{"id":3828,"date":"2024-04-30T07:00:00","date_gmt":"2024-04-30T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3828"},"modified":"2024-04-27T16:40:30","modified_gmt":"2024-04-27T14:40:30","slug":"freitag-30-04-2004-erbauendes-schrifttum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3828","title":{"rendered":"Freitag, 30.04.2004 \u2013 Erbauendes Schrifttum?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wegen der sich anbahnenden \u201eGolden Week\u201c, dieser Aneinanderreihung von Feiertagen, macht sich Kuramata-sensei nicht die M\u00fche, heute Unterricht abzuhalten. Der f\u00e4llt seinen Urlaubsw\u00fcnschen zum Opfer und ich muss erst um 14:20 zum Unterricht erscheinen. Aber er hat das rechtzeitig vor Tagen angek\u00fcndigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ogasawara-sensei dagegen bleibt regelkonform, wie nicht anders zu erwarten. Ein guter Teil des heutigen Unterrichts besteht aus altbew\u00e4hrter, interkultureller Kommunikation, was wegen der deutlichen chinesischen \u00dcbermacht im Raum immer wieder ein organisatorisches Abenteuer darstellt. Heute geht es um Feiertage und was man gew\u00f6hnlich dazu verschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Yuan setzt sich zu Melanie und kann kaum glauben, dass die deutsche Landwirtschaft kein Standbein im Reisanbau hat. Doktor \u201eHyde\u201c Shin ist mir zugeteilt. Da sich meine Gespr\u00e4che in diesem Rahmen meist nur am Rande um das Thema drehen, das an der Tafel geschrieben steht, unterhalten wir uns auch \u00fcber andere Dinge. Es ist Shin, der den Klassiker \u201eHobbys\u201c auspackt, und ich wei\u00df nie so recht, was ich dann sagen soll. In letzter Zeit nenne ich verst\u00e4rkt \u201eLesen\u201c und \u201eStrategiespiele\u201c. Ich frage ihn, was er denn eigentlich von Beruf sei und wie es mit seinen eigenen Hobbys aussehe. Er sei Pharmakologe, sagt er (auf Japanisch nat\u00fcrlich), und ich muss das Wort erst aus den Tiefen meines elektronischen W\u00f6rterbuches hervorkramen, bevor ich von dem japanischen Wort auf die deutsche Bedeutung komme, und er arbeite auch in der Medikamentenforschung, auf der Suche nach neuen und verbesserten Pr\u00e4paraten \u2013 daher seine Verbindung zu dem modern ausgestatteten Tierversuchslabor, auf das die Universit\u00e4t Hirosaki sehr stolz ist. Sein liebstes Hobby sei \u2013 und ich traue meinen Ohren nicht \u2013 <em>\u201eBier trinken\u201c<\/em>. Und dabei lacht er leise \u2013 ich sage es wirklich nicht gerne \u2013 wie ein Schwachsinniger. Das war der erste Vergleich, der mir in den Sinn kam. Ein derart vulg\u00e4res Hobby h\u00e4tte ich einem Mann mit seiner Bildung nicht zugetraut, aber seine allgemeine Erscheinung untermauert die Aussage&#8230;<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a><br>Aber eigentlich soll es ja um Feiertage und Geschenke im jeweiligen Kulturkreis gehen. Ich bin bem\u00fcht, all die Feiertage des mitteleurop\u00e4ischen Abendlandes Revue passieren zu lassen und tue mich schwer bei der Findung typischer oder traditioneller Geschenke, da viele dieser Tage f\u00fcr mich pers\u00f6nlich ihre spirituelle Bedeutung verloren haben und ich mich nie wirklich damit auseinandergesetzt habe. Ich wei\u00df noch nicht einmal, wann Ostern ist.<br><em>\u201eIn China ist das alles ganz einfach\u201c<\/em>, sagt Shin, <em>\u201eda verschenkt man an jedem Festtag Bargeld.\u201c<\/em> Nat\u00fcrlich wird ihm in dieser Hinsicht (indirekt, durch die \u00fcbrigen Gruppen) widersprochen, aber ich gehe davon aus, dass die genannten Alternativen traditioneller Natur sind. Ich h\u00e4tte ebenfalls sagen k\u00f6nnen, dass man auch in Deutschland alternativ einfach Bargeld verschenkt, weil sich der Empf\u00e4nger davon kaufen kann, was immer er f\u00fcr angebracht h\u00e4lt. Dem widerspricht nat\u00fcrlich Melanie, da das Auspacken von Geschenken f\u00fcr sie eine gro\u00dfe Bedeutung hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Rest des Tages verbringe ich im Center. MinJi begr\u00fc\u00dft mich mit einem lebhaften Kopfsch\u00fctteln und lacht. Was bedeutet denn das? Ich kann keine Auff\u00e4lligkeiten an meinem Erscheinungsbild finden.