{"id":3884,"date":"2024-05-19T07:00:00","date_gmt":"2024-05-19T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3884"},"modified":"2024-05-16T09:51:38","modified_gmt":"2024-05-16T07:51:38","slug":"mittwoch-19-05-2004-der-aussteiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3884","title":{"rendered":"Mittwoch, 19.05.2004 \u2013 Der Aussteiger"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Gl\u00fcck besteht der Monstermittwoch \u00fcblicherweise weitgehend aus Routine, an sich muss man nicht viel dar\u00fcber schreiben. Es sei denn, Dinge wie heute nehmen ihren Lauf&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor einer Woche hatte ich im Unterricht von Kond\u00f4-sensei einen Vortrag \u00fcber das praktizierte, aber nach Interpretation des Autors nicht ganz legale japanische Autobahnfinanzierungssystem gehalten. \u00dcber die erste H\u00e4lfte des Aufsatzes, um genau zu sein. In der zweiten H\u00e4lfte steht gar nicht mehr so viel drin. Das Interessanteste sind noch die Vorschl\u00e4ge, wie man die Situation nicht nur auf nationaler, sondern auch auf lokaler Ebene angehen und l\u00f6sen k\u00f6nne. Es war nun Misis Aufgabe, eine Zusammenfassung des Inhalts der zweiten H\u00e4lfte vorzunehmen. Zehn Tage vor dem heutigen Datum hatte ich ihm den Text gegeben.<br>Er war mit der ihm eigenen Motivation an den Text herangegangen, was mir zwar aufgefallen war, ich aber nicht weiter erw\u00e4hnenswert fand, weil Kommentare wie <em>\u201eIch will diesen langweiligen Schei\u00df nicht machen&#8230;\u201c<\/em> unter Studenten nicht un\u00fcblich sind, w\u00e4hrend die Arbeit aber in den meisten F\u00e4llen dann doch irgendwie gemacht wird. Zu meinem Vortrag war er nicht erschienen, aber auch dabei dachte ich mir nicht allzu viel. Er geh\u00f6rt nicht zu der eifrigen Sorte und man k\u00f6nnte meinen, er geh\u00f6re zu denen, die genau Buch \u00fcber blaugemachte Tage f\u00fchren, um das Maximum aus der erlaubten Anzahl von verpassten Stunden herauszuholen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute kommt er zumindest zu sp\u00e4t. Aber was macht das schon? Kond\u00f4 selbst kommt grunds\u00e4tzlich f\u00fcnf Minuten zu sp\u00e4t. Als Kond\u00f4 dann aber da ist und das stumme Warten beginnt, frage ich SangSu, ob er Misi anrufen k\u00f6nne \u2013 nicht, dass er am Computer die Zeit vergessen hat. Kond\u00f4 bespricht w\u00e4hrenddessen mit Nim ein paar Einzelheiten ihres Vortrages n\u00e4chste Woche. Misi erweist sich als erreichbar (alles andere w\u00e4re auch seltsam), und aus dem, was SangSu von sich gibt, muss ich entnehmen, dass Misi entweder nur mangelhaft oder gar nicht vorbereitet ist. Meine erste Vermutung ist nat\u00fcrlich, dass er sich mit irgendeiner mehr oder weniger fadenscheinigen Ausrede entschuldigen l\u00e4sst \u2013 aber er kommt einen Augenblick sp\u00e4ter tats\u00e4chlich durch die T\u00fcr herein! Betrunken? Wahnsinnig? Bl\u00f6de? Er sieht auch recht verunsichert aus. W\u00fcrde mir an seiner Stelle ebenso gehen. Ich wei\u00df nicht mehr, was er beim Reinkommen gesagt hat, aber er hat sich f\u00fcr seine Versp\u00e4tung nicht entschuldigt. Nach der mangelnden Vorbereitung (Vorbereitung?) und dem versp\u00e4teten Erscheinen an sich ist das sein dritter Fehler. Erstens ist es eine Sache der H\u00f6flichkeit und zweitens war Kond\u00f4 ein hohes Tier in einem japanischen Wirtschaftsunternehmen \u2013 der Mann ist es gewohnt, dass man ihn in h\u00f6flichstem Japanisch anspricht und es ist schon beinahe beachtlich, dass er solche Basiskurse ausgerechnet f\u00fcr Ausl\u00e4nder veranstaltet.