{"id":3857,"date":"2024-05-12T22:19:21","date_gmt":"2024-05-12T20:19:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3857"},"modified":"2024-05-12T22:19:21","modified_gmt":"2024-05-12T20:19:21","slug":"mittwoch-12-05-2004-gebackene-teigfladen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3857","title":{"rendered":"Mittwoch, 12.05.2004 \u2013 Gebackene Teigfladen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stehe um 05:30 auf und mache mich an die Arbeit. Und die geht auch gleich viel leichter von der Hand, wenn man ausgeschlafen ist! Dennoch hindert mich dieser Umstand nicht daran, w\u00e4hrend Yamazakis Unterricht vor Langeweile beinahe vom Stuhl zu fallen. Das spannendste Ereignis war noch, dass in diesem Saal der Kassettenrekorder fehlt und Yamazaki sich selbst einen organisieren musste. Und er bringt ihn, den Regeln entsprechend, auch wieder zur\u00fcck, was ihrerseits Ogasawara-sensei dazu zwingt, selbst irgendwo einen herzubekommen, da wir uns heute ein Lied \u00fcber Zuckerrohrfelder in Okinawa anh\u00f6ren sollen.<br>Dabei f\u00e4llt mir die Ausr\u00fcstung dieser Universit\u00e4t wieder deutlich ins Auge. In <strong>jedem<\/strong> der S\u00e4le befinden sich ein gro\u00dfer Fernseher, dazu ein Videoger\u00e4t f\u00fcr Kassetten <strong>und<\/strong> DVDs, und daneben noch ein Kassettenrekorder f\u00fcr MCs, CDs und MDs. Das will ich mal in Deutschland an einer staatlichen Uni sehen! Yamazaki-sensei bedient das Ger\u00e4t neuerdings sogar mit einer Art Taschen-PC (?), indem er die Tondaten auf der MD mit einer Wellenl\u00e4nge von 76,6 MHz auf die Antenne des Radios \u00fcbertr\u00e4gt. Warum er die MD nicht einfach direkt in die Stereoanlage schiebt, ist mir schleierhaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Mittagspause verpacke ich zwei verkaufte Artbooks und rede ein bisschen mit BiRei, die heute den Wunsch \u00e4u\u00dfert, auch mal was von Deutschland zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach tritt Kond\u00f4-sensei in Aktion. Oder eigentlich trete <strong>ich<\/strong> in Aktion, weil ich ja einen Vortrag \u00fcber das japanische Autobahnsystem halte, im Hinblick auf dessen Finanzierung. Das dauert auch gleich 70 Minuten, weil f\u00fcr Mei alles noch ins Japanische, bzw. Koreanische \u00fcbersetzt werden muss, je nachdem, ob Kond\u00f4 selbst meine Aussage zusammenfasst oder ob er SangSu \u201ean die Front schickt\u201c. Misi ist nicht erschienen, obwohl das eigentlich ganz ratsam w\u00e4re, da er n\u00e4chste Woche \u00fcber die zweite H\u00e4lfte des Aufsatzes reden soll.<br>MunJu fragt mich nach dem Unterricht nach dem deutschen Universit\u00e4tssystem, nach Studiendauer, nach Finanzierung des Studiums und der Universit\u00e4ten. Sie macht sich Notizen? Hat sie was Offizielles damit vor? Ich kann allerdings gerade nicht die Motivation aufbringen, danach zu fragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann ist Hugosson an der Reihe und erz\u00e4hlt uns was \u00fcber NPOs in Japan, von denen es mittlerweile 16000 gebe, Tendenz steigend. Der Anfang sei das Erdbeben in Kobe gewesen, wo aus dem ganzen Land auf individuelle Initiative hin eine Flut von 1,5 Millionen freiwilligen Helfern eingetroffen war, die sich wegen des eklatanten Kompetenzmangels der staatlichen Hilfsorganisationen in k\u00fcrzester Zeit selbst organisierten.