{"id":3362,"date":"2023-11-17T09:07:54","date_gmt":"2023-11-17T08:07:54","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3362"},"modified":"2023-11-17T09:07:54","modified_gmt":"2023-11-17T08:07:54","slug":"montag-17-11-2003-denk-ich-an-deutschland-in-der-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3362","title":{"rendered":"Montag, 17.11.2003 \u2013 Denk ich an Deutschland in der Nacht&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieder strahlender Sonnenschein am Morgen. Melanie zeichnet Sprachsendungen auf; sie will eine kleine Sammlung von Aufnahmen haben, die zeigen, wie die verschiedenen Nationen den japanischen Kindern ihr Land, ihre Sprache und ihre Kultur n\u00e4herbringen wollen. Um sich das besser vorstellen zu k\u00f6nnen, sage ich folgendes dazu: Die Teams in diesen Sendungen bestehen in der Regel aus zwei Muttersprachlern, einem \u00e4lteren Japaner, der die Fremdsprache wohl studiert hat, und einer jungen Japanerin, deren Aufgabe es ist, bestimmte S\u00e4tze, die man ihr vorgibt, zu wiederholen, bzw. die Fragen zu stellen. Die Shows laufen ab in der jeweiligen Sprache, um die es geht, mit japanischen Untertiteln. Sendungen \u00fcber englische Sprache haben wohl den prozentual h\u00f6chsten Anteil, und einige davon sind gar nicht schlecht. Es wird in der Regel mit echten Darstellern gearbeitet, die kleinen Beitr\u00e4ge sind zum Teil recht lustig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beispiel: Eine amerikanische Austauschstudentin lernt Shamisen (grob: dreisaitige japanische Gitarre) zu spielen und bringt ihrer Lehrerin ein \u201eBananenbrot\u201c mit \u2013 eine Art R\u00fchrkuchen mit Bananenaroma, wie es aussieht. <br>Der Sohn der Lehrerin (Shin) ist im gleichen Alter wie die Studentin und sie gef\u00e4llt ihm offenbar. Er kommt nach Hause, ist hungrig, sieht den Kuchen und stopft sich sofort ein St\u00fcck in den Mund. Er verzieht das Gesicht und sagt (auf Japanisch) <em>\u201eWas ist denn das f\u00fcr ein&#8230; ???\u201c<\/em>, wobei er den Begriff <em>\u201ebozo-bozo\u201c<\/em> verwendet. Aus dem Kontext ist zu schlie\u00dfen, dass das kein gutes Urteil ist. Die Mutter ist \u201ebeunruhigt\u201c und weist den Sohn auf die Studentin hin, die er noch nicht bemerkt hat, worauf der Sohn verlegen l\u00e4chelt und sagt <em>\u201eOh&#8230; I just said that this is very good!\u201c<\/em> und die Mutter m\u00f6chte die Angelegenheit damit vergessen wissen. Dann kommt aber noch ein Amerikaner dazu, der offenbar mehr Japanisch beherrscht als seine Landsfrau. Sie sagt ihm, dass Shin das Bananenbrot als \u201ebozo-bozo\u201c bezeichnet habe, wobei man Shin die T\u00fcr hinauskriechen sieht. Und dabei zieht er seine Mutter auf dem Boden hinter sich her, weil sie sich an seinem Rucksack festh\u00e4lt, um ihn am Weglaufen zu hindern&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es gibt auch eine deutsche Sendung. Oha, das muss ich sehen.<br>Das Team nennt sich <em>\u201eWG Kunterbunt\u201c<\/em>&#8230; was bitte? Oh mein Gott&#8230; ich ahne B\u00f6ses&#8230;<br>Man bemerkt sofort den deutschen Planer hinter dem Machwerk \u2013 der ganze deutsche Weltschmerz wird in diese Sendung gepresst. Das Team besteht, wie erwartet, aus einem Japaner um die 40, einer Japanerin um die 25, einer Frau, die ich ethnisch nicht zuordnen kann (ca. 35 Jahre alt) und ein&#8230; einem Ding. Das Ding ist m\u00e4nnlich, um die 40, mit deutlichem Bauchansatz, blond, lockige Haare bis etwa zum Hals, der Hals wird gesch\u00fctzt von Muttis selbstgestricktem Schal und der Bauch verbirgt sich hinter Muttis Strickpullover, oberhalb der Cordhosen. So stelle ich mir den links-gr\u00fcn-alternativen Waldorfp\u00e4dagogen vor (ich habe aber noch keinen bewusst gesehen). Sieht man davon ab, dass der Mann hier ein Gesicht hat wie ein Metzgergeselle. Nat\u00fcrlich will ich hier keine Metzger diffamieren (mein eigener Bruder ist schlie\u00dflich einer), aber der Kerl sieht aus, als h\u00e4tte er zuhause die Reitpeitsche an der Wand h\u00e4ngen und den Rest von dem Spielzeug im Schrank versteckt. So zumindest mein erster Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und er legt auch gleich los: Heute stehen <em>\u201eernste Themen\u201c<\/em> an, sagt er. Dann l\u00e4uft der Lehrfilmbeitrag. \u201e<em>Die Abenteuer von Prinz Pipo\u201c<\/em>. Ach Du meine G\u00fcte&#8230; hat der Autor zu viel von Prinzessin Popo getr\u00e4umt?