{"id":3409,"date":"2023-12-02T07:00:00","date_gmt":"2023-12-02T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3409"},"modified":"2023-11-30T22:07:31","modified_gmt":"2023-11-30T21:07:31","slug":"dienstag-02-12-2003-in-deinem-nichts-hoff-ich-das-all-zu-finden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3409","title":{"rendered":"Dienstag, 02.12.2003 \u2013 \u201eIn deinem Nichts hoff ich, das All zu finden.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sonnenschein am Morgen. Wie \u00fcblich. Es ist im Freien weit weniger k\u00fchl als im Treppenhaus, also ziehe ich die Handschuhe wieder aus und fahre ohne zur Universit\u00e4t. Nach dem Unterricht bei Yamazaki-sensei fahre ich zur Post, um meine Stromrechnung zu bezahlen, und anschlie\u00dfend nach Hause. Dort nehme ich meinen leeren Kerosinkanister und besorge mir eine neue F\u00fcllung f\u00fcr 850 Yen. Dann fahre ich zur Uni zur\u00fcck. Bis zum nachfolgenden Unterricht ist noch genug Zeit, um mein Postfach zu \u00fcberpr\u00fcfen und ein paar kurze Antworten zu verfassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die <em>Einf\u00fchrung in das Studium des Buddhismus<\/em> bringt mich indes dem Verst\u00e4ndnis dieser Lehre (<strong>Leere!<\/strong>) keinen Schritt n\u00e4her. \u201eNirvana\u201c ist offenbar eine Art Zustand, den man als <strong>Lebender<\/strong> erreicht \u2013 Nirvana ist keineswegs eine Art \u201eHimmel\u201c, in den man einzieht, sobald man als Erleuchteter den Weg alles Irdischen gegangen ist. Nein, nein, der Buddha erlangt Erleuchtung, und das <strong>ist<\/strong> Nirvana, und lebt dann ein Leben frei von allem Leiden. Und dann stirbt er. Und wird nicht wiedergeboren \u2013 ein Buddha zu werden, bedeutet, das letzte Leben erreicht zu haben.<br>\u201e<em>Ja, Moment mal \u2013 und was ist danach?<\/em>\u201c<br>\u201e<em>Was bleibt von einer Flamme, nachdem man die Kerze ausgepustet hat?<\/em>\u201c<br>\u201e<em>Nichts&#8230; <strong>Nichts?!?<\/strong> Was soll das hei\u00dfen: \u201aNichts\u2019?<\/em>\u201c<br>\u201e<em>Nichts hei\u00dft \u201aEnde, Aus, Vorbei\u2019. Nach diesem letzten Leben kommt eben <strong>nichts<\/strong> mehr. Das ganze Leben ist doch eh nur eine Illusion. Und nur Nichts ist frei von Leiden.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hei\u00dft, ich lebe Hunderttausende Jahre, Hunderttausende Leben lang, im wahrsten Sinne des Wortes wie ein M\u00f6nch, um ein l\u00e4cherliches <strong>halbes<\/strong> Leben lang (bewusst) frei von Leiden zu sein? Das ist doch v\u00f6llig sinnfrei! Als Christ muss man sich \u201enur\u201c <strong>ein<\/strong> Leben lang darum bem\u00fchen, anderen Leuten lediglich nichts B\u00f6ses anzutun, um in den Himmel zu kommen. Darauf arbeiten alle wahren Christen hin \u2013 wo ist die Motivation f\u00fcr wahre Buddhisten? All der Verzicht&#8230; f\u00fcr <strong>nichts?<\/strong> Dann verzichte ich doch lieber auf das Nirvana, nehme Schmerz und Leid in Kauf und bekomme daf\u00fcr Freude, Spa\u00df, Liebe, Wollust und (ab und zu ein bisschen) Alkohol. Das ist mir zu verr\u00fcckt. Oder zu hoch. Ich bin mir nicht sicher. Aber f\u00fcr die Klausuren m\u00fcssen wir auch nichts verstehen, sondern nur die theoretischen Fakten kennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich gibt es also kein Nirvana. Aber das wird in diesem Weltzyklus sowieso nicht mehr gehen. Man muss entweder selbst ein Buddha werden oder von einem unterrichtet