<br><em>\u201eWarum sch\u00fcttelst Du den Kopf?\u201c<\/em><br><em>\u201eZur Begr\u00fc\u00dfung\u201c<\/em>, sagt sie, <em>\u201emeine H\u00e4nde waren (zum Winken) gerade nicht frei.\u201c<\/em><br>Ja, sie schreibt wohl gerade einen Eintrag in irgendein Forum. Das sei aber keine koreanische Sitte, sondern nur eine pers\u00f6nliche Marotte. Ich bin dennoch verwirrt, zu ihrer pers\u00f6nlichen Belustigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich warte darauf, dass die richtigen Rechner frei werden und brenne zwei Daten-CDs. Bei der effektiven Leistungsf\u00e4higkeit der Rechner ist in zwei Stunden nicht mehr drin, und die Chinesen verschwinden erst so ab etwa 17:00 von den Rechnern mit Brennerhardware. Der Memorystick wandert siebenmal hin und her.<br>Au\u00dfer mir sind ab kurz nach F\u00fcnf nur noch Misi und MinJi da. Ich wandere im Raum herum, w\u00e4hrend ich auf das Ende der Rechnervorg\u00e4nge warte. MinJi liest, sichtlich gespannt, einen koreanischen Text vom Bildschirm ab. Nat\u00fcrlich kann ich kein Hangul (Koreanisch) lesen, aber am oberen Rand der Internetseite steht ein (japanisches) Wort (in lateinischer Schrift), das ich sehr gut verstehe: YAOI.<br>Wer das Wort ebenfalls kennt und versteht, sieht mich grinsen. Breit, stark, wasserdicht.<br><em>\u201eWas liest Du da?\u201c<\/em> frage ich unschuldig.<br><em>\u201eHm&#8230; nichts Besonderes&#8230; nur eine Geschichte&#8230;\u201c<\/em> weicht sie aus.<br><em>\u201eUm was geht es denn?\u201c<\/em><br><em>\u201eIch wei\u00df nicht&#8230;\u201c<\/em><br><em>\u201eDu liest eine Geschichte und wei\u00dft nicht, um was es geht?\u201c<\/em><br>Sie \u00fcberh\u00f6rt die Frage geflissentlich.<br>Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich wei\u00df, was Yaoi ist.<br><em>\u201eNein, das hier ist was ganz Anderes!\u201c<\/em> sagt sie eilig, ohne mich dabei anzusehen.<br>Aber jetzt ist mir klar, in welchem Teich sie angelt. Nat\u00fcrlich entgeht Misis \u201egeschulten\u201c Ohren nicht, mit welchen Untert\u00f6nen meine Konversation mit MinJi, die ich hier ja nur im Kerngehalt wiedergebe, abl\u00e4uft. Er setzt sich zu uns und erweist sich als nur schwach subtiler Verh\u00f6rspezialist. Nach f\u00fcnf Minuten wei\u00df er, dass sie 20 Jahre alt ist, derzeit keinen festen Freund oder \u00e4hnliche Bindungen hat und erst heiraten will, wenn sie 26 bis 28 Jahre alt ist \u2013 und das scheint ein zentraler Punkt ihrer Lebensplanung zu sein. Die Dreistigkeit seiner Fragestellung verbl\u00fcfft mich. Schlie\u00dflich bohrt er auch danach, was sie da lese. Nat\u00fcrlich erh\u00e4lt auch er nur ausweichende Antworten. <br>Schlie\u00dflich wechselt sie wieder ins Forum, um einen Kommentar zu schreiben, ohne deshalb unsere Unterhaltung zu unterbrechen. Ich wei\u00df nicht mehr, um was es wirklich ging. Ich glaube, wir waren bei dem Teil angelangt, wo es um ihre Heiratspl\u00e4ne ging. Sie dreht den Kopf her\u00fcber und sieht mir ins Gesicht, schreibt w\u00e4hrenddessen aber mit ge\u00fcbten H\u00e4nden weiter. Das bringt mich jetzt v\u00f6llig aus dem Konzept, und ich k\u00f6nnte noch nicht einmal sagen, ob es an der Darstellung von Geschicklichkeit (Reden und Schreiben \u00fcber zwei verschiedene Themen) oder an ihren wirklich sch\u00f6nen Augen lag. Jetzt mag jeder denken, was er will, ich wei\u00df es wirklich nicht. Zweifellos allerdings ist f\u00fcr mich, dass sie diese Koordinations\u00fcbung vorgef\u00fchrt hat, um anzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eWas ist Yaoi eigentlich?