{"id":3139,"date":"2023-09-29T08:55:18","date_gmt":"2023-09-29T06:55:18","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3139"},"modified":"2023-10-12T09:00:21","modified_gmt":"2023-10-12T07:00:21","slug":"montag-29-09-2003-was-ist-jetlag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3139","title":{"rendered":"Montag, 29.09.2003 \u2013 Was ist Jetlag?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, nein, die Frage ist ganz berechtigt. Anstatt mitten in der Nacht bin ich um 06:00 aufgewacht, und zwar so sehr, dass ich mich nicht noch einmal umgedreht und weiter ged\u00f6st habe. Stattdessen mache ich einen Spaziergang. Ich kann mir die n\u00e4here Umgebung ja mal ansehen, erste Eindr\u00fccke gewinnen, und ich finde es gar nicht schlecht, dass bei dieser Gelegenheit niemand dabei ist, der dabei sagt <em>\u201eDas ist dies und das ist jenes.\u201c<\/em> Ich will die Gegend mal wirken lassen, ganz unbefangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wetter ist topp. Kein W\u00f6lkchen am Himmel, kalt ist es auch nicht und die Sonne ist bereits aufgegangen. Ich bin jetzt nicht sicher, ob die Sonne in Deutschland Ende September ebenfalls bereits um sechs Uhr morgens so hoch steht. Ich habe nie darauf geachtet. Normalerweise habe ich in den Sommerferien je eine Nacht durchgemacht, bin dann auf den Walnussbaum hinter unserem Haus geklettert, um den Sonnenaufgang zu sehen. Ich habe keine Ahnung, was mich dazu getrieben hat, aber immerhin zeigt mir das vor mir selbst, dass ich nicht v\u00f6llig ignorant bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber gut, jetzt bin ich in Japan und ich werde das Gef\u00fchl nicht los, dass ich fr\u00fcher werde aufstehen m\u00fcssen, wenn ich einen Sonnenaufgang bewundern k\u00f6nnen will. Ich will zumindest einen sehen, im Land der Aufgehenden Sonne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich merke es ganz deutlich: Ich befinde mich auf dem Land, in der tiefsten Provinz, wie sie nur von noch kleineren D\u00f6rfern, die es in der Umgebung zweifelsohne gibt, \u00fcberboten werden kann. Auf den Stra\u00dfen ist nichts los. Vielleicht mehr als in Gersheim um diese Uhrzeit, aber Gersheim <em>ist<\/em> ein noch kleineres Dorf. Hirosaki scheint ein gro\u00dfes Dorf zu sein. Ein Dorf mit immerhin 50000 Einwohnern. Was ist hier anders? Der Stra\u00dfenzustand erscheint mir schlechter, als in abgelegenen D\u00f6rfern im Saarland. Aber ich bin ja Fu\u00dfg\u00e4nger. Da stehen Getr\u00e4nkeautomaten, alle paar Meter, k\u00f6nnte man fast sagen. Eine Getr\u00e4nkedose kostet 100 Yen, also etwa 75 Cent. Ich habe Durst, also nehme ich mir eine, auf gut Gl\u00fcck. Tee will ich vermeiden, wenn ich schon mal da bin, dann kann ich auch was v\u00f6llig neues ausprobieren. Ich nehme eine Dose mit einem Getr\u00e4nk namens <em>\u201eDakara\u201c<\/em>. Es handelt sich um ein wei\u00dflich-tr\u00fcbes Getr\u00e4nk mit undefinierbarem Geschmack. Ist aber gar nicht \u00fcbel. Und es ist keine Kohlens\u00e4ure drin \u2013 ich liebe dieses Land!