<br>Aber gut, Misi f\u00e4hrt fort auf seinem Weg in den Abgrund. Er legt seine Unterlagen auf einen Tisch in der zweiten Sitzreihe, nimmt einen Stuhl aus der ersten Reihe, dreht in um und setzt sich darauf. Ich gehe in diesem Moment davon aus, dass er die Situation retten will, indem er das, was er vortr\u00e4gt, direkt aus dem Text abliest. Ich muss nicht extra erw\u00e4hnen, wie hirnrissig ein solcher Plan meiner Meinung nach ist. Aber es erweckt auch den Eindruck, dass er zumindest <strong>etwas<\/strong> davon gelesen hat. Ansonsten w\u00e4re er doch nicht so d\u00e4mlich, tats\u00e4chlich zu erscheinen. Oder doch?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er sitzt also erst mal und holt Luft. Kond\u00f4-sensei fordert ihn aber auf, ans Pult zu gehen und von dort aus zu sprechen, wie man das \u00fcblicherweise macht. Eine reine Formalit\u00e4t, w\u00fcrde ich sagen, denn immerhin hat Kond\u00f4 nichts dagegen, wenn man w\u00e4hrend des Vortrags sitzt, auch mir hat er das angeboten, aber ich stehe lieber. Misi hasst es generell, vor einer Gruppe zu sprechen, und das gilt auch f\u00fcr die Englischstunden, die er im \u201eYork Cultural Center\u201c gibt, oder gegeben hat. M\u00f6glicherweise hat er zu viel Lampenfieber. Ich dachte eigentlich, das lege sich, wenn man mal zwei oder drei Vortr\u00e4ge gehalten hat, und ich mache es inzwischen eigentlich ganz gerne. Aber er nicht. Und wohl deshalb entfleucht ihm beim Aufstehen ein artikulierter japanischer Laut, der das exakte Gegenst\u00fcck zum deutschen <em>\u201eJa, ja&#8230;\u201c<\/em> ist, das man in seiner besten Ausf\u00fchrung aus dem ersten <em>\u201eWerner\u201c<\/em> Film kennt. Vierter Fehler! Kond\u00f4 findet es gar nicht komisch, mit einem solchen Kommentar bedacht zu werden und weist den Ungarn zurecht: <em>\u201eWas soll das hei\u00dfen, \u201aja, ja\u2019? <strong>Ich<\/strong> bin der jenige, der \u201aja, ja\u2019 machen sollte!\u201c<\/em> Das steckt Misi noch weg. <br>Er f\u00e4ngt an zu reden. Ich bin gespannt. Ungef\u00e4hr f\u00fcnf Sekunden lang. Dann wei\u00df ich, was l\u00e4uft: <em>\u201eIn dem Aufsatz geht es darum, dass japanische Autobahnen sehr teuer sind. Ich habe mit einer Bekannten gesprochen und sie erz\u00e4hlte mir, dass eine Fahrt nach Tokyo 10.000 Yen koste, und der Weg zur\u00fcck noch einmal 10.000&#8230;\u201c<\/em> Und weiter kommt er nicht mehr.<br><em>\u201eDas ist <strong>nicht<\/strong> in Ordnung!\u201c<\/em> unterbricht ihn Kond\u00f4 unwirsch.<br><em>\u201eWas ist nicht in Ordnung?\u201c<\/em> Dass Misi in dieser Situation \u00fcberhaupt nicht wei\u00df, wie er gerade seinen Untergang besiegelt hat, sagt alles dar\u00fcber aus, dass er in seinen \u201eLesebem\u00fchungen\u201c, wenn \u00fcberhaupt, nicht einmal bis zu dem Teil gekommen ist, \u00fcber den er eigentlich reden sollte. Vermutlich hat er v\u00f6llig vergessen, dass er nur die zweite H\u00e4lfte h\u00e4tte behandeln m\u00fcssen.<br><em>\u201eDar\u00fcber haben wir letzte Woche bereits gesprochen! Sie waren nicht da, also wissen Sie wahrscheinlich noch nicht einmal, was Sie zu tun haben!