{"id":3804,"date":"2024-04-27T07:00:00","date_gmt":"2024-04-27T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3804"},"modified":"2024-04-21T15:05:35","modified_gmt":"2024-04-21T13:05:35","slug":"dienstag-27-04-2004-money-talks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3804","title":{"rendered":"Dienstag, 27.04.2004 \u2013 Money Talks"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ich den Morgen frei habe, wasche ich W\u00e4sche. Bei genauerer \u00dcberlegung h\u00e4tte ich vielleicht besser das Bad saubergemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kond\u00f4-sensei hat heute den ersten von einer Reihe von Gesch\u00e4ftsleuten eingeladen, um \u00fcber ihre jeweiligen Konzepte zu sprechen. Tsushima-san ist Chef einer unabh\u00e4ngigen Innausstattungsfirma und schwer im Geld, wie es hei\u00dft. Irgendwie erinnert er mich ein bisschen an Dr. Hackner&#8230; die \u201eFrisur\u201c sieht recht gleich aus, ebenso die Kopfform&#8230; ich glaube, sogar Redefluss und Nervosit\u00e4tsgesten sind sich \u00e4hnlich: Er zieht kurz nach Beginn seines Vortrags seine Uhr aus und schiebt sie hin und wieder auf dem Pult hin und her, w\u00e4hrend er (im Stehen) redet. Dr. Hackner hat allerdings bisher das Sitzen vorgezogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angefangen habe er bei null, erz\u00e4hlt er, im Betrieb seines Vaters, aber jetzt mache er Unmengen Kohle mit seinem eigenen Laden, weswegen er vor nicht allzu langer Zeit zum Vorsitzenden der Junioren-Handelskammer gew\u00e4hlt geworden sei. Dabei handelt es sich um ein Wirtschaftsforum f\u00fcr selbst\u00e4ndige Unternehmer bis 40 Jahre, danach steigt man in die \u201eeigentliche\u201c Handelskammer auf.<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Tsushima (39) erz\u00e4hlt aus seinem Leben, erl\u00e4utert seinen Lebenslauf und wie er seinen Erfolg begr\u00fcndet, n\u00e4mlich durch viel Arbeit, durch schnelle Arbeit und vor allem durch gute Arbeit. Seine Ausf\u00fchrungen kann man auch interpretieren als <em>\u201eArbeiten, bis das R\u00fcckgrat bricht\u201c<\/em>. Der Stress habe ihn in den vergangenen 15 Jahren mehrfach ins Krankenhaus gebracht, aber da der Rubel jetzt rolle, k\u00f6nne er sich etwas mehr Ruhe g\u00f6nnen. Ich stelle ihm eine Frage, die mein guter Freund Martin \u201eU\u201c vor zwei oder drei Jahren mal ins Spiel gebracht hat. Ich m\u00f6chte wissen, ob er lebe, um zu arbeiten, oder ob er arbeite, um zu leben. Das habe sich im Laufe der Jahre ge\u00e4ndert, sagt er. Inzwischen arbeite er, um zu leben, das Gr\u00f6bste sei \u00fcberstanden. Aber die Zeit von 1985 bis 1995 sei schlimm gewesen.<br>Er f\u00e4hrt fort, als erstes m\u00fcsse man sich ein klares Ziel setzen, um auf etwas Konkretes hinarbeiten zu k\u00f6nnen. In seinem Fall war das: Man muss sich einen Namen machen \u2013 \u201eErlangen von Respekt durch Kapitalakkumulation\u201c, um genau zu sein. Auf Deutsch: <em>\u201eHaste was, dann biste was.\u201c<\/em> Das ist sein Credo. Daf\u00fcr m\u00fcsse man auch Zwischenziele in einer vern\u00fcnftigen Reihenfolge abstecken und eine Stufe nach der anderen erarbeiten.<br>Er teile angehende Unternehmer in vier Gruppen ein, und ich bin nicht sicher, ob ich den Aussagewert dieser Aufteilung wirklich wiedergeben kann, bzw. ob ich verstanden habe, was sich hinter den einzelnen Archetypen verbirgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Typ A: Der Idealfall, diese Menschen sind sich ihrer F\u00e4higkeiten bewusst und wissen sie auch zu vermarkten.<br>Typ B: Der Unternehmer wei\u00df, was er kann, aber noch wei\u00df niemand sonst davon. Die Sache braucht also nur mehr Werbung, mehr Zeit und mehr Produktqualit\u00e4t.<br>Typ C: Dieser Mensch wird von Leuten in seiner Umgebung anerkannt und gegebenenfalls auch ermutigt, aber es mangelt ihm an Selbstbewusstsein, worunter nat\u00fcrlich das Ansehen (und die Werbewirkung) bei potentiellen Kunden leidet.<br>Typ D: Eine verlorene Seele, die nicht wirklich wei\u00df, wie sie im Gesch\u00e4ft \u00fcberleben kann und dessen Ideen auch keiner kennt \u2013 wie kommt so jemand auf den Gedanken, ein Unternehmen zu gr\u00fcnden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier spricht ein wahrer Vorsitzender einer Handelskammer, \u00fcber Theorien hinter dem Unternehmertum, anstatt sich auf eine Beschreibung seines Horizonts zu beschr\u00e4nken. Beeindruckend. W\u00e4hrenddessen kommt ein weiterer Herr im Anzug herein. Definitiv keiner der Studenten, viel zu alt, au\u00dferdem hat er sich bereits seit zwei Minuten vor der T\u00fcr herumgedr\u00fcckt. Offenbar hat er \u00fcberlegt, ob er den \u201eEinbruch\u201c nach Unterrichtsbeginn noch wagen soll. Es handelt sich um den n\u00e4chsten Vortragenden, in zwei Wochen. Er sagt, er wolle nur still dasitzen und sehen, wie die Sache so ablaufe. Am Ende zeigt er sich zufrieden.