werden, um Nirvana zu erlangen. Und der n\u00e4chste Buddha (Maitreya Buddha) wird erst auf der B\u00fchne der Welt erscheinen, sobald die Lehren des letzten Buddha (Gauthama Buddha) und der ganze Buddhismus v\u00f6llig vergessen worden sind und die Welt von der Apokalypse dahingerafft worden ist, worauf sie neu entsteht und dem n\u00e4chsten Buddha eine Heimstatt bietet. Diese Weltzyklen sind \u00fcbrigens die l\u00e4ngsten der Menschheit bekannten Zeitr\u00e4ume. Philips sagt, der buddhistische Weltenzyklus stehe im Guinness Buch der Rekorde. Ich habe die Zahl nicht mehr im Kopf, m\u00f6glicherweise hat Philips auch keinen konkreten Zeitraum genannt, aber es gibt eine Art Gleichnis, das ein klassisches Beispiel f\u00fcr die Superlative indischer Mythologien ist: Man stelle sich einen typischen Berg vor, sagen wir den Berg Fuji, den Watzmann, das Matterhorn oder von mir aus den Gro\u00dfglockner. Zumindest einer davon sollte jemandem ein optischer Begriff sein. So, jetzt geht alle 100 Jahre ein Mensch zu diesem Berg und reibt ein Seident\u00fcchlein an dem Felsgestein \u2013 der Berg wird abgetragen sein, bevor der Zyklus vor\u00fcber ist. Ist das nicht irre?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Anschluss gehe ich in die Bibliothek, um den Bericht vom 21.11.2003 fertig zu schreiben und mit dem 22.11. zumindest zu beginnen. Schlie\u00dflich war da auch einiges los und die Post wird bestimmt ebenfalls ein Zweiteiler&#8230;<br>\u201e<em>Beethoven Radio<\/em>\u201c zu h\u00f6ren lohnt sich heute besonders. Ich h\u00f6re die Ouvert\u00fcre von \u201e<em>Willhelm Tell<\/em>\u201c und Teile von Beethovens F\u00fcnfter Symphonie. Seltsamerweise spielen sie auch den Soundtrack von \u201e<em>Indiana Jones and the Temple of Doom<\/em>\u201c und \u201e<em>Raiders of the Lost Arc<\/em>\u201c. Ich bin nicht sicher, was diese St\u00fccke hier zu suchen haben, aber ich freue mich, dass sie laufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischendurch kommt SangSu zu mir her\u00fcber und teilt mir mit, dass J\u00fb morgen wegen der Hochzeit seiner \u00e4lteren Schwester nach Korea zur\u00fcckfliegen werde. Aus diesem Anlass finde am heutigen Abend ein Essen statt und wir seien eingeladen, um 20:00 vorbeizukommen. Um kurz vor sieben verlasse ich die Bibliothek und werde von Regen begr\u00fc\u00dft. Keine dicken Tropfen, aber viele, viele kleine. Das freut mich wenig, ganz ohne Schirm und Schutzblech. Aber es wird weniger, und als ich zuhause ankomme, hat es bereits aufgeh\u00f6rt. Aber ich muss ja erst noch zum Beny Mart. Dort stelle ich fest, dass das komplette Sushi-Angebot um 50 % reduziert ist. Ich lasse mich nicht zweimal bitten und nehme vier Pakete mit. Ich treffe Melanie am Getr\u00e4nkeregal. Also deswegen brannte oben kein Licht in der Wohnung. Sie wei\u00df bereits von der Einladung und sagt, dass die \u201eParty\u201c angeblich bei SangSu stattfinde. In SangSus H\u00f6hle? Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Keine Frau w\u00fcrde sein Apartment freiwillig ohne Schusswaffe betreten, um sich all dessen erwehren zu k\u00f6nnen, was sie aus den Regalen, dem Abfluss und aus dem K\u00fchlschrank anspringen k\u00f6nnte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Tat findet das Essen bei SongMin statt. Anwesend sind nur Melanie und ich, SongMin, SangSu, J\u00fb und eine weitere Studentin aus Korea mit dem Namen SungYi. Wir haben Sushi und ein paar S\u00fc\u00dfigkeiten mitgebracht. Das vorhandene Essen besteht aus einer Reisbeilage (was sonst), und dazu zwei zumindest optisch identische koreanische Suppen. Von der linken hei\u00dft es, sie sei scharf, die rechte sei s\u00fc\u00dflich. Aha. Nun ja, in meinem Hinterkopf steht die Meinung (oder das Wissen), dass koreanisches Essen mitunter sehr feurig sein kann, also mache ich mich auf einiges gefasst. Alternativ gibt es zum Reis auch etwas, das aussieht, wie gebratene Paketschnur. Was das denn sei, m\u00f6chte ich wissen. Aber das japanische Wort sagt mir nichts, und ein englisches gibt es daf\u00fcr in dem Kanjitank nicht. \u201e<em>Sakana no tomodachi<\/em>\u201c, sagt SangSu, \u201e<em>ein Freund vom Fisch<\/em>\u201c. Er ist der Meister der kindgerechten Umschreibung. Ich runzele belustigt die Stirn, J\u00fb lacht. Okay, ich gehe also davon aus, dass es im Meer gelebt hat, bevor es auf dem Teller hier gelandet ist. Es handelt sich wohl um ein zerkleinertes Tier, dass man durch eine Presse gedreht hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bekomme eine Sch\u00fcssel Reis und m\u00f6chte etwas von der scharfen Suppe. J\u00fb sagt, sie k\u00f6nne f\u00fcr Europ\u00e4er ein wenig zu scharf sein. Melanie sagt, sie sei wirklich scharf. Allerdings muss das nichts hei\u00dfen, wenn Melanie das sagt. Ich nehme ebenfalls etwas davon. Ja, sie ist scharf, es entfaltet sich ein Brennen im Mundraum. Aber wenn man zwei bis drei Bissen davon gegessen hat, verschwindet das Brennen weitgehend und macht einem sehr angenehmen Essgef\u00fchl Platz. Zumindest bei mir. Ich will in dieser Angelegenheit nicht f\u00fcr Melanie sprechen. ?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Also, das kann ja wohl nicht alles sein. Ich verlange eine von den gr\u00fcnen Chilis in dem Suppentopf. Die versammelten Koreaner halten das f\u00fcr mutig. Diese Schoten seien sogar f\u00fcr Koreaner scharf, sagen sie. Sch\u00f6n, dann nur her damit. Die erste esse ich mit Reis, zur Sicherheit. Hm&#8230; habe ich da gerade eben wirklich eine Chilischote gegessen? Ich bitte um eine weitere. Die zweite esse ich ohne \u201eVerd\u00fcnnung\u201c. Mein Publikum traut seinen Augen nicht. Ja? Hallo? Zunge an Chili: Wo bleibt die Schockwelle? Also, die Peperoni in Berfins Bistro in Blieskastel sind genauso scharf, und haben mehr Eigengeschmack. Ich bin von der Sch\u00e4rfe der Suppe hier <strong>nicht<\/strong> beeindruckt. Und werde f\u00fcr meinen Todesmut bewundert. Die Suppe der Thail\u00e4nder auf der Internationalen Party \u2013 <strong>die<\/strong> war beeindruckend scharf!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Suppen machen sich aber geschmacklich sehr gut am Reis und ich lobe auch die Suppe, die SangSu gemacht hat. Um ihn ein wenig daf\u00fcr zu entsch\u00e4digen, dass SongMin ihm unterstellt, er k\u00f6nne bestenfalls Instant-Ramen aufw\u00e4rmen und dass J\u00fb scherzhaft sagt, die Suppe habe bestimmt keinen Geschmack. Sie ist nicht das, was ich s\u00fc\u00df-scharf nennen w\u00fcrde, es handelt sich lediglich um eine \u201ezahme\u201c Version der scharfen Suppe daneben. Aber sie schmeckt sehr gut ich bin sehr dankbar, dass ich davon essen darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Nachtisch ist ein Salat. Der Salat sieht aus wie ein Obstsalat mit Joghurt. Ist es aber nicht. In der Sch\u00fcssel befinden sich Bananen- und \u00c4pfelst\u00fccke, sowie kleingehackte Shrimps, das Ganze wird gezuckert und mit&#8230; mit <strong>Mayonnaise<\/strong> verr\u00fchrt. So was Verr\u00fccktes hat man mir ja lange nicht vorgesetzt! Aber verr\u00fcckte Kreationen haben mich noch nie abgeschreckt und der Geschmack ist sehr \u00fcberzeugend. Mayu!