{"id":3914,"date":"2024-06-01T07:00:00","date_gmt":"2024-06-01T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3914"},"modified":"2024-05-25T16:04:36","modified_gmt":"2024-05-25T14:04:36","slug":"dienstag-01-06-2004-der-laengste-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3914","title":{"rendered":"Dienstag, 01.06.2004 \u2013 Der l\u00e4ngste Tag"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute ist also der entscheidende Tag. Ich schreibe zuerst den Japan-Veteranen meiner Fakult\u00e4t, um mir genauere Einblicke in die praktischen Abl\u00e4ufe einer R\u00fcckmeldung \u00fcber den halben Globus hinweg zu verschaffen. Vielleicht finde ich auf diese Art und Weise eine L\u00fccke in meiner eigenen Vorgehensweise. Wenige Leute sind das nicht \u2013 zehn, um genau zu sein. Ich rechne mal mit drei Antworten binnen der n\u00e4chsten 48 Stunden.<br>Dann wende ich mich an meine Bank, erst einmal schriftlich, weil ich ja eventuell den Nachweis f\u00fchren muss, dass ich tats\u00e4chlich \u00fcberwiesen habe, m\u00f6glicherweise nur mit dem falschen Verwendungszweck (falsche Matrikelnummer, da sind Nullen enthalten, die man angeblich f\u00fcr nichts braucht). Dann schreibe ich an meinen Sachbearbeiter im Studentensekretariat und schlie\u00dflich auch meiner Lehrerin in Trier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kond\u00f4-sensei stellt uns heute Herrn Nakai vor, der seine Br\u00f6tchen mit dem Verkauf von Hausmedizin verdient. Er hat uns Kostproben mitgebracht, darunter ein flexibles Pflaster aus einem speziellen Material, dass sich der Form der verpflasterten Stelle sehr gut anpasst, ein Pulver gegen V\u00f6llegef\u00fchl, und eine kleine Flasche mit einer Mixtur gegen Magenprobleme, die so ein bisschen wie Red Bull ohne Kohlens\u00e4ure schmeckt. Ich bin sicher, dass ein guter Teil der Formel aus reinem Zucker besteht. <em>\u201eAber aus Fruchtzucker!\u201c<\/em> sagt Nakai-san. Es kratzt trotzdem im Hals. Gegen Magenprobleme? Ist genau das, was ich heute brauche, also runter damit. Geholfen hat\u2019s allerdings nicht. Die Spannung h\u00e4lt bis zum Abend an.<br>Das Versorgungssystem ist in Japan \u00fcbrigens sehr interessant: Auf Anfrage (oder im Rahmen einer Werbeaktion) kommt ein Bote mit einer ganzen Kiste voll Zeug (etwa so gro\u00df wie ein Schuhkarton f\u00fcr Stiefel), bedankt sich f\u00fcr das Interesse und geht wieder. Am Ende des Monats kommt er zur\u00fcck und sieht nach, was in der Kiste fehlt. Das, was man verbraucht hat, wird berechnet; angebrochene Ware erst, wenn sie leer ist. Man merkt auf diese Art und Weise schnell, was man nicht so dringend braucht und kann den Inhalt der Kiste entsprechend anpassen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Anschluss will ich schauen, ob vielleicht schon jemand geantwortet hat, aber der Mailserver will schon wieder nicht mehr \u2013 hurra Deutschland! Ich fahre stattdessen ins Ito Y\u00f4kad\u00f4 und hole die CDs ab, die ich letztlich bestellt habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Anbruch der Dunkelheit gehe ich in den MiniStop gegen\u00fcber von der Universit\u00e4t und kaufe mir eine Telefonkarte im Wert von 3200 Yen f\u00fcr 3000 Yen (200 Yen geschenkt!). Die Verk\u00e4uferin lobt bei der Gelegenheit mein Japanisch, danke, und erkl\u00e4rt mir, wie man die Karte bedient. Es steht auf der Karte selbst drauf und sie gibt mir auch noch ein Faltblatt, auf dem noch mal dasselbe draufsteht. Diese Karten sind nicht wie deutsche Telefonkarten, in die ein Chip eingelassen ist, auf dem alles Notwendige zum Telefonieren gespeichert ist. Auf den japanischen Karten befindet sich ein Rubbelfeld, und unter der Decke befindet sich eine Nummer mit etwa 12 Stellen, inklusive Rauten. Diese Rauten d\u00fcrfe man auf keinen Fall vergessen.