\u201c<\/em> Uh, Kond\u00f4 ist sauer, die Luft zum Schneiden dick, und nachdem sich die beiden dann noch dreimal gegenseitig ins Wort gefallen sind, erkl\u00e4rt Misi, dass er den Kurs verlassen wolle. Ist wohl besser so in dieser Situation. Ich bezweifle auch stark, dass er den Kurs am Dienstag weiter besuchen wird, der Trottel. Kond\u00f4 verlangt f\u00fcr die volle Vergabe der Leistungspunkte nur regelm\u00e4\u00dfige Anwesenheit, einen unbedeutend kleinen Vortrag, wenigstens vorget\u00e4uschtes Interesse und offenbar ein Mindestma\u00df an H\u00f6flichkeit. Keine Hausarbeit, keine Klausur. Man muss schon arg einen an der Waffel haben, um sich das entgehen zu lassen. Immerhin erm\u00f6glicht Kond\u00f4 damit seinen Zuh\u00f6rern, die Klausuren zweier weiterer Kurse in den Sand setzen zu k\u00f6nnen, ohne dadurch unter die Grenze von 12 Punkten (= sechs erfolgreiche Doppelstunden-Kurse) zu rutschen. Er erkl\u00e4rt den heutigen Unterricht mangels Inhalt f\u00fcr beendet, st\u00e4rkt mein Ego, indem er meinen Vortrag von letzter Woche gleich zweimal lobt, und sagt, dass das Wesentliche bereits erl\u00e4utert worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin arg durstig und gehe zusammen mit Mei in den \u201eMaruesu\u201c Supermarkt, um mir eine Flasche Yoghurt Kalpis zu kaufen. Das Brot ist gerade um 30 % reduziert, also lasse ich mir das auch nicht entgehen. Ich gehe dann mit ihr in die Mensa, bis der n\u00e4chste Unterricht beginnt. Sie haut mir den Stuhl \u00fcbrigens nicht um die Ohren, als ich sie darauf anspreche, ob sie in Japan m\u00f6glicherweise zugenommen habe. Nein, sie wiege genauso viel wie vorher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was also noch folgt, ist Hugosson, der alte Schwede (Ende Drei\u00dfig). Da ist heute ebenfalls ein Vortrag f\u00e4llig, \u00fcber die sozialen Sicherungssysteme unserer jeweiligen Heimatl\u00e4nder. Soweit Deutschland betroffen ist, kann das ziemlich kompliziert oder umfangreich werden. Ich sage ihm also zu Unterrichtsbeginn, dass ich zwei oder drei Minuten (wie verlangt) damit f\u00fcllen k\u00f6nne, einfach nur zu sagen, dass es diese und jene staatlichen Versicherungen gebe und zu was sie im Prinzip gut seien, aber dar\u00fcber hinaus wisse ich nicht, was ich weiter sagen k\u00f6nne, ohne in unwichtige Details zu verfallen, wie zum Beispiel die Bestimmungen \u00fcber die Berechnung der Beitr\u00e4ge. Er l\u00e4sst die Vortr\u00e4ge darauf ganz einfach sein und organisiert die Sache als entspannte Diskussionsrunde. Und das geht auch ganz wunderbar, da wir nur zu dritt sind. MunJu ist heute nicht da. Und \u2013 wer h\u00e4tte das gedacht? \u2013 Misi ebenfalls nicht. Er fragt, wieso, und ich versuche mich in den sch\u00f6nsten Euphemismen, um die Situation von vor 90 Minuten zu umschreiben. Das befl\u00fcgelt f\u00fcr gew\u00f6hnlich die Fantasie des Zuh\u00f6rers mehr, als wenn man einfach sagt, wie es wirklich gelaufen ist, und gleichzeitig simuliert der Sprecher eine zur\u00fcckhaltende H\u00f6flichkeit. J<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe in die Bibliothek (uswusf.) und komme gegen Acht nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Gl\u00fcck besteht der Monstermittwoch \u00fcblicherweise weitgehend aus Routine, an sich muss man nicht viel dar\u00fcber schreiben. 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