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was ich allerdings noch nie gesehen habe, weder in einem Film noch mit eigenen Augen, ist ein Automat, an dem man Reis ziehen kann. F\u00fcr einen gewissen Preis, ich habe mir nicht gemerkt, wie viel genau, kann man hier kleine S\u00e4cke mit zwei Kilo Reis aus dem Automaten kaufen. Und als ob das noch nicht genug w\u00e4re, steht direkt daneben ein Automat, an dem man sich Eisw\u00fcrfel, ein Kilo davon in einer Plastikt\u00fcte, besorgen kann. Das k\u00f6nnte jetzt daran liegen, dass der Laden gegen\u00fcber eine Art Jugendtreff sein k\u00f6nnte (sofern ich das von den sichtbaren Anzeichen beurteilen kann), oder sind die Sommer hier oben so heftig? Aber das bleibt abzuwarten. Ich sch\u00e4tze, in etwa zwei Monaten wird General Winter aus Sibirien hier reinschneien, im wahrsten Sinne des Wortes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Schritte weiter eine Tankstelle. Aha\u2026 Zapfs\u00e4ulen im deutschen Sinne gibt es hier nicht. Die Zapfschl\u00e4uche h\u00e4ngen von der Decke, so hoch, dass man sie nicht erreichen kann (weil gerade geschlossen ist), und au\u00dferdem wurden die Endst\u00fccke entfernt. Interessante Methode. Die Benzinpreise scheinen Luxemburger Niveau zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gegen\u00fcber der Tankstelle befindet sich ein Supermarkt mit dem Namen <em>\u201eMaruesu\u201c<\/em>. Im gleichen Geb\u00e4ude scheint sich ein weiterer Laden zu befinden, der <em>\u201eMooMoo\u201c<\/em> hei\u00dft, offenbar im oberen Stockwerk. Da gibt\u2019s Grillfleisch, wenn ich das Schild richtig interpretiere. Der Supermarkt \u00f6ffnet erst um 09:00. Aber was hei\u00dft \u201eerst\u201c? In Deutschland ist acht Uhr \u00fcblich, also ist der Unterschied nicht so gewaltig. Aber die Schlusszeiten sind revolution\u00e4r f\u00fcr jemanden, der es gewohnt ist, dass der Supermarkt abends um 20:00 die T\u00fcr dicht macht: Der Maruesu schlie\u00dft um Mitternacht! Das ist doch cool \u2013 wenn ich eine Party starte und sp\u00e4ter am Abend erst merke, dass ich noch was brauche, kann ich in aller Seelenruhe in den Supermarkt gehen und Nachschub kaufen. Na gut, je nach dem, was f\u00fcr Schichten hier \u00fcblich sind, finden die Angestellten die \u00d6ffnungszeiten m\u00f6glicherweise weitaus weniger cool als ich, der ich ein Kunde bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich werfe auch nicht nur einen, sondern mehrere Blicke auf den Boden. Der beherbergt n\u00e4mlich wahre Blickf\u00e4nge: Die Kanaldeckel sind mit dem regionalen \u201eHeldenobst\u201c, dem Apfel, verziert. Und in dem Apfel prangt ein fettes Hakenkreuz. Es ist nat\u00fcrlich keines im \u201edeutschen Sinne\u201c, sondern eine Spiegelung desselben, was in Japan das Zeichen f\u00fcr einen (buddhistischen) Tempel ist. Trotzdem finde ich den Anblick irritierend. Ich kann mich meines kulturellen Hintergrundes einfach nicht erwehren. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IM000273-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3189\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IM000273-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IM000273-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IM000273-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IM000273-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/IM000273.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Manji<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Blick wird auch nach oben gezogen: Die ber\u00fchmten japanischen Kr\u00e4hen. Da sitzt ein gro\u00dfes Exemplar auf einem Strommast und lacht mich aus. Die Kr\u00e4hen machen hier offenbar solche Ger\u00e4usche. Kurze St\u00f6\u00dfe in der ihnen eigenen Stimmlage lassen das Gekr\u00e4chze wie ein trockenes Lachen klingen. Lach Du nur. Ich werde lernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kehre p\u00fcnktlich zum Fr\u00fchst\u00fcck um 