<br>Wir erhalten zum Schluss ein kleines Blatt Papier und sollen darauf eine kurze Beurteilung verfassen. Jetzt hat nat\u00fcrlich keiner gesagt, was genau wir bewerten sollen: Diese Art von Unterrichtsgestaltung oder den Vortrag von Tsushima-san. Ich entscheide mich f\u00fcr beides, lobe sein leicht verst\u00e4ndliches Japanisch (das von Kond\u00f4 \u00fcbersetzt worden ist) und spreche mich f\u00fcr mehr Inhalte dieser Art aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich verziehe mich dann ins Center und mache Hausaufgaben. F\u00fcr Ogasawara-sensei sollen wir einen kurzen Dialog schreiben: Ein Gespr\u00e4ch zweier Leute, die ausmachen, wer das Essen bezahlen soll, und es wird etwas, was nur von mir sein kann.<br>W\u00e4hrenddessen f\u00fchre ich auch ein Gespr\u00e4ch mit FanFan, und ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass sie mich mit meinem Vornamen anspricht und nicht mit meiner Yahoo E-Mail-Adresse: <em>\u201eotokorashii\u201c<\/em>. Sie ist eigentlich eine Spur zu sch\u00fcchtern, um Witze dieser Art zu machen. Aber niedlich ist sie trotzdem. Und auch sie redet wie BiRei neulich. Dies sei schwer und das sei schwer, und eigentlich k\u00f6nne sie gar nichts richtig. Also mache ich (wieder einmal) das, was man im Englischen \u201epep talk\u201c nennt: Erbauende Aufmunterung, um es geschwollen auszudr\u00fccken. Sie scheint nachher wesentlich entspannter und besser gelaunt als eingangs. Sie sagt zuletzt, dass morgen ab 09:00 eine Teezeremonie stattfinde, zu der jeder, der teilnehmen m\u00f6chte, eingeladen sei und ob ich nicht ebenfalls kommen wolle. Leider muss ich das Angebot ablehnen, denn erstens habe ich Unterricht und zweitens kann ich keine f\u00fcnf Minuten auf meinen Knien verbringen, ohne dass mir der Schmerz die Tr\u00e4nen in die Augen treibt, ganz zu schweigen davon, dass ich nicht mehr aufstehen kann, wenn ich dennoch die Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfe und die Zeit auf vielleicht 10 bis 15 Minuten ausdehne. Ich glaube, ich w\u00fcrde lieber an einem 20 km Gefechtsmarsch in voller Montur mit 25 kg Rucksack teilnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles dauert immerhin zwei Stunden, und ich kann im Anschluss MinJi daf\u00fcr gewinnen, meinen Text zu korrigieren. Ich habe nicht den Eindruck, dass sie das nur widerstrebend tut, so enthusiastisch, wie sie mir \u00fcber die Couch entgegenklettert, auf dem R\u00fcckweg von ihrem Rucksack, obwohl ich ihr einen Bleistift h\u00e4tte geben k\u00f6nnen. Ich genie\u00dfe die optische Darbietung des Bewegungsablaufs. Und sie bietet mir auch ein St\u00fcck von dem Wickelkranz an, den sie wohl im Supermarkt gekauft hat\u2026 ich habe noch nie einen so ungenie\u00dfbaren Wickelkranz gegessen&#8230; also runter mit dem Brocken und am besten gleich wieder vergessen.<br>Ja, und dann geht sie \u00fcber den Text und krempelt die erste H\u00e4lfte geh\u00f6rig um, was die Wortwahl betrifft. Aber es scheint, dass immer noch gesagt wird, worauf es ankommt. Dann soll mir das Recht sein. Lebhaft wie immer&#8230; aber dennoch\u2026 sp\u00fcre ich da einen Hauch von Nervosit\u00e4t? Die scheint sie doch bei sonst keinem zu versp\u00fcren. Ich werde ihr Verhalten noch ein wenig ausloten, wenn sich die Gelegenheit bietet.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Als Habenichts m\u00f6chte ich mal argumentieren, dass jemand, dessen Familie bereits ein Unternehmen besitzt, dem oder der die Grundlagen des Gesch\u00e4ftslebens also quasi bereits mit der Muttermilch verabreicht werden, nicht bei \u201enull\u201c anf\u00e4ngt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ich den Morgen frei habe, wasche ich W\u00e4sche. Bei genauerer \u00dcberlegung h\u00e4tte ich vielleicht besser das Bad saubergemacht. Kond\u00f4-sensei hat heute den ersten von einer Reihe von Gesch\u00e4ftsleuten eingeladen, um \u00fcber ihre jeweiligen Konzepte zu sprechen. Tsushima-san ist Chef einer unabh\u00e4ngigen Innausstattungsfirma und schwer im Geld, wie es hei\u00dft. 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