{"id":3910,"date":"2024-05-30T07:00:00","date_gmt":"2024-05-30T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3910"},"modified":"2024-05-25T15:44:22","modified_gmt":"2024-05-25T13:44:22","slug":"sonntag-30-05-2004-gibts-hier-nichts-zu-trinken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3910","title":{"rendered":"Sonntag, 30.05.2004 \u2013 Gibt\u2019s hier nichts zu trinken?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir spielen heute also Reisbauern. Dazu fahren wir, der Kurs von Kuramata-sensei, zusammen mit Kashima-sensei und einem mir unbekannten Lehrer in ein nahes St\u00e4dtchen (Dorf), dessen Namen ich mir als \u201eInakadate\u201c gemerkt habe, und finden uns am Rathaus ein. Eigentlich hatte ich gedacht, dass es sich dabei um eine kleine Aktion ausschlie\u00dflich f\u00fcr uns Austauschstudenten handeln w\u00fcrde, mit vielleicht ein oder zwei einheimischen \u201eVeteranen\u201c als Instruktoren. Stattdessen sehe ich hier Hunderte von Leuten! Die meisten davon sind offenbar professionelle Bauern, und da ist eine kleine Gruppe von Landfrauen in traditioneller Arbeitskleidung, aber es befindet sich auch eine franz\u00f6sische Reisegruppe vor Ort; etwa zehn Erwachsene, vielleicht mehr, und etwa ein halbes Dutzend Kinder zwischen sechs und vierzehn Jahren sind hier. Auch Maeda Y\u00f4ko ist hier, mit ihrer Tochter Minato und ihrem zweiten Sohn Riku, den sie auf dem R\u00fccken tr\u00e4gt.<br>Die Anwesenden werden in kurzen Er\u00f6ffnungsreden begr\u00fc\u00dft und eine \u00e4ltere Dame erkl\u00e4rt kurz, wie Reis \u00fcberhaupt gepflanzt wird. Man nimmt sich ein St\u00fcck Erde mit Spr\u00f6sslingen aus bereitgestellten K\u00e4sten, sofern\u00a0 einem diese nicht von Leuten am Rand des Feldes auf Wunsch zugeworfen werden. Auf dem Schlamm des Feldes ist ein enges Schachbrettmuster eingezeichnet und man setzt jeweils einen Spr\u00f6ssling auf die Kreuzungen, indem man mit dem Finger ein zwei bis drei Zentimeter tiefes Loch bohrt und den Grashalm hineinsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann geht es los, barfu\u00df in den Matsch. Der ist \u00fcberraschend warm und f\u00fchlt sich sehr gut an, sehr weich und ohne irgendwelche Br\u00f6ckchen, und auch der harte Untergrund ist frei von St\u00f6robjekten. Da hat jemand gute Vorarbeit geleistet. Ich f\u00fchle mich beinahe 20 Jahre j\u00fcnger und erinnere mich an Zeiten, in denen ich zu weniger produktiven Zwecken im sp\u00e4tsommerlichen Schlamm gespielt habe.<br>Ich habe mit dem Gedanken gespielt, meine Schuhe anzulassen, nachdem ich beobachtet hatte, dass die Einsinktiefe nicht \u00fcber die H\u00f6he meiner Stiefel hinausgehen w\u00fcrde, aber das Argument, dass ich mit den Schuhen, wenn auch grob gereinigt, ja wieder in das Auto unseres Centerchefs steigen m\u00fcsste, l\u00e4sst mich den Gedanken verwerfen.<br>Man muss sich vorsichtig bewegen, weil man etwa 25 cm tief einsinkt und leicht hinfallen kann, wenn der Fu\u00df im falschen Moment zu sehr oder zu wenig stecken bleibt. Stolpern oder ausrutschen sind die Alternativen. Wir alle haben Kleider zum Wechseln dabei, aber dennoch m\u00f6chte ich nicht derjenige sein, der ein Schlammbad nimmt und anschlie\u00dfend entsprechende Fotos ertragen muss. Ich pflanze etwa eine halbe Stunde lang Reis, dann wei\u00df ich, dass es zwar Spa\u00df gemacht hat, dass ich aber