08:00 in das G\u00e4stehaus zur\u00fcck. Es gibt Reis, Gem\u00fcse, Sojasprossen, einen Joghurt, gr\u00fcnen Tee und Misosuppe. Ein durchweg japanisches Fr\u00fchst\u00fcck. Schmeckt auch gar nicht \u00fcbel. In dem Fr\u00fchst\u00fccksraum sitzen noch vier oder f\u00fcnf andere (m\u00e4nnliche) G\u00e4ste, durchweg Japaner. Die sind alle \u00e4lter als vierzig, m\u00f6chte ich raten, und sind bestimmt keine Studenten. Die kommen mir eher vor, als w\u00fcrden sie zum Inventar geh\u00f6ren. Die reden miteinander und mit der Hauswirtin, da kennt also jeder jeden, sie sehen die Nachrichten im Fernsehen an. Ich f\u00fchle mich v\u00f6llig au\u00dfen vor \u2013 aber was h\u00e4tte ich auch erwarten k\u00f6nnen? Ich erhalte auf diese Art und Weise ein Gef\u00fchl daf\u00fcr, wie man sich als Ausl\u00e4nder f\u00fchlt. Bislang war ich n\u00e4mlich immer nur der Inl\u00e4nder, sieht man von meinen kleinen Trips innerhalb Europas ab. Aber da sahen die Leute auch nicht anders aus als ich und ich h\u00e4tte in S\u00fcdtirol, in \u00d6sterreich, in Frankreich, in Holland oder in England v\u00f6llig unauff\u00e4llig in der Menge verschwinden k\u00f6nnen, mindestens so lange, wie ich nicht h\u00e4tte reden m\u00fcssen. In Japan hebe ich mich durch mein ethnisch bedingtes, v\u00f6llig anderes Aussehen total von der mich umgebenden Masse ab. Ich <em>bin<\/em> au\u00dfen vor! Dabei f\u00e4llt mir eine unfreiwillig komische Frage meines Freundes Kai ein, der mich fragte, ob es in Japan nicht vielleicht eine Art von Aussage oder eine wie nebenl\u00e4ufig klingende Bemerkung gebe, die erkennen lasse, dass man ein \u201eEingeweihter\u201c sei, die einem sofort alle T\u00fcren \u00f6ffne. Nat\u00fcrlich musste ich dar\u00fcber lachen. Schlie\u00dflich handelt es sich bei der Gruppe von Menschen, die man in Deutschland \u201eJapaner\u201c nennt, nicht um eine Geheimgesellschaft, in deren Treffpunkt man hineinspaziert und dem Mann an der Bar einen Geheimcode zufl\u00fcstert, vielleicht so was sagt wie <em>\u201eDie Blumen bl\u00fchen im Mai ganz besonders sch\u00f6n\u201c<\/em><sup><a id=\"sdfootnote1anc\" href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup> und dann geh\u00f6rt man auf einmal dazu. Das w\u00e4re sehr abgefahren, um es mal so auszudr\u00fccken. Allerdings bin ich gespannt, was die legend\u00e4re Parole <em>\u201eBoku wa Amerika-jin de wa nai desu, Doitsu-jin desu\u201c<\/em> (<em>\u201eIch bin kein Amerikaner, ich bin Deutscher\u201c<\/em>) bewirkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck irgendwann kommt mein Fahrer von gestern vorbei und holt mich ab, damit ich mich im Center f\u00fcr Austauschstudenten an der Uni anmelden kann. Es ist auch nicht weit bis zum Campus, gerade mal f\u00fcnf Minuten. Auf der Stra\u00dfe fallen mir Katzen mit Stummelschw\u00e4nzen auf. Ich will eine Bemerkung dar\u00fcber machen, bemerke aber mitten im Satz, dass ich das Wort f\u00fcr \u201eSchwanz\u201c gar nicht wei\u00df. Ich mache es meinem Begleiter auf Englisch klar und ich lerne das erste neue Wort des kommenden Jahres: <em>\u201eShippo\u201c<\/em>.<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup> Er sagt au\u00dferdem zu den Katzenschw\u00e4nzen, dass diese keineswegs aus welchen Gr\u00fcnden auch immer gek\u00fcrzt worden seien, diese Rasse von Katzen habe keine langen, ausgepr\u00e4gten Schw\u00e4nze, sie w\u00fcrden so geboren.