{"id":3136,"date":"2023-09-28T08:03:25","date_gmt":"2023-09-28T06:03:25","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3136"},"modified":"2023-10-04T08:34:58","modified_gmt":"2023-10-04T06:34:58","slug":"sonntag-28-09-2003-einsamer-cowboy-weit-weg-von-zuhaus-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3136","title":{"rendered":"Sonntag, 28.09.2003 \u2013 Einsamer Cowboy, weit weg von zuhaus\u2019\u2026 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Japan ist nur eine Tagesreise von Deutschland entfernt. Aber es ist eine richtige. Um 07:00 bin ich aufgestanden, nach zwei Stunden Schlaf, weil ich meinen Koffer auf den letzten Dr\u00fccker gepackt habe. Mein quasi eben erst erfolgter Auszug aus dem Studentenwohnheim Petrisberg und der Abtransport meiner pers\u00f6nlichen Sachen nach Gersheim haben solche Vorbereitungen nicht zugelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer um meine Fahrpraxis besorgt, hat mich mein Gro\u00dfvater trotz meiner \u00dcberm\u00fcdung das Auto selbst nach Frankfurt steuern lassen. Ich nenne das fahrl\u00e4ssig, aber\u2026 es ist ja gut gegangen, also will ich mich nicht zu laut beschweren. Ich hoffe nur, dass ich nicht so schnell noch einmal im Halbschlaf etwa 400 km Auto fahren muss. Die Fahrt nach Frankfurt ging glatt, abgesehen von einem kleinen Stau bei Kaiserslautern; der war aber vorhersehbar, und wir sind deshalb auch fr\u00fch genug weggefahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entgegen meiner Bedenken l\u00e4uft der Abschied schnell und schmerzlos. Mein Gro\u00dfvater will die Sache wohl auch im eigenen Interesse nicht in die L\u00e4nge ziehen und verabschiedet sich, nachdem ich mein Gep\u00e4ck aus dem Auto auf eine Karre verladen habe. Ich bin sicher, er will vermeiden, am Ende doch noch emotional zu werden, und ich bin ihm ganz dankbar. Sein einziger Satz sagte auch alles aus: <em>\u201eFalls wir uns nicht wieder sehen sollten\u2026\u201c<\/em> Ich gebe diesen Satz nur zur H\u00e4lfte wieder, aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden. Ich werde ihn in seiner Gesamtheit aber nie vergessen, so lange ich lebe, von daher ist es \u00fcberfl\u00fcssig, ihn aufzuschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Frankfurter Flughafen (\u201eFraPort\u201c) ist ungeheuer gro\u00df, und auch deswegen ein wenig verwirrend, vor allem, wenn man wie ich aus der Provinz stammt, aus einer Familie ohne Geld, wenn man jemand ist, der noch nie in seinem Leben mit einer gro\u00dfen Passagiermaschine geflogen ist und der lediglich das Flugh\u00e4fchen in Ensheim mal aus der N\u00e4he gesehen hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich erinnere mich an den Sommer 1988. Die Sommerferien zwischen der Grundschule und dem Gymnasium. Ich war gerade elf Jahre alt geworden und freute mich wie ein Schneek\u00f6nig dar\u00fcber, dass ich ab sofort, nach den Ferien, jeden Tag mit dem Zug zur Schule fahren w\u00fcrde. Ich geh\u00f6rte zu den kleinen Jungs, die Eisenbahnen ganz toll fanden. Und weil ich es nicht erwarten konnte, habe ich vier Mark von meinem gesparten Taschengeld genommen, um zusammen mit einem damaligen Freund gewisserma\u00dfen schon vor der Zeit einen Ausflug nach Blieskastel zu machen. Es war meine erste Fahrt aus Gersheim hinaus ohne einen Erziehungsberechtigten, aber darauf will ich gar nicht hinaus. Es geht mir mehr um einen anderen Vergleich. Denn in unserem kleinen Bahnhof befand sich ein ordin\u00e4res Fenster, hinter dem ein nicht mehr ganz junger Bahnbeamter sa\u00df, zu dem man