{"id":3395,"date":"2023-11-27T11:04:02","date_gmt":"2023-11-27T10:04:02","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3395"},"modified":"2023-11-27T11:04:02","modified_gmt":"2023-11-27T10:04:02","slug":"donnerstag-27-11-2003-des-apfels-kern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3395","title":{"rendered":"Donnerstag, 27.11.2003 \u2013 Des Apfels Kern"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Yuan ist das heute nichts geworden. Und ich habe keine Ahnung, wieso. Hat sie es vergessen? An mir kann es nicht liegen, weil ich fr\u00fch genug in der Halle bin und kurz darauf auch im Center nach ihr sehe. Wie dem auch sei, es st\u00f6rt mein Tageskonzept so weit, dass ich nicht mehr zur Bank komme. Au\u00dferdem habe ich sowieso weniger Zeit, weil ich um 12:10 bereits wieder in den Bus steige, der mich, zusammen mit den \u00fcbrigen Kursteilnehmern, zur heutigen Besichtigungstour bringen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sehen uns Nachbauten der alten Stadtbibliothek und des alten Lehrerhauses an. Warum die Bibliothek nachgebaut werden musste, wei\u00df ich nicht mehr. Das Lehrerhaus dagegen ist wohl einige wenige Jahre nach der Erbauung wieder abgebrannt. Die Nachbauten sind jeweils aber auch schon \u00fcber 100 Jahre alt \u2013 die Stadt Hirosaki wurde w\u00e4hrend des vergangenen Weltkrieges nicht bombardiert. Ger\u00fcchten zu Folge war dies, wie im Falle von Kyoto, den Einw\u00e4nden amerikanischer Kunsthistoriker und Japanologen zu verdanken. Von Aomori dagegen war stellenweise noch nicht einmal ein Tr\u00fcmmerfeld \u00fcbrig. Aber bei aller Liebe f\u00fcr die Stadt hier \u2013 Hirosaki mit Kyoto in eine Reihe zu stellen ist schon sehr gewagt, und au\u00dferdem glaube ich, dass andernorts viel mehr an historischen und kulturellen Sch\u00e4tzen in kleine Fetzen gesprengt und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt wurde, als Hirosaki in den l\u00e4cherlichen 300 Jahren seiner Geschichte bis 1945 jemals h\u00e4tte ansammeln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber zu den besichtigten H\u00e4usern: Sie wurden, f\u00fcr das Wohlbefinden der aus dem Ausland \u201eimportierten\u201c Lehrer, in einem amerikanischem Stil gebaut, wie man ihn in <em>\u201eTom Sawyer\u201c<\/em> Filmen sehen kann. Das mag f\u00fcr Japaner ungeheuer exotisch sein, aber f\u00fcr unsereiner&#8230; hart an der Grenze zu langweilig. Chen macht ein paar Bilder davon, wie ich mit jeweils einem anderen Chinesen am Esstisch sitze und mit den Plastikimitaten Essen simuliere. In den Regalen stehen alte Lexika, und <strong>das<\/strong> m\u00f6chte ich interessant nennen, weil es sich u.a. um Originale aus dem vorletzten Jahrhundert handelt. Man darf sie nat\u00fcrlich nicht anfassen. Gut f\u00fcr die B\u00fccher, schlecht f\u00fcr mich. Allein das <em>\u201eSesamstra\u00dfe\u201c<\/em> Malbuch und das <em>\u201eSylvester &amp; Tweety\u201c<\/em> Serviertablett wirken etwas fehl am Platz.<br>Warum habe ich davon kein Bild gemacht????<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fremdenf\u00fchrerin des Hauses erz\u00e4hlt uns einige Dinge \u00fcber die Geschichte des Hauses und \u00fcber die Lehrer, die hier fr\u00fcher wohnten, mit Schwerpunkt auf den legend\u00e4ren John Ing und wie er den Apfel nach Hirosaki brachte. Jetzt haben wir aber am vergangenen Donnerstag von Kitagawa-sensei die neuesten Erkenntnisse \u00fcber die Einf\u00fchrung des Apfels bereits geh\u00f6rt, und was wir hier h\u00f6ren, steht auf ihrem Lehrplan unter \u201eMythen, Sagen und Legenden\u201c. Sawada-sensei f\u00fcgt also ihrer \u00dcbersetzung hinzu: <em>\u201e<\/em><em>L\u00e4chelt und nickt einfach h\u00f6flich.<\/em><em>\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir das Haus verlassen, zeigt Chen uns, also SangSu und mir, ein Bild auf dem TFT-Display seiner Kamera und fragt uns, ob wir w\u00fcssten, was das sei. Ich erkenne eine rosa Fl\u00e4che in einer wei\u00dfen Fl\u00e4che in der Mitte, letztere mit etwas r\u00f6tlicher Einf\u00e4rbung. Nein, wir wissen es leider nicht. <em>\u201e<\/em><em>Das sind Bilder von meiner letzten Operation<\/em><em>\u201c<\/em> sagt er. Der Mann ist aber kein Patient, sondern Chirurg. Oha, interessant&#8230; ob er mir davon wohl ein paar schicken k\u00f6nne? Ja, sobald er Gelegenheit dazu habe, k\u00f6nne er mir Bilder schicken. Dann bin ich mal gespannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann sehen wir die erste Kirche an, die in Hirosaki gebaut wurde, eine methodistische. Auch ein netter Holzbau \u00e0 la <em>Tom Sawyer<\/em>. Der zust\u00e4ndige Pfarrer erz\u00e4hlt uns von der Geschichte der Christen in Hirosaki und in Tsugaru. Hirosaki wurde nach der Meiji-Restauration anno 1868 im sp\u00e4ten 19. Jh. eines der christlichen Zentren in Japan. Das war nat\u00fcrlich nicht zuletzt dem genannten John Ing zu verdanken, der nicht nur Lehrer war, sondern