{"id":3364,"date":"2023-11-18T11:33:53","date_gmt":"2023-11-18T10:33:53","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3364"},"modified":"2023-11-18T11:33:53","modified_gmt":"2023-11-18T10:33:53","slug":"dienstag-18-11-2003-die-unendliche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3364","title":{"rendered":"Dienstag, 18.11.2003 \u2013 Die unendliche Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 0700 sehe ich aus dem Fenster und werde von der Sonne angelacht. Das ist gut so. Der Gewohnheit folgend m\u00fcsste das Wetter aber ab 0900 schlechter werden, mit Bew\u00f6lkung und Regen ab 1200&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie hat f\u00fcr mich eine Episode <em>\u201e<\/em><em>Pokemon<\/em><em>\u201c<\/em> aufgezeichnet und ich sehe sie mir beim Fr\u00fchst\u00fcck an. Die derzeit laufende Staffel hei\u00dft <em>\u201e<\/em><em>Advanced Generation<\/em><em>\u201c<\/em>, und seit der ersten Staffel hat sich am Konzept nichts ge\u00e4ndert. Gut, die Zusammensetzung der Reisegruppe von Protagonisten ist anders. Als ich die Show zuletzt in Deutschland angesehen habe, und das schon eher zuf\u00e4llig, war Takeshi (\u201eRocko\u201c) nicht mehr dabei und durch irgendeinen Trottel ersetzt. In der <em>\u201e<\/em><em>Advanced<\/em><em>\u201c<\/em> Staffel ist Takeshi wieder dabei, daf\u00fcr fehlt Kasumi (\u201eMisty\u201c), die nun ihrerseits durch einen mir neuen weiblichen Charakter ersetzt wurde. Oh ja, und Satoshi (\u201eAsh\u201c) hat offenbar nach 600 Episoden endlich mal das Hemd gewechselt. Nat\u00fcrlich rennt er immer noch mit seinem Pikachu (Stufe 1294 mindestens) rum. Wie immer erscheint dann Team Rocket, also Musashi und K\u00f4jir\u00f4 (\u201eJesse\u201c und \u201eJames\u201c), die werden von den Helden in Richtung Mond geschossen und die Reise geht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei hatte ich in der Mitte der ersten Staffel noch das hoffnungsvolle Gef\u00fchl, dass sich eine Art Story entwickeln w\u00fcrde, die dann notwendigerweise auch einmal ein Ende haben m\u00fcsste&#8230; aber da wurde man ja bitter entt\u00e4uscht. Mir gefallen die japanischen Stimmen, vor allem Hayashibara Megumi (als Musashi) l\u00e4uft mir immer wieder sch\u00f6n in den Geh\u00f6rgang hinein, und auch Matsumoto Rika h\u00f6rt man aus Satoshi immer wieder raus, wenn man <em>\u201eY\u00fbgen Kaisha\u201c<\/em> (<em>\u201ePhantom Quest Corp.\u201c<\/em>) mal auf Japanisch gesehen hat. Aber genug davon. Ich langweile mich mit Pokemon ja schon selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Brille von Philips ist immer noch kaputt. Nichtsdestotrotz tr\u00e4gt er sie. Brillen m\u00fcssen in Japan ja ungeheuer teuer sein, dass ein Professor sich nicht innerhalb von zwei Wochen eine neue besorgen kann. Und die Hierarchie des buddhistischen Universums ist mir immer noch nicht klar. Wenn man sich gut benimmt, wird man m\u00f6glicherweise \u00fcber kurz oder lang als Gott in einer Art Himmel wiedergeboren. Nat\u00fcrlich ist man auch als Gott sterblich, da laut der Lehre alles verg\u00e4nglich ist. Aber nach meiner Interpretation des Buddhismus ist das Dasein als Gott auch eine Strafe \u2013 die G\u00f6tter k\u00f6nnen n\u00e4mlich nicht zur Erleuchtung gelangen (und darum geht es schlie\u00dflich im Endeffekt) \u2013 und sie leben schrecklich lange. Dementsprechend lange z\u00f6gert sich ihre Wiedergeburt als Mensch hinaus, und nur als Mensch kann man das Nirvana erreichen. Daher beneiden die G\u00f6tter die Menschen ja. Und umbringen darf man sich laut \u201eRegelwerk\u201c auch nicht. Und die Zeit in diesen Himmeln l\u00e4uft anders. Es gibt die Geschichte von zwei G\u00f6ttern, die aus dem Himmel heraus die Menschen betrachteten, sich zu weit vorlehnten und von ihrer Wolke fielen. Sie landeten in einer Geb\u00e4rmutter und wurden als Menschen geboren. Sie lebten dieses Leben, wurden alt und verstarben. Danach kehrten sie in den Himmel zur\u00fcck und andere G\u00f6tter fragten sie bei ihrer Ankunft, wo sie denn den halben Nachmittag gewesen seien&#8230;<br>Man muss als Gott also nicht erst der allgemeinen Endlichkeit anheim fallen, man kann auch unter anderen Umst\u00e4nden als nirvanaf\u00e4higer Mensch geboren werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor ich am Nachmittag anfange, meine Post zu schreiben, nehme ich ein Blatt Papier und schreibe Familie Jin einen kurzen Brief, in dem ich ihnen mitteile, dass ich inzwischen per Telefon erreichbar sei. Aber kaum dass ich eine Zeile geschrieben habe, erhalte ich meine erste Chance (seit ich in Hirosaki bin!), mit m\u00e4nnlichen Studenten zu reden. Mehr als zwei S\u00e4tze am St\u00fcck, sollte ich einschr\u00e4nken. <br>Es