{"id":2941,"date":"2017-05-09T18:59:32","date_gmt":"2017-05-09T16:59:32","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2941"},"modified":"2017-10-22T12:05:14","modified_gmt":"2017-10-22T10:05:14","slug":"die-fracht-am-rhein-teil-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2941","title":{"rendered":"Die Fracht am Rhein (Teil 15)"},"content":{"rendered":"<p>Fahren wir fort mit meinen Erlebnissen am 19. Mai 2014.<\/p>\n<p>Ich bekam einen Praktikanten ins Auto, dem ich Bitburg zeigen sollte. Ich nenne ihn im folgenden Hubi. Dabei gibt es nicht viel zu sagen &#8211; er scheint mir nicht der Allerf\u00e4higste zu sein, aber er war motiviert und sympathisch und wir tauschten uns \u00fcber unsere Lebenserfahrungen aus. Er war einer dieser sozial Abgeh\u00e4ngten, die nie wirklich eine Chance bekamen. Entsprungen den tieferen Niederungen des Proletariats, wohin sich kein Facharbeiter je verirrt, unbeabsichtigt gezeugt von einem lieblosen Vater, der sich f\u00fcr seinen Sohn nicht interessierte und daraus auch keinen Hehl machte, grundlegende Schulbildung, ohne jemals einem Anspruch auf Leistung ausgesetzt gewesen zu sein. Dumm war Hubi keineswegs, ich schreibe ihm ein gutes Ma\u00df an Intelligenz zu, aber er war eklatant ungebildet, verschwendetes Potential &#8211; und er geh\u00f6rte zu den Leuten, die bei Schwierigkeiten zu schnell aufgeben. <\/p>\n<p>Ohne eine gewisse Tragik kam auch die Beschreibung seines Lebenswegs nicht aus. Als ich vor langer Zeit \u00fcber &#8220;den Kleinen&#8221; geschrieben habe, beschrieb ich wom\u00f6glich, dass jener mit 15 ein Kind mit einem gleichaltrigen M\u00e4dchen gezeugt hatte, was jedoch in einer Fehlgeburt endete und in zumindest materieller Hinsicht folgenlos blieb, w\u00e4hrend ich mir nicht vorstellen will, welche psychischen Folgen ein solches Ungl\u00fcck hat. Hubi hatte ebenfalls in dem Alter mit einer Gleichaltrigen ein Kind gezeugt &#8211; allerdings ist es auch zur Welt gekommen und die Tochter wurde sofort vom Jugendamt einkassiert. Hubi beschrieb mir, dass die Familie eines leitenden Beamten sie adoptierte, die vielleicht spie\u00dfig sei, ihr aber eine T\u00fcr zu jedem Lebensweg \u00f6ffnen k\u00f6nne, den sie ergreifen wolle, ganz im Gegensatz zu einem armen Schlucker wie ihm selbst. Er schien dar\u00fcber hinweg. Er habe seine Tochter im Laufe der Jahre ab und zu zuf\u00e4llig in der Stadt gesehen, aber sie wisse nichts von ihm und er hielte das auch f\u00fcr besser so. Ich kann keinen kompetenten Kommentar zu solchen Vorg\u00e4ngen abgeben, aber ich versicherte ihm, dass seine Tochter ein gesetzlich verankertes Recht habe, ihre wahren Eltern kennen zu lernen, wenn sie das m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Hubi hatte in der Folgezeit noch vier weitere Kinder gezeugt &#8211; als Erwachsener und mit der jeweils selben Frau &#8211; und befand sich immer noch oder immer wieder im Zwist mit dem Jugendamt, scheinbar im Zusammenhang mit seiner immer wiederkehrenden Arbeitslosigkeit, die ebenso offenbar nur episodenweise von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverh\u00e4ltnissen unterbrochen wurde, und der damit verbundenen Armut. Ich wollte gar nicht wissen, wie seine Wohnung aussah.