<br>Dann kommt ein (japanischer) Kunde, etwa Mitte Vierzig, auf die Kasse zu. Die Verk\u00e4uferin zeigt auf ihn und sagt, dass er ausgezeichnet Englisch spreche. Aha\u2026 und was soll ich dem jetzt erz\u00e4hlen?<br><em>\u201eHaben Sie Probleme?\u201c<\/em> fragt er.<br><em>\u201eNein, ich muss nur mit meiner Bank reden.\u201c<\/em><br><em>\u201eAber dies hier ist keine Bank.\u201c<\/em><br><em>\u201eDessen bin ich mir bewusst. Ich kaufe eine Telefonkarte, um meine Bank in Deutschland anrufen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/em> Dann verabschiede ich mich aus diesem \u00fcberfl\u00fcssigen Dialog, was meinem in diesen hineingedr\u00e4ngten Gegen\u00fcber vielleicht auch ganz Recht ist. F\u00fcr einen Japaner ist sein Englisch aber wirklich ganz hervorragend. Seinem Erscheinungsbild nach w\u00fcrde ich ihn f\u00fcr einen Lehrer halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich suche eine Telefonzelle und fahre daf\u00fcr bis zur Poststelle in der N\u00e4he vom Beny Mart, weil das Telefon, das auf dem Weg liegt, besetzt ist. Ich vergewissere mich, dass dieser Apparat f\u00fcr internationale Gespr\u00e4che geeignet ist und w\u00e4hle also zuerst die Kartennummer, worauf eine Stimme vom Band mir auf Japanisch und Englisch erl\u00e4utert, dass ich auf das Signal warten solle, bevor ich die Teilnehmernummer w\u00e4hle, wieviel Wert meine Karte noch hat und wie lange ich damit noch telefonieren kann. Dann erst folgt die Teilnehmernummer, dann die \u201e49\u201c f\u00fcr Deutschland, und dann die Ortsvorwahl, nat\u00fcrlich <strong>ohne die \u201e0\u201c am Anfang<\/strong>.<br>Ich rufe meine Kreissparkasse in Homburg an, und da wei\u00df ich eine Weile nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Die Dame von der Telefonzentrale ist sehr nett, aber offenbar nicht in der Lage, Hochdeutsch zu sprechen, was ich sogar in der Heimat bei wichtigen Angelegenheiten vorziehe, vor allem \u00fcber das Telefon, wo man schnell mal was falsch verstehen kann. <em>\u201eAch Gott, Sie rufe aus Japan an!? Ei, ich vastehn Sie awwa gudd&#8230; dann beeil ich mich am beschde mol, damit Sie nit so viel bezahle misse&#8230;\u201c<\/em> Ich bin der guten Verbindung auch dankbar \u2013 ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass es ein so gutes Gef\u00fchl sein w\u00fcrde, den Heimatdialekt mal wieder zu h\u00f6ren. Mit Melanie kann ich das ja nicht erleben&#8230; erstens kommt sie aus Saarbr\u00fccken und zweitens ist sie eh nur ein Halbblut-Saarl\u00e4nder. Ja, ich grinse jetzt.