gew\u00e4hren. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem die ausgemachte Obergrenze von 1500 Yen pro Mann erreicht und das Geld eingesammelt wird. Ich kann noch Geld z\u00e4hlen&#8230; das ist ja schon mal was wert&#8230;<br>Die Afterparty l\u00f6st sich weitgehend auf, und manche beschlie\u00dfen, einfach die Kneipe zu wechseln, aber mich zieht es nach Hause, nicht zuletzt, weil ich, wie \u00fcblich nach einer solchen V\u00f6llerei, einen heftigen und schmerzhaften Schluckauf habe, der mich den ganzen Heimweg \u00fcber begleiten und erst Ruhe geben wird, wenn ich mich hinlege. Ich bin schlau genug, mein Fahrrad zu schieben&#8230; ich w\u00e4re kaum in der Lage, das Gleichgewicht zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuhause falle ich gleich in mein Bett und schalte den Wecker aus&#8230; ich gehe nicht davon aus, dass ich in der Lage sein w\u00fcrde, auf Weckerkommando aufzustehen&#8230; aber immerhin habe ich keine wichtigen Verabredungen am Morgen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ich mache darauf aufmerksam, dass es in Japan kein Erdgescho\u00df gibt. Das \u201edeutsche\u201c Erdgescho\u00df ist in Japan der \u201e1. Stock\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich brenne am Morgen den Gro\u00dfteil meiner derzeit verf\u00fcgbaren Daten und habe somit wieder Platz auf der Festplatte. 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