{"id":3513,"date":"2023-12-31T16:14:31","date_gmt":"2023-12-31T15:14:31","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3513"},"modified":"2023-12-31T16:14:31","modified_gmt":"2023-12-31T15:14:31","slug":"mittwoch-31-12-2003-wofuer-ein-schrein-nicht-alles-gut-sein-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3513","title":{"rendered":"Mittwoch, 31.12.2003 \u2013 Wof\u00fcr ein Schrein nicht alles gut sein kann\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entsprechend der Zeit, zu der ich schlafen gegangen bin, wache ich sp\u00e4t auf. Aber viel haben wir ja nicht vor. Wir gehen noch einkaufen und wollen auch noch Post loswerden, aber die Post hat bereits ab heute geschlossen \u2013 bis zum 04. Januar. Die Superm\u00e4rkte, wie auch der 100-Yen Laden, haben allerdings ge\u00f6ffnet, wenn auch nicht so lange wie gew\u00f6hnlich. Und wenn ich schon da bin, kann ich auch gleich die Schriftzeichen an der T\u00fcr unseres BenyMarts entschl\u00fcsseln. Darauf ist zu lesen, dass morgen, am 01. Januar, der Laden in der Tat dicht bleiben wird. Aber am 02. Januar hat er bereits wieder ge\u00f6ffnet, mit der Einschr\u00e4nkung, dass erst ab zehn Uhr am Morgen offen sein wird \u2013 entgegen Volkers Warnung, dass an den ersten drei Tagen im Jahr tote Hose sein w\u00fcrde. Mein Gott, hat sich das seit dem letzten Jahr denn so radikal ge\u00e4ndert, oder g\u00f6nnt man sich in Tokyo mehr Urlaubstage als hier drau\u00dfen auf dem Land?<a href=\"#_ftn1\" id=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Ich vervollst\u00e4ndige dennoch meinen Getr\u00e4nkevorrat, und Sushi m\u00f6chte ich auch nicht vermissen wollen. Aber die Platten, die da heute wegen des Feiertages verkauft werden, kosten kurzerhand 4000 Yen (ca. 30 E) und die nehme ich nicht einmal zum halben Preis. Das Preis-Leistungsverh\u00e4ltnis ist mir dann doch zu mies.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuhause wartet trotz unserer Waschbem\u00fchungen noch immer eine gro\u00dfe Menge W\u00e4sche auf uns. Wird das denn nie weniger? Um 18:00 kommt ein <em>Doraemon<\/em> Special, und es handelt sich um die lange Episode, in der Doraemon ins 22. Jahrhundert zur\u00fcckkehren muss und wo Nobita sich als nahezu unf\u00e4hig herausstellt, ohne seinen \u201eKaterbot\u201c auszukommen. Leider kann ich mir das Special nicht ganz ansehen, da um 19:30 die allj\u00e4hrliche \u201e<em>Kohaku<\/em>\u201c Sendung beginnt. Diese Show hat den Zweck, die erfolgreichsten Musiker des Jahres zu pr\u00e4sentieren, und zwar aus <strong>allen<\/strong> in Japan g\u00e4ngigen Sparten musikalischer Unterhaltung. Untermalt wird das Ganze von kleinen Showeinlagen. Diese Sendung reizt mich allerdings mehr zum G\u00e4hnen als zum Zusehen, also muss ich mir das wirklich nicht ansehen, wenn es sich irgendwie vermeiden l\u00e4sst. Ich kam in Trier bereits in den zweifelhaften Genuss, eine der Sendungen als Bandaufzeichnung zu sehen.