einfach hinging und sagte, wo man hinwollte. Er nannte darauf den Preis, ich zahlte ihn, erhielt meine Fahrkarte, und gut war\u2019s. Dann musste ich nur noch in den Zug steigen. Der ganze Vorgang war so unkompliziert, dass ich als Elfj\u00e4hriger keine Probleme damit hatte und zu jedem Zeitpunkt wusste, was zu tun war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So, und 15 Jahre (und circa drei Monate) sp\u00e4ter stehe ich als 26-j\u00e4hriger am FraPort. Die Tatsache, dass mein Ticket bereits gekauft worden ist, stellt einen gro\u00dfen Vorteil und eine Entlastung f\u00fcr meine nerv\u00f6sen Nerven dar. Ich muss das Ticket nur abholen. Nach einigem Hin und Her finde ich den richtigen Schalter und erhalte mein Ticket. Ich werde gefragt, ob ich am Fenster sitzen m\u00f6chte. Interessant\u2026 ich dachte, jedes Ticket sei einem festen Platz zugeordnet. Trotz dieser Gelegenheit sage ich, das sei egal \u2013 weil ich erstens bescheiden bin, und zweitens, weil ich keine Ahnung habe, was mich erwartet. Ein paar Meter weiter gebe ich mein Gep\u00e4ck ab. Ich habe mich an das Maximalgewicht gehalten, aber mein Koffer ist so alt, dass er nicht zubleiben will, er wird also extra gesichert. Und dann warte ich auf meinen Aufruf, indem ich einen Stuhl in der Halle besetze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ersten Japaner erblicke und h\u00f6re ich bereits hier, zwei Meter links von mir. Es handelt sich um eine Familie mit drei Kindern, die etwa zwei bis f\u00fcnf Jahre alt sind, wie ich sch\u00e4tzen m\u00f6chte. Den Kindern ist langweilig und sie machen allerlei Unsinn oder zanken sich. Die Mutter ermahnt die Kinder auf Japanisch, aber die Kinder streiten sich munter weiter \u2013 auf Deutsch. Es wirkt surreal. Und irgendwie bin ich dem Schicksal dankbar, dass ich diese Episode erleben darf, so banal sie auch scheinen mag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Start ist ein echtes Erlebnis. Die Bremsen sind noch dicht, aber die Triebwerke laufen bereits. Eine ungeheure Schubkraft entfaltet sich, der ganze Laden wackelt wie bei einem kleinen Erdbeben. Dann werden die Bremsen gel\u00f6st und die Beschleunigung dr\u00fcckt mich st\u00e4rker in meinen Sitz als irgendeines von Kais Autos das bisher gekonnt h\u00e4tte (ich erinnere mich gerade an seine \u201eF\u00fcnf-Mark-Wette\u201c). Wir erheben uns in die Luft, beschreiben eine Rechtskurve und steigen allm\u00e4hlich auf 11.000 Meter H\u00f6he. Ich komme mir vor, als w\u00fcrde ich in einer Achterbahn sitzen, die langsam auf den Beschleunigungsberg gezogen wird. Ich habe das Gef\u00fchl, wir bewegten uns in Zeitlupe, dabei sind wir mit etwa 1000 km\/h unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir wird der erste Nachteil des Nicht-am-Fenster-sitzens klar: Man sieht weniger von der Landschaft und den Wolken, und die sind anziehender, als ich gedacht habe. Andererseits sitze ich in einer Preisklasse, deren Pl\u00e4tze \u00fcber den Fl\u00fcgeln liegen \u2013 direkt nach unten sehen kann man also gar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Route f\u00fchrt grob an Schwerin, Helsinki und Archangelsk vorbei und erreicht ihren n\u00f6rdlichen Scheitelpunkt am Rande der Barentssee. Dann biegen wir in einem weiten Bogen in Richtung S\u00fcden ab, fliegen quer \u00fcber Sibirien und \u00fcber die Mandschurei, erreichen dann Japan und landen nach elf Stunden Flug in Narita. Und diese 11 Stunden waren nicht immer angenehm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es handelt sich um eine Maschine der