{"id":3440,"date":"2023-12-11T07:00:00","date_gmt":"2023-12-11T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3440"},"modified":"2023-12-09T17:53:33","modified_gmt":"2023-12-09T16:53:33","slug":"donnerstag-11-12-2003-roadrunner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3440","title":{"rendered":"Donnerstag, 11.12.2003 \u2013 Roadrunner"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein sonniger Morgen, kein Schnee \u00fcber Nacht. Aber es ist dennoch ziemlich k\u00fchl. Von dem gefallenen Schnee ist nur noch etwas auf den D\u00e4chern und ein paar Flecken auf dem Rasen \u00fcbrig. Und morgen soll es regnen. Mal wieder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider versch\u00e4tze ich mich in der Zeit, die ich zum Rasieren brauche und werde erst um 0740 fertig. Dann also schnell den Reis in die daf\u00fcr vorgesehene K\u00f6rper\u00f6ffnung stopfen und los geht\u2019s, um 08:20. Das reicht bei den herrschenden Bodenverh\u00e4ltnissen zu Fu\u00df gerade so, um p\u00fcnktlich zu sein, wenn man ein bisschen Gas gibt. Die Stra\u00dfen sind frei, aber auf den B\u00fcrgersteigen liegt noch Eis. Es ist allerdings kein festes Eis, es ist gebrochen und sehr k\u00f6rnig. Man kann also beinahe normal darauf laufen. Da wir sp\u00e4t dran sind, will ich mich beeilen, aber pro 100 Meter, die ich zur\u00fccklege, f\u00e4llt Melanie 20 Meter zur\u00fcck. Vom Boden her w\u00e4re es wirklich m\u00f6glich, etwas schneller zu gehen, als sie das tut. Aber sie kann nat\u00fcrlich nichts daf\u00fcr \u2013 es pfl\u00fcgt nicht jeder so durch die Gegend wie ich. Aber ich will nicht zu sp\u00e4t kommen und ziehe auf den letzten 500 Metern davon. Sie wird mir das \u00fcbel nehmen, das wei\u00df ich. Aber ich kann nicht spazieren gehen oder alle paar Meter stehen bleiben, um zu warten, wenn ich wei\u00df, dass ich mich eigentlich beeilen sollte. Ich kann dann nicht langsam machen&#8230; das macht mich ganz zappelig und meine Laune wird ungenie\u00dfbar. In dem Fall muss ich also abw\u00e4gen, ob ich lieber ihre oder lieber meine Laune in den Keller trete. Heute steht meine Entscheidung fest. Ja, vielleicht ist das nicht nett. Ich habe aber was dagegen, zu sp\u00e4t zu kommen, vor allem, wenn es sich noch vermeiden l\u00e4sst. Wir sind doch kein einheitlicher Organismus \u2013 es ist immer noch jeder in erster Linie f\u00fcr sich selbst verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin etwa eine Minute vor ihr da. Ich vor dem Gong, sie danach. \u201e<em>Danke, dass Du auf mich gewartet hast!<\/em>\u201c<br>Ja, sie nimmt mir das \u00fcbel. \u201e<em>Ja, keine Ursache.<\/em>\u201c <br>Die Situation juckt mich jetzt gerade wenig.<br>Sie setzt sich in die \u00fcbern\u00e4chste Reihe hinter mir. Oha, symbolischer Abstand. Mach nur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Kanjitest, noch w\u00e4hrend des Unterrichts, sehe ich, dass sie eifrig ihr Tagebuch benutzt \u2013 sie wird einen entsprechenden Eintrag zu meinem unsozialen Verhalten schreiben&#8230; als ob ich je behauptet h\u00e4tte, sozial zu sein&#8230; <br>Und weil ich ein gutes Ged\u00e4chtnis f\u00fcr solcherlei Dinge habe, f\u00e4llt mir in diesem Moment ein Tag im Oktober ein, an dem ich mich t\u00f6dlich \u00fcber die hiesigen Unterrichtsverfahren aufgeregt habe, und um genau zu sein, war es der 15. Oktober. Der \u201e<em>Born to kill?<\/em>\u201c Eintrag war das. An dem Tag habe ich noch w\u00e4hrend des Unterrichts meine Meinung schriftlich festgehalten und wurde deswegen von ihr vorwurfsvoll getadelt:<br>\u201e<em>Pass gef\u00e4lligst auf und schreib nicht in Dein bl\u00f6des Tagebuch!<\/em>\u201c<br>W\u00fcrde ich nicht gerade im Unterricht sitzen, w\u00fcrde ich angesichts dieser paradoxen Situation laut lachen.<br><strong>Sic transit gloria mundis!