{"id":3384,"date":"2023-11-23T10:08:59","date_gmt":"2023-11-23T09:08:59","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3384"},"modified":"2023-11-23T10:08:59","modified_gmt":"2023-11-23T09:08:59","slug":"sonntag-23-11-2003-der-tag-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3384","title":{"rendered":"Sonntag, 23.11.2003 \u2013 Der Tag danach"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute Mittag kommt einiges in schneller Reihenfolge. Kurz nach 12 ruft SangSu an und entschuldigt sich f\u00fcr sein Verhalten gestern. Er sagt, er k\u00f6nne sich kaum an den letzten Abend erinnern. Kopfschmerzen habe er keine, sagt er. Dann kommt er nach oben und bringt uns eine T\u00fcte mit acht \u00c4pfeln, als Schadensersatz. Er entschuldigt sich noch einmal. Ja, das sei schon in Ordnung. Er sei ja leicht und habe sich auch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig daneben verhalten. Wir verabreden uns f\u00fcr den Nachmittag, um unsere Fahrr\u00e4der abzuholen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">20 Minuten sp\u00e4ter, als ich gerade einen Apfel in Viertel schneide, wird der Feueralarm ausgel\u00f6st. Es ist nicht das erste Mal. Beim letzten Mal habe ich den Grund nicht einmal nachvollziehen k\u00f6nnen, und der Alarm war nach nicht einmal einer Minute wieder verstummt. Aber diesmal riecht es in der N\u00e4he der T\u00fcr nach Rauch. Ich werfe einen Blick nach drau\u00dfen und sehe das Treppenhaus vernebelt. SongMin und J\u00fb haben ihre T\u00fcren weit offen und der Rauch kommt aus SongMins Wohnung. Ich denke zuerst an den \u00d6lofen \u2013 aber mein zweiter Gedanke beruhigt mich, weil ein \u00d6lfeuer ganz anders riechen w\u00fcrde.<br>Sie hat Wasser gekocht und den Topf vergessen. Das Wasser ist komplett verdunstet und der Topf angebrannt. Als sie dann zum L\u00fcften die T\u00fcr zum Flur \u00f6ffnete, hat der Feuermelder dort Alarm ausgel\u00f6st \u2013 irrsinnigerweise funktioniert n\u00e4mlich der Rauchmelder in ihrer K\u00fcche nicht. Und wenn ich unseren so ansehe, bin ich ganz sicher, dass der auch bereits vor langer Zeit den Geist aufgegeben hat. Wir \u00f6ffnen auch das Fenster im Flur, damit der Rauchmelder endlich Ruhe gibt. Nach knapp f\u00fcnf Minuten herrscht wieder gewohnte Stille. Die Feuerwehr hat von den anderen f\u00fcnf Bewohnern gl\u00fccklicherweise keiner gerufen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Missgeschick ist ihr sehr peinlich und sie wird nicht m\u00fcde, sich daf\u00fcr zu entschuldigen, auch nachdem sich der Rauch verzogen hat. J\u00fb macht sich aber einen Spa\u00df daraus, sie damit aufzuziehen. <br>\u201e<em>Los! Geh zu allen Nachbarn und entschuldige Dich! Los, vorw\u00e4rts!\u201c<\/em> sagt er und grinst breit. <br>Am Nachmittag kommt er noch einmal in den Flur, h\u00e4lt die Nase in die Luft und sagt zu SongMin: <em>\u201eWas riecht hier so komisch? Hat da jemand mit Feuer gespielt?\u201c<\/em> Auf Japanisch, damit es auch ja jeder versteht. Ich schenke den Koreanern zur Entspannung der Nerven drei St\u00fccke Traubenzucker und schlage vor, um 17:00 doch gemeinsam Ramen essen zu gehen. Zumindest hoffe ich, dass SangSu wieder in der Lage sein wird, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Aber ich kann ihn ja gleich fragen, weil wir unsere R\u00e4der noch holen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schnee hat sich nicht gehalten, Au\u00dfentemperatur f\u00fcnf Grad Celsius. Die Stra\u00dfen sind nur noch feucht, und es scheint sogar die Sonne, also ist Rad fahren ungef\u00e4hrlich. SangSu kann sich in der Tat an nichts erinnern, was nach 22:30 vorgefallen ist. Aber er f\u00fchle sich gut und werde mit essen gehen. Auf dem Weg kl\u00e4ren wir ihn \u00fcber sein S\u00fcndenregister auf und er sch\u00e4mt sich in Grund und Boden. Ich muss Glenn bei Gelegenheit fragen, ob sie es gut verkraftet hat, von dem hoffnungslos betrunkenen SangSu mehrfach umarmt zu werden. <br>Als wir bei Misi eintreffen, macht