<sup><a href=\"#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Center treffe ich meinen Vermieter: Ikeda-san. Der sieht viel zu lustig f\u00fcr einen Makler aus. Er bittet mich, in sein Auto einzusteigen und f\u00e4hrt mich zu dem ersten Haus, in dem er Wohnungen anzubieten hat. \u00dcbrigens zusammen mit drei weiteren Leuten, zwei davon weiblich, die aus dem asiatischen Ausland zu kommen scheinen. Der Sprache nach zu urteilen handelt es sich um Koreaner. Das Haus, um das es geht, hei\u00dft <em>\u201eShimoda Heights II\u201c<\/em> und in der N\u00e4he gibt es tats\u00e4chlich einen <em>\u201eSPAR\u201c<\/em> Supermarkt, der hei\u00dft in Japan offenbar <em>\u201eHotSPAR\u201c<\/em>. Hat man hier noch nicht erfahren, dass die Kette schon lange pleite ist?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hotspar-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3191\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hotspar-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hotspar-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hotspar-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hotspar-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Hotspar.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">HotSpar<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie dem auch sei, in Ikedas Haus gibt es Wohnungen mit zwei Zimmern, und weil Melanie in ein paar Tagen ebenfalls eintreffen wird, brauche ich eine solche. Da ich nicht wei\u00df, wie konservativ die Leute hier sind, erz\u00e4hle ich dem Vermieter, wir seien verlobt. Man soll nicht l\u00fcgen, ich wei\u00df, aber ich will auch nicht die Stimmung bei meinem Vermieter tr\u00fcben, weil ich hier unverheiratet mit einer Frau zusammenlebe. Ich sehe mir die drei Wohnungen im obersten Stock an und nehme die dritte. In den ersten beiden kann man einen gro\u00dfen Raum aus der Wohnung machen, indem man die Schiebet\u00fcr zwischen dem Wohn- und dem Schlafzimmer entfernt, aber das erschien mir irgendwie zu\u2026 normal? Die dritte Wohnung jedenfalls hat nicht nur eine Schiebet\u00fcr zwischen Koch- und Wohnraum, sondern auch noch eine ganze Wand (in der sich ein Schrank befindet) zwischen Wohn- und Schlafzimmer, mit einer T\u00fcr an der Seite. Das erscheint mir am besten. Ich kann nicht sagen, warum, es ist nur ein Gef\u00fchl. Die Wohnung ist 30 qm gro\u00df und kostet 37500 Yen im Monat (knapp 300 E), Gas und Strom und \u00d6l f\u00fcr die Heizung kommen noch dazu. Wasser ist im Mietpreis enthalten, au\u00dferdem haben wir einen Schreibtisch, einen Fernseher mit integriertem Videorekorder, eine&#8230; Art\u2026 Waschmaschine und einen Staubsauger. Die K\u00fcche hat einen Linoleumfu\u00dfboden, das Wohnzimmer eine Art Filzbelag und das Schlafzimmer ist mit Tatami, mit Reisstrohmatten, ausgelegt. Die riechen gut und f\u00fchlen sich auch gut an. Ikeda-san sagt, dass diese Wohnungen speziell f\u00fcr Austauschstudenten ausgelegt seien, denn normalerweise seien Studentenzimmer v\u00f6llig unm\u00f6bliert. Okay, ich nehme die Wohnung. Ich bin erfreut dar\u00fcber, dass Ikeda-san kein so genanntes \u201eSchl\u00fcsselgeld\u201c nimmt (ein Euphemismus f\u00fcr eine Art Vermittlungsgeb\u00fchr) und auch nur eine Monatsmiete im Voraus bezahlt haben will. Aus Tokyo habe ich ja reine Horrorgeschichten geh\u00f6rt, von einem saftigen Schl\u00fcsselgeld und drei Monatsmieten im Voraus (man bedenke, was das in Tokyo, dem teuersten Pflaster der Welt, bedeutet). Auf diese Art und Weise habe ich f\u00fcr den Anfang noch weit mehr Geld im Geldbeutel, als ich vermutet