{"id":3902,"date":"2024-05-26T07:00:00","date_gmt":"2024-05-26T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3902"},"modified":"2024-05-20T18:14:46","modified_gmt":"2024-05-20T16:14:46","slug":"mittwoch-26-05-2004-aus-dem-leben-eines-schweden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3902","title":{"rendered":"Mittwoch, 26.05.2004 \u2013 Aus dem Leben eines Schweden"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der n\u00e4chste lange Mittwoch steht mir ins Haus, und ich darf ihn damit beginnen, zwei Dialoge f\u00fcr Ogasawara-sensei, f\u00fcr den heutigen Unterricht, zu schreiben \u2013 weil ich diese Hausaufgabe v\u00f6llig vergessen habe. Ich wehre mich gegen den Vorwurf der erfolgreichen Verdr\u00e4ngung \u2013 ich habe eine Schw\u00e4che f\u00fcr solche Schreibangelegenheiten. Wegen des Zeitmangels schaffe ich es leider nicht, der Sache den \u00fcblichen Schwung zu geben. Da jeder Teilnehmer zwei Dialoge hat schreiben m\u00fcssen, l\u00e4sst die Lehrerin die Notizen wandern, von einem Tisch zum anderen, und man soll markieren, welcher Text der bessere sei. Die Texte mit den meisten Markierungen werden vorgelesen \u2013 meiner ist dabei, und ich w\u00fcrde das ein Armutszeugnis f\u00fcr die Kreativit\u00e4t meiner Mitstudierenden hier nennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kond\u00f4s Unterricht f\u00e4llt aus. Ich gehe in den n\u00e4chsten Supermarkt und kaufe eine T\u00fcte Brot, die eigentlich drei Portionen Fr\u00fchst\u00fcck abgeben soll, aber sie verschwindet im Laufe des Nachmittags St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in meinem Bauch. Die Flasche Yoghurt Kalpis dagegen ist tats\u00e4chlich f\u00fcr den Sofortverzehr gedacht. Dieses Getr\u00e4nk k\u00f6nnte ich ernsthaft vermissen. Nudelsuppe und sogar Sushi bekomme ich auch in Deutschland auf die eine oder andere Weise, aber Yoghurt Kalpis?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich setze mich in die Bibliothek und vertreibe mir die Zeit bis zum n\u00e4chsten Unterricht mit dem Schreiben meines Kampfberichtes, aber ich vergesse die Zeit ein bisschen zu sehr und komme zehn Minuten zu sp\u00e4t zum Unterricht von Hugosson. Der fragt mich zuerst nach deutschen \u201eSchuhsitten\u201c:<br><em>\u201eTr\u00e4gt man in Deutschland im Haus Stra\u00dfenschuhe?\u201c<\/em><br><em>\u201eDas ist von Haushalt zu Haushalt verschieden, aber es spricht an sich nichts dagegen, solange die Schuhe nicht deutlich verschmutzt oder nass sind.\u201c<\/em><br>Er fragt auch die anderen Anwesenden, aber die kommen ja alle aus Asien, und Asiaten sind sich in dieser Frage einig, wie es scheint. Er erz\u00e4hlt, in Schweden sei es \u00fcblich, die Stra\u00dfenschuhe auszuziehen und mitgebrachte, saubere Schuhe anzuziehen, w\u00e4hrend es v\u00f6llig in Ordnung sei, das Haus barfu\u00df zu betreten, auch wenn man gerade durch die Wiese oder den staubigen Garten spaziert war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ansonsten erz\u00e4hlt er, wie er anno dazumal, 1992, zum ersten Mal nach Japan gekommen war, als Kampfsportlehrer. Man stelle sich das vor: Ein Europ\u00e4er, dazu noch einer aus dem friedlichen Schweden, kommt ins Land der weisen Sensei und will sich als Kampfsportlehrer bet\u00e4tigen, und dazu noch in einer offenbar japanischen Disziplin: \u201eTaid\u00f4\u201c hei\u00dft der Sport. Ich hab noch nie davon geh\u00f6rt. Jedenfalls kam er auf Vermittlung des betreffenden Sportverbandes zuerst nach Tokyo, mitten im Winter, und er hatte nur Sommerklamotten dabei. Er hatte ein milderes Klima auf der geografischen H\u00f6he des Mittelmeers erwartet.