Lufthansa, und den Komfort w\u00fcrde ich nicht gerade als hoch bezeichnen. Zur Unterhaltung gibt es Musik f\u00fcr die Kopfh\u00f6rer, aber von der Musik gef\u00e4llt mir nur das Wenigste, und die Kan\u00e4le bestehen aus einer Schleife, die nach sch\u00e4tzungsweise einer Stunde von vorne beginnt. Ungeheuer spannend. Das Bordkino besteht aus kleinen Fernsehern, die in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden an der Decke h\u00e4ngen. Dabei habe ich noch Gl\u00fcck und muss mir den Hals nicht allzu sehr verbiegen. <em>\u201eBruce Almighty\u201c<\/em> l\u00e4uft da\u2026 ein Film, den die Welt nicht braucht. Aber ich bin auch kein besonderer Fan von Jim Carrey. Seine Loserrollen, die dann pl\u00f6tzlich was draufhaben und dar\u00fcber ein bisschen gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig werden, gehen mir wohl zu sehr auf den Keks. <em>\u201eThe Mask\u201c<\/em> war grauenhaft (obwohl ich den Cartoon sehr mochte), <em>\u201eThe Grinch\u201c<\/em> war\u2019s ebenfalls und\u2026 ach, lassen wir das. Ich habe ja die Nacht vorher schon nicht geschlafen und w\u00fcrde das ja gerne nachholen, vor allem wegen der Langeweile! Aber dieser Sitzplatz ist h\u00f6llisch unbequem, ich muss das Kopfkissen auf den \u201eEsstisch\u201c quetschen, einen Katzenbuckel machen und muss versuchen, so zu schlafen. Aber nach nicht einmal einer Stunde tut mir mein R\u00fccken wegen der \u00fcberstarken Kr\u00fcmmung weh. Zur\u00fccklehnen ist nicht, weil sich der Sitz nicht weit genug klappen l\u00e4sst, und an die Kopfst\u00fctze kann man sich wegen mangelnder Gr\u00f6\u00dfe mit dem Kopf nicht anlehnen, um so ein bisschen im Sitzen schlafen zu k\u00f6nnen. Hier offenbart sich ein weiterer Grund, warum man am Fenster sitzen sollte, wenn man Gelegenheit dazu bekommt: Man hat eine Wand, die den Kopf st\u00fctzt. Den Fehler, zu bescheiden zu sein, mache ich am Flughafen nicht noch einmal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischendurch frage ich den Stewart (eigentlich: Flugbegleiter), wie es mit Getr\u00e4nken aussieht. Er sagt, er k\u00f6nne mir so viel Fruchtsaft bringen, wie ich wolle. Ich erkl\u00e4re ihm, dass ich so an zwei Liter gedacht habe, weil er bestimmt nicht wolle, dass ich m\u00f6glicherweise nerv\u00f6se Flugg\u00e4ste wegen eines heftigen Wadenkrampfs aus dem Schlaf rei\u00dfe, und ob ich nicht gleich eine Flasche haben k\u00f6nnte. Nein, das w\u00fcrde bedeuten, dass er jedem, der dies verlangt, eine Flasche geben m\u00fcsse. Worin der Nachteil besteht, sagt er nicht. Die andauernde M\u00fcllsammlung vielleicht? Er sagt aber, dass ich gerne in die K\u00fcche kommen und dort so viele Gl\u00e4ser trinken d\u00fcrfe, wie ich wolle. In Ordnung, ich gehe in die K\u00fcche und trinke zehn Gl\u00e4ser Orangensaft. Die wollen einige Zeit darauf nat\u00fcrlich wieder raus, also sehe ich mir mal die Toiletten an. Sieht nicht viel anders aus als im Intercity der deutschen Bahn. Aber der Sog der Sp\u00fclung ist, anders als Mittermeier behauptet hat, nicht st\u00e4rker als im Zug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach elf Stunden Flug landen wir also auf dem Flughafen Narita. Und jetzt hei\u00dft es, sich am Riemen zu rei\u00dfen. Ich muss mit dem Shuttlebus zum Flughafen Haneda fahren und mir das Ticket selbst besorgen. Dazu muss ich erst mal offiziell einreisen. Ich stelle mich in eine lange Schlange mit einer Reihe weiterer Ausl\u00e4nder (im hiesigen Falle Nicht-Japaner) und warte auf meine Passkontrolle. Rechts von meiner Schlange gehen die Japaner