{"id":2828,"date":"2017-10-22T14:26:09","date_gmt":"2017-10-22T12:26:09","guid":{"rendered":"http:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2828"},"modified":"2022-04-21T08:53:16","modified_gmt":"2022-04-21T06:53:16","slug":"die-sache-mit-dem-eigenheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codealpha.bidan.de\/?p=2828","title":{"rendered":"Die Sache mit dem Eigenheim"},"content":{"rendered":"<p>Im Laufe des Jahres 2010 &#8211; es kommt mir heute vor, als sei es vor hundert Jahren gewesen &#8211; entschied sich mein Gro\u00dfvater dazu, mir sein Haus, in dem ich aufgewachsen war, zu \u00fcberschreiben. Ich wollte in dem Satz das W\u00f6rtchen &#8220;endlich&#8221; vermeiden, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich es nicht erwarten konnte, endlich zu erben, denn es w\u00fcrde ein v\u00f6llig falsches Bild von meiner Einstellung zum Thema widergeben.<\/p>\n<p>Es war noch ganz fr\u00fch im Jahr 2011, es lag Schnee, als mein Gro\u00dfvater mich mit der Mitteilung \u00fcberraschte, ich solle wegen eines Termins in der Kanzlei der Frau Oberbillig in Blieskastel nach Hause kommen. Ich tat wie gehei\u00dfen und fand mich am folgenden Morgen im B\u00fcro einer gut aussehenden, wenn auch bedenklich erk\u00e4lteten Notarin wieder, die uns zun\u00e4chst eine Rechtsbelehrung zum Thema gab und verschiedene Optionen darbot. Ich glaube, mein Ged\u00e4chtnis ist zumindest nicht schlecht, aber die Details sind mir im Laufe der vergangenen Jahre verloren gegangen. Ich muss die Frau Oberbillig in diesem Zusammenhang aber loben, weil der n\u00e4chste Notar, mit dem ich in Ber\u00fchrung kam, n\u00e4mlich eher eine Pfeife war. Ich erinnere mich allerdings, dass Gro\u00dfmutter nur unbeteiligt da sa\u00df und Gro\u00dfvater neben den wesentlichen auch solche Dinge erl\u00e4uterte, nach denen niemand gefragt hatte, bis zu dem Punkt, wo mich die Notarin Hilfe suchend ansah, weil sie wohl nicht wusste, was sie mit den eben gegebenen Informationen anfangen sollte. Dass man z.B. seinen Vornamen mit &#8220;f&#8221; und nicht mit &#8220;ph&#8221; schrieb, weil in seiner Kindheit die Beh\u00f6rde entschieden hatte, die Alternative sei j\u00fcdischer Natur, war als Detail zwar interessant, aber im gegebenen Kontext nicht zu gebrauchen. Ich konnte selbst nur mit den Schultern zucken.<\/p>\n<p>Diesem Termin folgte einige Wochen sp\u00e4ter ein weiterer, bei dem letzte Details gekl\u00e4rt und die notwendigen Dokumente unterzeichnet werden sollten. Eines der Details war der Umstand, dass Nachkommen in direkter Linie &#8211; meine Mutter &#8211; im Falle eines Verkaufs der Immobilie Anspruch auf einen Anteil erheben k\u00f6nnten, und es sei nicht un\u00fcblich, zur Vermeidung von Streitigkeiten im \u00dcbergabevertrag einen Anteil festzulegen. Und in dieser Situation raunte mir der Gro\u00dfvater zu, ich solle das nicht machen. Das brachte mich innerhalb von einer Sekunde auf 180, ich stimmte dem Vorschlag zu und legte den Anteilssatz auf 25 % fest. Ich hatte nicht vor, das Haus zu verkaufen, wenn es sich irgendwie vermeiden lie\u00df, und ich vertraue meiner Mutter deutlich mehr als er seiner Tochter, ungeachtet der Tatsache, dass wir von der selben Person sprechen. In jenen Tagen d\u00e4mmerte mir, dass er das brauchte, dass diese Art zu denken sein innerstes Wesen war: Dass ihm alle was B\u00f6ses wollten, abgesehen von einem kleinen Kreis von einer Handvoll Personen, zu denen ich geh\u00f6rte. Er brauchte wohl diesen Argwohn, diese gef\u00fchlte Bedrohung, um sich &#8220;gut&#8221; zu f\u00fchlen. Keine 18 Monate sp\u00e4ter konkretisierte ich meine Meinung: Er wollte bemitleidet werden. \u00dcber mein Zerw\u00fcrfnis mit meiner Gro\u00dftante, das aus seinem Verhalten resultierte, schreibe ich wohl sp\u00e4ter einmal.<br \/>\nAlso gut, der Vertrag kam zu Stande, ich setzte meinen Namen darunter. Da man nachher immer schlauer ist, muss ich sagen: Es war eine der d\u00fcmmsten Eseleien, die ich je begangen habe.