er sich mit Irena, Valerie und Paola gerade auf den Weg, um ihre W\u00e4sche im Kaikan zu waschen. Offenbar verf\u00fcgen ihre Apartments nicht \u00fcber eine Waschmaschine. SangSu entschuldigt sich auch bei ihnen und best\u00e4tigt aufs Neue, dass wer den Schaden hat, f\u00fcr den Spott nicht zu sorgen braucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Misis Nachbarin hat mein Fahrrad woanders hingestellt, nicht weit, aber der Sattel, bzw. dessen Schaumstofff\u00fcllung, ist mit Wasser vollgesogen und ich muss im Stehen fahren. Ist ja kein Beinbruch, aber es lehrt mich, f\u00fcr solche Gelegenheiten besser eine Plastikt\u00fcte dabei zu haben, um sie \u00fcber den Sattel zu ziehen, falls er mal wieder im Regen landen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich wollen wir in die Bibliothek, aber da morgen, am Montag, ebenfalls ein Feiertag ist, bleibt die Bibliothek auch heute geschlossen. Dann eben keine Post heute. Was mir mehr Sorgen macht, ist die Aussage von Alex, dass die Bibliothek \u00fcber die Weihnachtsferien komplett die T\u00fcren schlie\u00dfe. Aber er sagt auch, dass es andere Gelegenheiten wie z.B. die \u00f6ffentliche Bibliothek gebe, wo man ebenfalls einen Computer benutzen k\u00f6nne, wenn auch nur f\u00fcr 30 Minuten. Noch sp\u00e4ter erfahre ich allerdings, dass \u201eWinter Break\u201c sich nicht auf die Semesterferien bezieht (das nennt Alex <em>\u201eSpring Break\u201c<\/em>), sondern nur auf die freie Zeit um und nach Weihnachten. Etwa drei Wochen sind da frei, wie es scheint. Ich wei\u00df also nicht, wie sich das in der Zeit mit dem Newsletter verhalten wird. Alex nennt mir M\u00f6glichkeiten, Post zu lesen und auch zu schreiben, aber ein Newsletter ist eine l\u00e4ngere Angelegenheit, die sich w\u00e4hrend dieser drei Wochen wahrscheinlich nur schwer realisieren lassen wird. Vielleicht fahre ich mit den Internet Caf\u00e9s am besten, da kostet mich eine Stunde 100 Yen, und ich brauche etwa zwei Stunden, um einen normalen Newsletter von drei Seiten zu schreiben. Ja, was hei\u00dft da <em>\u201eWie bitte!?\u201c<\/em>. Ich schaffe das zwar auch mit erheblich weniger Zeitaufwand \u2013 aber dann leidet die Qualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 1700 stehen wir bereit bei SongMin vor der T\u00fcr. J\u00fb sei noch nicht erschienen, sagt sie \u2013 er hat verschlafen. Verschlafen? Vor lauter Gl\u00fcck \u00fcber das wohlig warme Zimmer ist er am fr\u00fchen Nachmittag \u00fcber seiner Arbeit eingeschlafen und erst kurz vor f\u00fcnf Uhr durch SongMin geweckt worden. Er wird noch ein paar Minuten brauchen. SangSu ist doch nicht so auf dem Damm, wie er dachte, also schl\u00e4ft er lieber. Soll er mal besser.<br>Um 17:15 ist J\u00fb dann so weit. Wir gehen zu Fu\u00df hin, weil SongMin das Fahrradfahren nie gelernt hat. Ihre Mutter hat es ihr verboten, weil der Stra\u00dfenverkehr in Korea offenbar zu gef\u00e4hrlich ist. J\u00fb sagt, dass viele M\u00fctter das so machten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir essen jeder eine Portion <em>\u201eBunpuku Ramen\u201c<\/em>, das hei\u00dft eine Nudelsuppe mit Gem\u00fcse und gegrilltem H\u00fchnerfleisch. Es ist die Spezialit\u00e4t unseres Stammlokals, nach der es auch benannt wurde. Als Beilage <em>\u201eEbi Cream Korokke\u201c<\/em>, eine Mischung aus zersto\u00dfenen Kartoffeln, Shrimps und Sahne mit Panade drum herum, etwa handtellergro\u00df. Mein Handteller. J\u00fb erz\u00e4hlt, dass er aus dem s\u00fcdlichsten S\u00fcdkorea stamme, und dass er noch nie Schnee gesehen habe, bis er eingezogen worden war und ihn die Armee ihn in schneereiche Bergregionen \u201everschleppt\u201c habe. Seitdem sei er kein Freund von Schnee mehr. Die Aussage kommt mir \u00fcbertrieben vor, aber es ist schon schwer genug, sich jemanden wie J\u00fb in einem Kampfanzug vorzustellen, weil er viel zu intellektuell daf\u00fcr aussieht. SongMin auf der anderen Seite stellt sich als ein wenig eitel heraus, denn