<br>Meine G\u00fcte, ist das langweilig! Man stelle sich die ZDF Hitparade mit Dieter Thomas Heck gemeinsam mit der Goldenen Hitparade der deutschen Volksmusik mit Marianne und Michael als Koproduktion vor. Ja, gleichzeitig. Die H\u00e4lfte der Interpreten sind gew\u00f6hnlich Enka-S\u00e4nger, und bei Enka handelt es sich um\u2026 nennen wir es das japanische \u00c4quivalent zur deutschen Volksmusik. Die Lieder sind sehr emotional, zum Teil schmalzig bis jammervoll, handeln von verlorener Liebe oder ferner Heimat (oder von beidem gleichzeitig) und angesichts des eigenen Textes brechen die S\u00e4ngerInnen auch schon mal gerne in Tr\u00e4nen aus. Das hei\u00dft, Volksmusik ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wenn ich einem Deutschen gegen\u00fcber von \u201eVolksmusik\u201c spreche, assoziiert er oder sie das mit Musikanten, die in l\u00e4ndliche Trachten gekleidet sind, und mit eher bierseliger Atmosph\u00e4re, Schunkeln und so. Vielleicht sollte man Enka besser beschreiben als eine Art von Musik, bei der die Texte zwar sentimental-volkst\u00fcmlich sind, deren Aufmachung aber eher dem Sammelbegriff \u201eSchlagermusik\u201c gerecht wird.<a id=\"_ftnref2\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Subjektiv von meiner Position aus betrachtet ist es aber auch eine Art von Musik, von der ich Zahnschmerzen bekomme. Ich bleibe lieber bei meinem \u201eKrach\u201c. Jedem das seine. Denn die Enka-Interpreten sind sehr erfolgreiche und zum Teil steinreiche Musiker, die ein Publikum ansprechen, das Geld hat. Leute ab Mitte 40, m\u00f6chte ich annehmen. F\u00fcr eine Eintrittskarte in ein Live-Konzert bezahlt man ein kleines Verm\u00f6gen \u2013 selbst wenn man sich mit drittklassigen Sitzpl\u00e4tzen zufriedengibt. Ich habe mir den genauen Preis aus einer der Werbesendungen nicht herausgeschrieben, aber es handelt sich um einen Gegenwert von mehreren Hundert Euro. F\u00fcr einen drittklassigen Sitz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rest des Programms besteht aus dem bunten Haufen des japanischen Einheitsbreis, sei es Pop, Rap, HipHop, Rock, oder was man sonst noch so kennt. F\u00fcr zwei Lieder, die mir m\u00f6glicherweise gefallen k\u00f6nnten, sehe ich mir doch keine Sendung von vier Stunden an, die allgemein eher einschl\u00e4fernd wirkt. Ich lege mich um 20:30 aufs Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie weckt mich um 22:30 wieder, um zum Tempel zu gehen. Wir gehen um etwa 22:50 aus dem Haus, und wir wollen uns Zeit lassen, nur nicht hetzen. Wir gehen zu Fu\u00df, weil wir nicht sicher sein k\u00f6nnen, dass die Stra\u00dfe nach Mitternacht noch eisfrei sein wird. Wir erreichen den Tempel gegen 23:30 und treffen dort bereits mehrere Hundert Anwohner der Stadt an, die in einer langen und breiten Schlange vor dem Tempel stehen. Der zwei Meter breite Weg ist voll und daneben ist es ebenfalls ziemlich eng. Am Eingang zum Allerheiligsten h\u00e4ngt eine kleine Glocke, die man l\u00e4utet, und dann kann man kurz beten, wenn man das will. Und damit die Leute in der Schlange sich nicht langweilen, h\u00e4ngt neben dem Eingang ein Flachbildfernseher, der Landschafts- und Wetteraufnahmen zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir laufen dort David und Arpi \u00fcber den Weg. Ansonsten bemerken wir niemanden, den wir kennen. Das einzige uns bekannte japanische Gesicht ist Kazu (aber die kommt erst sp\u00e4ter an die Reihe). Wir sehen uns um und finden ein nicht zu verachtendes Nahrungsangebot in den typischen kleinen Buden vor. Ich esse Takoyaki, das sind Tintenfischst\u00fccke in einem Teigmantel, und das zu einem horrenden Preis. Ansonsten gibt es Fleischspie\u00dfe, \u201eFrankfurter W\u00fcrstchen\u201c am Stiel, Bananen mit Schoko-, Erdbeer- oder Melonenglasur, und noch einige Dinge mehr, die ich wahrscheinlich schon wieder vergessen habe. Ja, nat\u00fcrlich wird auch Sake ausgeschenkt. Aber mir ist nicht danach. Auch das h\u00e4ngt mit den Preisen zusammen. 