<a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a>Die andere H\u00e4lfte der Bananen und \u00c4pfel wird als H\u00e4ppchen auf den Tisch gestellt, ohne weitere Zus\u00e4tze.<br>W\u00e4hrend des Essens stellt sich heraus, dass SongMin S\u00fc\u00dfigkeiten nicht sehr mag, und auch auf Sushi gut verzichten kann. Dann wei\u00df ich ja, was wir beim n\u00e4chsten Mal nicht mehr mitbringen. SangSu erz\u00e4hlt, dass er mich beneide, weil ich eine Freundin habe und auch noch mit ihr zusammenwohne. Er dagegen sei ganz einsam. An manchen Tagen ziehe er sich die Decke \u00fcber den Kopf und weine vor sich hin. Ich bin allerdings jetzt nicht in der Stimmung, das ernst zu nehmen, und empfehle ihm, sich doch eine h\u00fcbsche Japanerin zu suchen. Ja, wenn er nach Tokyo fahre, werde er das in Angriff nehmen, sagt er. Ich glaube, das ist eine Aussage, die ich unverifiziert an mir vor\u00fcbergehen lassen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir gehen, k\u00fcndige ich noch an, dass ich die Ferien im Fr\u00fchjahr dazu nutzen m\u00f6chte, Videos anzusehen, unter anderem auch die \u201e<em>Tom &amp; Jerry<\/em>\u201c Sammlung, die man in der Videothek ausleihen kann. SongMin und SungYi sind zumindest nicht abgeneigt, habe ich den Eindruck. Dann bin ich mit meinem Plan hoffentlich nicht allein. Erstens reduziert das die Kosten und mit mehreren Leuten macht es auch gleich mehr Spa\u00df. Und Tom &amp; Jerry haben den Vorteil, dass man keine Sprache der Welt beherrschen muss, um der Handlung folgen zu k\u00f6nnen \u2013 <em>no speech, just action<\/em>, zusehen und lachen! Zumindest hoffe ich, dass niemand in Japan auf die Idee gekommen ist, den beiden einen Hintergrunderz\u00e4hler zu verpassen, wie das in Deutschland der Fall war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich k\u00f6nnte den deutschen Erz\u00e4hler die meiste Zeit erw\u00fcrgen, weil die Regie krampfhaft den Versuch macht, Tom zu dem \u201eB\u00f6sen\u201c und Jerry zu dem \u201eGuten\u201c zu machen, der mit seiner Klugheit und seinem Witz \u00fcber der Einfalt und dem Geltungswahn des anderen steht. Dagegen offenbart sich dem aufmerksamen Zuschauer, dass beide, Kater wie Maus, ihre Marotten haben und keine Gelegenheit auslassen, dem anderen eins auszuwischen. Bei den beiden gibt es keine Schwarzwei\u00df-Malerei. Schlimmer w\u00e4re nur noch gewesen, wenn sie den beiden Dialoge gegeben h\u00e4tten&#8230; dann m\u00fcsste <strong>ich<\/strong> bittere Tr\u00e4nen weinen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor ich mich schlafen lege, lese ich \u201e<em>Kata Ude<\/em>\u201c noch einmal. Aber der Text sagt mir ebenso viel wie letzte Woche. Und die Vokabeln f\u00fcr den n\u00e4chsten Kanjitest sollte ich auch noch einmal durcharbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Aus <em>Gans\u00f4 Debuya<\/em>. Das rufen die kulinarisch Reisenden, wenn es ihnen schmeckt, also quasi andauernd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonnenschein am Morgen. Wie \u00fcblich. Es ist im Freien weit weniger k\u00fchl als im Treppenhaus, also ziehe ich die Handschuhe wieder aus und fahre ohne zur Universit\u00e4t. 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