{"id":3584,"date":"2024-01-28T07:00:00","date_gmt":"2024-01-28T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3584"},"modified":"2024-01-21T18:46:51","modified_gmt":"2024-01-21T17:46:51","slug":"mittwoch-28-01-2004-frau-baerenfeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3584","title":{"rendered":"Mittwoch, 28.01.2004 \u2013 Frau B\u00e4renfeld"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es schneit wieder. Nicht in rauen Mengen wie gestern, aber auff\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Unterricht von Ogasawara-sensei behandeln wir zum wiederholten Male Vokabular, wie man es beim Arzt brauchen kann. Die anwesenden Chinesen begr\u00fcnden die \u201eruppige\u201c Art und Weise chinesischer \u00c4rzte und Schwestern \u00fcbrigens mit den niedrigen Geh\u00e4ltern, die man diesen Leuten in China zahle. Nat\u00fcrlich dr\u00fccke das aufs Gem\u00fct der betreffenden Personen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach folgt die wohl letzte Stunde zum Thema <em>\u201eModerne japanische Novellen in englischer \u00dcbersetzung\u201c<\/em>. Thema ist Murakami Haruki, \u201e<em>The Second Bakery Attack<\/em>\u201c. Ich kenne den deutschen Titel nicht, aber die Geschichte soll sich in der Sammlung \u201e<em>Der Elefant verschwindet<\/em>\u201c befinden. Wenn man sich leichte literarische Kost zu Gem\u00fct f\u00fchren m\u00f6chte (bei Murakami eher ungew\u00f6hnlich), dann, glaube ich, ist das hier genau richtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis 14:20 habe ich dann noch etwas Zeit, aber ich folge einer Laune und gehe bereits in der Mittagspause in die Halle, um zu sehen, ob Mei, BiRei oder XiangHua vielleicht dort anzutreffen sind. Ich gehe ausnahmsweise eine andere Route dorthin, durch den zweiten Stock, anstatt durch den ersten. Ich komme an einem H\u00f6rsaal vorbei, aus dem ich eine mir bekannte \u201eTV-Stimme\u201c h\u00f6ren kann. Deutsche Sprache, bekannter Stil&#8230; ich muss nicht viel vom Inhalt h\u00f6ren, um nach f\u00fcnf Sekunden zu wissen, dass hier das \u201e<em>Fest der V\u00f6lker<\/em>\u201c von Leni Riefenstahl gezeigt wird. Ich bin neugierig und stehle mich in den Saal. Deutsche Originalfassung mit japanischen Untertiteln. Hier sitzen ein halbes Dutzend japanischer Studenten und eine Dozentin mit Namen Kumano. Es handelt sich um einen Kurs der Medienwissenschaft, sagt sie. Sie erlaubt mir zu bleiben und ich nehme Platz. Noch zwanzig Minuten sind \u00fcbrig. Ich hatte schon ganz vergessen, wie militant die Sprache dieses Films ist! Der Reporter redet hier nicht von \u201eSportlern\u201c oder \u201eTeams\u201c, sondern oft genug von \u201eStreitkr\u00e4ften\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider gibt es keine Abschlussdiskussion, wie ich es mir erhofft hatte. Der Unterricht ist wegen des Umfangs des Films bereits um 20 Minuten \u00fcberzogen worden. Dabei h\u00e4tte mich die Meinung der Zuschauer wirklich interessiert. Das sei aber kein Problem, sagt Kumano-sensei. Ich solle mich per E-Mail melden, und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werde der Kurs sich zu einem abschlie\u00dfenden Umtrunk treffen (als ob es die normalste Sache der Welt w\u00e4re, dass man am Ende des Semesters zusammen einen heben geht \u2013 ach, ich bin ja in Japan&#8230;). Da k\u00f6nne man das nachholen, sagt sie. Aber so gro\u00df ist mein Interesse dann auch nicht, dass ich den Kurs ausgerechnet bei der Abschlussfeier st\u00f6ren m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir gehen noch in ihr B\u00fcro und unterhalten uns ein bisschen \u00fcber verschiedene Dinge. Sie hat eigentlich frz. Literatur studiert, und man sieht das auch an der Ausstattung ihres B\u00fcros. Viele frz. B\u00fccher stehen in den Regalen rum. Sie sei dann \u00fcber Literaturverfilmungen und Kino zur Medienwissenschaft gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr wichtigster Punkt im Laufe des knapp einst\u00fcndigen Gespr\u00e4chs ist allerdings das Nachlassen der allgemeinen H\u00f6flichkeit in Japan. Oha! Ich sperre die Ohren auf. Nach ihrer Meinung greift der Egoismus immer mehr um sich und f\u00e4rbt auf die Umgangsformen ab. Mehr und mehr (jungen) Leuten ginge die F\u00e4higkeit, die Bed\u00fcrfnisse und Meinungen anderer in das eigene Denken mit einzubeziehen, verloren. Ich wage schlie\u00dflich den Vergleich mit Deutschland \u2013 der durchschnittliche Deutsche ist international nicht f\u00fcr seine h\u00f6flichen Umgangsformen und bedachten Ausdrucksweisen bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich interpretiere, dass Japan eine sehr hohe Stufe an (zur Schau getragener) H\u00f6flichkeit besitzt, was sich vor allem in der Sprache niederschl\u00e4gt, dass sich hinter dieser Fassade jedoch ein relativ hohler K\u00f6rper befindet. In Deutschland dagegen scheint mir eine allgemein zwar niedrige, aber daf\u00fcr stabile H\u00f6flichkeit vorzuherrschen. Deutsche Umgangsformen scheinen rau und abweisend zu sein, aber bis zum Kern der Person ist es, anders als in Japan, nicht weit und man findet sehr herzliche Menschen vor. Man kann in Japan schnell oberfl\u00e4chliche Bekanntschaften schlie\u00dfen, aber die Distanziertheit der Japaner ist gr\u00f6\u00dfer als die von Deutschen. Man muss recht weit gehen, um hinter die Fassade blicken zu k\u00f6nnen. Deutsche haben kaum Fassade. Sie reden frei heraus und treten dabei schon mal jemandem auf die F\u00fc\u00dfe. Aber ich bin kein Sozialwissenschaftler und habe nichts zu dem Thema gelesen, also kann ich nur von meiner pers\u00f6nlichen Wahrnehmung sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich ist es an der Zeit, in die Halle zu gehen, um Mei zu treffen, und auch Kumano-sensei m\u00f6chte was essen. Ich verabschiede mich also. Ich bin ein paar Minuten zu fr\u00fch in der Halle, also mache ich ein paar Hausaufgaben. Um 14:30 bin ich bereits ziemlich sicher, dass sie nicht mehr auftauchen wird, aber ich mache mit den Hausaufgaben weiter und verlasse die Halle erst um 15:30 wieder. Ich habe das Gef\u00fchl, dass meine Keigo Klausur (\u00fcber japanische H\u00f6flichkeitssprache) voll in die Hosen gehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gehe Richtung Bibliothek und nehme dabei bewusst den Umweg durch ein paar Lehrs\u00e4le. Und der Expedition ist Erfolg beschieden: P\u00fcnktlich zum Versiegen meines alten finde ich einen neuen Kugelschreiber, mit 75 % F\u00fcllung in der Mine. Und nicht nur das. Das Radiergummi kann ich auch brauchen, nachdem mein altes verschwunden ist, das Mathe- und das Biologiebuch lege ich auf das Pult, damit man sie sofort findet, das private Notizbuch und die Handschuhe nehme ich mit, um sie im Fundb\u00fcro abzugeben. Aber mein Ged\u00e4chtnis ist kurz und ich habe den Krempel immer noch in meinem Rucksack, als ich schlie\u00dflich nach Hause gehe&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Bibliothek schreibe ich dann noch ein St\u00fcck Text zum 31.Dezember und verfasse au\u00dferdem sechs Seiten meiner Hausarbeit. Das ist bereits doppelt so viel wie maximal verlangt, aber leider bin ich mit meinen Darlegungen noch nicht ganz fertig. Vor allem fehlt der Schluss ja noch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hausaufgaben und Tagebuch halten mich bis 01:00 wach. Und in f\u00fcnf Stunden und drei\u00dfig Minuten darf ich schon wieder aufstehen. Ich glaube, Tageb\u00fccher sind nur f\u00fcr Workaholics. Und eigentlich bin ich gar keiner.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es schneit wieder. Nicht in rauen Mengen wie gestern, aber auff\u00e4llig. Im Unterricht von Ogasawara-sensei behandeln wir zum wiederholten Male Vokabular, wie man es beim Arzt brauchen kann. 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