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende der Stunde erz\u00e4hlt uns Yamazaki-sensei, dass sich n\u00e4chste Woche der Stundenplan geringf\u00fcgig \u00e4ndere. Wegen der vielen ausgefallenen Montage sei eine Umstellung beschlossen worden. Ich glaube, der Unterricht am Donnerstag wird durch einen \u201eMontagsstundenplan\u201c ersetzt. Genau verstanden habe ich die Angelegenheit nicht, aber es gibt Leute, die ich deswegen befragen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Unterricht von Sawada-sensei besch\u00e4ftigt sich heute mit Kogin-Stickerei. Es handelt sich dabei um eine Kunstform in Tsugaru, die aus dem Verbot (w\u00e4hrend der Edo-Periode) entstanden ist, dass Bauern keine Kleidung aus Baumwolle, sondern nur aus Leinen tragen durften. Leinen ist nicht daf\u00fcr bekannt, dass man daraus warme Kleidung machen kann, und wenn man im S\u00fcden wohnt, dann mag das nicht allzu schlimm sein, aber hier oben sieht die Sache anders aus. Es gab allerdings kein Gesetz, dass den Bauern die Verwendung von Baumwoll<strong>f\u00e4den<\/strong> verboten h\u00e4tte. Die Frauen von Tsugaru stickten also Baumwollf\u00e4den in die Leinenkleider ihrer Familien, um sie \u00fcber den Winter zu bringen. Und zwar so viel davon, dass man das Leinen darunter kam noch erkennen, sondern nur noch stellenweise erahnen konnte. Wenn man ein Auge f\u00fcr solche Dinge hat, kann man in den erhaltenen Kleidern (und auch in neuen Handarbeiten aus Heimproduktion) sehr sch\u00f6ne Muster finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufgabe f\u00fcr heute: 5 x 15 cm<sup>2<\/sup> Leinen selbst besticken. <strong>Ich<\/strong> soll sticken??? Na wunderbar. Ich brauche ja schon eine ewige Zeit, um den vermaledeiten Faden \u00fcberhaupt durch das Nadel\u00f6hr zu pressen. Und wie soll das jetzt laufen? Ich verstehe die Arbeitsanweisung nicht, weil hier Bewegungsabl\u00e4ufe beschrieben werden, unter denen ich mir nichts vorstellen kann. Dr. \u201eDragon\u201c Chen kommt damit auch nicht wirklich klar.<br>\u201e<em>Wenn Du das gut machst, \u00fcberlege ich mir, ob ich mich von Dir operieren lasse<\/em>\u201c, sagt Sawada-sensei schmunzelnd. <br>\u201e<em>Einen Blinddarm zu entfernen ist viel leichter als das hier!<\/em>\u201c sagt Chen. Und w\u00e4hrend ich noch an der Vorlage herumr\u00e4tsele, nach der wir das Muster eingeben sollen, sieht sie sich noch einmal seine Arbeit an und meint: \u201e<em>Ich glaube, ich lasse mich lieber nicht von Dir zun\u00e4hen&#8230;<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich machen hier alle Scherze \u00fcber die Bem\u00fchungen der weniger Begabten. Chen bringt auf Anhieb nichts zustande, ich habe nach einer Stunde endlich die Grundlinie fertig (und es werden Fotos von meinem hochkonzentriert anmutenden Gesicht gemacht), und SangSu stickt ein arg abstraktes Bild von seinem Hund in das St\u00fcck Leinen. \u201e<em>Der ist weggelaufen, bevor ich nach Japan gekommen bin,<\/em>\u201c sagt er, \u201e<em>und ich hoffe, dass er dadurch wieder <\/em><em>zur\u00fcckkommt<\/em><em>.<\/em>\u201c Und dann plappert er wieder drauf los, von seinem Hund, und davon, wie man Kitahara-sensei eine besondere Freude machen k\u00f6nnte, indem man \u201e<strong>K.K.<\/strong>\u201c (f\u00fcr <strong>K<\/strong>itahara <strong>K<\/strong>anako) in das Leinen stickt. Er sorgt f\u00fcr allgemeine Belustigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende der Stunde muss ich mein m\u00fchsam zusammengepuzzeltes Werk wieder l\u00f6sen, weil ich mich bei der Reihenfolge der Einstichl\u00f6cher verz\u00e4hlt habe. Als Hausaufgabe sollen wir es f\u00fcr die n\u00e4chste Stunde fertig haben. Ich kann mir wirklich angenehmere Besch\u00e4ftigungen f\u00fcr meine Mu\u00dfestunden vorstellen. Und die Vorlagen gehen mir auf den Senkel&#8230; warum soll ich hier unbedingt reproduzieren, was andere bereits gemacht haben? Aber nein, wir d\u00fcrften auch gerne individuelle Muster entwerfen, wenn wir uns kreativ genug f\u00fchlten, sagt Sawada-sensei. Na, dann wei\u00df ich nat\u00fcrlich binnen 30 Sekunden, was ich mit meinem St\u00fcck Leinen mache&#8230; nein, ich werde <strong>nicht<\/strong> \u201e<em>Hentaiman<\/em>\u201c, \u201e<em>Black Death<\/em>\u201c, \u201e<em>der Extreme<\/em>\u201c oder \u201e<em>42317<\/em>\u201c in das Leinen sticken. ?