hatte. Das f\u00e4ngt gut an! Ikeda-san f\u00e4hrt mich zum Center zur\u00fcck und sagt, er werde mich und mein Gep\u00e4ck morgen fr\u00fch abholen, damit ich einziehen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Center warte ich dann auf meine Tutorin. Und w\u00e4hrend ich das tue, sehe ich mir die Computer an, mal sehen, was damit l\u00e4uft und was nicht geht. Ich k\u00f6nnte ja mal nach Hause schreiben, dass ich gesund und munter angekommen bin. Und w\u00e4hrend ich da sitze, kommen zwei weitere Austauschstudenten rein. Den m\u00e4nnlichen w\u00fcrde ich f\u00fcr einen Australier oder f\u00fcr einen Neuseel\u00e4nder halten, nach seinem Akzent zu urteilen. Die junge Frau ist allerdings ganz eindeutig Deutsche. Bei diesem Akzent rollen sich mir s\u00e4mtliche Zehenn\u00e4gel hoch und wieder runter. Dass mir nicht auch noch die Schn\u00fcrsenkel von alleine aufgegangen sind, wundert mich beinahe. Es handelt sich um David \u201eDave\u201c Ryan, tats\u00e4chlich Neuseel\u00e4nder, und Ramona, Deutsche mit italienischem Vater. Von welcher Uni sie kommt, habe ich gerade vergessen. Zu meinem nachtr\u00e4glichen Bedauern stelle ich mich nicht als kommunikativ feinf\u00fchlig dar. Ich \u00e4u\u00dfere meine Absicht, nicht st\u00e4ndig und m\u00f6glichst selten mit Landsleuten rumzuh\u00e4ngen, weil das den Lernprozess hemme. Davon ist sie nicht begeistert. Nat\u00fcrlich hat sie nichts gesagt, aber ich kann es ihr an der Nasenspitze ablesen, dass sie mich f\u00fcr daneben h\u00e4lt. Oder meldet sich hier mein Gewissen und tr\u00fcbt meine objektive Wahrnehmung (falls es etwas solches \u00fcberhaupt gibt)?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie dem auch sei, ich treffe wenig sp\u00e4ter meine Tutorin: Seit\u00f4 Yui. Scheint ganz sympathisch zu sein. Es gibt offenbar auch japanische Frauen, die nicht halbverhungert aussehen. Sie macht einen direkt normalen Eindruck. Sie soll mir bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen helfen, und die sind notwendig, schlie\u00dflich muss ich mich beim Einwohnermeldeamt anmelden. Dort muss man ein Formular ausf\u00fcllen, das hei\u00dft, Namen und Adresse angeben, dann bezahlt man 200 Yen und die Sache ist gelaufen. Eine Beh\u00f6rdenformalit\u00e4t f\u00fcr umgerechnet 1,50 E? Unglaublich billig\u2026 ich habe in Deutschland nie weniger als 5 E bezahlt, wenn ich mal was Offizielles wollte, wie zum Beispiel die Beglaubigung meines Zeugnisses. Zack, Stempel drauf, <em>\u201eDas macht 5 Euro bitte.\u201c<\/em> Da kam ich mir doch auf den Arm genommen vor. Was mein polizeiliches F\u00fchrungszeugnis gekostet hat, wei\u00df ich nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"600\" src=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Auslaendermeldestelle-800x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3192\" srcset=\"https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Auslaendermeldestelle-800x600.jpg 800w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Auslaendermeldestelle-300x225.jpg 300w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Auslaendermeldestelle-768x576.jpg 768w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Auslaendermeldestelle-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/codealpha.bidan.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Auslaendermeldestelle.