{"id":3618,"date":"2024-02-11T07:00:00","date_gmt":"2024-02-11T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3618"},"modified":"2024-02-04T14:21:38","modified_gmt":"2024-02-04T13:21:38","slug":"mittwoch-11-02-2004-willkommen-im-schnee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3618","title":{"rendered":"Mittwoch, 11.02.2004 \u2013 Willkommen im Schnee"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir stehen um 05:30 auf und steigen um 06:47 in den Bus in Richtung Busbahnhof, wo wir um 07:05 ankommen. Ricci und Ronald sind bereits da und wir m\u00fcssen zuerst 40 Minuten Zeit totschlagen, bis ein Bus zur\u00fcck nach Nakano f\u00e4hrt. Wir gehen also in einen der Konbini und fr\u00fchst\u00fccken. Das hei\u00dft, die anderen drei essen. Ich habe etwas gegessen, bevor wir aufgebrochen sind. Schlie\u00dflich hieven wir das Gep\u00e4ck in den passenden Bus und fahren nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden sind erstaunlich wach, dann war die Fahrt offenbar relativ entspannend. Die Koffer werden, soweit notwendig, ausgepackt und wir ergehen uns in mehr oder weniger normalen \u201eEr\u00f6ffnungsgespr\u00e4chen\u201c, die uns, ich wei\u00df nicht mehr warum, in Richtung Horrorfilme f\u00fchren. Bestimmt ist Ronald daran schuld. Wenige Sekunden sp\u00e4ter sind wir uns einig und ich gehe mit ihm in die Bibliothek, um <em>\u201eBattle Royal\u201c<\/em> auszuleihen.<br>Wir nehmen die DVD-Version mit, da Riccis Laptop mit einem entsprechenden Laufwerk ausgestattet ist. Der Film l\u00e4uft auch, aber&#8230; wir kriegen keinen Ton aus dem Ger\u00e4t raus. Ricci probiert eine DVD aus, die sie mitgebracht hat \u2013 und die macht keine Probleme. Was tun? Ricci probiert das Extremste zuerst und ruft Thomas (in Trier!) an. Und der ist gar nicht begeistert, um 06:45 aus dem Bett geklingelt zu werden. Aber er kann uns nicht weiterhelfen. Also will ich in die Videothek gehen, um die Scheibe umzutauschen. Und da meint Melanie doch ganz spontan (ohne sich was B\u00f6ses dabei zu denken nat\u00fcrlich), dass Ronald vielleicht besser mitgehen solle, weil sein Japanisch besser ist. Zack! Das hat gesessen. Aber weniger, weil sie meine F\u00e4higkeiten in Frage stellt, als eher deshalb, weil hier zur Schau gestellt wird, wie gerne man sich auf andere verl\u00e4sst \u2013 was ich \u00fcberhaupt nicht gerne mache. Ach, was soll\u2019s&#8230; ich werde ja wohl noch ein Video umgetauscht bekommen! Erstaunlicherweise rege ich mich kein bisschen dar\u00fcber auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe also alleine zur\u00fcck in die Videothek und schildere dem Angestellten mein Problem. Das sei gar kein Problem, sagt er und dr\u00fcckt mir einen Zettel in die Hand, der aussagt, dass ich ein Video bezahlt, aber keines mitgenommen habe. Ich gehe also mit dem Zettel zu der Videowand, wo \u201e<em>Battle Royal<\/em>\u201c zu finden ist, nehme die Videokassette, gehe zur\u00fcck zur Theke, gebe den Zettel wieder ab und verlasse die Videothek mit dem Film. So einfach geht das.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wir sehen uns <em>\u201eBattle Royal\u201c<\/em> schlie\u00dflich an. Ich will die Handlung (\u201e<em>Nur einer darf \u00fcberleben!<\/em>\u201c) nicht im Detail beschreiben. Sagen wir einfach, der Film stellt dar, wie leicht der Instinkt, zu \u00fcberleben, die Oberhand \u00fcber die Vernunft gewinnt und Menschen zu Tieren macht, und dass Egoismus und Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft st\u00e4ndig zunehmen.<br>Ich habe meine Zweifel, ob ich den zweiten Teil wirklich sehen will. Der Film ist gut, zumindest auf gewisse Art und Weise, wenn man meine Kurzbeschreibung im Hinterkopf beh\u00e4lt. Das T\u00f6ten wird in diesem Film recht trocken angeboten, reduziert auf die Erf\u00fcllung des reinen \u00dcberlebenswillens. Es geht zum Teil recht mechanisch vor sich, blutig zwar, aber schnell und einfach. Ich sage nicht, dass die Angelegenheit unspektakul\u00e4r w\u00e4re. Ganz und gar nicht. Aber ich f\u00fchle mich irgendwie an \u201e<em>Gesichter des Todes<\/em>\u201c erinnert, eine Serie, die sehr sch\u00f6n dargestellt hat, dass der Tod, realistisch betrachtet, eine langweilige Angelegenheit ist. Darstellungen von Unf\u00e4llen und Morden w\u00fcrden niemanden ins Kino locken, w\u00e4ren die Darstellungen in Filmen nicht entweder \u00fcbertrieben oder auf andere Art und Weise publikumsgerecht zurechtgemacht.