{"id":3442,"date":"2023-12-12T07:00:00","date_gmt":"2023-12-12T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3442"},"modified":"2023-12-09T18:43:59","modified_gmt":"2023-12-09T17:43:59","slug":"freitag-12-12-2003-der-tag-an-dem-die-welt-stillstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3442","title":{"rendered":"Freitag, 12.12.2003 \u2013 Der Tag, an dem die Welt stillstand"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p style=\"margin-bottom: 0cm\">Es regnet und regnet und regnet. Man k\u00f6nnte sagen, es regnet wie bescheuert. Am st\u00e4rksten am Morgen. Und ich habe seit Anfang November keinen Schirm mehr. Gegen Mittag ist der Regen nicht so stark, vielleicht kann ich sogar mit dem Fahrrad fahren, ohne gleich die Hose wechseln zu m\u00fcssen. Zuvor muss ich noch ein paar Kanji in den Kopf bekommen, und um 13:00 sehe ich zu, dass ich fertig werde.<\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p style=\"margin-bottom: 0cm\">Nach dem Unterricht lasse ich mir von Ogasawara-sensei noch einmal die Unterschiede zwischen \u201earu to\u201c, \u201eareba\u201c und \u201eattara\u201c erkl\u00e4ren, und es ist ein echter Vorteil, dass die Frau Englisch spricht. Und das sogar sehr gut, beinahe akzentfrei. Ihre Aussprache ist definitiv besser als die von Kashima-sensei. Um 16:45 gehen Melanie und ich wie verabredet zu dem Yakiniku-Restaurant am Maruesu Supermarkt \u2013 nur um festzustellen, dass keiner kommt. Wie kann es sein, dass ich etwa zehn Zusagen erhalte und dann niemand erscheint? Das habe ich zuletzt an meinem neunten Geburtstag erlebt. Und wir warten sogar eine halbe Stunde, weil David sagte, dass es bei ihm l\u00e4nger dauern k\u00f6nne. Um 1730 gehen wir dann in den Supermarkt und besorgen uns eine kleine Pizza f\u00fcr 100 Yen. Diese Dinger sind gar nicht schlecht, gemessen am Preis. Vor allem ist eine ordentliche Portion K\u00e4se drauf. Nur die Zwiebeln h\u00e4tte man ein bisschen kleiner schneiden k\u00f6nnen. Es scheint eine japanische Angewohnheit zu sein, die Zwiebeln in der Tomatenso\u00dfe sehen zu wollen. Auf dem Heimweg beschlie\u00dfe ich die Einrichtung einer \u201eYakiniku Mailingliste\u201c. Die soll nicht den Zweck haben, die Leute besser an Fresstermine erinnern zu k\u00f6nnen \u2013 es geht mir darum, einfach ein Datum nennen zu k\u00f6nnen, ohne erst gro\u00df rumzufragen, wann denn nun wer Zeit hat. Ich nenne einen Tag und eine Uhrzeit und schaue, ob sich mindestens zwei Freiwillige einfinden. Wenn niemand kommt, braucht sich auch keiner bei mir zu entschuldigen. Weil ich keine Einladung ausgesprochen habe und auch keiner eine Zusage gegeben hat, nicht wahr? Das spart auch mir Nerven. Wir kommen rechtzeitig nach Hause, um noch \u201e<i>Doraemon<\/i>\u201c und \u201e<i>Atashi\u2019n\u2019chi<\/i>\u201c sehen zu k\u00f6nnen. Kurz nach Acht gehen wir noch ein paar notwendige Dinge einkaufen, vor allem was zu Essen. Es ist eine tolle Sache, dass der Supermarkt bis um 21:45 ge\u00f6ffnet hat. <\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p style=\"margin-bottom: 0cm\">Und als wir gerade vom Einkaufen wieder zur\u00fcck sind, ruft Jin Eiko an und teilt mir mit, dass sie eben mit dem Wagen vorgefahren sei, um mir einen Lageplan zu bringen, mit dessen Hilfe ich den Dotemachi Square finden