{"id":3071,"date":"2018-07-15T15:47:34","date_gmt":"2018-07-15T13:47:34","guid":{"rendered":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3071"},"modified":"2018-07-15T15:47:34","modified_gmt":"2018-07-15T13:47:34","slug":"op-da-schael-seit-teil-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=3071","title":{"rendered":"Op da sch\u00e4l Seit (Teil 6)"},"content":{"rendered":"<p>Es wurde November &#8211; der 17. November 2014, um genau zu sein. Verwunderlicherweise erschien die Firma Bluhm nicht in meiner Abholliste. Was war geschehen? Hatten die etwa so viel Zeug, dass stattdessen ein LKW die Sachen abholte? Nein, keineswegs. Stattdessen erfuhr ich auf Anfrage, dass Planungen im Gange seien, den dortigen Abholer ganz aus meiner Tour zu nehmen. Ja, und da dieser Abholer mich heute nicht aufhielt, war ich um 18 Uhr zuhause, also nach nur etwas mehr als 12 Stunden. Ich sagte ja bereits an fr\u00fcherer Stelle, dass man als Paketfahrer bescheiden in seinen W\u00fcnschen wird.<br \/>\nAm Folgetag machte die Dispo mir die offizielle Mitteilung, dass ich Bluhm nur noch eine Woche lang abholen m\u00fcsse &#8211; na, dann mal ran. Am 25. November hie\u00df es dann: <em>&#8220;Noch drei Tage.&#8221;<\/em> Und es wurde wahr. Diesen Abholer machte ab sofort der TNT Special Service. Das verk\u00fcrzte meine Arbeitszeit gleich um ein gutes St\u00fcck. Ich will aber schon an dieser Stelle offenbaren, dass dies nicht mein Ende bei Bluhm war. Andere Dinge spielten da mit rein, die die Situation noch weiter verbessern w\u00fcrden. <\/p>\n<p>Vorerst geschahen wenig auff\u00e4llige Dinge. Der Tourenf\u00fcrst veranstaltete am 29. November unsere Weihnachtsfeier &#8211; in einer Shishabar in ich sage mal nicht, wo. Geh\u00f6rt wohl seiner Mutter. Wir hatten das Hinterzimmer f\u00fcr uns und es war gerade so nicht zu klein f\u00fcr die Anzahl der Fahrer. Ich will den Nachteil, der mir meine Anwesenheit ziemlich anstrengend gemacht hat, als erstes nennen: Eine Shishabar ist ein Ort, dessen Zweck daraus besteht, dass dort geraucht wird. Kleiner Vorteil: Rauch aus Wasserpfeifen verursacht mir nur leichtes Unwohlsein, anders als trockener Tabakrauch, der daf\u00fcr sorgt, dass ich mich wie ein Asthmapatient f\u00fchle und sich mein Magen bald entleeren m\u00f6chte.<br \/>\nDas Gewinnspiel war&#8230; mittelm\u00e4\u00dfig. Ich glaube, am Ende gewann ich f\u00fcr irgendwas einen LED-Weihnachtsbaum f\u00fcr das Armaturenbrett. Den ich prompt an Ort und Stelle &#8220;verga\u00df&#8221;, und zum Gl\u00fcck hatte der Tourenf\u00fcrst keine Erinnerung daran, wer ihn gewonnen hatte.<br \/>\n&#8220;Khan&#8221; war mit Frau und Sohn gekommen, interessanter Einfall. Meine Frau w\u00fcrde im Leben nicht freiwillig zu einer solchen Veranstaltung mitkommen. Khans statistisches \u00dcbergewicht beim Gewinnspiel machte sich auch gleich darin bemerkbar, dass er zwei Preise abstaubte, einen durch eigene Arbeit und einen durch eine gut geratene Sch\u00e4tzung seines Sohnes, von dem ich nicht sicher war, ob er sich an einem solchen Ort \u00fcberhaupt aufhalten durfte; der war wohl 10 oder so. <\/p>\n<p>Khan&#8230; ist ein an sich netter, aber durch niedrige Stressresistenz auch schwieriger Tournachbar. Ich fahre unten am Rhein, er f\u00e4hrt oben auf der H\u00f6he, Windhagen, die Honnefer D\u00f6rfer, und so weiter bis r\u00fcber nach Asbach und Buchholz (Landkreis Neuwied), und damals waren die Tourgebiete ineinander greifender als ein Jahr sp\u00e4ter. Es wurde erwartet, dass wir bei Abholern, die uns zeitliche Schwierigkeiten