{"id":3234,"date":"2023-10-14T13:47:21","date_gmt":"2023-10-14T11:47:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3234"},"modified":"2023-10-14T13:47:21","modified_gmt":"2023-10-14T11:47:21","slug":"dienstag-14-10-2003-die-wahrheit-ist-irgendwo-da-draussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3234","title":{"rendered":"Dienstag, 14.10.2003 \u2013 Die Wahrheit ist irgendwo da drau\u00dfen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute wei\u00df ich nicht, wo ich anfangen soll. Am besten am Beginn des Tages.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuerst Unterricht bei Yamazaki-sensei. Diesmal ohne gemeinsames Phrasenwiederholen. Hat er den Unmut bemerkt? Wie auch immer. So gut gelaunt war ich nach einem Unterricht schon seit Wochen nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach folgt die erste Unterrichtseinheit \u201e<em>Einf\u00fchrung in das Studium des Buddhismus<\/em>\u201c. In dem Kurs sitzen zehn Leute. Der Dozent ist Professor John Phillips, und er musste nicht erst sagen, dass er Amerikaner ist \u2013 man sieht es ihm sofort an. Aber es ist auch nicht nur seine Ausstrahlung, ich fand vor allem diese \u00fcbertrieben gro\u00dfe G\u00fcrtelschnalle auff\u00e4llig, auf der sein Name geschrieben steht. Der Mann ist eigentlich Spezialist f\u00fcr afrikanische Geschichte, genauer f\u00fcr die Haussa in Nigeria. Er spricht deren Sprache und auch Arabisch. Was macht der also in Japan? Japan sei ein Land, in dem Afrika keine \u201eGeschichte\u201c hat, sondern nur \u201eAnthropologie\u201c. Und wie kommt er zu einem Seminar \u00fcber Buddhismus? Er sagt, er interessiere sich f\u00fcr Religion im weitesten Sinne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man merkt allerdings schnell, dass er \u00fcberhaupt kein Interesse daran hat, in Japan zu bleiben. Oder hatte: Er hat eine Familie hier. Hm. Vielleicht will er warten, bis sein Nachwuchs einen Schulabschluss hat? Wie dem auch sei. Er lebt bereits seit einigen Jahren in Japan, man sagt, er sei seit zehn Jahren hier, aber schreiben hat er nie gelernt. Als er z.B. \u201e<em>Daikoku<\/em>\u201c, eine Gottheit, die man mit den Kanji f\u00fcr \u201e<em>gro\u00df<\/em>\u201c und \u201e<em>schwarz<\/em>\u201c schreibt (??), vorstellen m\u00f6chte, bittet er einen japanischen Teilnehmer, das zu schreiben. Unterrichtsvorbereitung? Mangelhaft. Wenn er japanische Begriffe in den Mund nimmt (die Bezeichnung ist ganz treffend), bluten meine Ohren. Sehr amerikanisch gepr\u00e4gt. Ein wirklich sympathischer Mann, aber irgendwie fehl am Platz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach diesem Unterricht werde ich auf Anfrage endlich \u00fcber das finanzielle Gebaren hier aufgekl\u00e4rt. Mir wurde vor einigen Tagen eigentlich nur mitgeteilt, dass ich als <em>AIEJ<\/em> Stipendiat (das hei\u00dft, das Geld kommt aus dem Fond der Universit\u00e4t Hirosaki) nicht auf ein Bankkonto angewiesen sei. Melanie dagegen erh\u00e4lt ein staatliches Stipendium, und daf\u00fcr braucht sie ein Konto und einen \u201eHanko\u201c, eine Art Stempel, der als Unterschriftsersatz dient. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass auch <em>AIEJ<\/em> Gelder auf ein Konto \u00fcberwiesen w\u00fcrden, das erscheint mir ein normaler und ordentlicher Vorgang zu sein. Aber das war weit gefehlt. <em>AIEJ<\/em> Stipendiaten erhalten ihr Geld <em>in bar!<\/em> 80000 Yen, monatlich, <em>in bar!<\/em> Sait\u00f4-san, die zust\u00e4ndige Angestellte, spricht die Leute dann zu entsprechender Zeit an und bittet um eine Unterschrift, worauf man einen Umschlag mit dem Geld erh\u00e4lt, das einem zusteht. Wer h\u00e4tte das gedacht? Niemand hat mich jemals darauf vorbereitet, dass es so was noch gibt. Jetzt bin ich seit mehr als zwei Wochen hier, ohne dass mir das jemand gesagt h\u00e4tte, und auch in Trier hat mich niemand informiert. Aber ich kann mich auch nicht mehr erinnern, ob es in den Unterlagen zu lesen war, die ich erhalten habe. Das h\u00e4tte mir auffallen m\u00fcssen, aber ich erinnere mich nicht. Die entsprechenden Personen sollen das bitte nicht als Vorwurf auffassen. Ich war nur etwas fassungslos, dass Transaktionen von diesem Geldumfang in bar get\u00e4tigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann aber f\u00e4ngt der Spa\u00df so richtig an. Ich habe f\u00fcr meine Wohnung einen Versicherungsbetrag in H\u00f6he von 7500 Yen gezahlt. Davon erstattet mir die Universit\u00e4t 2500 Yen zur\u00fcck. Aber nur per \u00dcberweisung auf ein ordentliches Bankkonto! Ein Konto der Postbank, das ich f\u00fcr meine Nebenkosten\u00fcberweisungen eingerichtet habe, wird nicht akzeptiert. Ich will aber kein weiteres Konto er\u00f6ffnen und kann durchsetzen, dass dieses Geld an Melanie \u00fcberwiesen wird. Und dann kommt der n\u00e4chste Scherz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regierung hat im Rahmen des Antiterrorpakets ein Gesetz erlassen, nach dem Banken keine automatischen \u00dcberweisungen (also Dauerauftr\u00e4ge) f\u00fcr Personen ausf\u00fchren d\u00fcrfen, die weniger als sechs Monate in Japan wohnen. Das hei\u00dft, Melanie muss ihre \u00dcberweisungen \u201emanuell\u201c machen, also die Rechnung zur Bank bringen und mit einem Formular das Geld \u00fcberweisen. Nach sechs Monaten erst kann das Geld von den Firmen per Bankeinzug abgebucht werden. F\u00fcr ein Bankkonto braucht man auch die <em>\u201eAlien Registration Card\u201c<\/em> (die von Japanern vorgenommene \u00dcbersetzung f\u00fcr <em>\u201eGaikokujin T\u00f4roku Sh\u00f4meisho\u201c<\/em>), die man erh\u00e4lt, wenn man als Ausl\u00e4nder f\u00fcr l\u00e4nger als 90 Tage in Japan lebt. F\u00fcr ein <strong>Post<\/strong>bankkonto braucht man keine solche Karte, es k\u00f6nnte also damit zusammenh\u00e4ngen, dass die Postbank seltener akzeptiert wird. Aber die Postbank akzeptiert sofort automatische \u00dcberweisungen, ohne Wartezeit von sechs Monaten. Zum Gl\u00fcck akzeptieren die Gas- und Stromlieferanten die Postbank.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter erfahre ich, dass aber die Krankenversicherung nur \u00fcber eine \u201eordentliche\u201c Bank \u00fcberwiesen werden kann. Na toll. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich <strong>kein<\/strong> Konto daf\u00fcr brauche, sondern eine Bareinzahlung t\u00e4tigen kann. Zumindest habe ich die Hoffnung, dass das geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Abend gibt Melanie mir die Kundenkarte f\u00fcr den BeniMart, die sie unter Anleitung von Yumi, Marcs Freundin, angeschafft hat. Diese Karten tun folgendes: Zun\u00e4chst einmal erh\u00e4lt man auf alles, was man kauft, 5 % Rabatt. Das ist nicht die Welt, aber es ist eben genau der Betrag der Konsumsteuer, die auf die Waren erhoben wird. Falls ich es noch nicht erw\u00e4hnt habe, m\u00f6chte ich an dieser Stelle einf\u00fcgen, dass diese Steuer nicht in den aufgedruckten Warenpreis einflie\u00dft. Da stehen also z.B. 100 Yen auf dem Schild, aber an der Kasse bezahlt man dann 105. Die Kundenkarte revidiert das also. Und f\u00fcr jeweils 100 Yen Warenpreis erh\u00e4lt man einen Treuepunkt. Und einmal am Tag kann man an einen Automaten gehen und den Strichcode der Karte einlesen lassen. Daraufhin erscheinen die BeniMart Maskottchen (die <em>\u201eBeni-Rangers\u201c<\/em>) und man sucht einen aus, der dem Kunden eine zuf\u00e4llige Zahl von Punkten schenkt, im Bereich von 1 bis 5. Wenn man eine bestimmte Zahl von Punkten erkauft hat, bekommt man ein Guthaben gutgeschrieben, f\u00fcr das man dann umsonst einkaufen kann. Das ist nicht gerade umwerfend. Ich freue mich weit mehr \u00fcber die 5 % Rabatt.<sup><a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Benimart-450x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3235\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Benimart-450x600.jpg 450w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Benimart-225x300.jpg 225w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Benimart-768x1024.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Benimart-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Benimart.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Beni Mart<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Nach meinem Abgang aus Hirosaki am 03. September 2004 blieb Melanie noch ein paar Tage vor Ihrer Reise nach Tokyo und lebte w\u00e4hrend dieser Zeit kostenlos von den angesammelten Punkten der vergangenen elf Monate. Die machen also durchaus Sinn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute wei\u00df ich nicht, wo ich anfangen soll. Am besten am Beginn des Tages. Zuerst Unterricht bei Yamazaki-sensei. Diesmal ohne gemeinsames Phrasenwiederholen. Hat er den Unmut bemerkt? Wie auch immer. So gut gelaunt war ich nach einem Unterricht schon seit Wochen nicht mehr. Danach folgt die erste Unterrichtseinheit \u201eEinf\u00fchrung in das Studium des Buddhismus\u201c. 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