vorbei. Sie werden nur fl\u00fcchtig kontrolliert. Links von meiner Schlange befindet sich offenbar der Diplomateneingang. Ich sehe einen beleibten afrikanischen General in gr\u00fcner Uniform mit Adjutanten an der Seite und viel Gold auf der Schulter. Es ist eindeutig kein Amerikaner, den h\u00e4tte ich an der Uniform problemlos erkannt. Ich f\u00fchle mich ein bisschen an Idi Amin erinnert, den ich nat\u00fcrlich auch nur von Bildern her kenne, aber diese Assoziation kommt mir eben in den Sinn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich gebe mir M\u00fche, die Fragen des Zollbeamten zu verstehen und zu beantworten. Mit Japanisch habe ich noch Probleme und sein Englisch ist schwach. Aber ich kriege dann meinen Stempel und kann mich auf die Suche nach dem richtigen Schalter f\u00fcr den richtigen Bus machen, nachdem ich mein Gep\u00e4ck eingesammelt habe. Das Ticket kostet 1000 Yen, aktuell sind das etwa sieben Euro.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fahrt von einem Flughafen zum anderen dauert etwa eine Stunde, \u00fcber die Stadtautobahn. Ich bin hundem\u00fcde, aber ich will den Ausblick auf Tokyo auch nicht verpassen. Ich sehe das Riesenrad. Zumindest glaube ich, dass es in Tokyo nur ein markantes Riesenrad gibt, von daher gebe ich mich dem Glauben hin, dass ich hier das Riesenrad sehe, dass man in der <em>\u201eSailorMoon\u201c<\/em> Animeserie mehrfach sehen konnte. Des weiteren sind da hohe Netze, hinter denen sich Abschlagpl\u00e4tze f\u00fcr Golffans befinden, und dann sind da wahrhaft gigantische Strommasten, die alles in den Schatten stellen, was ich in Deutschland bislang gesehen habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Flughafen Haneda werde ich durch einen Serviceangestellten kurz verwirrt. <em>\u201ePlease check in over there\u201c<\/em> sagt er und weist mit der linken Hand in eine unbestimmte Richtung, halt \u201egrob links\u201c von seinem Standort. Ich gehe in die entsprechende Richtung, muss mich aber ein paar Minuten sp\u00e4ter fragen, wozu der Mann hier eigentlich diesen Job hat: Man erh\u00e4lt auf dem Weg \u00fcberhaupt keine Gelegenheit, irgendwo falsch abzubiegen und sich zu verlaufen. Wo h\u00e4tte ich also sonst hingehen sollen? Die Sache ist idiotensicher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weniger idiotensicher war offenbar ein Teil meiner Planung. Ich habe mir gedacht, dass ich ja Hiroyuki, meinen fr\u00fcheren Tandempartner, im Flughafen treffen k\u00f6nnte, da ich ja knapp zwei Stunden Aufenthalt habe. Ich hatte ihm also vor ein paar Tagen eine Nachricht geschrieben und er hatte geantwortet, dass wir uns \u201eam Uhrenturm\u201c treffen w\u00fcrden. Beim Erhalt dieser Nachricht war ich davon ausgegangen, dass es am Flughafen Haneda einen Geb\u00e4udeabschnitt gebe, den man \u201eden Uhrenturm\u201c nennt. Dem ist aber nicht so. In der Halle des Flughafens stehen acht kleine Uhrent\u00fcrme. Offenbar ein grammatischer Fehler in der Nachricht meines Freundes, da es im Japanischen keine Artikel (der, die, das, ein, einer, eines, etc.) gibt, von daher hat die halbe Welt Probleme mit so was, nicht nur Japaner. Jedenfalls kann ich Hiroyuki nicht finden, auch nachdem ich die Halle zweimal hoch und runter gelaufen bin. Ich wende mich an die Information und lasse ihn sogar ausrufen. Aber nichts geschieht. Schlie\u00dflich wird mein Flug nach Aomori aufgerufen und ich muss weg. W\u00e4hrend der eint\u00f6nigen Wartezeit hat sich meine M\u00fcdigkeit verst\u00e4rkt, aber ich konnte nicht wagen, zu schlafen, da ich m\u00f6glicherweise meinen Flug verschlafen w\u00fcrde.