immer, wenn sie wei\u00df, dass sie fotografiert werden soll, nimmt sie ihre Brille ab. Ich lache dar\u00fcber. Und finde es ganz toll, dass meine Kamera ein TFT-Display hat, so dass ich die Kamera nicht offensichtlich vor meine Augen halten muss, um eine Aufnahme zu machen. So kriege ich also Bilder von ihr, auf denen sie echt aussieht. Ihre Brille hat jedenfalls eine wirklich umwerfende Vergr\u00f6\u00dferung. Sie sagt, ohne Brille sehe sie eigentlich nur gerade gut genug, um nicht gegen Laternenpf\u00e4hle zu laufen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Ju-Songmin-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3385\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Ju-Songmin-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Ju-Songmin-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Ju-Songmin-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Ju-Songmin-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Ju-Songmin.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">SongMin und J\u00fb 2003<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem R\u00fcckweg zeigen wir den beiden noch die anderen Lokale, die auf dem Weg von der Uni zu den Shimoda Heights liegen. Sie sagen, dass diese ihnen noch nicht aufgefallen seien. Ich hege Zweifel an dieser Aussage, weil niemand so blind sein kann; andererseits kann ich mir auch nicht vorstellen, warum man in dieser Situation eine Falschaussage machen sollte. Also lege ich die Sache ad Acta und schlage vor, auch mal Spie\u00dfe essen zu gehen.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich gehen wir in den Beny Mart, um Getr\u00e4nke zu kaufen. Dort f\u00e4llt mir dann auf, dass ich meine Handschuhe im Ramenladen habe liegen lassen. Also bringe ich mein Boco (und die um 133 Yen reduzierte Packung Sushi) nach Hause und mache mich noch einmal auf den Weg, meine Handschuhe zu holen. <br>Sie sind scheinbar unter den Tisch gerutscht, als ich meine Jacke angezogen habe. Ich entschuldige mich f\u00fcr die St\u00f6rung und nehme mir vor, besser auf meine Handschuhe zu achten \u2013 auch wenn sie nur 100 Yen gekostet haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab 21:00 l\u00e4uft im Fernsehen die japanische Version von <em>\u201eBad Boys\u201c<\/em> mit Will Smith. Nat\u00fcrlich der erste Teil, wahrscheinlich als Werbung f\u00fcr den hier gerade im Kino anlaufenden zweiten Teil. Ich glaube, ich h\u00f6re Will Smith lieber im Originalton. Das Ganze einmal auf Japanisch zu erleben, ist interessant, aber beim Thema Spielfilmsynchro m\u00fcssen die Japaner noch einiges lernen&#8230; der Ton h\u00f6rt sich zu k\u00fcnstlich an, denke ich. Und die Stimmen h\u00f6ren sich verstellt an (um in die Rollen zu passen). Nicht gut&#8230;<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Einem japanischen Sprecher w\u00fcrde ich zutrauen, eine solche kleine L\u00fcge vorzubringen, um mir so das angenehme Gef\u00fchl zu vermitteln, ich h\u00e4tte ihm etwas interessantes Neues erz\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Japan verf\u00fcgt \u00fcber eine Reihe der besten Synchronsprecher weltweit, es handelt sich dort um einen Ausbildungsberuf. Die besten arbeiten allerdings im Animebereich. Gleichzeitig hei\u00dft es, dass jedes Jahr 10.000 Menschen diesen Beruf erlernen \u2013 was also machen die alle? Jedenfalls keine Filmsynchro. Meine Vermutung ist, dass durch schlechte Vertonung der Wert der Importware gegen\u00fcber den heimischen Produktionen gesenkt werden soll, auf denen ein eindeutiger Fokus liegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute Mittag kommt einiges in schneller Reihenfolge. Kurz nach 12 ruft SangSu an und entschuldigt sich f\u00fcr sein Verhalten gestern. Er sagt, er k\u00f6nne sich kaum an den letzten Abend erinnern. Kopfschmerzen habe er keine, sagt er. Dann kommt er nach oben und bringt uns eine T\u00fcte mit acht \u00c4pfeln, als Schadensersatz. 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