{"id":3929,"date":"2024-06-08T07:00:00","date_gmt":"2024-06-08T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3929"},"modified":"2024-05-30T14:22:58","modified_gmt":"2024-05-30T12:22:58","slug":"dienstag-08-06-2004-ein-ein-mann-unternehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3929","title":{"rendered":"Dienstag, 08.06.2004 \u2013 Ein Ein-Mann-Unternehmen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kond\u00f4-sensei hat heute einen gut ern\u00e4hrt aussehenden Mann namens Shibutani zu Gast, der einen l\u00e4nglichen Koffer bei sich tr\u00e4gt. Was f\u00fcr eine Art Boss ist der wohl? Schnell stellt sich heraus, dass er gar kein Unternehmen f\u00fchrt \u2013 er ist professioneller Shamisen-Spieler und verdient sich damit seinen Lebensunterhalt; anders als Daij\u00f4-sensei, der ja noch ein (\u00fcberaus gutes) Restaurant f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Shibutani-sensei (\u201esensei\u201c deshalb, weil er Sch\u00fcler hat und weil K\u00fcnstler im Allgemeinen so genannt werden) legt uns, wie auch Daij\u00f4-sensei vor einigen Monaten, die Geschichte der Shamisen dar, wenn auch weniger detailliert, mit einem kleinen Detailunterschied: Daij\u00f4-sensei hatte erz\u00e4hlt, dass die Tsugaru-Shamisen die Shamisen sei, die man solo spiele, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen nur im Verbund mit anderen Instrumenten bei japanischem Theater oder Konzerten eingesetzt w\u00fcrden. Heute wird uns gesagt, Shamisen werde \u201emehr und mehr auch solo gespielt\u201c. Was f\u00fcr mich dann hei\u00dft, dass die Tsugaru-Shamisen sich immer gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit erfreut. Es gibt auch nur zwei Sorten: die \u201eTsugaru-Shamisen\u201c, benannt nach der kleinen Ebene, die sich ab Hirosaki nach Norden bis ans Meer nach Norden erstreckt, und&#8230; der Rest. Interessant ist auch, dass die Tsugaru-Shamisen heute gar nicht mehr hier in der Gegend hergestellt werden, sondern von einer Firma in Tokyo.<br>Shibutani-sensei erz\u00e4hlt weiterhin, dass es heutzutage etwa 40000 Spieler allein in Aomori-ken gebe. \u00dcber sein Einkommen sagt er nichts, au\u00dfer, dass ihm ein Sch\u00fcler pro Unterrichtsstunde 3000 Yen einbringe, und er habe mehr als 20 davon. Ich frage auch nicht nach seinem Gesamtverdienst. Er weist nur auf den Materialwert seines Instruments hin, dass aus einer Vielzahl von Rohstoffen hergestellt wurde, da w\u00e4re zum Beispiel ein spezielles indisches Hartholz f\u00fcr den Stiel (der nicht auf Wasser schwimmen w\u00fcrde), andere H\u00f6lzer f\u00fcr den Klangk\u00f6rper usw. Das einfachste daran d\u00fcrfte noch die Bespannung aus Katzen- und Hundeleder sein, und die drei Saiten, von denen, wie ich an anderer Stelle bereits sagte, zwei aus Nylon, die dickste der drei Saiten aber aus Seide, bestehen. Seine Shamisen hat einen Wert von umgerechnet etwa 7500 Euro.<br>Er sagt, er wolle im September ein Lokal in der N\u00e4he des Bahnhofs er\u00f6ffnen, wo man zum Preis eines gew\u00f6hnlichen Getr\u00e4nks dann Shamisen-Musik live h\u00f6ren k\u00f6nne. Leider werde ich dann vermutlich nicht mehr da sein. Au\u00dferdem nehme er auch an Wettbewerben teil. Den gesamtjapanischen Wettbewerb hat er bereits f\u00fcnfmal gewonnen, die letzten drei Male in Folge.<br>Nat\u00fcrlich spielt er uns auch was vor, und ich finde es sehr beeindruckend. Auch hier zeigen sich gewisse Unterschiede zum verehrten Herrn Daij\u00f4: Daij\u00f4-sensei spielte locker drauflos, mit einer Leichtigkeit, als mache er nur Finger\u00fcbungen. Shibutani-sensei dagegen f\u00e4ngt an zu spielen und macht kurz darauf ein Gesicht, als sei er in Trance verfallen, Augen geschlossen, der Welt entr\u00fcckt. Aber er spielt verdammt gut. Ich kann nachvollziehen, warum er so erfolgreich ist.<br>Ich sollte mir eine CD mit entsprechender Musik kaufen, bevor ich nach Europa zur\u00fcckkehre, sofern ich einen Interpreten finde, der schnelle St\u00fccke spielt, weil ich mit langsamen Schlafliedern nichts anfangen kann. Aber nach dem, was ich bisher geh\u00f6rt habe, muss ich mir wenig Sorgen machen. Shibutani-sensei legt uns die Gebr\u00fcder Yoshida ans Herz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach gehe ich ins Center und k\u00fcmmere mich um meine Post. Das Center ist ziemlich stark bev\u00f6lkert, also weiche ich in die Bibliothek aus, bis ich dann gegen Neun nach Hause komme. Wir sehen uns eine Episode der neuen Deutsch-Lernsendung an, die bedeutend besser ist, als die letzte. Vor allem sind die Teilnehmer sympathischer. Die \u201eLerner\u201c sind ab sofort zwei M\u00e4nner (wohl Mitte Zwanzig) und die Chaoten-WG wurde gekickt, das hei\u00dft, wir sind den alternativen \u201eSiegfried von Waldorf\u201c los. Was wir aber nicht los sind, ist Prinz Pipo, diese grausam animierte Trickfilmfigur, deren \u201eAbenteuer\u201c wohl von vorn wiederholt werden. Dabei ist die verwendete Sprache (veraltetes Hochdeutsch m\u00f6chte ich beinahe sagen) so k\u00fcnstlich! Der \u00e4ltere japanische Lehrer ist ebenfalls noch dabei, aber der st\u00f6rt mich ja nicht. Der Besuch in Deutschland, nat\u00fcrlich in Berlin, besteht heute aus einem Interview mit einem bekannten deutschen Koch, der meines Wissens auch im Fernsehen auftritt&#8230; ich habe nur seinen Namen vergessen. Laafer ist es aber nicht. Seine \u201eDialektausrutscher\u201c verraten ihn ziemlich schnell als Hessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kond\u00f4-sensei hat heute einen gut ern\u00e4hrt aussehenden Mann namens Shibutani zu Gast, der einen l\u00e4nglichen Koffer bei sich tr\u00e4gt. Was f\u00fcr eine Art Boss ist der wohl? 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