<sup>2<\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider habe ich das bunte Treiben am Flughafen kaum zur Kenntnis nehmen k\u00f6nnen. Ich erinnere mich an eine oder mehrere Schulklassen derselben Schule (gleiche Uniformen), die wohl ebenfalls auf einen Flug warteten, womit ich die ersten Schuluniformen live zu Gesicht bekommen habe. Auch lustig sind die vielen h\u00fcbschen Damen, deren Arbeit daraus besteht, Marktschreier zu sein. Sie stehen neben den St\u00e4nden, deren Firma sie bezahlt und rufen z.B. <em>\u201eKeeki wa ikaga desu kaaaa?\u201c<\/em> (etwa: <em>\u201eWie w\u00e4r\u2019s mit Kuuucheeen?\u201c<\/em>, nur h\u00f6flicher). W\u00e4re ich wach und zurechnungsf\u00e4hig, w\u00fcrde ich ihnen gerne ein bisschen beim Rufen zuh\u00f6ren (weil ich sch\u00f6ne Stimmen mag), aber ich f\u00fchle mich wie durchgekaut und ausgespuckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hole mein Ticket ab, gebe meinen Koffer wieder ab und sichere mir diesmal einen Fensterplatz. Wie es scheint, haben japanische Flughafenangestellte strengere Vorstellungen von einem sicheren Koffer als ihre deutschen Kollegen. Die Dame fragt, ob etwas zerbrechliches drin sei (nein), presst dann meinen Koffer zusammen und umwickelt ihn mit einem stabilen Plastikband. Jetzt f\u00e4llt da bestimmt nichts raus. Ich steige dann also in meinen Inlandsflug nach Aomori. Ich freue mich ungeheuer auf die Startbeschleunigung. In Frankfurt war das ein irres Gef\u00fchl. Wieder sind die Bremsen zu und die Turbinen heulen los. Dann l\u00f6sen sich die Bremsen und wir schie\u00dfen \u00fcber die Startbahn! Aber den Take-off erlebe ich nicht mehr \u2013 der Schlaf \u00fcberkommt mich wie ein Ohnmachtsanfall und ich wache erst wieder auf, als wir schon beinahe in Aomori angekommen sind. Dort regnet es, aber das ist mir gleich. Ich bin gl\u00fccklich, hier zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Flughafen von Aomori werde ich abgeholt. Ich bin so fertig, dass ich kaum denken kann, dem entsprechend schwer f\u00e4llt mir die Kommunikation mit meinem Fahrer, der sich viel M\u00fche gibt, Englisch zu sprechen. Daf\u00fcr m\u00f6chte ich ihm danken. Mein Japanisch ist auch dann nicht das Wahre, wenn ich voll ausgeruht bin. Aber seinen Namen habe ich nach zwei Sekunden wieder vergessen. Er tr\u00e4gt einen reichlich unf\u00f6rmlichen Trainingsanzug. Werde ich hier vom Hausmeister der Uni abgeholt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fahren los, in Richtung Hirosaki, das grob s\u00fcdwestlich von Aomori liegt. Meinem Fahrer ist offenbar nach einem Gespr\u00e4ch, also redet er drauflos und stellt Fragen, die man halt jemandem stellt, den man gerade zum ersten Mal sieht und der von der anderen Seite der Welt kommt. Ich habe mir allerdings nur das allerwenigste davon merken k\u00f6nnen. Irgendwann zum Beispiel deutet er aus dem Fenster und fragt mich, ob ich wisse, was da wachse. Ich werfe einen Blick auf das Feld und erkenne sofort, dass da Reis w\u00e4chst, etwa so hoch wie bei uns der Hafer. Glaubt er, dass ich nicht wisse, wie Reispflanzen aussehen? Ich vermute eine Art Fangfrage und frage, was es denn sei. Ja, das sei Reis, sagt er. Okay, er h\u00e4lt mich f\u00fcr beschr\u00e4nkt oder glaubt, dass man unter Brotessern nicht wei\u00df, wie Reis im Feld aussieht. ? Er weist auch darauf hin, dass es hin und wieder Erdbeben gebe. Na gut, auch darauf habe ich mich, so weit es mir m\u00f6glich ist, seelisch und moralisch eingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der