{"id":3149,"date":"2023-10-03T08:28:29","date_gmt":"2023-10-03T06:28:29","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3149"},"modified":"2023-10-04T08:36:38","modified_gmt":"2023-10-04T06:36:38","slug":"donnerstag-02-10-2003-horch-was-kommt-von-draussen-rein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3149","title":{"rendered":"Donnerstag, 02.10.2003 \u2013 Horch, was kommt von drau\u00dfen rein?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer heftig durchregneten Nacht folgt ein halbwegs sonniger Morgen mit ein paar Wolken.<br>Was sagen die Nachrichten da? In der Umgebung von Hirosaki ist gestern eine Obersch\u00fclerin (d.h. zwischen 15 und 18 Jahre alt) entf\u00fchrt worden, aber sie konnte gerettet werden, weil der Entf\u00fchrer nicht darauf geachtet hat, ihr das Handy wegzunehmen. Sie sa\u00df zwar neben ihm auf dem Beifahrersitz, war aber angewiesen worden, den Kopf unten zu halten, und diese Stellung brachte ihr den notwendigen Sichtschutz, um heimlich Textnachrichten versenden zu k\u00f6nnen. Der Mann wurde also bald darauf gefasst. Es muss ein arger Dilettant gewesen sein. Und das spielt sich gleich in der ersten Woche nach meiner Ankunft quasi direkt in meiner Nachbarschaft ab (im weitesten Sinne). Da f\u00fchle ich mich doch sofort gelassen und unangreifbar!<br>Was bringen sie denn noch? Aha, ein Bericht \u00fcber Designernahrung. Und das hei\u00dft? Es gibt also neuerdings f\u00fcr alte Leute mit schlechten oder falschen oder gar keinen Z\u00e4hnen spezielle Gerichte, die aussehen und schmecken wie das Original, aber das Material ist ganz weich und kann ohne Probleme zerkaut werden. Aus solchen Berichten erh\u00e4lt man den Eindruck, Japan sei ein durch und durch hochmodernes und hochgradig technisiertes Land, aber wenn ich so durch die Stra\u00dfen gehe und mir das Stadtbild ansehe, den Zustand der Stra\u00dfen allgemein und den Zustand mancher bewohnter H\u00e4user weiter drau\u00dfen, dann erinnert mich das irgendwie an das Bild, das ich als Kind in den Achtziger Jahren von Frankreich hatte, sofern ich es aus dem Grenzgebiet Lothringen kannte. Sieht alles ein bisschen verlottert aus. Nat\u00fcrlich hat sich in Frankreich einiges getan seit den Achtzigern. Zum Beispiel sind die franz\u00f6sischen Landstra\u00dfen mittlerweile besser als die deutschen. Aber in Japan sind die Stra\u00dfen etwas verbesserungsbed\u00fcrftig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine soziale Situation wird sich heute radikal ver\u00e4ndern: Melanie kommt. Einer der Lehrer des Centers, Kashima-sensei, wird nach Aomori fahren und sie abholen, und ich komme nat\u00fcrlich mit.<br>Auf der Fahrt unterhalten wir uns \u00fcber dieses und jenes, aber ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich gelernt habe, dass ein Laden, an dessen Eingang \u201ePaama\u201c zu lesen ist, keinen Schinken verkauft, sondern dass es sich dabei um einen Frisiersalon f\u00fcr Damen handelt. Denn das betreffende Wort hat nichts mit \u201eParma\u201c zu tun, sondern mit dem englischen Begriff \u201ePerm\u201c, und dabei handelt es sich um \u201eDauerwellen\u201c. Es gibt eine lustige Sequenz aus dem biografischen Manga von Hayashibara Megumi, in der sie, noch als Obersch\u00fclerin, in einen solchen Laden geht, um sich eine \u201ePaama\u201c Frisur herrichten zu lassen \u2013 ohne zu wissen, was das eigentlich ist, und nur aus dem Grund, weil die Regeln ihrer Schule jegliche Frisuren au\u00dfer nat\u00fcrlich glattem Haar verboten. Sie war nat\u00fcrlich vom Endergebnis nicht begeistert, und ich kann mir vorstellen, dass es etwas peinlich sein k\u00f6nnte, statt den Rebellen f\u00fcr einige Zeit die Gro\u00dfmutter raush\u00e4ngen lassen zu m\u00fcssen.<br>Wie dem auch sei, ich habe von Kashima-sensei einen sehr positiven Eindruck. Er hat offenbar einige Jahre als Sprachlehrer in den USA verbracht und spricht daher ein wirklich gutes Englisch, mit lediglich einigen Akzentproblemen. Ich ziehe es aber vor, Japanisch zu reden, so schwer es mir jetzt im Moment auch f\u00e4llt, aber von nichts kommt nichts.<br>Als wir am Flughafen aus dem Wagen steigen, ist der Flug bereits angekommen und die Passagiere sind ausgestiegen. Ich erkenne Melanie sofort in der Halle, auch wenn sie reichlich anders aussieht, als normalerweise. In einen dicken Pullover eingepackt sieht sie gerade aus wie ein kugelrunder Zombie mit geschwollenen Augen. Offenbar hat sie im Flugzeug genauso viel geschlafen wie ich. Sie ist auch todm\u00fcde und geistig kaum anwesend. Ich will beinahe behaupten, sie ist noch weniger zurechnungsf\u00e4hig als ich vor ein paar Tagen.<br>Au\u00dfer Melanie ist auch eine weitere eher rundliche junge Frau angekommen, die an der Universit\u00e4t von Hirosaki ihr Auslandsstudium absolvieren will. Sie hei\u00dft Glenn und stammt von den Philippinen. Da mit Melanie nicht viel los ist, lassen wir Glenn ein bisschen was erz\u00e4hlen, und sie redet halt Englisch. Wir k\u00f6nnen kein Tagalog und auch kein Spanisch, und ihr Japanisch ist noch gar nicht vorhanden. Sie sagt, au\u00dfer \u201eGuten Tag\u201c und \u201eVielen Dank\u201c und ein paar anderen kleineren Vokabeln spreche sie kein Wort Japanisch. Ich bewundere sie f\u00fcr ihren Mut, dennoch nach Japan zu kommen. Sie erz\u00e4hlt au\u00dferdem, dass sie einen Abschluss in Englisch gemacht habe und nun Lehramtsstudentin sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Melanie meldet sich schnell im Center an und wird dann in unsere Wohnung verfrachtet, wo sie sich erst mal ausschlafen soll. Ihre b\u00fcrokratischen Formalit\u00e4ten sollen ab morgen erledigt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer heftig durchregneten Nacht folgt ein halbwegs sonniger Morgen mit ein paar Wolken.Was sagen die Nachrichten da? In der Umgebung von Hirosaki ist gestern eine Obersch\u00fclerin (d.h. zwischen 15 und 18 Jahre alt) entf\u00fchrt worden, aber sie konnte gerettet werden, weil der Entf\u00fchrer nicht darauf geachtet hat, ihr das Handy wegzunehmen. 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