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Habe ich heute Yui vergessen? Ich bin nach dem Unterricht sofort in die Bibliothek gegangen, anstatt erst in der Halle vorbeizusehen. Ich glaube aber zumindest, dass sie nicht angerufen hat, um zu fragen, wo ich bleibe. Und ich <strong>glaube<\/strong> das nur, weil ich bei meiner Besch\u00e4ftigung am Computer f\u00fcr gew\u00f6hnlich Kopfh\u00f6rer trage und Musik h\u00f6re. Keine Chance f\u00fcr das Telefon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich am Abend vom Einkaufen zur\u00fcckkomme, findet sich eine lohnende T\u00e4tigkeit f\u00fcrs Wochenende. Jin Eiko ruft mich an und bittet mich in einem f\u00fcr mich geradezu peinlich langsamem Japanisch, am Samstag auf eine kleine Party des \u201e<em>Hippo Family Clubs<\/em>\u201c zu kommen, zusammen mit Melanie. Ich solle um 16:30 am \u201eDotemachi Square\u201c sein. Die Uni hat diese Feierlichkeit nicht angek\u00fcndigt, also gehe ich diesmal von einem wirklich kleinen Rahmen aus, also Gastfamilien und die zugeh\u00f6rigen Studenten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Abend l\u00e4uft im Fernsehen (wieder) ein Bericht \u00fcber die Situation in Peking. Alles, was ich verstehe, ist, dass sich eine Handvoll japanischer Austauschstudenten wohl irgendetwas ungeb\u00fchrliches geleistet hat, was die chinesischen Gem\u00fcter so sehr erregt, dass 2000 Leute (haupts\u00e4chlich Studenten, wie mir scheint) auf die Stra\u00dfe gehen und lauthals demonstrieren. \u201e<em>Apologize! Apologize!<\/em>\u201c br\u00fcllen sie. Auf Englisch. Damit die internationale Presse das auch versteht. Sie tragen auch Transparente in englischer Sprache, auf denen Parolen wie \u201e<em>Japaner raus!<\/em>\u201c zu lesen und japanfeindliche grafische Darstellungen zu sehen sind. So langsam interessiert mich, was da los ist. Haben die Jungs an eine Mao-Statue gepinkelt? Oder eine ausschweifende Orgie gefeiert (wie die japanischen Gesch\u00e4ftsleute in Shanghai, was dieser Tage ebenfalls in der \u201e<strong>Japan Times<\/strong>\u201c zu lesen ist)? Ich werde Sawada-sensei fragen, sobald ich dazu komme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die TV-Zeitschrift beinhaltet in dieser Woche einen Extrabericht \u00fcber den von mir bereits beschriebenen \u201e<em>Tai Ginseng<\/em>\u201c. Da ist zu lesen, dass die Serie bereits seit 1969 existiert, mittlerweile mit dem f\u00fcnften Hauptdarsteller, und bis etwa 1993 wurde sie in Schwarzwei\u00df gedreht!? 1000 Episoden gibt es davon inzwischen, und aus diesem Grund soll demn\u00e4chst ein \u201eMovie Special\u201c gezeigt werden. Ich frage mich, wie man dieses Konzept 1000 Episoden lang durchhalten kann. So viel Abwechslung kann es doch nicht geben&#8230; man m\u00fcsste ja ann\u00e4hernd ebenso viele verschiedene Berufe auffahren, f\u00fcr die Leute, die gerettet werden sollen. Aus den F\u00e4ngen gieriger Feudalherren. Gibt es davon eigentlich so viele? Immerhin sehe ich, dass andauernd Samurai gema\u00dfregelt werden, die mindestens aus der \u201emittleren F\u00fchrungsebene\u201c stammen, wie man sagen k\u00f6nnte. Die Position der gezeigten Gegner scheint mir jeweils in die \u201eTop 5\u201c des jeweiligen Clans zu geh\u00f6ren. Wie viele gab es davon?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcbrigens ist die Ninja-Xena in dem Lack-Leder-Polyester-Dress bereits seit Anfang der Achtziger dabei (mindestens) und ist dieses Jahr 53 Jahre alt geworden. Sie d\u00fcrfte damit das \u00e4lteste Mitglied der Wandertruppe, dieser japanischen \u201e<em>Spezialisten unterwegs<\/em>\u201c sein, denn der Hauptdarsteller ist deutlich j\u00fcnger als sie. Sein Alter wird nicht angegeben, aber wenn man ihn ohne Schminke sieht, erkennt man ihn erst einmal nicht wieder und man w\u00fcrde ihn auf Mitte Drei\u00dfig sch\u00e4tzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein sonniger Morgen, kein Schnee \u00fcber Nacht. Aber es ist dennoch ziemlich k\u00fchl. Von dem gefallenen Schnee ist nur noch etwas auf den D\u00e4chern und ein paar Flecken auf dem Rasen \u00fcbrig. Und morgen soll es regnen. Mal wieder. 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