sind zwei Studenten, die offenbar als Tutoren arbeiten (= Austauschstudenten betreuen) und deshalb im Center sind. Damit sind es auch die ersten m\u00e4nnlichen Tutoren, die ich live zu Gesicht bekomme. Die beiden sind ein ungleiches Gespann. Der rechts neben mir tr\u00e4gt eine Brille und eine wei\u00dfe Winterjacke und macht einen akademischen Eindruck, er redet auch sehr deutlich, aber nicht so, dass man sich als Japanischlerner gleich \u00fcbertrieben vorsichtig behandelt vorkommt. Der andere, gegen\u00fcber von mir, hat braungef\u00e4rbte Haare, tr\u00e4gt braune Cordhosen und einen rot-braun gemusterten Strickpullover und redet v\u00f6llig normal \u2013 das hei\u00dft: f\u00fcr mein K\u00f6nnen eine kleine Spur zu schnell. Ich muss \u00f6fters nachfragen. Vor allem spricht er auf eine Art und Weise (und ich mache das am Tonfall fest), die mir den Eindruck vermittelt, dass er vor Langeweile gleich vom Stuhl f\u00e4llt, sich aber M\u00fche geben muss, das zu verbergen. Ich finde das nicht berauschend, aber ich will ihm keine b\u00f6se Absicht unterstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob ich schon japanische Freunde (<em>\u201etomodachi\u201c<\/em>) gefunden habe, wollen sie wissen. Nein, sage ich, weil ich <em>\u201eFreunde\u201c<\/em> als Leute definiere, die ich bereits einige Jahre kenne und mit denen ich trotzdem noch gut auskomme. Ich w\u00fcrde es also vorziehen, von <em>\u201eBekannten\u201c<\/em> (<em>\u201eshiriai\u201c<\/em>) zu sprechen. Davon h\u00e4tte ich bereits neun oder zehn. Und das seien alles Frauen. (Ein neidisches Raunen geht durch den Saal&#8230;)<br>Sie sagen mir, dass Deutschland in Japan vor allem wegen der hervorragenden Sozialleistungen einen guten Ruf habe, aber ich muss dabei doch auf die Einschnitte der vergangenen und der kommenden Jahre aufmerksam machen. Das sei in Japan nicht anders, sagen sie. Die beiden bereiten sich derzeit auch auf ihr Auslandsstudium vor; der Akademiker wird im kommenden Jahr nach Korea gehen, der Gelangweilte geht nach China.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letzterer muss schlie\u00dflich zur Arbeit und die Sitzgruppe l\u00f6st sich auf, ich bleibe mit meinem Postvorhaben zur\u00fcck. Aber viel ist es ja nicht und ich fahre im Anschluss gleich selbst vorbei, um meinen Brief in den Postkasten zu werfen. Falls ich den finde, ich kann mich nicht an einen solchen erinnern \u2013 aber wer sieht sich schon genauer die Haust\u00fcren von Leuten an, die man besucht? Bevor ich Gelegenheit habe, mir dar\u00fcber weiter Gedanken zu machen, als ich auf die Haust\u00fcr zugehe, \u00f6ffnet die Gro\u00dfmutter die T\u00fcr. Dann kann ich mir auch gleich vorstellen und ihr das Papier pers\u00f6nlich in die Hand dr\u00fccken. Sie ruft ihre Schwiegertochter die Treppe herunter, weil sie mit mir ja eigentlich nichts anfangen kann, und das bedauere ich sofort: Frau Jin hat sich offenbar vor wenigen Tagen bei einem Unfall den Fu\u00df gebrochen und bewegt sich daher recht umst\u00e4ndlich durch das Haus.<sup><a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> In diesem Monat wird es daher kein Treffen geben (was ich sehr bedauere), aber sie ist fest entschlossen, am Freitag ins Plaza Hotel zu kommen, um die \u201eInternational Party\u201c zu besuchen, trotz Kr\u00fccken, weil alle Studenten etwas zu essen mitbringen, was zu ihrem Land passt. Ich teile ihr mit, dass Melanie einen Nudelsalat machen will, und sie freut sich sehr darauf, ihn zu probieren. Man k\u00f6nnte das schon beinahe als Leistungsdruck bezeichnen&#8230; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Abend pr\u00e4sentiert Melanie mir die Gasrechnung, die sie im Briefkasten vorgefunden hat: 9000 Yen. Kommt etwa auf 65 bis 70 E raus. R\u00f6chel&#8230;<br>Dann hilft nur noch, die Duschzeit von zwanzig auf zehn bis f\u00fcnfzehn Minuten pro Person und Tag zu verk\u00fcrzen. Ich bin nicht bereit, diese Kosten hinzunehmen. Das Duschen muss die Hauptquelle dieser Kosten sein, denn so schrecklich viel Gas verbrauchen wir \u00fcber den Ofen beim Kochen ja wohl nicht&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Ich frage mich bis zum heutigen Tag, ob das Schrottauto an der Uni vom 14.11. 2003 nicht vielleicht auf ihr Konto geht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um 0700 sehe ich aus dem Fenster und werde von der Sonne angelacht. Das ist gut so. Der Gewohnheit folgend m\u00fcsste das Wetter aber ab 0900 schlechter werden, mit Bew\u00f6lkung und Regen ab 1200&#8230; Melanie hat f\u00fcr mich eine Episode \u201ePokemon\u201c aufgezeichnet und ich sehe sie mir beim Fr\u00fchst\u00fcck an. 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