{"id":31,"date":"2007-03-02T16:42:35","date_gmt":"2007-03-02T15:42:35","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=31"},"modified":"2017-10-22T13:25:32","modified_gmt":"2017-10-22T11:25:32","slug":"nimm-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=31","title":{"rendered":"Nimm das!"},"content":{"rendered":"<p>Und am besten gleich zwei!<\/p>\n<p>Die B\u00fcrokratie beutelt mich mal wieder und schubst mich an den Rand des Abgrunds. Frisch-fromm-fr\u00f6hlich-frei setze ich mich letztlich am Morgen an den Rechner, um mich in ein ben\u00f6tigtes Seminar der Anglistik einzutragen, und ZACK! Ohrfeige!<br \/>\n<em>&#8220;Das Seminar ist bereits voll. Sie befinden sich auf Warteplatz 16. Sie werden im Falle eines frei werdenden Platzes benachrichtigt&#8221;<\/em>, bekomme ich da zu lesen. Nett&#8230; vor allem im Hinblick darauf, dass mein Studium finanziell nicht zu schaffen ist, wenn nicht an sofort alles nahezu perfekt l\u00e4uft &#8211; und das f\u00e4ngt beim Ergattern eines freien Platzes in Seminaren an.<br \/>\nDie Damen und Herren mit DSL zuhause schmei\u00dfen sich vor der Nachtruhe um 00:01 mal noch schnell ans StudIP, um sich einzuschreiben. Meine bittere Wahrheit ist bislang: Ich kann mir einen Anschluss gar nicht leisten. Und deswegen bin ich neun Stunden zu sp\u00e4t dran. Also ist der Kurs bereits voll. Und der alternative ebenfalls. Geld haben hat Vorteile. Leider bin ich in eine Arbeiterfamilie hineingeboren.<br \/>\nMehr als der Dozentin zu schreiben und um eine Extrawurst zu bitten, kann ich jetzt nicht machen.<\/p>\n<p>Eines muss ich dabei gleich klarstellen: Ich <strong>k\u00f6nnte<\/strong> mir auf privater Basis genug Geld leihen, um ein Semester in die Geb\u00fchren hinein zu studieren. Aber ich werde es nicht tun. Nein, das hat nichts mit Stolz zu tun.<br \/>\nVielleicht kann sich ja jemand eine Vorstellung davon machen, was f\u00fcr eine seelische und psychische Belastung es f\u00fcr mich bedeutet, mit geliehenem Geld zu verl\u00e4ngern, um dann m\u00f6glicherweise an einer der drei m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungen zu scheitern?<br \/>\nNicht nur, dass ich klar feststellbar unter Pr\u00fcfungsangst leide und sich alles, was ich mir an Wissen aneigne, sich in der Stunde der Wahrheit in einem Haufen zusammenhangsloser Informationsschnipsel verwandelt&#8230; der Druck, der dadurch entsteht, dass mir die Leihgabe eine zus\u00e4tzliche seelische B\u00fcrde aufl\u00e4dt (ich w\u00fcrde meine Sponsoren schlie\u00dflich nicht entt\u00e4uschen wollen), w\u00fcrde meine psychische und auch meine k\u00f6rperliche Gesundheit sehr in Mitleidenschaft ziehen.<\/p>\n<p>Ich stelle fest, dass mich meine Anglistik Zwischenpr\u00fcfung schwer beeinflusst hat. Beim ersten Versuch bin ich glatt durchgefallen. Klarer Blackout. Aber: Ich habe einige Fehlerquellen bei der Vorbereitung aufsp\u00fcren und eliminieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den zweiten Versuch bin ich mit weit besseren Gef\u00fchlen gegangen. Ergebnis: &#8220;4-&#8220;.<br \/>\nGeschafft mit der Gnade der Pr\u00fcfer, die mein <em>&#8220;sehr gutes Englisch&#8221;<\/em> als Begr\u00fcndung daf\u00fcr anf\u00fchrten, mir keine glatte &#8220;5&#8221; gegeben zu haben.<\/p>\n<p>Ich kann mich strukturiert vorbereiten und mir alles anlesen, was ich an Stoff brauche, aber wie ich den eiskalten Schwei\u00df, das Zittern der H\u00e4nde und die Hyperventilation mit dem einhergehenden luftigen Gef\u00fchl im Kopf und den brodelnden Magen weg bekomme, hat mir noch niemand klar machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Nachhinein kommt mir auch meine wenige Tage danach stattfindende Phonetikpr\u00fcfung wie ein eher unverdientes Gnadengeschenk vor: Statt der im Nebenfach \u00fcblichen 15 Minuten wurde ich 35 Minuten lang gepr\u00fcft &#8211; ofenbar hatte ich erst dann genug Aussagen gemacht, die meine Endnote von &#8220;2&#8221; rechtfertigten.<br \/>\nIch sollte mich aber auch nicht schlecht reden&#8230; jener Professor h\u00e4lt die Pr\u00fcfungen in der Art eines lockeren Gespr\u00e4chs, das kostet Zeit, und ich kann mich auch nur an eine Stelle erinnern, wo ich mich in der Klemme f\u00fchlte.<\/p>\n<p>Abschlusspr\u00fcfungen sind von Natur aus doppelt so lang. Allein der Gedanke daran verursacht ein Gef\u00fchl der ausweglosen Beklemmung. H\u00e4tte ich mich auf mein Abitur vorbereitet, wie ich das hier mit gro\u00dfen Pr\u00fcfungen mache (drei Monate lang jeden Tag f\u00fcnf bis acht Stunden), h\u00e4tte ich einen Pr\u00fcfungsschnitt von besser als &#8220;2&#8221; rausholen k\u00f6nnen, ohne einen Tag im Unterricht gewesen zu sein. \ud83d\ude42<br \/>\nVielleicht auch nicht&#8230; aber mein Abitur kommt mir als Pr\u00fcfung heutzutage so richtig l\u00e4cherlich vor. Abgesehen von der m\u00fcndlichen Pr\u00fcfung in Biologie, wo ich f\u00fcr den vielen Unsinn, den ich &#8211; statt eines strukturierten Vortrags &#8211; geredet habe, ja auch nur eine &#8220;4&#8221; bekommen habe.<\/p>\n<p>Das Problem scheint das Gleiche geblieben zu sein. Die gew\u00fcnschte Hauptinformation f\u00e4llt mir ein, aber ich kann sie nicht erl\u00e4utern, weil mir das &#8220;Drumrum&#8221; nicht in einer Form einf\u00e4llt, die ich auch verbalisieren kann. Ich scheitere an der Realisation von &#8220;explizitem Wissen&#8221;. Ich war schon immer ein impliziter Typ.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und am besten gleich zwei! Die B\u00fcrokratie beutelt mich mal wieder und schubst mich an den Rand des Abgrunds. Frisch-fromm-fr\u00f6hlich-frei setze ich mich letztlich am Morgen an den Rechner, um mich in ein ben\u00f6tigtes Seminar der Anglistik einzutragen, und ZACK! Ohrfeige! &#8220;Das Seminar ist bereits voll. Sie befinden sich auf Warteplatz 16. 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