<\/p>\n<p>Springen wir noch einmal etwa ein Jahr zur\u00fcck. Es k\u00f6nnte im Sommer 2010 gewesen sein. Vielleicht auch 2009. Aber es war Sommer. Da war ich zuhause auf Besuch und in Abwesenheit der Gro\u00dfmutter erz\u00e4hlte mit Gro\u00dfvater von seinem letzten Arztbesuch. Der Doktor habe ihm, wohl nach einer Kernspin-Tomographie zur Untersuchung der aktuellen Schlaganfallsgefahr, er\u00f6ffnet, dass sich in seinem Gehirn Strukturen f\u00e4nden, die in absehbarer Zeit zur Demenz f\u00fchren w\u00fcrden, so in zwei oder drei Jahren. <em>&#8220;Nur, damit Du Bescheid wei\u00dft,&#8221;<\/em> f\u00fcgte er hinzu.<br \/>\nIch muss ihm f\u00fcr die Information dankbar sein, k\u00f6nnte mir aber in den Hintern treten, dass ich damit nichts anfing. Bedenkt man n\u00e4mlich, dass Vater Staat ein zehnj\u00e4hriges Zugriffsrecht auf jede Immobilie hat, wenn der Vorbesitzer die Kosten seiner Alten- oder Krankenpflege nicht selbst aufbringen kann, kann man mein Handeln mit einem Aktion\u00e4r vergleichen, der einen Tipp aus erster Hand erh\u00e4lt, dass seine Wunschanlage mit ann\u00e4hernd v\u00f6lliger Sicherheit in absehbarer Zeit wertlos wird und dennoch in das Unternehmen investiert.<\/p>\n<p>Anfang 2011 lebte ich noch von einem Minijob und Wohngeld, mein Kontostand kam \u00fcber ein paar wenige Hundert Euro nie hinaus, und schon bald nach Vertragsabschluss rollten Rechnungen in niedriger vierstelliger H\u00f6he auf mich zu. Die leitete ich ohne gro\u00dfes Federlesen gleich an den Gro\u00dfvater weiter, da ich sie unm\u00f6glich bezahlen konnte. Der betonte zwar immer wieder gern, wie arm er doch dran sei, aber so ganz nahm ich ihm das angesichts einer BOSCH-Betriebsrente nach \u00fcber 25 Jahren im Betrieb nicht ab. Die erste Rechnung beglich er. Bei der zweiten gab es schon Probleme. Ich solle ihm nicht so hohe Rechnungen schicken, er habe doch kein Geld. Was bitte? Wannimmer ich ihm gesagt hatte, dass ich nur ein paar Hundert Kr\u00f6ten besa\u00df, etwa im Umfang zweier Monatsmieten, hatte er das wohl entweder verdr\u00e4ngt oder nicht ernst genommen &#8211; wer wei\u00df? Vielleicht war ihm der Unterschied zwischen seinen eigenen Aussagen und seiner tats\u00e4chlichen Einkommenssituation voll bewusst und schloss von sich auf andere?<br \/>\nIch fuhr erneut nach Hause, um diese Angelegenheit zu besprechen und erfuhr dabei &#8211; nicht von ihm, sondern von seiner Frau &#8211; dass er in den vergangenen Monaten zwei Hintert\u00fcren seines Autos, zweimal die gleiche, geschrottet hatte, weil er etwas auf den R\u00fccksitz gelegt und dann vergessen hatte, die T\u00fcr vor dem Ausfahren aus der Garage wieder zu schlie\u00dfen. Es war die Rede von mehreren Tausend Euro. Das machte nat\u00fcrlich erstmal Ebbe auf dem Konto.<br \/>\nIch bem\u00fchte mich also verst\u00e4rkt um Nebenjobs f\u00fcr einen Tag, um mein Konto zu entlasten und zahlte ein paar Hundert Euro selbst, um dem Notstand abzuhelfen. Er hatte sich scheinbar keine Gedanken dar\u00fcber gemacht, was so eine \u00dcberschreibung kostet.<\/p>\n<p>Um den Text verst\u00e4ndlich zu halten, muss ich eine wichtige Information einschieben &#8211; zwischen dem vorherigen und dem kommenden Abschnitt liegen zwei Jahre. Der Gesundheitszustand meiner Gro\u00dfeltern verschlechterte sich in dem Zeitraum rapide, bis zu der Unf\u00e4higkeit, ihren Haushalt selbst zu f\u00fchren. Zun\u00e4chst wurde ein ambulanter Pflegedienst hinzugezogen. Und in diesem Zusammenhang eine Warnung an alle, die dieses Schicksal teilen: Man muss sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass man nicht eine Weile einen Pflegedienst engagiert, bis es einem wieder besser geht &#8211; wenn Dich die Demenz befallen hat, dann gibt es keinen Weg zur\u00fcck. Solange man geistig noch dazu in der Lage ist, sollte man alles von Wert verschenken, was im Haus ist. Im konkreten Fall meiner Gro\u00dfeltern mussten wir, die man die Hinterbliebenen