bereiten w\u00fcrden, den entsprechenden Tournachbarn anrufen w\u00fcrden, ob der vielleicht effizienter zu dem fraglichen Kunden kommen w\u00fcrde. Idealerweise ein faires Geben und Nehmen, aber wir waren alle beide relativ neu (und Fairness war nicht in jedermanns Sinn verankert). Okay, ich machte meine Tour seit einem knappen halben Jahr und begann, irgendwie klarzukommen, er machte es erst seit vielleicht einem Vierteljahr und hatte Schwierigkeiten. Dennoch war es hin und wieder notwendig, dass ich ihn um die \u00dcbernahme eines Abholers bitten musste. Die Gemeinde K\u00f6nigswinter hat 20 km Durchmesser, und gerade in den Grenzregionen des Gebiets konnte es sich anbieten, dass der Nachbar sich um einen Kunden k\u00fcmmerte. Ich habe mir auch immer M\u00fche gegeben, nur dann um solche Hilfe zu bitten, wenn sie wirklich notwendig war. <\/p>\n<p>Soweit zum Ideal. Khan konnte die Entfernungen nicht absch\u00e4tzen, also wie lange er brauchen w\u00fcrde, um von einem Punkt seines Gebiets an einen anderen zu gelangen. Das sind Erfahrungswerte, die sich nach einem halben Jahr oder so erst einstellen. Aber er war auch ein besonderer Fall von Stressanf\u00e4lligkeit. Wenn ich ihn anrief und nach der M\u00f6glichkeit fragte, an meiner statt einen Kunden in zum Beispiel Rostingen zu bedienen, dann sagte er nicht &#8220;ja&#8221; oder &#8220;nein&#8221; &#8211; er erz\u00e4hlte mir quasi seine gesamte Lebensgeschichte diesen Tages, was schon alles mies gelaufen war und wieviel zu tun er noch hatte. Es war zum aus der Haut fahren; manchmal legte ich nach 30 Sekunden informationsfreier Darlegungen einfach auf. Er hatte nicht das R\u00fcckgrat, nein zu sagen, hatte aber auch nicht den Nerv, ja zu sagen und die zus\u00e4tzliche Fahrzeit auf sich zu nehmen. Das h\u00e4tte mir schon sagen sollen, was er f\u00fcr einer war, aber ich sah erst einmal nur die niedrige Stressschwelle. <\/p>\n<p>Auf der Weihnachtsfeier unterhielt ich mich eine Weile mit ihm, denn wenn er nicht gerade von A nach B rasen musste, sprach er ruhig und langsam. Er hatte wohl Stress mit seinem Schwiegervater, der wohl damals Schnappatmung bekommen hatte, als ihm seine Tochter offenbart hatte, dass sie einen knapp zehn Jahre j\u00fcngeren Ausl\u00e4nder heiraten w\u00fcrde, den sie im Urlaub kennen gelernt hatte. Wenn ich die beiden so ansah, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die zwei unterbewusst einen Deal zum gegenseitigen Vorteil geschlossen hatten. Sie schien nicht der Typ Frau, nach dem sich M\u00e4nner auf der Stra\u00dfe umdrehen, und sie hatte die Mitte 30 schon hinter sich, als sie ihr Kind bekam. Er dagegen h\u00e4tte nie eine bessere Chance bekommen, aus seinem Provinznest ins gelobte Deutschland zu kommen. Ich betone, dies ist meine subjektive Interpretation im Rahmen einer nur dreist\u00fcndigen Beobachtung, man m\u00f6ge dies also bitte nicht f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen. <\/p>\n<p>Nun ja, die beiden lebten aus finanziellen Gr\u00fcnden in einer Wohnung im Haus des Schwiegervaters und Khan sagte, der Mann mache ihm das Leben zur H\u00f6lle, unter anderem, indem er seine Tochter, Khans Frau, unter dem Vorwand der Bed\u00fcrftigkeit an sich fesselte und ihnen fast jede Privatheit unm\u00f6glich machte. Sein Stressfaktor war also auch zuhause schon beachtlich, wie mir schien, dabei ist es bei stressiger Arbeit notwendig, einen Ruhe- und Erholungspunkt zu haben.<br \/>\nAnyways, diese und noch einige Details mehr raunte er mir quasi am Rande der Feier zu und bat gleichzeitig darum, dies nicht weiterzuerz\u00e4hlen, was ich versprach. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, ihn mal mit Familie an einem Wochenende einzuladen, f\u00fcr eine kleine Auszeit sozusagen.<br \/>\nVermutlich h\u00e4tte ich dies auch getan, wenn ich nicht im Laufe der darauf folgenden zwei Wochen oder so herausbekommen h\u00e4tte, dass er die Geschichte so ziemlich jedem erz\u00e4hlt hatte, der ihm mitf\u00fchlend sein Ohr geliehen hatte, und diese Personen haben sich nicht darum geschert, trotz Khans Bitte, wie ich vermuten m\u00f6chte, die Geschichte niemandem sonst anzuvertrauen.<br \/>\nAlso nicht einfach Stress, sondern tief verwurzeltes Selbstmitleid. Na gut, was soll&#8217;s, Khan blieb eh nicht mehr lang. <\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck erhielt ich Gelegenheit, noch mit anderen Leuten zu plaudern. Nennen wir sie mal Homer und Marge, ohne wirklichen Zusammenhang mit den Simpsons. Die beiden waren vor nicht allzu langer Zeit zum Tourenf\u00fcrsten gekommen, waren aber alte Veteranen im Depot und schon Jahre f\u00fcr einen im Herbst abgesprungenen Unternehmer gefahren. Die beiden waren Fans des K\u00f6lner FC und verbrachten Wochenendjobs auf dem N\u00fcrburgring, als Parkeinweiser, Platzwarte, und was es da sonst noch gab. Abseits von der geforderten Arbeitsleistung k\u00f6nne man den Rummel dort sehen und bekam auch noch Geld daf\u00fcr. Lustig fand ich die Geschichte, wie die beiden sich kennen lernten: Er war damals frisch ausgelernter Stra\u00dfenbauer, sie noch Sch\u00fclerin. W\u00e4hrend eines Ausbesserungsauftrags am Gehweg, just vor ihrer Haust\u00fcr, hatte er sie wohl entdeckt und beschlossen, sie auf sich aufmerksam zu machen. Also r\u00fcckte er mit einer motorisierten Asphalts\u00e4ge an, am fr\u00fchen Samstagmorgen, und begann, am Gehweg zu s\u00e4gen. Die so aus dem Schlaf gerissene erschien am Fenster, bedachte ihn mit allerlei vulg\u00e4ren Schm\u00e4hungen und warf schlie\u00dflich mit einem Eimer Wasser nach ihm. Irgendwie vollbrachte sein gewinnendes Wesen den Rest, bis sie ihn ein paar Jahre sp\u00e4ter heiratete. <\/p>\n<p>Am 1. Dezember stellte ich ein teures Nachnahmepaket bei einem Privathaushalt zu, um bei der R\u00fcckkehr zu bemerken, dass der Kunde mir einen 50-Euro-Schein zu viel gegeben hatte. W\u00e4re nat\u00fcrlich ein sch\u00f6nes Trinkgeld, aber&#8230; man soll nicht fies sein. Ich brachte das \u00fcberz\u00e4hlige Geld am Folgetag zur\u00fcck und erhielt ein kleines Weihnachtsgeschenk; ich wei\u00df nur schon nicht mehr, was es war.<br \/>\nEbenso am diesem 2. Dezember entdeckte ich ein Handy auf der Stra\u00dfe in Bad H\u00f6nningen. Ich hielt kurz am Stra\u00dfenrand bei der Bahn\u00fcberf\u00fchrung an und sammelte das Ding ein, ein unbesch\u00e4digtes Smartphone mit Gebrauchsspuren, genauer ein iPhone mit 16 GB Speicherplatz. Interessanterweise war es nicht durch ein Passwort oder \u00e4hnliches gesch\u00fctzt und ich konnte auf alle Daten zugreifen. Das hei\u00dft, ich h\u00e4tte k\u00f6nnen, wenn mir klar gewesen w\u00e4re, wie man so ein Ding bedient. Mein erster Gedanke war, im Adressbuch nachzusehen, ob da sowas wie eine &#8220;Zuhause&#8221; Nummer gespeichert war, oder irgendjemanden in der Liste anzurufen, um \u00fcber diese Ecke den Besitzer benachrichtigen zu k\u00f6nnen. Aber &#8211; ich hatte keine Ahnung und die vielen Symbole verwirrten mich, was mich selbst unangenehm \u00fcberraschte. Ich legte das Ding auf den Beifahrersitz und dachte \u00fcber das Problem nach, w\u00e4hrend ich meiner Arbeit