darauf verzichten kann, meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Wir haben heute ein ungeheuerliches Gl\u00fcck mit dem Wetter, es ist warm und so schwach bew\u00f6lkt, dass die Sonne nicht vom Himmel brennt, aber es gibt ja auch schlechte Tage, an denen die Bauern trotzdem raus m\u00fcssen, wenn sie was zu bei\u00dfen haben wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wandere noch in der Gegend herum und f\u00fclle meinen Fotospeicher. Wegen des ereignisreichen Wochenendes kann ich leider nicht so viele Fotos von dem heutigen Ereignis machen, wie ich gerne w\u00fcrde, aber da das Center an Wochenenden geschlossen ist, kann ich meine Kamera von Samstag auf Sonntag nicht entleeren.<br>Ich habe mich die ganze Zeit schon gefragt, wozu dieser seltsame Holzrahmen gut ist, der da von einem Planquadrat des Feldes zum anderen verschoben wird. Und dann werden mit Plastikb\u00e4ndern an Holzst\u00f6cken Markierungen in den Boden gesteckt. Der Fall wird klar, wenn man a) alle Ausf\u00fchrungen des ersten Redners bei der Begr\u00fc\u00dfung verstanden hat (nein, mein Herr) oder b) auf den Turm des schlossartig angelegten Rathauses steigt. Es werden hier drei Sorten Reis gepflanzt und jetzt erst wird mir der Zweck klar. Jede dieser drei Reissorten hat eine andere Blattfarbe, Gelb, Gr\u00fcn oder Lila. Die mit Hilfe der Markierungen angelegte Kombination der Sorten auf dem Feld wird letztendlich ein Bild ergeben, sobald der Reis ein gewisses Wachstumsstadium erreicht hat. Das linke Bild wird einen M\u00f6nch darstellen, das rechte (f\u00fcr das ich keinen Platz mehr hatte) eine Frau, und das Ganze wird noch weiter verziert durch einen Schriftzug. Im Turm selbst befinden sich Fotos mit den verwendeten Felddarstellungen der vergangenen Jahre. Die Mona Lisa war auch schon dabei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir waschen nach getaner Arbeit unsere F\u00fc\u00dfe und H\u00e4nde (kaltes Wasser und Kratzb\u00fcrste!) und bekommen ein kostenfreies Mittagessen geboten, das ich sehr genie\u00dfe. Es handelt sich um einen Gem\u00fcseeintopf mit Shimid\u00f4fu (das ist Tofu, der \u00fcber Winter dem Frost ausgesetzt wird), und lustigerweise gibt es hier Reis nur in Form von Onigiri. <br>Und, hey, hie\u00df es nicht, dass nach getaner Pflanzarbeit in Japan kr\u00e4ftig einer gehoben wird? <em>\u201eTa-ue de Sake ga nomeru zo!\u201c<\/em> hei\u00dft es doch in dem Lied von <em>\u201eBeethoven &amp; Barracuda\u201c<\/em>, oder hat da jemand \u00fcbertrieben? Ich muss mich also leider ausschlie\u00dflich an die Flasche Aquarius halten, die ich selbst mitgebracht habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir machen uns auf den Heimweg. Ich bearbeite in der Bibliothek noch meine Post, kann aber wegen der morgigen Klausur nicht ewig bleiben. Ich stelle auch fest, dass meine Haut an exponierten Stellen von der Sonne ger\u00f6tet ist, aber ich versp\u00fcre kein Brennen, auch nicht, wenn ich daran reibe.<br>Guter Tag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir spielen heute also Reisbauern. Dazu fahren wir, der Kurs von Kuramata-sensei, zusammen mit Kashima-sensei und einem mir unbekannten Lehrer in ein nahes St\u00e4dtchen (Dorf), dessen Namen ich mir als \u201eInakadate\u201c gemerkt habe, und finden uns am Rathaus ein. 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