<br>Der Beitrag ist&#8230; ein Stop-Motion-Trickfilm, mit&#8230; mit Muttis handgestrickten Stoffpuppen. Prinz Pipo ist eine&#8230; eine Robbe? Zumindest sieht das Etwas so aus, sieht man von den Antennen am Kopf ab. Die \u00fcbrigen Figuren sind offenbar Menschen. Die Synchronsprecher geben sich alle M\u00fche, langsam und deutlich zu sprechen \u2013 und vernichten dabei den letzten Rest von nat\u00fcrlicher Sprechartikulation. Die Dialoge klingen dadurch noch viel gestelzter, als sie das sowieso schon sind. Melanie hat die Dialoge extra in ihrem Tagebuch vermerkt. Ich will mich daran eigentlich nicht erinnern, sonst bekomme ich Darmkr\u00e4mpfe. Aber ich will nicht so sein. Beispiele gef\u00e4llig?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pipo ist also unterwegs mit einer Mutter und ihrer Tochter, und sie wollen den Ehemann\/Vater besuchen, der verborgen im Wald in einer H\u00fctte lebt.<br>Mutter: <em>\u201eEr lebt hier allein im Wald (&#8230;) Manchmal frage ich mich, ob er mich \u00fcberhaupt noch liebt&#8230;\u201c<\/em><br>Tochter: <em>\u201eAch Mutti&#8230;\u201c<\/em><br>(Ja! Deutsches Mitleidsdrama in p\u00e4dagogisch geplanten M\u00e4rchen! Das wollen Kinder bestimmt sehen!)<br>Klopf-klopf. Der Vater \u00f6ffnet die T\u00fcr.<br>Pipo: <em>\u201eIch bin Prinz Pipo und&#8230;\u201c<\/em><br>Vater: <em>\u201eHach, ja, Ihr seid Prinz Pipo. Ich wei\u00df schon alles \u00fcber Sie.\u201c<\/em><br>(Sagte der da gerade <em>\u201eHach\u201c<\/em>??? Zack! Ohrfeige! Werft diesen Purschen zu Poden! Das sagt doch keiner! Und in Deutschland ist es also \u00fcblich, dem anderen einfach so das Wort abzuschneiden! P\u00f6se Teutsche!)<br>Vater: <em>\u201eWusstet Ihr eigentlich, dass in den vergangenen 50 Jahren die H\u00e4lfte des vorhandenen Regenwaldes abgeholzt wurde?\u201c<\/em><br>(Ojeojeoje! Gaaaaanz gr\u00fcn, liebe Freunde. Also quasi \u201eSuper Green\u201c.)<br>Wenn danach noch die Information gekommen w\u00e4re, bis wann denn alles verschwunden sein werde, dann w\u00e4re das ja nur halb so schlimm, aber nein: Schnitt! Hier ist der Beitrag zu Ende. Mitten in der beginnenden Konversation. Welcher Trottel&#8230; nein, ich glaube, ich wei\u00df es schon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es wird noch besser. Ja, das geht \u2013 Deutsche dieser Art haben schnell noch eine Steigerung zur Hand \u2013 deutsche Landeskunde! Die junge Japanerin sitzt also auf der Couch der simulierten WG und hat einen Bildband in der Hand. Der rotgr\u00fcne Siegfried kommt so daherspaziert, sieht das Buch und fragt: <em>\u201eWas hast Du denn da? Ah, ein Bildband \u00fcber Berlin.\u201c<\/em> Und der folgende Satz lie\u00df mir die Kinnlade auf den Schreibtisch fallen (ich h\u00e4tte jedenfalls meine Reissch\u00fcssel beinahe fallen lassen):<br>\u201e<em>Wusstest Du eigentlich, dass viele Geb\u00e4ude in Berlin eine militaristische Vergangenheit haben?\u201c<\/em><br>AAAAARRRGH!! Was sind da f\u00fcr Idioten am Werk? Es folgt ein Beitrag (<em>\u201eBerliner Facetten\u201c<\/em>) \u00fcber verschiedene Denkm\u00e4ler Berlins, wie das Brandenburger Tor oder die Siegess\u00e4ule und was der Anlass f\u00fcr den Bau jeweils war. Die Siegess\u00e4ule zum Beispiel wurde gebaut zur Erinnerung an den Sieg \u00fcber D\u00e4nemark anno 1864.<br>\u201e<em>Die Geschichte Berlins war bis 1945 eine Geschichte des Krieges.\u201c<\/em> (B\u00f6se, b\u00f6se!)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die n\u00e4chste Szene wechselt in ein (oder das?) Berliner Antikriegsmuseum: <em>\u201eNicht nur normale B\u00fcrger gehen in das Museum, sondern ab und zu kommt auch mal ein Berufssoldat vorbei.\u201c<\/em> (Pfui, ein potentieller Abnormer!)<br>Abgesehen davon, dass diese Vokabeln fragw\u00fcrdig sind, finde ich das ungeheuerlich, was ich da sehe und h\u00f6re. Ich bin der letzte, der eine Besch\u00f6nigung der deutschen Geschichte bef\u00fcrworten w\u00fcrde \u2013 aber diese Sendung ist doch f\u00fcr Kinder! Was f\u00fcr ein Bild von Deutschland \u2013 meiner Heimat! \u2013 wird denn hier vermittelt?