{"id":3304,"date":"2023-11-02T12:18:47","date_gmt":"2023-11-02T11:18:47","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3304"},"modified":"2023-11-02T12:18:47","modified_gmt":"2023-11-02T11:18:47","slug":"sonntag-02-11-2003-ist-das-kruege-leeren-auf-dem-campus-nicht-eigentlich-verboten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3304","title":{"rendered":"Sonntag, 02.11.2003 \u2013 \u2026 Ist das Kr\u00fcge-leeren auf dem Campus nicht eigentlich verboten?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Kulturfest ist heute so richtig uninteressant. Es ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n, dass die Sonne scheint und angenehme Temperaturen herrschen, aber das Angebot an Aktivit\u00e4ten finde ich nicht sehr aufregend. Noch immer macht Nahrung den gr\u00f6\u00dften Teil des Angebots aus, aber ich bin nicht hungrig. Es kommt mir selbst seltsam vor. Ich gehe ein wenig durch die G\u00e4nge und treffe Nan und&#8230; ah, seinen Namen habe ich schon wieder vergessen. Jedenfalls einen weiteren der Thail\u00e4nder treffe ich mit ihr zusammen an.<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> Wir gehen durch zwei Stockwerke und h\u00f6ren uns einen kleinen Vortrag von Medizinstudenten an. Ich glaube, es geht um falsche Di\u00e4tvorstellungen, die durch die Werbung vermittelt werden. Aber das war auch schon alles, was ich aus dem Gesagten herausinterpretieren kann. Verstanden habe ich so richtig gar nichts. Akustisch ging es ja gerade so, weil ich einen halben Meter neben der jungen Frau stand, die den Laptop bediente und die Grafiken koordinierte. Bei ihrer Lautst\u00e4rke d\u00fcrfte aber bereits jemand, der nur einen Meter weiter als ich entfernt sa\u00df, bereits nichts mehr geh\u00f6rt haben. Und das auch erst, nachdem ich sie aufgefordert hatte, lauter zu sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Schritte weiter bieten die Mediziner alle m\u00f6glichen Getr\u00e4nke an, in einem abgedunkelten Raum, der einen gem\u00fctlichen Eindruck macht. Es gebe auch Sake, sagt mir die Studentin am Eingang. Sie tr\u00e4gt, wie \u00fcbrigens alle Medizinstudenten in diesen Tagen, einen wei\u00dfen Labor-Kittel mit blutroten Flecken. Leider ist mein Fotoapparat voll. Ich komme ja nicht an den Rechner ran, in dem ich meine Bilder ablege, weil das Center zu ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt hier also Sake. Aha. Ist das auf dem Campus nicht eigentlich verboten? Sie antwortet mit einem undefinierbaren, aber viel sagenden Kichern. Soso. Ich bin nicht abgeneigt, aber um 14:00 am fr\u00fchen Nachmittag m\u00f6chte ich noch keinen Alkohol trinken. Wie lange denn ge\u00f6ffnet sei? Bis um 17:00, sagt sie. Nat\u00fcrlich, dann ist ja Schluss mit Fest f\u00fcr heute. Dann also nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im dritten Stock befindet sich ein Raum, in dem Brettspiele gespielt werden, und der Anteil an deutschen Spielen ist auff\u00e4llig, denn eigentlich ist mir der Raum nur deshalb aufgefallen, weil an der Tafel neben all den Kana- und Kanjikombinationen auch etwas steht, was ich ohne nachzudenken lesen kann: <em>\u201e6 nimmt\u201c<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei handelt es sich um ein Kartenspiel. Ich habe aber nie davon geh\u00f6rt. Ich gehe hinein und lese die Anschrift an der Tafel. Hier gibt es <em>\u201eDie Siedler von Catan\u201c<\/em>, <em>\u201eBohnanza\u201c<\/em>, <em>\u201eScotland Yard\u201c<\/em>, und andere mehr. Aber dass das Spiele sind, die aus Deutschland stammen, wei\u00df hier keiner. Hier ist nichts, was mich aufh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sattle mein Rad und fahre wieder nach Hause. Aber da will ich auch nicht lange bleiben, weil das Wetter so gut ist. Ich nehme meinen Lesestoff (zum Thema \u201eBuddhismus\u201c) mit und fahre einfach mal irgendwohin. Einfach einer Stra\u00dfe nach (grob nach Westen), die ich nicht kenne. Nach ein paar Kilometern finde ich einen Golfplatz. Na ja, eigentlich ist es kein Golfplatz, sondern einer dieser hoch eingez\u00e4unten Abschlagpl\u00e4tze. Und kaum habe ich ihn gesehen, verklemmt sich meine vordere Gangschaltung, und ich kann nur noch die untersten sieben G\u00e4nge verwenden. Ich fummele ein bisschen daran herum, finde aber das Problem nicht. Wenn ich schon mal da bin, kann ich den Leuten auch mal beim Abschlagen zusehen. Die Kunden stehen in einzelnen Kabinen, zwei \u00fcbereinander, sieben nebeneinander, und schlagen einen Ball nach dem anderen einfach weg. Der Ball wird dann ca. 100 Meter weiter, da wo ich stehe, von den ca. 30 Meter hohen Netzen aufgefangen und bleibt am Rand liegen, um irgendwann eingesammelt zu werden. Allerdings hat das Netz auch kleine L\u00f6cher und L\u00fccken, durch die Golfb\u00e4lle