auch ein methodistischer Missionar. Aber Tsugaru hat eine noch \u00e4ltere \u201echristliche\u201c Geschichte. Nennen wir es mal so. W\u00e4hrend der Edo Periode (1603 \u2013 1868) war das Christentum verboten, und es war nicht so, dass es hier oben, so weit weg von der Zentrale im heutigen Tokyo (damals Edo) viele Abweichler gegeben h\u00e4tte, nein, nein. Man hat Christen hierhin, nach Tsugaru, in den damals \u00e4u\u00dfersten Norden Japans, deportiert und es wurden auch nicht wenige hier hingerichtet oder sonst irgendwie vom Leben zum Tode bef\u00f6rdert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kirche ist, wie bereits erw\u00e4hnt, ebenfalls in einem Stil gebaut, den ich als \u201eamerikanisch\u201c bezeichnen w\u00fcrde. Aber das ist nat\u00fcrlich nur mein pers\u00f6nlicher Eindruck. Es gibt, im Gegensatz zu den Kirchen, wie ich sie aus Europa kenne, keine extra Holzplanken vor den Sitzb\u00e4nken, also kniet man hier auf dem Boden. Sehr auff\u00e4llig ist allerdings, dass es in dieser Kirche kein Kreuz gibt \u2013 kein einziges. Ich frage den Pfarrer danach und er erkl\u00e4rt, dass die Erbauer der Kirche, wie auch John Ing, Methodisten gewesen seien, beeinflusst von Unitariern und Puritanern, die, wie er sagte, Kreuze, ebenso wie Statuen und \u00e4hnliches, als Symbolverehrung betrachten und daher ablehnen. Und schlie\u00dflich bekommen wir auch von ihm eine Version der Legende zu h\u00f6ren, wie denn der Apfel nach Hirosaki gekommen sei. Ich will an dieser Stelle einmal die g\u00e4ngigen Hauptversionen mal zusammenfassen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Ing schenkte ein paar \u00c4pfel, die er in Yokohama gekauft hatte, seinen Sch\u00fclern und den japanischen Lehrern. Der damalige Direktor der Schule s\u00e4te daraufhin die Samen seines Apfels aus und der erste Baum wuchs.<\/li>\n\n\n\n<li>Ing schenkte seinen Sch\u00fclern w\u00e4hrend der Weihnachtsfeier 1875 einige \u00c4pfel und sie waren davon so begeistert, dass sie die Samen einpflanzten. Aber die Samen sprossen nicht, also baten sie Ing, von einer Reise nach Tokyo weitere Samen mitzubringen.<\/li>\n\n\n\n<li>Ing brachte 1878 von einer Reise nach Tokyo drei Apfelsamen mit nach Hirosaki und verschenkte sie an Leute in seiner Nachbarschaft, die sie in ihre G\u00e4rten pflanzten.<\/li>\n\n\n\n<li>Ing a\u00df seine \u00c4pfel ganz alleine und pflanzte die Samen in den Garten des Lehrerhauses.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Bruder des damaligen Direktors studierte Landwirtschaft in Indiana (USA) und schickte Apfelsamen nach Hirosaki, die in dem Garten der Familie eingepflanzt wurden.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immerhin eine Version so ganz ohne Ing. Es gibt noch mehr Versionen, die sich aber nur noch in eher unbedeutenden Detailfragen unterscheiden. Fakt bleibt, dass die Meiji-Regierung die Samen verschiedener Apfelsorten kistenweise aus den USA hat kommen lassen, um die desolate Wirtschaftslage im Norden Japans durch neue Impulse aufzubessern \u2013 was letztendlich auch gelang. John Ing hat nur geringf\u00fcgig mit der Verbreitung der \u00c4pfel in Tsugaru zu tun, aber die Gleichzeitigkeit lie\u00df die Legenden entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der R\u00fcckkehr zur Universit\u00e4t treffe ich Yui, etwa um 14:30. Eigentlich wollte ich mit ihr die ersten vier Lektionen unseres dicken Lehrbuches durchgehen, aber&#8230; wir reden dann \u00fcber alles m\u00f6gliche andere, nur nicht \u00fcber unterrichtsrelevante Themen. Das passiert mir in den letzten Tagen \u00f6fters. Wir besprechen aber auch, dass ich meinen Sprachstil nicht unter Kontrolle habe. Ich muss mir abgew\u00f6hnen, mit ihr und anderen Gleichgestellten auf der h\u00f6flichen Ebene zu sprechen (nur, weil es mir leichter f\u00e4llt) \u2013 schlie\u00dflich redet man in Deutschland gleichgestellte Studenten auch nicht mit \u201eSie\u201c an, und sollte es jemand tun, wird man sich fragen, ob er noch ganz knusprig im Oberst\u00fcbchen ist. Nun ja, ich will jedenfalls knusprig sein und nicht wie ein japanisches Toastbrot daherreden, ich werde mich also mehr darauf konzentrieren, mit wem ich wie rede, bis es von alleine geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um kurz vor sieben bin ich wieder zuhause und freue mich auf die Serien am Donnerstag Abend. Wie schon mehrfach angedeutet, laufen Donnerstags mehrere Serien, die ich gerne ansehe, also habe ich an Donnerstagen abends f\u00fcr nichts anderes Zeit&#8230; \u00e4hem. Die Katalogisierung meiner neu erstandenen Artbooks muss ich daher ebenfalls verschieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Yuan ist das heute nichts geworden. Und ich habe keine Ahnung, wieso. Hat sie es vergessen? An mir kann es nicht liegen, weil ich fr\u00fch genug in der Halle bin und kurz darauf auch im Center nach ihr sehe. 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