<br>Es gibt nat\u00fcrlich schon seit langer Zeit Nachbarschaftsorganisationen, die ebenfalls in die Definition der NPOs fallen. In feudalen Zeiten und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges handelte es sich dabei um eine Kontrollm\u00f6glichkeit der Regierung, um ein Auge auf die Leute werfen zu k\u00f6nnen. Auch die modernen Nachbarschaftsorganisationen lassen neu hinzugezogenen Anwohnern nicht wirklich eine Wahl, ob sie beitreten wollen oder nicht. Nat\u00fcrlich wird man heutzutage nicht mehr gekreuzigt \u2013 man wird ausgegrenzt. Und wer will das schon? Daf\u00fcr werden Feste organisiert, wie zum Beispiel die \u201eUnd\u00f4kai\u201c \u2013 \u201eSportfeste\u201c \u2013 genannten Saufgelage, die ihren Namen nur deshalb tragen, weil die Kinder \u201eorganisiert spielen gehen\u201c, w\u00e4hrend die Erwachsenen ihren asiatischen Enzymdefekt, Alkohol im Blut weniger gut als Europ\u00e4er abbauen zu k\u00f6nnen, mit Nichtbeachtung strafen. Oder aber, was doch ganz n\u00fctzlich ist, man zieht sich Gummistiefel an und sammelt den M\u00fcll aus einem \u201eFluss\u201c, also diesen h\u00e4sslich kanalisierten Gew\u00e4ssern \u2013 und <strong>dann<\/strong> geht man was trinken!<br>F\u00fcr die kommende Stunde erhalten wir eine Hausaufgabe, wir bekommen Internetlinks mit Informationsquellen und sollen kurze Vortr\u00e4ge \u00fcber die sozialen Sicherungssysteme unserer Heimatl\u00e4nder halten. Hurra, Deutschland!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann ist der Unterricht endlich gelaufen; ich treffe Melanie und fahre mit ihr ins <em>\u201eBariBari\u201c<\/em>, um Okonomiyaki zu essen. Nach einem unn\u00f6tigen Umweg zum <em>\u201eSushi Sh\u00f4gun\u201c<\/em> am Kaufhaus Sakurano hei\u00dft das, wo wir feststellten, dass der Laden mittwochs zu hat! Also dann halt gebackene Teigfladen zum Selbstanr\u00fchren. Da wollten wir eh schon l\u00e4nger mal hin.<br>Wir kriegen auch gleich ein Tabeh\u00f4dai aufs Auge gedr\u00fcckt, weil uns ein paar Details nicht bekannt sind. Man kann die Gerichte ja schlie\u00dflich auch einzeln bestellen, aber auf den Gedanken komme ich gerade gar nicht, weil ich solchen Hunger habe. Genau genommen handelt es sich um ein Tabe-<strong>nomi<\/strong>-h\u00f4dai f\u00fcr 2000 Yen pro Nase, was zwar hei\u00dft, dass man essen und trinken kann, so viel man will, aber ich bin hier um zu essen \u2013 und da nehme ich f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht mehr als einen halben Liter Wasser zu mir. Man k\u00f6nne kein Tabeh\u00f4dai ohne gleichzeitiges Nomih\u00f4dai machen, hei\u00dft es, aber umgekehrt ginge das schon. W\u00e4re ich zum Trinken hier, und das Nomih\u00f4dai kostet nur um die 1000 Yen, w\u00fcrde sich das wirklich lohnen, denn die Getr\u00e4nkekarte ist recht gro\u00dfz\u00fcgig: Die enth\u00e4lt sogar \u201eechte\u201c alkoholische Getr\u00e4nke. Im \u201eSkattLand\u201c gibt es ja nur \u201eSour\u201c und Softdrinks f\u00fcr diesen Preis. Die Dauer ist begrenzt auf 90 Minuten&#8230; mal sehen, was in der Zeit alles reinpasst. Ich will von den 2000 Yen auch m\u00f6glichst viel haben.<br>Es gibt hier nur Knietische&#8230; autsch! Es ist nichts los, also suche ich mir einen Platz in der Ecke des Raums, damit ich die Wand im R\u00fccken habe, und \u2013 r\u00f6mische Dekadenz hin oder her \u2013 meine Beine l\u00e4ngs des Tisches ausstrecken kann. Unter den Tisch passen sie nicht, weil sich dort die Heizvorrichtung f\u00fcr die Backfl\u00e4che befindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich trinke dann auch tats\u00e4chlich nur ein gro\u00dfes Glas Wasser \u2013 esse daf\u00fcr aber drei Okonomiyaki. Mehr geht auch nicht in 90 Minuten&#8230; man muss die Dinger ja mit den Zutaten selbst machen. Man bezahlt hier, wie in wohl so ziemlich jedem Okonomiyaki-Restaurant, nicht die Arbeit eines Kochs, man bekommt die Zutaten auf den Tisch und macht sich das Essen selbst. Von daher sind die Preise meines Erachtens etwas stark.