450 Yen pro Glas sind mir zu viel des Guten, Feiertag hin oder her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das L\u00e4uten der Hauptglocke beginnt um kurz vor Mitternacht. Unter der gro\u00dfen Glocke wird ein kleiner Holzstapel abgebrannt. Vor der Glocke steht der Priester und rezitiert eine Art Gebet. Dann nimmt er einen Stock, an dem wei\u00dfe Papierb\u00e4nder befestigt sind und geht damit einmal um die Glocke herum. Dann schl\u00e4gt er die Glocke dreimal mit dem etwa armdicken Holzschwengel, der an dem Ger\u00fcst um die Glocke befestigt ist.<br>Vor diesem Konstrukt steht eine gro\u00dfe Menschenmenge, die nicht einfach nur Zuschauer sind. Die Leute halten nummerierte Zettel in der Hand, und als der Priester die Szene wieder verl\u00e4sst, rufen seine Gehilfen Nummern auf. Die aufgerufenen Leute gehen zur Glocke und l\u00e4uten sie. Die meisten machen das einmal. Andere schlagen den Schwengel gleich zwei- oder dreimal an die Glocke. Ich bin nicht ganz sicher, wie das System funktioniert. Ich dachte eigentlich, dass die Glocke 108-mal geschlagen w\u00fcrde, stellvertretend f\u00fcr die Anzahl der S\u00fcnden, die der Buddhismus offenbar kennt. Aber ich bin sicher, dass die Glocke heute Nacht \u00f6fter gel\u00e4utet wird. Es hei\u00dft, jeder schlage die Glocke entsprechend der Arten von S\u00fcnden, die er oder sie begangen hat. Also quasi Beichte und Absolution in einem, ohne dass ein Wort gesagt werden muss. Und einige Jugendliche machen sich auch mehr einen Spa\u00df aus der Angelegenheit und fotografieren sich in rei\u00dferischen und wenig feierlichen Posen vor oder an der Glocke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An anderer Stelle stehen Jugendliche um ein Feuer herum, in dem alles M\u00f6gliche verbrannt wird, nicht nur das daf\u00fcr vorgesehene Holz. Alle M\u00fcllerziehung scheint v\u00f6llig an den Beteiligten vor\u00fcbergegangen zu sein, und die \u201eT\u00e4ter\u201c sind nicht nur Jugendliche. Da wird alles ins Feuer geworfen, was gerade st\u00f6rend erscheint, Neujahrsschmuck und Plastikm\u00fcll gleicherma\u00dfen. Und wenn die Flammen am sch\u00f6nsten sind, springen manche der Jungs in das Feuer und tanzen einige Sekunden darin herum. Man merkt direkt, dass sie was getrunken haben und ihre Klamotten vermutlich nicht selbst bezahlt haben. Neben dieser Art von Mutprobe p\u00f6beln sie auch noch die anwesenden Polizisten an, die aus mir v\u00f6llig unersichtlichen Gr\u00fcnden dabeistehen. Sie hindern niemanden daran, Plastikm\u00fcll von den Verkaufsst\u00e4nden zu verbrennen, lassen die Jungen im Feuer rumh\u00fcpfen und reagieren auf antiautorit\u00e4re Handlungen auch noch mit einer stoischen Gelassenheit, die mich doch erstaunt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Schauspiel fesselt mich letztendlich allerdings wenig und ich gehe mit Melanie vom Tempel zum angrenzenden Yasaka-Schrein hin\u00fcber, vorbei an Steinfiguren von buddhistischen Gottheiten, denen offenbar auch \u201e<em>Hello Kitty<\/em>\u201c Luftballons geopfert werden k\u00f6nnen. Vor dem Schrein befindet sich ebenfalls eine lange Schlange von Menschen, wenn auch nicht ganz so gro\u00df wie vor dem Tempel. Das k\u00f6nnte nat\u00fcrlich daran liegen, dass weniger