<br \/>\nAm Folgetag, also am 20. Mai (ich greife dem hier vor, um seine Geschichte zusammenh\u00e4ngend erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen), stand wohl der Besuch eines Mitarbeiters des Amtes an, der beurteilen sollte, ob die Kinder in einer halbwegs geordneten Umgebung aufwuchsen, wie auch immer die gesetzlichen Vorgaben daf\u00fcr sein m\u00f6gen. Hubi war furchtbar nerv\u00f6s. Der Gedanke, dass man ihm schon wieder seine Kinder wegnehmen k\u00f6nne, behagte ihm ebenso wenig, wie jedem anderen Vater, der seine Kinder liebte. <\/p>\n<p>Ich kannte die Geschichte einer Mutter, die ihre nicht einmal 12 Jahre alten T\u00f6chter zur Erledigung jeder Hausarbeit herangezogen hatte, w\u00e4hrend sie selbst vorm Fernseher sa\u00df, und die M\u00e4dchen mit einem Kochl\u00f6ffel schlug, wenn ihr das Ergebnis nicht gefiel. Auch war die Rede von sexuellem Missbrauch, f\u00fcr den sich allerdings keine Beweise finden lie\u00dfen, aber das eingeschaltete Jugendamt belie\u00df die Kinder bei der Mutter, angeblich mit der Begr\u00fcndung, dass eine schlechte Mutter besser sei, als keine, und besser, als die Kinder aus ihrem sozialen Umfeld zu rei\u00dfen. So schlimm lag Hubis Fall dann doch wirklich nicht. Er schien sich ob meiner Schilderung aber dennoch keineswegs zu beruhigen. Dann kam gegen Mittag ein Anruf seiner Frau: <em>&#8220;Die Kinder sind weg&#8230;&#8221;<\/em>. Ich sp\u00fcrte, wie psychische Schockwellen mich von rechts kommend \u00fcberfluteten. Aber noch bevor er Worte fand, fuhr sie fort: <em>&#8220;Das war nur ein Witz! Der hat gesagt, soundso&#8230;&#8221;<\/em>.<br \/>\nNa ja, das war dann wohl der mieseste Witz, von dem ich je geh\u00f6rt h\u00e4tte. Hubi war jedoch keineswegs b\u00f6se oder so, sondern nahm die Botschaft nur unendlich erleichtert auf. Als er im weiteren Verlauf der Fahrt sehr schweigsam blieb, kramte ich in meinen CDs und schob das H\u00f6rspiel <em>&#8220;Die Toilette des Grauens&#8221;<\/em> (eine saarl\u00e4ndische Parodie auf <em>&#8220;Master of the Universe&#8221;<\/em>) in das Abspielger\u00e4t. Seine Laune hob sich deutlich, und als wir uns verabschiedeten, sagte er zu mir: <em>&#8220;Ich hab gedacht, der Tag sei hoffnungslos beschissen, aber mit dem H\u00f6rspiel hast Du mir den Tag gerettet &#8211; vielen Dank.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>Wir entdeckten auf der positiven Seite au\u00dferdem ein gemeinsames Interesse an P&#038;P Rollenspielen (er hatte vor Jahren ein Fantasy-RPG gespielt, dessen Namen ich vergessen habe) und wir kamen in der Folgezeit \u00fcberein, es gemeinsam mit einem meiner nahe wohnenden ehemaligen Schulkameraden mit einer Shadowrun-Gruppe zu versuchen. Wir bekamen ein paar Spielsitzungen zu Stande, davon vielleicht sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Anfang Juni 2014<br \/>\nDer Chefoberboss war mal wieder in der Halle, und er beschwerte sich bei mir wegen mangelhafter Kommunikation. Es ging um meinen Wechsel zu TNT&#8230; hatte der Tourenf\u00fcrst etwa erst zwei Wochen nach meiner Einwilligung, lieber bei TNT f\u00fcr ihn zu arbeiten, mit JP dar\u00fcber gesprochen??? Dass dem Chefoberboss zwei Wochen bis zu meinem de facto Abgang zu wenig sein w\u00fcrden, konnte ich irgendwie nachvollziehen &#8211; ohne deswegen von meinen Fluchtpl\u00e4nen abzueichen. Geistige Notiz: K\u00fcndigungen selbst \u00fcberbringen und besprechen, solche Dinge niemals Dritten \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Die ersten beiden Wochen im Mai und damit meine letzten beiden Wochen bei ToF waren geradezu entspannend. Ohne viel Federlesens war ein Ersatzfahrer f\u00fcr die Eifel bestimmt worden (ein Vollidiot, dem fr\u00fcher Feierabend wichtiger war als guter Kundendienst) und ich machte fast das, worauf ich im vergangenen Jahr einmal gehofft hatte: Ich fuhr Aushilfstouren f\u00fcr Fahrer, die nichts mehr in den Laderaum bekommen hatten, und nicht wenige meiner solchen Bem\u00fchungen f\u00fchrten mich ins Bitburger Land, wo Hubi mit seiner Tour k\u00e4mpfte. Er bediente