{"id":3147,"date":"2023-10-01T10:16:36","date_gmt":"2023-10-01T08:16:36","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3147"},"modified":"2023-10-12T09:02:27","modified_gmt":"2023-10-12T07:02:27","slug":"mittwoch-01-10-2003-also-sprach-zarathustra","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3147","title":{"rendered":"Mittwoch, 01.10.2003 \u2013 Also sprach Zarathustra\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">05:46 Uhr, Sonnenaufgang in Hirosaki. Ich brauche mich nur ein wenig vom Kopfkissen zu erheben und kann ihn bewundern. Ich bin sehr beeindruckt. Man k\u00f6nnte sagen: \u201eIch bin tief bewegt.\u201c Und ich bin dem Schicksal ein weiteres Mal dankbar, dass ich etwas solches erleben darf. Ich bin dem Schicksal \u00fcbrigens auch f\u00fcr den Umstand dankbar, dass ich zwei Balkont\u00fcren nach Osten habe: Die Sonne scheint mitten in die Wohnung und heizt meine R\u00e4ume!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf einem Futon zu schlafen, ist f\u00fcr einen Mitteleurop\u00e4er etwas gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. Ich meine hier einen echten Futon. Das, was man in Europa als Futon verkauft bekommt, ist ein europ\u00e4isch-japanisches Mittelding, gewisserma\u00dfen ein Bettrahmen mit sehr kurzen Beinen und einer wie auch immer speziell gearteten Matratze drin. Nichts dergleichen habe ich hier. Der japanische Futon besteht aus einer Matratze, die d\u00fcnn genug ist, um am Morgen auf das Balkongel\u00e4nder geh\u00e4ngt und mittags eingerollt in den Schrank einger\u00e4umt zu werden. Das hei\u00dft, man sp\u00fcrt den Boden durch das Ding. Aber das ist bei weitem nicht so unangenehm, wie sich das vielleicht anh\u00f6rt, ich habe gerade ganz hervorragend darauf geschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Staubsauger hier stellt eine interessante Konstruktion dar. Das liegt jetzt nicht unbedingt daran, dass es sich um einen Akkusauger handelt, der den ganzen Tag in seiner Ladestation verbringt, nein, das interessante an dem Ger\u00e4t ist, dass es keine Staubt\u00fcten verwendet. Stattdessen befindet sich an der entsprechenden Stelle ein durchsichtiger Plastikbeh\u00e4lter, stabil wie ein hochwertiger Trinkbecher, in den die Luft den eingesaugten Schmutz hineinwirbelt. Am Kopfende befindet sich der Luftfilter, durch den die Luft hinausstr\u00f6mt und der die Staubpartikel zur\u00fcckh\u00e4lt. Man muss den Becher nach sp\u00e4testens zwei Wohnungss\u00e4uberungen entleeren, aber das ist nun wirklich keine nennenswerte M\u00fche. Hat sich da nur einfach jemand eine intuitiv gute Idee geleistet oder liegt dieses Konzept daran, dass Japan das Land der Modellbauer (mit ihren vielen kleinen Einzelteilen) ist? Wenn hier mal was durch den Schlauch rutscht, was da nicht hineingeh\u00f6rt, dann kann man es ohne Probleme wieder herausfischen. Zuhause m\u00fcsste ich den Papiersack aufschneiden und in einer Menge Dreck w\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe auch das Gef\u00fchl, dass man hierzulande keine M\u00fcllt\u00fcten zu kaufen braucht. Man wird ja in jedem Supermarkt mit Plastikt\u00fcten versorgt, egal, wie viel oder wie wenig man kauft, man kriegt eine knapp durchsichtige Plastikt\u00fcte. \u00dcberhaupt k\u00fcmmert man sich hier sehr um den M\u00fcll. An (fast) jedem Tag der Woche wird eine Art von M\u00fcll abgeholt. Man wird also schnell sein Zeug los und hat nicht lange stinkende T\u00fcten herumstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Adresse hier lautet \u00fcbrigens<br>036-8155 Hirosaki-shi<br>Nakano 5 Ch\u00f4me 10-27<br>Shimoda Heights II 303<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/200310-Shimoda-Heights-II-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3199\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/200310-Shimoda-Heights-II-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/200310-Shimoda-Heights-II-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/200310-Shimoda-Heights-II-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/200310-Shimoda-Heights-II-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/200310-Shimoda-Heights-II.