N\u00e4he von Hirosaki fallen mir die Apfelb\u00e4ume ins Auge. Die \u00c4pfel sind hier nicht rot oder gr\u00fcn, sondern\u2026 pink!? Ja, das sei hier so. Er weist mich darauf hin, dass Hirosaki die Apfelstadt Japans sei. Das wusste ich nicht. Schande auf mein Haupt. Aber wenn Hirosaki eine solche Gemeinsamkeit mit Bozen in S\u00fcdtirol hat, gef\u00e4llt es mir doch gleich noch ein St\u00fcck besser hier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Fahren muss der gute Mann \u00fcbrigens auch noch \u00fcben. Der f\u00e4hrt sto\u00dfweise. Auf der Landstra\u00dfe herrscht in Japan ein Tempolimit von 60 km\/h, es ist unglaublich. Und mein Fahrer beschleunigt auf etwa 65, nimmt den Fu\u00df vom Gas, bis der Tacho nur noch 55 anzeigt, dann tritt er wieder aufs Gas und so weiter und so fort. Ich werde die ganze Fahrt \u00fcber eher unsanft geschaukelt. Selbst wenn wir nicht die halbe Zeit geredet h\u00e4tten, h\u00e4tte ich nicht schlafen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Weg zum G\u00e4stehaus der Universit\u00e4t biegt er kurz auf den Campus ein, dreht eine Runde um eines der Geb\u00e4ude und f\u00e4hrt wieder auf die Hauptstra\u00dfe. Super\u2026 eine Besichtigung von einigen Sekunden. Ich muss ob dieser Serviceleistung doch schmunzeln. Ich werde noch genug Zeit hier verbringen. Aber Schlaf ist das, was ich jetzt will! Dann fahren wir zum G\u00e4stehaus. Ich erhalte ein Zimmer und lehne das Angebot, ein Abendessen einzunehmen, dankend ab und bitte darum, um 08:00 geweckt zu werden. Bett, Dusche (inklusive Handtuch und Seife), WC, Schreibtisch. In meinen Augen in diesem Moment der Himmel auf Erden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich nehme eine Dusche, sie ist notwendig. Und danach f\u00fchle ich mich zwar immer noch hundem\u00fcde, aber nicht mehr so fertig. Ich setze mich also an den kleinen Schreibtisch und verfasse das Manuskript dieses Tagebucheintrags, bevor ich schlafen gehe. Es ist jetzt 15:30 Ortszeit. In Deutschland ist es 08:30 am Morgen. Ich bin also seit meinem Aufbruch in Gersheim 25,5 Stunden unterwegs gewesen. Bis 08:00 sind es noch 15,5 Stunden, das wird zum Ausschlafen reichen, denke ich. Ich kenne meine Schlafgewohnheiten nach langen Reisen. Wenn das hier so l\u00e4uft, wie sonst, dann werde ich morgen fr\u00fch erfrischt aus dem Schlaf erwachen und mich folglich sofort an den lokalen Schlafrhythmus gew\u00f6hnen, ohne noch die jetzt gerade unbrauchbare Mitteleurop\u00e4ische Zeit in den Knochen zu haben. Viele andere machen da ja die Erfahrung, dass sie tagelang mitten in der Nacht aufwachen und nicht mehr schlafen k\u00f6nnen. Ich will mal ganz voreilig sein und behaupten, dass mich das nicht betreffen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a> Dieser Eintrag wurde am 28. Oktober 2005 anhand des Manuskripts neu verfasst. Die Originalpost zu diesem Datum, die damals per E-Mail versendet worden war, ist nicht erhalten geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a id=\"sdfootnote1sym\" href=\"#sdfootnote1anc\">2<\/a> Ich habe ihm versehentlich meinen Abreisetag als Zeitpunkt genannt und kam in dem Moment nicht auf die Idee, dass ich erst einen Tag sp\u00e4ter am Treffpunkt ankommen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Japan ist nur eine Tagesreise von Deutschland entfernt. Aber es ist eine richtige. Um 07:00 bin ich aufgestanden, nach zwei Stunden Schlaf, weil ich meinen Koffer auf den letzten Dr\u00fccker gepackt habe. 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