die Saarstra\u00dfe immer noch zwei Stunden sp\u00e4ter als ich, und ich war sicherlich keiner der schnellen Fahrer, was bedeutete, dass er in argen zeitlichen Schwierigkeiten steckte. Meine Aufgabe war also die meiste Zeit, ihm Stopps wegzunehmen, damit er wenigstens die Stadt selbst schaffte. Das war frustrierend, aber ich bekam auch keine vollen Autos mehr, verbrachte nicht mehr deutlich zu viel Zeit auf der Stra\u00dfe und ich hatte morgens Gelegenheit, den anderen zu helfen, ihre Ware in der Halle zu finden und ins Auto zu laden. Ich sp\u00fcrte einen Anflug von Spa\u00df bei der Arbeit. <\/p>\n<p>In diese Zeit f\u00e4llt \u00fcbrigens die Anekdote von dem jungen Handwerker, der mich morgens an der Tankstelle ansprach, ob ich ihn vielleicht nach Wolken bringen k\u00f6nnte &#8211; dabei handelt es sich um ein Dorf mit kleinem Industriegebiet an der Landstra\u00dfe, die parallel zur A61 verl\u00e4uft. Von der Tankstelle aus w\u00fcrde er zu Fu\u00df vielleicht 20 Minuten brauchen. Eigentlich war das Mitnehmen von Fremden verboten, aber ich tat es trotzdem, weil ich ein netter Typ bin. Allerdings kam es, wie es kommen musste: Gerade am Amazon-Geb\u00e4ude vorbei, wurde ich telekommunikativ abgelenkt und fuhr an Wolken vorbei. Der Handwerker hielt die Klappe, anstatt mich aufmerksam zu machen. Als die Ablenkung beendet wurde, hatten wir die nachfolgende Autobahnauffahrt schon fast erreicht und mir d\u00e4mmerte, dass mein Mitfahrer mittlerweile weiter von Wolken entfernt war, als zu dem Zeitpunkt, als er auf dem Beifahrersitz platzgenommen hatte. Er nahm es mit Fassung.<\/p>\n<p>Dann kam ein Tag, den ich nur als Kulturschock bezeichnen kann. Der Tourenf\u00fcrst hatte mich freigemacht, um mir den TNT-Betrieb mal grob zu zeigen, um festzustellen, ob ich damit klarkam. Magnus riet mir dringend davon ab, mich mit auf TNT einzulassen: Er selbst war vor einigen Jahren dort gefahren und habe mit den Leuten im Depot (nicht mit den Fahrern) schlechte Erfahrungen gemacht. <em>&#8220;Die behandeln Dich nicht wie einen Menschen!&#8221;<\/em> sagte er. Das schreckte mich keineswegs &#8211; denn wo sollte da der Unterschied zu diesen beiden Hexen in der ToF-Abfertigung sein? Diese Trulla mit der staubigen Dauerwelle, deren Nachname mit G anf\u00e4ngt, behandelt uns Fahrer auch nicht wie Menschen.<\/p>\n<p>Ich fuhr mit dem mir weiterhin zugeteilten Fahrzeug morgens um etwa sechs Uhr ins TNT-Depot in Urmitz &#8211; und wurde gleich wieder rausgeworfen. Ein Auto mit ToF-Aufdruck d\u00fcrfe hier nicht auf dem Gel\u00e4nde stehen. Also parkte ich hundert Meter weiter im Industriegebiet.<br \/>\nDas Depot ist klein &#8211; keine 50 m lang, vielleicht 25 m breit, Stellpl\u00e4tze an der Rampe f\u00fcr sechs bis h\u00f6chstens acht Kleintransporter, weitere Parkpl\u00e4tze auf der gegen\u00fcber liegenden Seite des Hofs, 30 Fahrer am Werk. Im TNT Depot fand ich ein im Kreis (oder eher: im Rechteck) laufendes Paketband vor, mit einer L\u00e4nge von h\u00f6chstens 20 Metern. An einem Ende wurde Ware aus Gitterw\u00e4gen aufgelegt, die Fahrer standen drumherum und nahmen sich, was sie brauchten. Paletten wurden an der Nordwand gesammelt. Sehr \u00fcbersichtlich.<br \/>\nTNT liebt scheinbar Papierkrieg: Jeden Tag werden Formulare mit Daten ausgef\u00fcllt, mit Kilometerst\u00e4nden und Zeiten und Stoppzahlen, es gibt eine Testrollkarte mit den erwarteten Paketen, danach bei Abfahrt eine Rollkarte mit der tats\u00e4chlichen Ladung &#8211; Papier, Papier, Papier, obwohl eine Menge dieser Informationsdarstellung vom Scanner erledigt werden k\u00f6nnte. Jeder Fahrer verbraucht jeden Tag etwa zehn Seiten Papier &#8211; kein Wunder, dass TNT pleite gegangen ist und verkauft werden musste, denn wo man so sorglos mit den kleinen Ressourcen umgeht, geht man auch unbedacht mit den gro\u00dfen um.