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Shimoda Heights II<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Hirosaki f\u00fchle ich mich in der Tat ein bisschen wie in S\u00fcdtirol, sieht man davon ab, dass die Berge hier viel kleiner sind. Aber es gibt Apfelfelder in gro\u00dfer Zahl und mit gro\u00dfen Ausma\u00dfen. Au\u00dferdem sind die \u00c4pfel, wie bereits erw\u00e4hnt, pink und gr\u00f6\u00dfer als meine Faust. Ich glaube kaum, unter was f\u00fcr Lasten sich die B\u00e4ume hier biegen! Unter den B\u00e4umen liegen Plastikplanen, damit die \u00c4pfel \u201esauber\u201c fallen und nicht den Boden ber\u00fchren. Und die \u00c4pfel sind wirklich gut \u2013 die besten, die ich je gegessen habe. Sie sind nicht zu s\u00fc\u00df und nicht zu sauer und haben dabei einen ganz hervorragenden Geschmack. Ich mag gar nicht mehr daran denken, was f\u00fcr ein zweitklassiges Zeug ich nach meiner Heimkehr zuhause essen muss! Na gut, Spa\u00df muss sein. Ich bin ja nicht anspruchsvoll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hunde hier bellen Passanten nicht grunds\u00e4tzlich an, bemerke ich bei meinem Spaziergang. Das hei\u00dft, einige Exemplare, die an Leinen vor Haust\u00fcren liegen, st\u00f6ren sich gar nicht an mir, w\u00e4hrend andere, die in K\u00e4figen gehalten werden, schon aggressiver reagieren. Gut, wenn ich in einem K\u00e4fig leben m\u00fcsste, w\u00e4re ich wohl auch gereizt. Die Katze vom Nachbarn dagegen reagiert direkt panisch auf mein Erscheinen. Als ich mich ihr n\u00e4here, um an ihr vorbeizugehen, ergreift sie schlagartig die Flucht und sprintet um die Hausecke, dass die kleinen Schottersteine nur so durch die Gegend fliegen, dann biegt sie noch um die n\u00e4chste Ecke und be\u00e4ugt mich dann aus sicherer Entfernung von der dritten her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verl\u00e4sst man die Stadt, trifft man \u00fcber kurz oder lang auf gro\u00dfe Radnetze, etwa so breit, wie mein Arm lang ist. Die Spinnen darin sind zum Teil so gro\u00df wie mein Daumen, und ihre Farben sind einfach umwerfend: Schwarz gl\u00e4nzend mit gelben oder gr\u00fcnen Streifen, zum Teil noch mit kobaltblauen und roten Punkten, und die Muster wirken wie Neonfarben. Unsere Kreuzspinnen sind ein Witz dagegen, sowohl von der Gr\u00f6\u00dfe als auch vom \u201eDesign\u201c her. Au\u00dferdem sind Kreuzspinnen wohl bei weitem auch nicht so h\u00e4ufig. In den Nadelb\u00e4umen und Hecken wimmelt es von diesen bunten Gesellen. Ihre Zahl nimmt immer weiter ab, je weiter man sich dem Stadtzentrum n\u00e4hert. Offenbar m\u00f6gen diese Spinnen Vegetation lieber als die Vorg\u00e4rten von Menschen (wom\u00f6glich werden sie dort auch eher entfernt).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oha, 11:00 ist eine gute Zeit, um unterwegs zu sein. Lange Reihen von h\u00fcbschen M\u00e4dchen in h\u00fcbschen Uniformen verlassen (zusammen mit ihren f\u00fcr mich uninteressanten m\u00e4nnlichen Gegenst\u00fccken) die Schulen und fahren auf dem Fahrrad ins Stadtinnere. Ich nehme an, dass die Mittagspause begonnen hat. Um diese Uhrzeit ist nicht einmal in Deutschland die Schule aus, geschweige denn in Japan. Ich w\u00fcrde mir eine solche \u201eParade\u201c gerne noch einmal anschauen, und ich will nicht leugnen, dass ich durchaus m\u00e4nnliche Motive daf\u00fcr habe. Den h\u00f6heren Reiz asiatischer (oder hier genauer: japanischer) M\u00e4dchen kann ich jedoch nicht entdecken, trotz der hohen Zahl von Vergleichsobjekten. Es muss eine Frage des pers\u00f6nlichen Geschmacks sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin auf diese Art und Weise dann noch eine ganze Weile unterwegs und stelle irgendwann fest, dass ich Hunger habe. Dann k\u00f6nnte ich ja was essen gehen, aber in dem Land, in dem normale Superm\u00e4rkte bis Mitternacht ge\u00f6ffnet haben, sind die kleinen Lokale zwischen 15:00 und 17:00 geschlossen, und genau in diesen Zeitbereich bin ich jetzt hineingeraten. Auf meinen Imbiss werde ich also noch warten m\u00fcssen. \u00dcbrigens schl\u00fcrft auch ein h\u00f6flicher Japaner seine Nudeln aus der Suppe \u2013 er tut es nur relativ leise. \u00dcber die h\u00f6fliche Japanerin kann ich noch nichts sagen, das entzieht sich noch meiner Erfahrung. Das Schl\u00fcrfen an sich stellt aber keine irgendwie geartete Unh\u00f6flichkeit dar. Es w\u00e4re viel ungehobelter, wenn man sich am Esstisch die Nase putzen w\u00fcrde. In Deutschland ist das wiederum nichts Schlimmes. Gut, man muss ja nicht loslegen wie Benjamin Bl\u00fcmchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ist der Begriff \u201eAmino\u201c hier so wichtig? Es gibt Amino Drinks, Amino Zahncreme, und sogar Amino Shampoo. Nein, es handelt sich nicht um eine Handelsmarke, sondern um denselben Begriff, den man bei uns bestenfalls aus dem Kompositum \u201eAminos\u00e4ure\u201c kennt. Herrscht in Japan Mangel an Amino\u2026 was auch immer?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05:46 Uhr, Sonnenaufgang in Hirosaki. Ich brauche mich nur ein wenig vom Kopfkissen zu erheben und kann ihn bewundern. Ich bin sehr beeindruckt. Man k\u00f6nnte sagen: \u201eIch bin tief bewegt.\u201c Und ich bin dem Schicksal ein weiteres Mal dankbar, dass ich etwas solches erleben darf. 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