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Meldestelle f\u00fcr Ausl\u00e4nder<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Yui zeigt mir auf dem Weg durch die Stadt ein bisschen was von der Gegend. Da das Einwohnermeldeamt nicht weit davon entfernt ist, gehen wir in den Park der Stadt. Sch\u00f6ne Gegend, muss ich sagen. Aber dieses Tor kann unm\u00f6glich ein Original sein, und auch als Nachbildung macht es eine schlechte Figur: Die Holzbohlen sind nicht einmal zehn Zentimeter dick. Welchen halbwegs ausger\u00fcsteten Gegner h\u00e4tte man damit abwehren k\u00f6nnen? Wenn die damals tats\u00e4chlich solche T\u00fcrchen verwendet h\u00e4tten, m\u00fcsste ich das \u00e4u\u00dferst lachhaft finden. Apropos lachhaft: In diesem Park steht auch etwas, was sich <em>\u201eHirosaki Castle\u201c<\/em> nennt. Es soll auch ber\u00fchmt sein, wie Yui mir versichert. Es handelt sich um einen geradezu winzigen, dreist\u00f6ckigen Bau mit einer Grundfl\u00e4che von allerh\u00f6chstens 20 x 20 Metern. Eher ein Turm also. Wenn ich die Rheinburgen Revue passieren lasse, die ich als Kind gesehen habe, wirkt das Geb\u00e4ude hier geradezu l\u00e4cherlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Supermarkt sehe ich, dass es dort die gleichen Getr\u00e4nkedosen gibt, wie am Automaten. Und der Preis ist der gleiche. Das ist gut \u2013 in Deutschland zahle ich am Automaten doch grunds\u00e4tzlich mehr, als wenn ich eine Dose im Laden kaufe. Aber was soll\u2019s\u2026 ich kaufe \u00fcblicherweise keine solchen Getr\u00e4nke in Deutschland, weil mich die Kohlens\u00e4ure anwidert. Ansonsten sind die Supermarktpreise wirklich gesalzen. Artikel, die ich auch aus Deutschland kenne, oder vergleichbare Artikel, kosten kurzerhand das Doppelte des deutschen Preises, und Milch kostet sogar das Dreifache. Brot gibt es offenbar nur als Toastbrot. Labberiges Wei\u00dfbrot ohne jeden Biss. Weniger als halb so viel Masse wie in Deutschland zum doppelten Preis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann f\u00e4hrt da ein Auto an mir vorbei, ein Toyota, und der ist deswegen auff\u00e4llig, weil der Name der Serie <em>\u201ePlatz\u201c<\/em> ist. Genau das steht in gro\u00dfen Lettern auf der R\u00fcckseite des Wagens, wo bei uns etwa <em>\u201eJetta\u201c<\/em> oder <em>\u201e405\u201c<\/em> oder <em>\u201eOmega\u201c<\/em> oder etwas in dieser Art stehen w\u00fcrde. Ich w\u00fcrde nie auf die Idee kommen, ein Auto <em>\u201ePlatz\u201c<\/em> zu nennen, das klingt f\u00fcr mich viel zu banal, aber hier scheint dieses deutsche Wort einen gewissen Exotikfaktor zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich brauche einen Futon. Schlie\u00dflich kann ich nicht direkt auf den Tatamimatten schlafen. Yui bringt mich also in das Kaufhaus <em>\u201eDaiei\u201c<\/em> und zeigt mir, wo ich bekomme, was ich brauche. Ohne ihre Hilfe h\u00e4tte ich das auch nie geschafft\u2026 normales Japanisch ist mir eine ganze Gangart zu schnell und ich kann der Verk\u00e4uferin nicht aus eigener Kraft folgen. Schlie\u00dflich habe ich dann aber f\u00fcr 10000 Yen (ca. 75 E) alles, was ich brauche. Ich h\u00e4tte mir gerne einen \u00dcberzug mit Anime-Thema genommen, aber so was gibt es nur in Kindergr\u00f6\u00dfen. Das ist ja zum Heulen. Da ist Japan der Siebte Himmel f\u00fcr Animefans, aber ansprechende Bettdecken gibt es nicht f\u00fcr ausgewachsene Menschen (zumindest nicht in Hirosaki). Die Verk\u00e4uferin sagt, dass man sich den Futon liefern lassen kann und ich nehme das Angebot an. Kostet auch nichts extra. Ich h\u00e4tte dann das St\u00fcck gerne morgen Abend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcbrigens gibt es im Daiei gerade auf alle Waren 20 % Rabatt, weil das Team, das von dem Kaufhaus gesponsert wird, die <em>\u201eDaiei Hawks\u201c<\/em>, gerade die Meisterschaft in ihrer Liga gewonnen haben.