<br>Nat\u00fcrlich gilt: Nichts darf vergessen werden. Aber sollten Kinder, die so klein sind, dass sie noch an \u201ePrinz Pipo\u201c Gefallen finden (k\u00f6nnten), gleich mit einem solchen Image (und den komplexen historischen Fakten dahinter) versorgt werden? Wenn ich mich mit Leuten, vor allem aus Asien, unterhalte, dann ist Deutschland ein Land der Kultur, der Musik und ein erstrebenswerter Sozialstaat. Das entspricht zwar nicht so hundertprozentig der Wahrheit, aber muss man denn so einseitig die Schattenseiten zu zeigen versuchen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als \u201eAusgleich\u201c gibt es einen Beitrag \u00fcber ein W\u00e4schereimuseum, ebenfalls in Berlin. Man sieht alte B\u00fcgeleisen, Mangeln, Waschbretter, die ersten \u201eWaschmaschinen\u201c (die man mit der Hand drehen musste) und dergleichen mehr. Das finde ich zwar auch nicht spannend, aber es ist nach der antifaschistischen Keule eben vor allem entspannend. Ein wenig \u201epraktischer\u201c (weil realit\u00e4tsverbunden) ist der \u201eSportbeitrag\u201c. Einer der Moderatoren in Deutschland kl\u00e4rt die japanischen Zuschauer \u00fcber Fu\u00dfballvokabeln auf. Nur eine Handvoll davon. Aber immerhin etwas. Auch wenn Fu\u00dfball nicht auf meiner \u201eMost Wanted\u201c Liste steht, finde ich diesen (kurzen) Beitrag noch am besten. Obwohl er das Klischee unterst\u00fctzt, dass alle Deutschen Fu\u00dfball spielen oder m\u00f6gen. Hey, wie w\u00e4re ein Beitrag \u00fcber deutsche Bierbrauereien, wenn wir schon dabei sind?<br>Das Programmheft hat noch eine weitere Deutschsendung auf Lager. Hoffentlich ist das was anderes. Melanie vermerkt die Zeit und wird die Sendung aufnehmen. Vielleicht rettet ja noch jemand Deutschlands Ehre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Nachmittag nach meinem Unterricht kommt Kazu ins Center. Weil sie mich da hat sitzen sehen. Ein bisschen Konversation also. Ich habe schon wieder v\u00f6llig vergessen, wie ich sie eigentlich kennen gelernt habe&#8230; wenn ich es nicht in meinem Tagebuch steht, werde ich mich nie erinnern, es sei denn, ich frage sie&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach schreibe ich meine Post, heute \u00fcber den 11.11.2003. Dabei kommt die Post an Natsumi wieder zur\u00fcck. Ah ja, eine Hotmail-Adresse. Es gibt nur mit Hotmail-Adressen solche Probleme. Auch andere Leute waren zwischendurch nicht erreichbar und von hotmail.com kam dann die Nachricht, dass der Empf\u00e4nger unbekannt sei. Und am Tag darauf war wieder alles in Ordnung&#8230; manchmal dauert es aber auch l\u00e4nger. Das ist vor allem dann nervt\u00f6tend, wenn ich Bilder versende, weil die immer erst einzeln hochgeladen werden m\u00fcssen. Wird ein Empf\u00e4nger nicht erreicht, muss ich f\u00fcr diesen die gesamte Prozedur wiederholen. Das ist nat\u00fcrlich nicht ultimativ anstrengend oder kraftraubend, aber es geht mir auf den Wecker. Es kann also zwei oder drei Newsletter Empf\u00e4nger geben, die nicht von jedem Tag eine Mitteilung haben \u2013 wer also einen oder mehrere Tage vermisst und den Bericht noch haben will, soll sich bitte melden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder strahlender Sonnenschein am Morgen. Melanie zeichnet Sprachsendungen auf; sie will eine kleine Sammlung von Aufnahmen haben, die zeigen, wie die verschiedenen Nationen den japanischen Kindern ihr Land, ihre Sprache und ihre Kultur n\u00e4herbringen wollen. Um sich das besser vorstellen zu k\u00f6nnen, sage ich folgendes dazu: Die Teams in diesen Sendungen bestehen in der Regel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[8,7],"tags":[2169,2163,55,462,2152,2164],"class_list":["post-3362","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-japan","category-mylife","tag-auslandsaufenthalt","tag-auslandsstudium","tag-deutschland","tag-fernsehen","tag-japan","tag-tagebuch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3362"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3362\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3363,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3362\/revisions\/3363"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}