k\u00f6nne. Aber sie bringt noch mehr \u2013 eine gro\u00dfe T\u00fcte \u00c4pfel. Auch Y\u00fbmiko ist mitgefahren und scheint sich sehr dar\u00fcber zu freuen, mich zu sehen. Dar\u00fcber freue ich mich nat\u00fcrlich. Den Plan hat sie auf eine Weihnachtskarte gemalt, die recht laut ein Weihnachtslied spielt. Auf dem Umschlag steht \u201e<i>Doitsu no Dominik-kun<\/i>\u201c (\u201e<i>Dominik aus Deutschland<\/i>\u201c). Die Erw\u00e4hnung des Vaterlandes (\u00e4hem) wirkt auf mich etwas stark, ist aber in Japan relativ normal, um damit eine Zugeh\u00f6rigkeit auszudr\u00fccken. W\u00e4re ich Angestellter einer Firma, w\u00fcrde anstatt \u201e<i>Doitsu<\/i>\u201c eben jene Firma genannt worden sein. Aber in erster Linie gef\u00e4llt mir \u201e<i>kun<\/i>\u201c besser als \u201e<i>san<\/i>\u201c. Das klingt vertrauter, und an die Anrede \u201e<i>Herr Schwarz<\/i>\u201c will ich mich nicht recht gew\u00f6hnen. Ich werde schon noch alt genug daf\u00fcr werden. In deutschen Begriffen ausgedr\u00fcckt, lasse ich mich auch nur von Leuten siezen, die das wegen einer wie auch immer von Fall zu Fall gegebenen Hierarchie tun m\u00fcssen (oder von solchen, die ich nicht ausstehen kann \u2013 und damit habe ich das betroffene Publikum jetzt vielleicht ins Gr\u00fcbeln gebracht, haha!).  Die R\u00fcckseite der Karte sagt \u201e<i>Nihon no Haha, Jin Eiko<\/i>\u201c (\u201e<i>japanische Mutter, Jin Eiko<\/i>\u201c). Ja, die Frau tr\u00e4gt wesentlich dazu bei, dass es mir auf dieser Insel so gut gef\u00e4llt. Aber sie ist nat\u00fcrlich nur einer von vielen Faktoren, die ich m\u00f6glicherweise gar nicht alle rational erfassen kann. <\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p style=\"margin-bottom: 0cm\">Sollte ich mir Sorgen dar\u00fcber machen, dass ich eigentlich bereits jetzt schon gar nicht mehr so richtig von hier weg will? Gibt es nicht zu viele Menschen in der Heimat, an denen mir viel liegt, und die ihrerseits darauf warten, dass ich zur\u00fcckkomme? Ich f\u00fcrchte, f\u00fcr mein Problem gibt es keinen bequemen Mittelweg. Ich muss herausfinden, welche M\u00f6glichkeiten sich mir wo bieten. Ich darf mich nicht auf einen Weg beschr\u00e4nken \u2013 damit bin ich schon einmal derart auf die Nase gefallen, dass es mein Leben radikal ver\u00e4ndert hat. Ich muss ausloten, wie es in Deutschland aussieht, wenn ich wieder dorthin zur\u00fcck muss, aber ich will auch nicht verpassen, was sich mir in Japan bietet. Wenn ich allein daran denke, was mich in Deutschland erwartet, wird mir schon ganz schlecht.  <\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p style=\"margin-bottom: 0cm\">Das \u201e<i>Worst Case Scenario<\/i>\u201c: Wenn ich zur\u00fcckkomme, bin ich sehr wahrscheinlich pleite. Das hei\u00dft keine Wohnung in Trier f\u00fcr mich (vorausgesetzt, da ist \u00fcberhaupt was frei!). Wenn ich nicht in Trier wohne, kann ich auch nicht in Trier arbeiten, das bedeutet: kein Geld f\u00fcr Semesterbeitr\u00e4ge und andere notwendige Dinge.  