<br>Man bekommt also die Sch\u00fcssel mit etwas Teig, Ei, Kraut und verschiedenen Zutaten, wie z.B. Ingwer (zum Gl\u00fcck war nicht viel dran \u2013 ich hasse eingelegten Ingwer), K\u00e4se, Krabben, Tintenfischst\u00fccke oder verschiedene Fleischsorten, je nach Angebot. Das Ganze wird verr\u00fchrt und dann auf die ge\u00f6lte Bratplatte verteilt, mit einem Durchmesser von vielleicht 15 cm, 4 cm hoch, und gleichm\u00e4\u00dfig angebraten. Man sollte noch So\u00dfe und Mayonnaise darauf verteilen, des Weiteren auch Fischflocken und Aonori (Blaualgen) Puder. Man sollte es gegessen haben, wenn man schon nach Japan kommt. Ist wirklich gut. Nur das Selbermachen nervt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie isst nur einen solchen Fladen und wendet sich dann einer Reihe von Vorspeisen wie frittiertem Huhn, Kartoffeln und \u201eOmuraisu Cheese\u201c zu. Bei \u201eOmuraisu\u201c handelt es sich eigentlich um Reis in einem Omelett, daher der Name, aber in dieser K\u00e4sevariante ist \u00fcberhaupt kein Reis drin \u2013 es handelt sich eigentlich nur um ein zugeklapptes Omelett mit K\u00e4sef\u00fcllung. Diese Sondergerichte allerdings treiben den Preis pro Person um 300 Yen in die H\u00f6he \u2013 wer lesen kann, ist klar im Vorteil! An der Wand h\u00e4ngt ein Plakat, auf dem genau das geschrieben steht, aber da wir, anders als Einheimische, informative Inhalte nicht auf einen Blick erkennen k\u00f6nnen, sondern die Schriftzeichen analysieren m\u00fcssen, bemerken wir das erst, als es ans Bezahlen geht.<br>Stelle fest: Tabeh\u00f4dai lohnt sich hier nicht. Dann lieber drei Okonomiyaki ohne Zeitdruck essen (ich esse eh ziemlich schnell) und 500 Yen weniger daf\u00fcr ausgeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend des Essens kommt auch eine \u201eKernfamilie\u201c in das Lokal, also Eltern mit einem Kind. Und was f\u00fcr eine Familie! <strong>Er<\/strong> sieht aus, als h\u00e4tte er den \u00f6rtlichen HipHop-Laden ausgeraubt und <strong>sie<\/strong> scheint mir dem Ganguro-Milieu nahe zu stehen (Ganguro sind die M\u00e4dchen, die sich die Gesichter braun f\u00e4rben und Klamotten tragen, deren Extravaganz eigentlich nur von Cosplayern \u00fcbertroffen wird). Ich sch\u00e4tze die beiden auf Mitte bis Ende Zwanzig, ihre Tochter auf etwa f\u00fcnf Jahre. Und die Kleine ist&#8230; recht lebhaft, um es so zu nennen. So patscht sie unserer Kellnerin auf den Allerwertesten (die muss sich ja hinknien, um die Zutaten zu servieren) und ruft <em>\u201eDaik\u00f4!\u201c<\/em>. Jetzt habe ich nat\u00fcrlich so einen Verdacht und suche die sino-japanische Lesung des Kanjis f\u00fcr \u201eShiri\u201c in meinem elektronischen W\u00f6rterbuch&#8230; ja, sie lautet \u201ek\u00f4\u201c. Das kleine Balg hat eben lautstark die Gr\u00f6\u00dfe des Hinterns der Kellnerin mokiert. Die lacht verlegen und ich m\u00f6chte wetten, dass sie gerade hofft, dass die beiden Ausl\u00e4nder da in der Ecke keine Ahnung haben, was f\u00fcr ein Begriff da gerade eben in den Raum gestellt wurde. Die Eltern st\u00f6ren sich daran nicht besonders. Ich dachte, Entschuldigungen f\u00fcr alles, was auch nur entfernt unangenehm sein k\u00f6nnte, seien eine japanische Eigenart? Nicht bei den dreien hier. Nun gut, die Kellnerin (vielleicht 20 Jahre alt) ist zu meinem Wohlgefallen wirklich nicht d\u00fcrr in der Hose (ohne \u201edick\u201c zu sein allerdings, sie liegt nahe an der \u201eGoldenen Mitte\u201c). Aber dennoch&#8230;<br>Wollte ich die Eltern nach ihrem Aussehen beurteilen (was man nat\u00fcrlich unterlassen sollte), dann w\u00fcrde ich annehmen, dass der Nachwuchs nicht das Ergebnis vorheriger Planung war, sondern eher eine Art Unfall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem R\u00fcckweg zahle ich meine Miete am Bankautomaten, und mache noch einen \u201eUmweg\u201c in die entgegengesetzte Richtung, zur Bibliothek, aber viel gearbeitet kriege ich heute nat\u00fcrlich nicht mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stehe um 05:30 auf und mache mich an die Arbeit. Und die geht auch gleich viel leichter von der Hand, wenn man ausgeschlafen ist! Dennoch hindert mich dieser Umstand nicht daran, w\u00e4hrend Yamazakis Unterricht vor Langeweile beinahe vom Stuhl zu fallen. 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