nachging. Der Besitzer allerdings l\u00f6ste das Problem, indem er mich (oder eigentlich: sich selbst) anrief. Ich musste ein paar Sekunden dar\u00fcber nachdenken, wie man mit einem solchen Ger\u00e4t ein Gespr\u00e4ch annahm, erinnerte mich aber schnell genug daran, wie ich das Verfahren bei meiner Frau beobachtet hatte. Ich wischte den blinkenden Knopf beiseite und sprach daraufhin mit einem sehr erleichterten Herrn, den ich kurz darauf in der N\u00e4he seines Wohnhauses traf. Er sagte, er habe sich die vergangenen zwei Stunden nach dem Bemerken des Verlusts gro\u00dfe Sorgen gemacht, weil alle seine Gesch\u00e4ftsdaten auf dem Telefon gespeichert seien, und gab mir 30 Euro Finderlohn. ich w\u00fcrde das einen interessanten Tag nennen. <\/p>\n<p>Den n\u00e4chsten &#8220;interessanten&#8221; Tag hatte ich dann am 3. Februar 2015. Ich stand wie \u00fcblich um Viertel nach Vier auf, wankte erst ins Bad, zog mich an und schlurfte schlie\u00dflich in die K\u00fcche. Ich hatte vergessen, Brot aufzutauen. Also kein Fr\u00fchst\u00fcck, stattdessen nur etwas Tee.<br \/>\nUm F\u00fcnf setzte ich mich dann in den Sprinter und rollte r\u00fcckw\u00e4rts von meinem Parkplatz \u00fcber die Stra\u00dfe, um zu wenden, aber irgendwas war an der Rollbewegung seltsam. Ich stieg wieder aus und musste feststellen, dass der linke Vorderreifen platt war. Gut, ich hatte einen Ersatzreifen&#8230; aber nicht ausreichend Werkzeug. Ich hatte einen kleinen Wagenheber und einen Radschraubenschl\u00fcssel von der L\u00e4nge meines Unterarms, dessen Hebelwirkung nicht ausreichte, um die Schrauben zu \u00f6ffnen. Ich rollte also langsam und vorsichtig zur Tankstelle &#8211; aber die \u00f6ffnete erst um Sechs, vorher hatte der Kompressor keinen Druck.<br \/>\nDer Tourenf\u00fcrst schickte jemanden hoch, der Werkzeug brachte und mir beim Reifenwechsel half, aber es dauerte immer noch bis um Sieben, bis ich im Depot ankam. Bis dahin hatten andere Leute meine Pakete in eine Box ger\u00e4umt, und ich musste erst mal die rausnehmen, die gar nicht in mein Tourgebiet geh\u00f6rten. <\/p>\n<p>Die Zuteilung der so genannten Cluster Codes ist \u00e4lter als die gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nde. Im Laufe der Zeit hatte die zunehmende Frachtauslastung dazu gef\u00fchrt, dass sich die Gebietsgrenzen verschoben. Bad H\u00f6nningen hatte urspr\u00fcnglich zu (Tourgebiet 101) Neuwied geh\u00f6rt, w\u00e4hrend die D\u00f6rfer parallel zur A3 oben einmal zu meinem Tourgebiet Honnef\/K\u00f6niswinter geh\u00f6rt hatten. Es war f\u00fcr Anf\u00e4nger sehr verwirrend, denn man musste gerade in Bad Honnef die Stra\u00dfen quasi auswendig kennen, um zu wissen, welche Stra\u00dfen oben in den D\u00f6rfern waren (Tourgebiet 103) und welche sich unten in der Stadt befanden (Tourgebiet 102).<\/p>\n<p>Und weil das alles noch nicht reichte, um jenen 3. Februar zu was besonderem zu machen, fiel auch noch am Nachmittag das Datennetz von TNT aus. Dies f\u00fchrte zu einem Abholstopp, weil eingehende Auftr\u00e4ge nicht bearbeitet werden konnten, was den 3. Februar zu einem kurzen Arbeitstag machte &#8211; aber die Ware war ja nicht aus der Welt: Morgen w\u00fcrde es daf\u00fcr um so mehr sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wurde November &#8211; der 17. November 2014, um genau zu sein. Verwunderlicherweise erschien die Firma Bluhm nicht in meiner Abholliste. Was war geschehen? Hatten die etwa so viel Zeug, dass stattdessen ein LKW die Sachen abholte? Nein, keineswegs. 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