Platz vorhanden ist. Der Weg ist nur zwei Meter breit, aber ausgef\u00fcllt, und die Warteschlange ist etwa 75 Meter lang. Auch hier will man das erste Gebet des Jahres sprechen, kurz nach Mitternacht. Dazu r\u00fcttelt man an dem dicken Seil aus Reisstroh, das vom Tempeldach herunterh\u00e4ngt und mit dem man die daran befestigte Rassel t\u00f6nen l\u00e4sst. Es handelt sich nicht um eine Glocke, sondern um einen hohlen Metallball, in dem Metallkugeln eingeschlossen sind. Man r\u00fcttelt am Seil und es rasselt. Die Aufmerksamkeit der G\u00f6tter muss ja irgendwie erregt werden. Dann klatscht man zweimal in die H\u00e4nde (zumindest haben das die Leute gemacht, die ich beobachten konnte) und spricht sein wie auch immer geartetes Gebet, inklusive guter Vors\u00e4tze und irgendwelcher W\u00fcnsche. Soweit mir bekannt, bedarf es dazu keiner besonderen Formel. Dann wirft man eine M\u00fcnze in den obligatorischen Opferkasten, und wie in Tokyo handelt es sich auch hier zum gr\u00f6\u00dften Teil um 1- bis 10-Yen-Muenzen. Nur selten sehe ich eine silberfarbene M\u00fcnze (50 Yen oder mehr) durch die Gegend fliegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Veranda des Schreins sitzt oder kniet ein \u00e4lterer Herr, der eine Mandarinenkiste nach der anderen an die Besucher verteilt. Das hei\u00dft, er verteilt nat\u00fcrlich keine Kisten, sondern deren Inhalt, und gibt jedem, der an ihm vorbeigeht, eine oder zwei Mandarinen, je nach Gr\u00f6\u00dfe der Mandarinen oder je nach Person. Ich komme nicht dazu, repr\u00e4sentativ festzustellen, ob z.B. Frauen durchschnittlich mehr Mandarinen erhalten, als die M\u00e4nner. Ich stehe zwei Meter vor dem Schrein auf einem Schneehaufen wie Napoleon auf seinem Feldherrenh\u00fcgel bei Austerlitz und betrachte die Szene ruhig. Dann sieht mich der Mandarinenverteiler an und winkt mich zu sich her. Ich gehe zu ihm hin und frage, was denn sein Begehr sei.<br>\u201e<em>Es ist doch bestimmt kalt da drau\u00dfen, oder?<\/em>\u201c fragt er.<br>\u201e<em>Hm, ja, es ist in der Tat ein wenig kalt.<\/em>\u201c<br>\u201e<em>Ja dann kommt doch rein und feiert ein bisschen mit uns!<\/em>\u201c<br>\u201e<em>Einfach so \u2013 in den Schrein?<\/em>\u201c<br>\u201e<em>Ja, nat\u00fcrlich. Jeder darf rein. Wir trinken und essen im Schrein.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hm, ja, vor allem \u201etrinken\u201c, habe ich den Eindruck. Ich winke also Melanie her und mache ihr das Angebot klar. Kurz darauf sitzen wir im Inneren des Schreins, bekommen Tassen und werden mit Sake versorgt, ebenso mit allerlei k\u00f6stlichen Happen, kalt zwar, aber unheimlich gut. Ich sitze also im Yasaka Schrein zu Hirosaki, esse H\u00fchnchen, Gem\u00fcse-Tempura und Ebi-Tempura (frittiertes Gem\u00fcse und Garnelenschw\u00e4nze), sowie Maguro Sashimi (eine Art von rotem Fisch, in Streifen geschnitten, nat\u00fcrlich roh mit Sojaso\u00dfe) und trinke einen Becher Sake nach dem anderen, weil er \u201eauf wundersame Weise\u201c nicht leer werden will. Ich bekomme auch eine Kostprobe s\u00fc\u00dfen Sake. Er hat einen sehr angenehmen Geschmack, der mich ein wenig an lieblichen Wei\u00dfwein erinnert. Es ist f\u00fcr mich immer noch arg seltsam, den Sake kalt zu trinken, aber mit dem, was man mir hier kredenzt, kann man das tats\u00e4chlich machen \u2013 nicht wie das Zeug von <em>Choya<\/em>, das man in Deutschland als Sake-Liebhaber trinken muss.