\u201c<\/em> fragt Misi \u2013 mich. MinJi kann kein Englisch, aber der Inhalt seiner Frage ist ihr (wegen des Ihr bekannten Begriffs) offenbar bewusst. Sie dreht sich schnell auf dem Stuhl herum, lacht verlegen und fuchtelt abwehrend mit den H\u00e4nden. <em>\u201eDu darfst ihm das nicht verraten!\u201c<\/em> ruft sie mir zu. Nat\u00fcrlich hindert mich das nicht daran, Misi in einem ruhigeren Moment, sp\u00e4ter, zu erkl\u00e4ren, was es damit auf sich hat. Die Erkl\u00e4rung passt m.E. auch in einen einzigen Satz.<br>Um kurz nach Sechs beginnt es zu regnen. Auch Gewitterdonner ist zeitweise zu h\u00f6ren. Wir bleiben, bis das Center schlie\u00dft. MinJi muss 20 Minuten zu Fu\u00df gehen, weil sie im Kaikan wohnt, und an dieser Stelle frage ich mich, ob nicht sie es gewesen ist, die mich damals, im Oktober, gefragt hat, ob ich sie, angesichts dunkler Stra\u00dfen, nicht bis zur Haust\u00fcr bringen k\u00f6nne. Aber ich erinnere mich nicht an das Gesicht. Und MinJis Erscheinung hat sich durch das Abschneiden ihrer langen Haare auch deutlich ge\u00e4ndert. Ich rate ihr jedenfalls, einen der beiden Schirme zu nehmen, die vor dem Center in dem St\u00e4nder stecken. Sie k\u00f6nne sie ja kommende Woche diskret an ihren Platz zur\u00fcckstellen, aber das will sie nicht. Zu ihrer Erleichterung hat der Regen mittlerweile allerdings wieder aufgeh\u00f6rt, bis auf ein paar vereinzelte, feine Tr\u00f6pfchen.<br>Sie fragt Misi, wie gro\u00df er sei, aber er kennt die genaue Angabe selbst nicht. Ich sch\u00e4tze, dass er etwa zwei Meter gro\u00df sein d\u00fcrfte, vielleicht einen Tick mehr. MinJi erkl\u00e4rt, dass sie gerne 10 cm gr\u00f6\u00dfer sein wolle. 1,58 m seien ihr zu wenig. Ich sage, dass sie sich wegen ihrer Gr\u00f6\u00dfe keine Sorgen zu machen brauche, ich f\u00e4nde die gegebenen Proportionen sehr passend. Schlie\u00dflich gehen wir unserer Wege.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was muss ich also aus der Beobachtung schlie\u00dfen? MinJi hat offenbar kein Problem mit mir. Wie kommunikativ oder verschlossen sie ist, h\u00e4ngt bei ihr wohl, wie bei vielen Menschen, von der jeweiligen Tageslaune ab. Damit kann ich leben. Ich muss mir immer ein wenig Extra-M\u00fche geben, um Leute, die vor mir stehen, auf die fundamentalen Unterschiede zwischen meinem \u00c4u\u00dferen und meinem Inneren aufmerksam zu machen. Bisher fahre ich damit gut, also habe ich auch weiterhin nicht vor, meinen pers\u00f6nlichen Bekleidungsgeschmack zu \u00e4ndern.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a><br>Misi setzt sich auf sein Fahrrad, w\u00e4hrend ich mein eigenes aufsuche.<br><em>\u201eSie sieht nicht au\u00dferordentlich gut aus, aber sie ist unheimlich s\u00fc\u00df&#8230;\u201c<\/em> sagt er.<br>Ich winke ihm zum Abschied. Mir scheint, dass seine optische Messlatte ziemlich hoch liegt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp; Shin war nicht fettleibig, eher schlank, aber er sah auch deutlich \u00e4lter aus als Mitte Drei\u00dfig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Es dauerte noch etwa zwei Jahre, bis der Wehrdienst so sehr aus meinem Kopf verschwunden war, dass ich keine Tarnfarben mehr in meiner Freizeit trug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wegen der sich anbahnenden \u201eGolden Week\u201c, dieser Aneinanderreihung von Feiertagen, macht sich Kuramata-sensei nicht die M\u00fche, heute Unterricht abzuhalten. Der f\u00e4llt seinen Urlaubsw\u00fcnschen zum Opfer und ich muss erst um 14:20 zum Unterricht erscheinen. Aber er hat das rechtzeitig vor Tagen angek\u00fcndigt. 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