<br>In kurzen Worten: Ich empfinde <em>\u201eBattle Royal\u201c<\/em> als langweilig. Es macht keinen Spa\u00df, den Film anzusehen, und es kommt auch, meiner Meinung nach, keine Spannung und kein echtes Mitgef\u00fchl mit den dargestellten Personen auf. Es ber\u00fchrt mich nicht. Bis auf die Szene, wo ein M\u00e4dchen erschossen wird und man ihr ein Megaphon vor den Mund h\u00e4lt, um ihr Wimmern zu verst\u00e4rken. Aber sonst f\u00e4rbt das einfache Volk eben mit seinem Blut die Felder rot und es ist mir v\u00f6llig egal. Nat\u00fcrlich mag das in der Absicht der Hersteller liegen. Aber ich lege mir keine Filme zu, die mich weder ber\u00fchren noch andere Vorteile bieten. Michael scheint seinen Spa\u00df gehabt zu haben. Er lobt den Film ja in den h\u00f6chsten T\u00f6nen und hat mir seit geraumer Zeit bereits immer wieder den Vorschlag gemacht, den Film anzusehen. Viel Spa\u00df weiterhin! Aber nicht f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Filmende gebe ich das Band zur\u00fcck und wir steigen in den Bus, der uns nach Dotemachi bringt. Dort steigen wir aus und gehen zu Fu\u00df in den Park. Im Park von Hirosaki findet derzeit das diesj\u00e4hrige Schneefest statt, bzw. das \u201eSchneelaternenfest\u201c. Als wir ankommen, f\u00e4ngt es ziemlich heftig an zu schneien.<br>Im Park steht eine Vielzahl von Schneekonstrukten, die zum gr\u00f6\u00dften Teil die Form japanischer Steinlaternen haben, das hei\u00dft, der Kopf der Laterne ist hohl. Im Innern steht eine Kerze, und die \u00d6ffnungen sind mit verziertem Glas verschlossen, das Gesichter von Menschen oder D\u00e4monen zeigt. Unterhalb des Burgh\u00fcgels stehen Dutzende von kleinen Schneeb\u00f6gen wie kleine Alt\u00e4re mit Kerzen drin, die einen sehr sch\u00f6nen Anblick auf die gegebene Entfernung von knapp 200 m liefern. Kurz vor der Burg selbst steht ein Iglu, in den man hineinkriechen kann und dessen Mitte hoch genug ist, um mir das Stehen zu erm\u00f6glichen. In dem Iglu steht ein kleiner Altar, wo man, wie das bei Alt\u00e4ren \u00fcblich ist, auch Geld spenden kann. Der Anteil von 50-Yen-M\u00fcnzen in der Opferschale ist \u00fcberraschend hoch, ansonsten findet man die \u00fcblichen M\u00fcnzen im Wert von f\u00fcnf oder 10 Yen. Vielleicht sind die Leute bei Schnee oder auf Festen spendabler?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schnee, der auf uns niedergeht, ist recht feucht und ich sp\u00fcre bereits jetzt, dass meine Jacke an den Schultern durchn\u00e4sst ist. Immerhin habe ich, im Gegensatz zu meiner Begleitung, am Ende des Tages noch trockene F\u00fc\u00dfe. Melanie hat, wider besseres Wissen, nur Turnschuhe angezogen, und Ricci und Ronald haben keine geeigneten Schuhe dabei. Bei dem Wetter f\u00fcr Warmduscher in Tokyo braucht man auch keine Stiefel, da reichen Turnschuhe halt.<br>Der H\u00f6hepunkt des Festes ist eine Ausstellung \u201emoderner\u201c Schneeskulpturen am anderen Ende des Parks. Da stehen unter anderem Figuren von Doraemon und Anpan-man, aber die sind klein und \u201enur\u201c besser geformte Schneem\u00e4nner. Die wirklichen Stars sind Skulpturen von etwas drei bis vier Metern H\u00f6he, und sie stellen die verschiedensten Dinge dar: Donkey Kong, Tom &amp; Jerry, zwei der Sieben Zwerge, einen dieser K\u00f6pfe von den Osterinseln<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, Totoro und Snoopy. Ein sehr sch\u00f6nes St\u00fcck ist das Schneemodell der methodistischen Kirche von Hirosaki, dessen Turm zwischen sechs und acht Metern hoch ist. Am unterhaltsamsten ist zweifelsohne der aufgesch\u00fcttete H\u00fcgel, den die Kinder auf Traktorreifen hinunterrutschen. Aber mein pers\u00f6nlicher Favorit befindet sich gegen\u00fcber davon: Eine Wand von sechs Metern Breite und vier Metern H\u00f6he, die die Figuren aus der Animeserie <em>\u201eAtashin\u2019chi\u201c<\/em> zeigt. Und ausgerechnet an dieser Stelle ist der Speicher meiner Kamera voll. Ich kriege ausgerechnet davon kein Bild mehr in die Kamera! Und leider habe ich den Speicher bereits f\u00fcr andere lohnende Motive ausgemistet, die ich nicht hergeben will. Sehr bedauerlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In direkter Umgebung der Skulpturen findet man nat\u00fcrlich die obligatorischen Verkaufsst\u00e4nde, wo man warmen Sake, Fleischb\u00e4llchen, Takoyaki und Fleischspie\u00dfe kaufen kann, nebst anderem Zeug wie Souvenirs und Spielzeug. Und das alles wird nat\u00fcrlich zu besten Festtagspreisen angeboten. Dennoch haben wir hungrige Leute in der Gruppe. Marc hat mir vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass es im Bereich des Neputa-Dorfes neben dem Park einen ganz tollen Ramen-Stand (es handelt sich um eine offene Rollkarre) geben soll. Allerdings sei der nur sporadisch dort. Wir versp\u00fcren keine Motivation, uns auf unser Gl\u00fcck zu verlassen, au\u00dferdem w\u00e4re ein geschlossenes Geb\u00e4ude nicht schlecht. Aber um diese Uhrzeit haben zumindest die kleinen Familienbetriebe bereits geschlossen, die machen um acht Uhr Abends dicht. Es gibt einen Laden auf dem Parkgel\u00e4nde, der dort offenbar fest installiert ist. Wir essen also dort. Ich bestelle Soba-Nudeln, und die Portion ist&#8230; niedlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir gehen zum Bus und kommen gerade p\u00fcnktlich an, um festzustellen, dass der Planaushang etwas anderes anzeigt als Melanies Faltblatt. Laut Aushang f\u00e4hrt der n\u00e4chste f\u00fcr uns geeignete Bus in einer halben Stunde. Ich bin nicht begeistert (weil: nass) und durchaus bereit, auch zu Fu\u00df nach Hause zu gehen. Vielleicht dauert das genauso lange, aber immerhin wird mir dabei warm. Das ziehe ich dem kalten Warten in jedem Fall vor. Aber dazu kommt es nicht. Nur einen Augenblick sp\u00e4ter kommt der Bus, genau der, der in Melanies Faltblatt vermerkt ist. Der Fehler war eine Missinterpretation des Planaushangs an der Haltestelle, denn der richtige Bus hat eine andere Bezeichnung, als wir angenommen hatten. Also kommen wir doch noch schneller nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie und ich wiederholen zuhause noch einmal die wichtigsten grammatischen Inhalte f\u00fcr die Klausur morgen (so gut das eben geht, wenn man zweik\u00f6pfigen Besuch hat) und hoffen, dass es wirkt. Aber schwer zu verstehen ist das Lehrbuch ja nicht. Das Problem sind immer die Pr\u00fcfungsaufgaben. Das hei\u00dft, die Bildung der Formen ist einfach, aber die Bedeutungen im einzelnen k\u00f6nnten Probleme machen, die sich so ausdr\u00fccken, dass ich missverstehe, was mit dem l\u00fcckenhaften Satz ausgedr\u00fcckt werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 22:00 haben wir noch kurz Ikeda im Haus, weil mal wieder kein Wasser l\u00e4uft. Melanie ist zu SangSu gegangen, um die Eimer zu f\u00fcllen, denn zwei Stockwerke tiefer gibt es solche Probleme offenbar nicht, und Ikeda ist eben zuf\u00e4llig da, ich wei\u00df nicht genau, warum. Jedenfalls steht er auf einmal in der T\u00fcr und weil er auch nicht viel machen kann, erkl\u00e4rt er mir die Haupth\u00e4hne im Erdgeschoss. Wenn es nachts besonders kalt w\u00fcrde, solle ich den Haupthahn f\u00fcr mein Apartment einfach zudrehen. Dann k\u00f6nne der Wasserleitung nichts passieren. Aber was bedeutet das schon? Ich m\u00fcsste regelm\u00e4\u00dfig den Wetterbericht ansehen und dann nach Gutd\u00fcnken den Hahn zudrehen, weil ich ja nicht hellsehen kann, wann es kalt genug ist, um die Leitung zuzufrieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir gehen schlie\u00dflich ins Bett. Und kaum ist das Licht aus, ruft Kollege Sven aus Trier (!) bei Ronald an und meldet den neuesten Klatsch aus der japanologischen Fakult\u00e4t \u2013 45 Minuten lang. Obwohl er sich eigentlich nur nach einer B\u00fcchersendung erkundigen wollte. War aber sch\u00f6n, noch einmal \u201elive\u201c von ihm zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a>&nbsp;&nbsp; Die werden \u201eMoai\u201c, oder \u201eMoai Maea\u201c genannt: \u201eSteinerne Figuren\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir stehen um 05:30 auf und steigen um 06:47 in den Bus in Richtung Busbahnhof, wo wir um 07:05 ankommen. Ricci und Ronald sind bereits da und wir m\u00fcssen zuerst 40 Minuten Zeit totschlagen, bis ein Bus zur\u00fcck nach Nakano f\u00e4hrt. Wir gehen also in einen der Konbini und fr\u00fchst\u00fccken. 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