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Raum hat eine Gr\u00f6\u00dfe von etwa vier mal f\u00fcnf Metern, und darin befinden sich etwa ein Dutzend Leute: Vier oder f\u00fcnf \u00e4ltere Herren, alle reichlich angetrunken, dann noch drei oder vier M\u00e4nner von maximal 40 Jahren, ein Ehepaar und drei Kinder. Es werde gefeiert bis zum Morgen, sagt unser linker Sitznachbar, ein ergrauter Herr, pensionierter Elektroingenieur, wie er sp\u00e4ter noch hinzuf\u00fcgt. Sake sei genug da, hebt er noch hervor. In der Tat stehen in der Ecke noch mehrere Pappkisten, in denen sich jeweils sechs Flaschen mit jeweils 1,8 Litern Inhalt befinden. Ich sch\u00e4tze, dass da dr\u00fcben noch mindestens 44 Liter astreiner japanischer Sake herumstehen. Und eine Handvoll Flaschen kursiert ge\u00f6ffnet im Raum. Der Sake hat einen Geschmack, dass man sich an ihm tot trinken m\u00f6chte. Na ja, nicht ernsthaft. Aber gut ist er auf jeden Fall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man zeigt sich erfreut, dass wir Deutsche sind, beschwert sich \u00fcber die aktuelle Au\u00dfenpolitik der USA und \u00fcber den Schmusekurs der japanischen Regierung (der Ingenieur nennt die Amerikaner bevorzugt \u201e<em>Yankees<\/em>\u201c, schimpft auf den Krieg im Irak und meint, Hiroshima und Nagasaki h\u00e4tten ihm gereicht), verwendet deutsche Floskeln wie \u201e<em>Guten Abend<\/em>\u201c, \u201e<em>Auf Wiedersehen<\/em>\u201c und \u201e<em>Ich liebe Dich<\/em>\u201c und schl\u00e4gt nebenher hin und wieder die kleine Taikotrommel, w\u00e4hrend es von au\u00dfen lustig weiter Geld ins Innere des Schreins regnet. W\u00e4hrend der Zeit, in der ich im Schrein sitze, rollen mehrere M\u00fcnzen, die die Opferkiste verfehlen, zu mir her\u00fcber, und einmal ist sogar eine 50 Yen M\u00fcnze darunter. Ansonsten nur geringeres Kleingeld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 01:00 f\u00fchle ich mich ziemlich angeheitert und Melanie, die es bei einer h\u00f6flichen Probierportion belassen hat, mahnt mich dazu an, die Gastfreundschaft nicht zu sehr zu strapazieren. Um 01:30 gehen wir dann tats\u00e4chlich. Und weil ich die ganze Zeit im ungewohnten Schneidersitz auf dem Boden gesessen habe, stehe ich auf wie ein alter Mann und ernte daf\u00fcr nat\u00fcrlich das Gel\u00e4chter der echten alten M\u00e4nner. Mein rechter Nachbar l\u00e4sst es sich nicht nehmen, meine Beine mit lockeren Handkantenschl\u00e4gen zu massieren, damit wieder etwas Leben hineinkomme und ich wieder gehf\u00e4hig werde. Das ist mir nat\u00fcrlich peinlich, aber er scheint einen ungeheuren Spa\u00df daran zu haben. Wir bedanken uns f\u00fcr alles und verlassen den Schrein wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und zehn Meter weiter treffen wir Kazu und ihre Familie, die zum Neujahrsgebet hergekommen sind. Das hei\u00dft, ich erkenne ihr Gesicht, aber in meinem derzeitigen Zustand kann ich mich an ihren Namen nicht mehr erinnern. Sie frischt mein Ged\u00e4chtnis auf und stellt mir ihre Mutter, ihren Onkel und dessen Ehefrau vor. Ich frage, wo denn der Vater abgeblieben sei, und sie sagt, den gebe es nicht (was auch immer das bedeutet), und Melanie bedeutet mir, das Thema unter den Tisch fallen zu lassen. Und das ist auch nicht weiter schwer. Kazus Mutter ist offenbar erfreut, ihre Englischkenntnisse zum Besten geben zu k\u00f6nnen, wird aber von ihrer Tochter unterbrochen, in der Art \u201e<em>Mama, mach mich bitte nicht l\u00e4cherlich hier!