Ergo: Studium Ende. Weitere M\u00f6glichkeit: Wenn ich etwas Geld in Japan ansparen kann (und sei es durch Gesch\u00e4fte \u00fcber E-Bay), komme ich vielleicht ein paar (wenige) Monate \u00fcber die Runden und habe daher vielleicht Zeit, einen Job zu finden. Auch wenn im Winter eigentlich eher Flaute herrscht. Und das alles setzt immer noch voraus, dass ich einen Platz zum Wohnen finde. Was in Trier nicht so ganz einfach ist. Ich habe noch Anspruch auf zwei Semester Wohnheim, aber die wollte ich eigentlich f\u00fcr das Ende des Hauptstudiums aufheben. Aber was soll ich machen? Notfall ist Notfall und ich muss wohl einen Antrag auf Wohnheim stellen, ob ich will oder nicht, damit ich mein Studium nicht radikal unterbrechen muss, weil ich mal wieder keine Wohnung habe. Ich kann mir wirklich sch\u00f6nere Dinge vorstellen, als Jobsuche in Deutschland&#8230; ich werde mal mit ein paar Leuten reden, um mich ein bisschen zu orientieren. <\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p style=\"margin-bottom: 0cm\">Abrupter Themenwechsel \u2013 ich muss mir nicht selbst Magengeschw\u00fcre zusammendenken. Die japanische Version des Films \u201e<i>Jingle all the Way<\/i>\u201c (dtsch.: \u201e<i>Versprochen ist versprochen<\/i>\u201c) mit Arnold Schwarzenegger \u00fcberzeugt mich nicht davon, dass ich den Film noch einmal ansehen m\u00f6chte, egal, in welcher Sprache. Und wie viele Synchronsprecher f\u00fcr importierte Spielfilme gibt es in Japan eigentlich? Jeder Film h\u00f6rt sich gleich an. Hier gibt es eine Unzahl von hochgradig begabten, gut ausgebildeten und geeigneten Sprechern, die im Anime-Gesch\u00e4ft t\u00e4tig sind, aber offenbar nur ein halbes Dutzend Sprecher f\u00fcr Realfilme, die alle Rollen sprechen, egal welche. Jedes Mal, wenn ich die Kinderstimmen in einem Film h\u00f6re, rollen sich mir die Zehenn\u00e4gel hoch, weil man genau h\u00f6rt, dass es sich bei dem Sprecher\/der Sprecherin um eine erwachsene Person handelt, die ihre Stimme verstellt. Ich k\u00f6nnte jetzt auf Anhieb und ohne irgendwo nachzuschlagen ein halbes Dutzend Damen nennen, alle in den 1960ern geboren, die ebenfalls Kinderrollen sprechen und denen man nicht anh\u00f6rt, wie alt die Stimme tats\u00e4chlich schon ist. Man k\u00f6nnte meinen, dass die Filmindustrie die Rollen in Importfilmen extra schlecht besetzt, um die Kundschaft auf den einheimischen (Anime-) Markt zu lenken. <\/p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><p style=\"margin-bottom: 0cm\">Und weil der Tag nicht schon sch\u00f6n genug ist, verheddert sich das Band einer Videokassette im Videoger\u00e4t \u2013 und zwar so, dass die Kassette nicht mehr rauskommt. Hurra! Preiset den Herrn! Vielleicht rutsche ich ja noch aus und sto\u00dfe mir den Kopf an der T\u00fcrkante&#8230; diese Kom\u00f6die muss doch noch einen dramatischen H\u00f6hepunkt finden! Egal&#8230; Aufnahmen haben sich damit erst einmal erledigt. Das ist zwar nicht sch\u00f6n, aber mich tr\u00f6stet der Gedanke, dass ich \u201e<i>SailorMoon<\/i>\u201c auch bei \u201e<i>Animesuki<\/i>\u201c runterladen kann (oder ich nutze die Tatsache aus, dass sich das noch mehr Leute runterladen). Gute Nacht denn. Ohne Beule oder Platzwunde.<\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es regnet und regnet und regnet. Man k\u00f6nnte sagen, es regnet wie bescheuert. Am st\u00e4rksten am Morgen. Und ich habe seit Anfang November keinen Schirm mehr. Gegen Mittag ist der Regen nicht so stark, vielleicht kann ich sogar mit dem Fahrrad fahren, ohne gleich die Hose wechseln zu m\u00fcssen. 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