<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup> Das kommt meinem Geldbeutel ebenfalls sehr gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir verlassen das Kaufhaus und Yui macht eine Bemerkung, dass sie noch nichts gegessen habe. Ich sehe auf der anderen Stra\u00dfenseite einen Laden, wo es offenbar Gy\u00fbdon zu essen gibt und mache den Vorschlag, dort zu essen. Ich habe keine Ahnung, was \u201eGy\u00fbdon\u201c eigentlich ist, abgesehen davon, dass ich der Schreibweise entnehmen kann, dass es sich um ein Rindfleischgericht handeln muss. Die Speisekarte besteht zum Gro\u00dfteil aus Bildern, die mit Text kommentiert sind. Den Text verstehe ich noch nicht, also nehme ich etwas, was mir vom Bild her interessant scheint. Bei Gy\u00fbdon handelt es sich um eine Sch\u00fcssel mit Reis, der mit Rindfleischstreifen belegt und mit etwas Fleischsaft getr\u00e4nkt ist. Schmeckt wirklich gut. Und nachdem ich das gegessen habe, bin ich erst mal satt. F\u00fcr 580 Yen, umgerechnet etwa 4,40 E. F\u00fcr ein Land, dessen Superm\u00e4rkte doppelt so viel Geld verlangen, wie die in Deutschland, finde ich das wirklich gut. Au\u00dferdem keimt in mir der Verdacht, dass es billiger sein k\u00f6nnte, ausw\u00e4rts in dieser Art von Laden zu essen, als sich das jeweilige Gericht selbst zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als wir mit essen fertig sind, ist es bereits ann\u00e4hernd dunkel und sie bringt mich ins G\u00e4stehaus zur\u00fcck. Im Dunkeln h\u00e4tte ich ernsthafte Probleme, den Weg zu finden. Und das h\u00e4ngt auch mit der schlechten Stra\u00dfenbeleuchtung zusammen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass die Stra\u00dfen hierzulande dunkler sind als zuhause, au\u00dferdem gibt es streckenweise keine Beleuchtung in den Nebenstra\u00dfen. Ich dachte, das hier sei das zweitreichste Land der Welt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Dieser Satz war um die Jahrtausendwende tats\u00e4chlich die Parole in einem Manga Shop in Tokyo, die einem den Zutritt zu einem Hinterzimmer verschaffte, wo das Zeug verkauft wurde, das man nur unter der Ladentheke weitergab. Diese Aussage beruht allerdings auf H\u00f6rensagen und mir wurden auch keine weiteren Details genannt. Der Erz\u00e4hler der Anekdote ist mir allerdings bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote2sym\" href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a> Die Aussage ist aber unwahr, da ich auf dem Flughafen bereits den Begriff \u201eKaban\u201c (Gep\u00e4ck) beigebracht bekam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote3sym\" href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a> So genannte Manx-Katzen haben keine Schw\u00e4nze, aber ich wei\u00df nicht, ob es sich hierbei um solche handelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote4sym\" href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a> Es geht um Baseball.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, nein, die Frage ist ganz berechtigt. Anstatt mitten in der Nacht bin ich um 06:00 aufgewacht, und zwar so sehr, dass ich mich nicht noch einmal umgedreht und weiter ged\u00f6st habe. Stattdessen mache ich einen Spaziergang. 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