<br>Ich lande binnen 15 Sekunden bei einem Herrn Hager, der mir sagt, dass es problematisch sein k\u00f6nnte, die Transaktion von Homburg aus nachzuvollziehen, da ihm auch nur der Zeitraum der vergangenen sechs Wochen zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde, wie mir beim Online Banking. Er werde aber versuchen, diese oder jene Schritte in die Wege zu leiten, um dem Problem zu begegnen. Er werde zuerst mit der Filiale in Gersheim reden, die k\u00f6nne ich dann in drei\u00dfig Minuten anrufen, um Ergebnisse zu h\u00f6ren. Meine \u00dcberweisungsdaten seien dort wesentlich greifbarer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuvor rufe ich aber in Trier beim Studentensekretariat an. <em>\u201eJa, ich habe Ihre beiden Mails gerade gelesen\u201c<\/em>, hei\u00dft es dort. Es sind deshalb zwei, weil der Rechner sich nach dem ersten Dr\u00fccken auf \u201eSenden\u201c aufgeh\u00e4ngt hat und ich nicht sicher war, ob die Mail nun weg war oder nicht, also habe ich sie noch einmal geschrieben. <em>\u201eDie Exmatrikulation hat gar nichts mit der Nummer zu tun, die Sie auf die \u00dcberweisung geschrieben haben. Die zus\u00e4tzliche Null behindert den Erkennungsprozess nicht. Das Problem besteht darin, dass Sie noch keine Immatrikulationsbescheinigung aus Hirosaki geschickt haben.\u201c<\/em> Das sei alles, und ich k\u00f6nne die Bescheinigung einfach faxen, ohne das Brimborium mit der Beschwerde und dem beigef\u00fcgten Bescheid. Den k\u00f6nne ich wegwerfen, sobald das Fax weg sei.<br>Ich bin so perplex wegen der Einfachheit dieses Problems, dass mir die Frage in diesem Moment gar nicht einf\u00e4llt, warum man mir diesbez\u00fcglich nicht ganz einfach eine kurze Mail geschickt oder diesen Sachverhalt nicht einfach als Begr\u00fcndung in den Exmatrikulationsbescheid geschrieben hat! Das h\u00e4tte mir einen \u00e4u\u00dferst \u201espannenden\u201c Dienstag erspart. Ich gehe wesentlich erleichtert erst mal in den Beny Mart, kaufe eine Platte Sushi und verzichte auf einen Anruf in Gersheim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber zuhause erwartet mich gleich die n\u00e4chste Krise: Melanie ist am Boden zerst\u00f6rt, weil der Friseur ihre W\u00fcnsche offenbar falsch verstanden und zu viel von ihren Haaren abgeschnitten hat, die eigentlich h\u00e4tten lang wachsen sollen. Ich pers\u00f6nlich stelle keinen wesentlichen Unterschied in der L\u00e4nge fest, daf\u00fcr einen extrem hohen Anteil seltsam riechenden Haargels, um die Frisur in Form zu halten. Ich tue f\u00fcr sie, was ich kann, und will mir gleichzeitig die gute Laune auf keinen Fall verderben lassen. Ich verzehre den Gro\u00dfteil des Sushi alleine und trinke einen Pott warmen Sake. Das macht gl\u00fccklich und wird mich schlafen lassen wie einen Stein. Leider muss ich bei dieser Gelegenheit meinen ersten Krug wegwerfen, weil aus unerfindlichen Gr\u00fcnden eine Art Pilz (gr\u00fcn) darin gewachsen ist. Macht nicht viel, hat eh nur 75 Cent gekostet.<br>Ich mache heute Abend aber auch nichts wirklich Sinnvolles mehr und gehe bald schlafen, weil ich am Morgen noch ein paar Vokabeln lernen will. Aber nach dem heutigen Tag ist mir der morgige Vokabeltest so richtig egal. Daf\u00fcr geht\u2019s mir jetzt zu gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist also der entscheidende Tag. Ich schreibe zuerst den Japan-Veteranen meiner Fakult\u00e4t, um mir genauere Einblicke in die praktischen Abl\u00e4ufe einer R\u00fcckmeldung \u00fcber den halben Globus hinweg zu verschaffen. Vielleicht finde ich auf diese Art und Weise eine L\u00fccke in meiner eigenen Vorgehensweise. Wenige Leute sind das nicht \u2013 zehn, um genau zu sein. 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