<br>Nachdem er dann eine Woche lang von McDonald\u2019s gelebt hatte, weil er kein Wort Japanisch sprach, wurde er von dem Sportverband ausgerechnet nach Hirosaki weitervermittelt \u2013 in seinen Sommerklamotten. Also im \u00fcberhitzten Bus mitten in die \u201eArktis\u201c; eine kurze, aber heftige Erk\u00e4ltung war die Folge.<br>Er lebte dann ein Jahr lang \u201eHomestay\u201c bei einem wohlhabenden Arzt (ich glaube, in Japan sind alle \u00c4rzte wohlhabend, nicht wahr, Jin-san?), arbeitete aber nicht als Trainer, sondern als Kucheneinwickler in einer Konditorei im Norden der Stadt. Man entzog ihm ziemlich schnell die weichen Tortenst\u00fccke wieder, weil er ein wenig zu kr\u00e4ftig zupackte und gab ihm \u201eh\u00e4rtere\u201c Backwaren zum Einpacken. Au\u00dferdem musste er im Spagat an dem Tisch arbeiten, weil der f\u00fcr Japaner gebaut war, was hei\u00dft, dass er f\u00fcr einen durchschnittlich gro\u00dfen Nordeurop\u00e4er zu klein zum davor Stehen und zu gro\u00df zum davor Sitzen oder Knien ist. 1995 kehrte er zur\u00fcck, diesmal als Forschungsstudent\/Doktorand, machte seinen Doktor an der Universit\u00e4t von Hirosaki. Er heiratete eine Japanerin und blieb im Land.<br>Ich habe keine Ahnung, was das mit dem Thema zu tun hat, aber ich finde es sehr unterhaltsam und es macht den Mann auch sehr sympathisch. Immerhin erw\u00e4hnt er hier und da eine der Organisationen, um die es in dem Unterricht eigentlich gehen soll. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach verschwinde ich wieder in der Bibliothek, bis etwa 21:45. Ein gro\u00dfer Artikel zum Thema \u201eD-Day\u201c h\u00e4lt mich auf. Aber es geht nicht um die Landung selbst, sondern um eine \u00dcbung an der englischen K\u00fcste:<br>Da sollen doch 1943 die \u00dcbungsgegner aus nicht bekanntem Grund scharfe Munition erhalten haben, wahrscheinlich ein fataler Fehler der Ausr\u00fcstungsstelle. Die Probelandung soll 750 (!) Amerikaner das Leben gekostet haben, und noch lebende Anwohner der Gegend sagen aus, sie h\u00e4tten die Leichentransporte gesehen, beim Herstellen von S\u00e4rgen geholfen oder beim Ausheben von Massengr\u00e4bern, w\u00e4hrend andere sich ausschweigen und kein Wort \u00fcber die Angelegenheit verlieren wollen, die vom Pentagon vehement abgestritten wird. Die Verluste werden offiziell einem Angriff deutscher Schnellboote auf einen Konvoi tags darauf zugeschrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der n\u00e4chste lange Mittwoch steht mir ins Haus, und ich darf ihn damit beginnen, zwei Dialoge f\u00fcr Ogasawara-sensei, f\u00fcr den heutigen Unterricht, zu schreiben \u2013 weil ich diese Hausaufgabe v\u00f6llig vergessen habe. Ich wehre mich gegen den Vorwurf der erfolgreichen Verdr\u00e4ngung \u2013 ich habe eine Schw\u00e4che f\u00fcr solche Schreibangelegenheiten. 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