beim herunterrollen hindurchschl\u00fcpfen k\u00f6nnen. Ich sammele ein paar davon auf. Es liegt auch etwas Metallschrott in der Gegend rum und ich suche mir eine kleine Metallstange, die ich an den Rahmen klemme und meinen Draht der Gangschaltung auf diese Art und Weise so spanne, dass sie immerhin auf das mittlere Zahnrad fixiert bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Textlesen komme ich an dem Golfplatz auch nicht weit. Kaum sitze ich ein paar Minuten, wird mein Sichtfeld nebelig. Aber da kommt kein gew\u00f6hnlicher Nebel auf mich zu. Irgendwo verbrennt wohl ein Bauer sein Reisstroh. Die Sichtweite sinkt unter 100 Meter und es stinkt furchtbar. Ich fahre wieder davon. Allerdings bin ich auf dem Hinweg einen steilen Berg heruntergekommen, den ich nicht hochfahren oder \u2013laufen will. Ich entscheide mich, den H\u00fcgel in n\u00f6rdlicher Richtung zu umgehen. Allerdings muss ich doch zwischendurch anhalten und fragen, wo ich eigentlich bin und wie ich nach Nakano komme. Bis ich dann die n\u00e4chste Sitzgelegenheit gefunden habe, ist es schon beinahe dunkel, aber es ist ein Spielplatz mit Laterne. Leider paart sich die Dunkelheit schnell mit einer unangenehmen K\u00fchle. Unangenehm vor allem deshalb, weil ich gew\u00f6hnlich schnell fahre und mein R\u00fccken unter dem Rucksack deshalb schwei\u00dffeucht ist. Aber ein paar Seiten gehen noch und ich erhalte meine ersten Einsichten in die Lehre des Buddhismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und solch seltsame Dinge habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Dass es keine Seele gebe, kann ich akzeptieren. Aber was wird wiedergeboren? Das Karma. Aha. Das wird von einem Leben ins n\u00e4chste weitergereicht. Das Karma ist wie ein Sparbuch f\u00fcr gute und b\u00f6se Taten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es mangelt allen Dingen an Ego\u2026 an \u201eSubstanz\u201c. Aber wenn es mir an Ego mangelt und ich keine Seele habe, was landet dann im Idealfall irgendwann im Nirvana? Was habe ich davon, wenn mein tolles Karma im Paradies ist, ich aber nichts davon mitbekomme? Das kommt mir vor, als h\u00e4tte ich zum Zeitpunkt meines Todes eine Unmenge Geld auf meinem Konto und das Sparbuch landet, in Gold eingerahmt, in einem bedeutenden Museum. Ich interpretiere, dass das Nirvana ein Ort sein m\u00fcsste, an dem man in Form eines gef\u00fchlsbef\u00e4higten Wesens geboren wird (damit man die Wonnen auch erkennen und auskosten kann), und auch wieder sterben kann, um woanders geboren zu werden, falls man sich im Nirvana daneben benommen hat??? Das muss ich noch hinterfragen.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute l\u00e4uft, wie seit mindestens zwei Wochen angek\u00fcndigt, der Film <em>\u201eGladiator\u201c<\/em> (ja, mit Russel Crowe) im japanischen Fernsehen, in japanischer Sprache. Ich will \u00fcber die Qualit\u00e4t der Synchro (die Vertonung der Stimmen) auch gar nichts sagen, sondern nur den interessantesten Punkt nennen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz zu Beginn, wenn der Tribun Maximus durch die Reihen seiner M\u00e4nner schreitet, stehen sie auf und rufen tats\u00e4chlich, wie von mir zuvor eigentlich nur scherzhaft vermutet, ehrf\u00fcrchtig: <em>\u201eSh\u00f4gun!\u201c<\/em> Man hat also seine Funktion \u00fcbersetzt, anstatt das Fremdwort (<em>\u201eToribuun\u201c<\/em>) zu \u00fcbernehmen. Und dann wird Maximus die ganze Zeit \u00fcber \u201eSh\u00f4gun\u201c genannt. Und wegen der riesigen kulturellen Spalte zwischen R\u00f6mern und Japanern wirkt es wirklich lustig. Man denkt ja eher an einen besonders feierlich herausgeputzten Samurai in alter japanischer R\u00fcstung, wenn man \u201eSh\u00f4gun\u201c h\u00f6rt, nicht wahr?<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Sein Name ist Wiirit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> \u201eDas Nirvana\u201c ist kein Ort, wie \u201eder Himmel\u201c, sondern der Zustand der v\u00f6lligen Aufl\u00f6sung. Nirvana ist Abwesenheit von Leid durch Nichtexistenz. F\u00fcr Menschen, die mit j\u00fcdisch-christlichen Jenseitsvorstellungen aufgewachsen sind, mag das schwer nachzuvollziehen sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> Sh\u00f4gun bedeutet aber ganz generell \u201eOberbefehlshaber\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kulturfest ist heute so richtig uninteressant. Es ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n, dass die Sonne scheint und angenehme Temperaturen herrschen, aber das Angebot an Aktivit\u00e4ten finde ich nicht sehr aufregend. Noch immer macht Nahrung den gr\u00f6\u00dften Teil des Angebots aus, aber ich bin nicht hungrig. Es kommt mir selbst seltsam vor. 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