<br \/>\nImmerhin: Abfahrtkontrolle. Mitarbeiter werfen einen Blick auf die Ladefl\u00e4che, ob die Ladung gesichert ist. Bei ToF war das nie jemandem eingefallen. Aber bei TNT ist es auch notwendiger: Ich und mein Fahrer &#8211; nennen wir ihn Goldbart &#8211; hatten nicht ann\u00e4hernd das Auto voll, da war noch eine Menge Platz zum purzeln und rutschen.<\/p>\n<p>Um 0700 ging es los. Unglaubliche Zeiten. Bei ToF kommt man ja vor lauter Fracht kaum mal vor halb Neun aus der Halle. Daf\u00fcr ist jeder TNT-Fahrer sein eigener Fr\u00fchdienst und muss neben so genannten 12ern also auch mit Expressen bis um 09:00 und 10:00 zurecht kommen. Schnell erreichbare Orte wie Koblenz (Stadt), Neuwied und (dank Autobahn) Limburg k\u00f6nnen sogar Expresse bis um 08:00 bestellen.<br \/>\nWir fuhren Limburg (Umland). Goldbart erkl\u00e4rte mir die grundlegenden Schritte zur erfolgreichen Bew\u00e4ltigung eines Arbeitstags, sah auf die Rollkarte und sagte, dass wir zwischen halb Elf und Elf mit den Zustellern fertig sein w\u00fcrden und bis zum Eintreffen einer gen\u00fcgend hohen Zahl von Abholauftr\u00e4gen am Nachmittag Pause machen w\u00fcrden. <\/p>\n<p>In der Tat waren wir gegen halb Elf durch, und weil es ein sonniger Tag war, fuhren wir zum Baggersee in Diez. Die Zeit war erstaunlich, wenn auch weniger erstaunlich, wenn ich bedenke, dass mein TNT-Kamerad sich nicht scheute, innerorts grunds\u00e4tzlich auf bis zu 70 km\/h zu beschleunigen. Goldbart war so freundlich, meinen Eintritt am See zu zahlen. <em>&#8220;Wir haben jetzt Zeit bis kurz vor Drei&#8221;<\/em>, erkl\u00e4rte er, wechselte in eine Badehose und schwamm eine Runde. Aber das Wasser sei noch zu kalt. Er trocknete sich ab und machte es sich auf seinem Handtuch bequem. Drei Stunden nichts zu tun? Ich sa\u00df auf dem Rasen wie auf hei\u00dfen Kohlen. Ging nerv\u00f6s hin und her, erweiterte meinen Radius mit der Zeit, betrachtete Kaulquappen im klaren Wasser, umrundete den Baggersee, telefonierte mit Felix, um ihm auf die Nase zu binden, dass ich hier gerade Pause machte. Ich kehrte zu Goldbart unter dem B\u00e4umchen zur\u00fcck. Eine weitere Fahrerin hatte sich zu uns gesellt, sie fuhr Limburg (Stadt). Allerdings rauchte sie auch, was meine Pause nicht angenehmer machte. Ich sah auf die Uhr: Noch \u00fcber eine Stunde. Das Nichtstun machte mich fertig. Ich bat Goldbart um den Autoschl\u00fcssel, rollte meine Jacke zusammen  und legte mich auf der Sitzbank schlafen. So verging die Restzeit. Dann kam Goldbart zur\u00fcck und wir erledigten die Abholauftr\u00e4ge. <\/p>\n<p>So gegen halb Sechs waren wir zur\u00fcck im Depot. Die abgeholten Sachen wurden ausgeladen, von Lagermitarbeitern verbucht, die Fahrer per Unterschrift entlastet, und wir gingen nach Hause. Ich telefonierte mit dem Tourenf\u00fcrsten und versicherte ihm, dass ich mit dieser Arbeit zurecht k\u00e4me. Er sicherte mir &#8220;eine kleine, nahe Tour&#8221; zu. Na ja, ich hatte bereits genug erlebt, um solcherlei Aussagen nicht mehr w\u00f6rtlich zu nehmen, aber ich war sicher, dass auch das \u00dcbelste, was TNT in Urmitz zu bieten hatte, weit unter den allt\u00e4glichen Standards von Transoflex in Metternich liegen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fahren wir fort mit meinen Erlebnissen am 19. Mai 2014. Ich bekam einen Praktikanten ins Auto, dem ich Bitburg zeigen sollte. Ich nenne ihn im folgenden Hubi. 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