<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja, und die Gattin des Onkels hat es auch in sich. Ich w\u00fcrde sie als (auf durchaus positive Art und Weise) \u201efrech\u201c nennen. Sie f\u00e4hrt sich mit der Hand durch ihre langen, dunkelblond gef\u00e4rbten Haare und fragt mich \u201e<em>Bin ich nicht h\u00fcbsch, hm?<\/em>\u201c Ich bin etwas perplex angesichts dieser unvermuteten Frage, und sage \u201e<em>Ja, das sind Sie wirklich. Aber Sie scheinen mir auch ein wenig seltsam zu sein&#8230;<\/em>\u201c Darauf zieht sie einen Schmollmund und meint \u201e<em>Das ist aber unh\u00f6flich!<\/em>\u201c Ich bekomme das Adjektiv \u201e<em>hidoi<\/em>\u201c als Umschreibung meines Verhaltens oft zu h\u00f6ren und japanische Damen geizen auch nicht mit dem Gebrauch. Aber bislang nur bei Gelegenheiten, wo es nicht ernst gemeint ist. Ich glaube, wenn ich Leuten durch meinen Mangel an Kultur auf die F\u00fc\u00dfe trete, halten die lieber den Mund, anstatt sich zu beschweren. Ich bekomme immer nur Hinweise durch die Hintert\u00fcr, und das auch nur von dritten (oder vierten) Personen. Also z.B. von \u201evierten\u201c Leuten, denen \u201eDritte\u201c, Beobachter meiner Unh\u00f6flichkeit gegen\u00fcber einer \u201ezweiten\u201c Person, eine solche vorgetragen haben. Ich muss besser auf meine Sprache achten.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir verabschieden uns von der Familie und gehen Richtung Ausgang, nur um wieder umzukehren, weil ich meinen Schal im Schrein habe liegen lassen. Aber der wird binnen drei Sekunden gefunden und ich habe dann wohl alles wieder beisammen, mit Ausnahme meiner Sinne, die noch recht vernebelt sind.<br>Die Temperatur ist nicht weiter gefallen und die Stra\u00dfen sind eisfrei. Auf den B\u00fcrgersteigen h\u00e4lt sich zwar immer noch Restschnee, aber wenn die Temperaturen nicht winterlicher werden, wird der Schnee auch bald verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Mein Kamerad Volker hatte aber in erster Linie die Schlie\u00dfung der Geldautomaten beklagt, wovon ich mangels Bedarf nichts merkte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> In der Tat beruht Enka auf Protestliedern der Liberal-Demokratischen Partei Japans aus der Zeit der politischen Repression vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Streng genommen muss man dies nicht, aber man m\u00fcsste idealerweise nach D\u00fcsseldorf fahre, um eine gute Flasche zu bekommen; wenn man das Angebot kennt, kann man nat\u00fcrlich heutzutage den Onlinehandel bem\u00fchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Jener Onkel verstarb 18 oder 19 Jahre sp\u00e4ter ganz unerwartet, was mich \u00fcberraschend traurig stimmte, denn an den Herrn kann ich mich \u00fcberhaupt nicht erinnern. Ich versp\u00fcrte aber starkes Mitgef\u00fchl f\u00fcr die liebensw\u00fcrdige Dame, die mich bei unserer kurzen Begegnung doch nachhaltig beeindruckt hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entsprechend der Zeit, zu der ich schlafen gegangen bin, wache ich sp\u00e4t auf. Aber viel haben wir ja nicht vor. Wir gehen noch einkaufen und wollen auch noch Post loswerden, aber die Post hat bereits ab heute geschlossen \u2013 bis zum 04. Januar. 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