nennen muss, am Ende feststellen, dass die beiden zust\u00e4ndigen Mitarbeiter des Pflegediensts alles gestohlen hatten, was einen augenscheinlichen Wert hatte. Die Sammlung von Markenwerkzeugen des Gro\u00dfvaters, den Schmuck meiner Gro\u00dfmutter. Zumindest die Teile, die aus Gold und Silber waren. Alles weg. Nachweisen kann man nat\u00fcrlich niemandem was. Festgestellt wurde dies, als die Gro\u00dfeltern auch f\u00fcr ambulante Pflege zu bed\u00fcrftig wurden und in ein Pflegeheim eingewiesen werden mussten. Denn dann musste ich das Haus verkaufen, der Vertrag mit dem K\u00e4ufer kam Anfang 2013 zu Stande.<\/p>\n<p>Abgesehen von Kosten f\u00fcr die Notarin und die \u00c4nderung des Grundbucheintrags kam auch die Gemeinde auf mich zu, um die Grunst\u00fcckssteuer einzutreiben. Immerhin war im Vertrag festgelegt, dass der Bewohner des Hauses derlei Kosten zu tragen habe. ABER: Die Verantwortung f\u00fcr die Begleichung solcher Kosten geht erst mit dem Beginn des n\u00e4chsten Kalenderjahres auf den neuen Besitzer \u00fcber. In meinem Fall bedeutete dies: Der Verkauf kam im Februar zu Stande, und nach einer schriftlichen Beschwerde teilte mir die Gemeindeverwaltung mit, dass ich laut Gesetz zur Zahlung (in H\u00f6he von etwa 80 E im Quartal) verpflichtet sei, sofern im Kaufvertrag nichts anderes angegeben sei. Der Kaufvertrag enthielt keine entsprechende Klausel, ich f\u00fchlte mich vom Notar auf gut deutsch verarscht. Die Sparkasse als Makler hatte ihn ausgew\u00e4hlt, den Dr. Patrick Lenz aus Saarbr\u00fccken. Der hatte also scheinbar vergessen, mich auf ein solches Gesetz hinzuweisen, aber was konnte ich erwarten? Eine Beratung meiner Person fand \u00fcberhaupt nicht statt, und \u00fcberhaupt musste mir die Kanzlei drei Versionen des Vertrags zusenden, bis endlich einmal der Name des K\u00e4ufers korrekt geschrieben war! Lieber Leser, machen Sie einen Bogen um dieses Notariat. Ich wandte mich an den Hausk\u00e4ufer, denn seine Postadresse kannte ich ja, und bat ihn, diese Kosten als Nutznie\u00dfer des Anwesens bitte zu begleichen. Statt einer Art von Antwort seinerseits bekam ich bald eine Mahnung der Gemeindeverwaltung. Ich zahlte z\u00e4hneknirschend 360 E bis zum Jahresende.<\/p>\n<p>Eine erste Version dieses Textes entstand im Oktober 2015. Ich f\u00fchlte damals noch eine ungeheure Frustration dar\u00fcber, mein Elternhaus verkauft haben zu m\u00fcssen, und unter welch dem\u00fctigenden Bedingungen das alles zu Stande kam. Der grimmige Frust ist einem entt\u00e4uschten Kopfsch\u00fctteln gewichen, aber ich fand mich sp\u00e4testens ab dem Zeitpunkt in der \u00dcberzeugung, nie die Last auf mich zu nehmen, ein eigenes Haus zu kaufen.<br \/>\nErstens macht eine Immobilie genau das: N\u00e4mlich immobil. Wer wei\u00df, wo der Arbeitsmarkt mich hintr\u00e4gt? Ans andere Ende der Republik vielleicht, oder sogar dar\u00fcber hinaus? Dann hinge mir ein Haus wie ein Klotz am Bein. Zweitens sehe ich keinen Unterschied, ob ich vierzig Jahre lang Miete zahle oder vierzig Jahre lang Zinsen an den Kreditgeber \u00fcberweise, wie es mein Gro\u00dfvater getan hat. Der lebte dann ein paar wenige Jahre mietfrei in seinem Haus, bevor seine Lebensreise ihn ins Pflegeheim f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Zuletzt enttarnt sich unter den gegebenen staatlichen Rahmenbedingungen die Werbung der Kreditgeber vom Eigenheim als reine Propaganda. Es wird nicht explizit gesagt, aber es wird suggeriert, dass ein Eigenheim der Altersarmut vorbeuge, weil man schlie\u00dflich mietfrei wohnen k\u00f6nne. Aus meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung heraus stellt sich das etwas anders dar: Die oberfl\u00e4chlichen Vorteile des Eigenheimbesitzes werden einem zwar zur Bek\u00e4mpfung der Altersarmut schmackhaft gemacht (deren Verbreitungsgrad de facto eh fraglich ist), dient aber in der von mir wahrgenommenen Realit\u00e4t dem tats\u00e4chlichen Zweck, dass nicht der Staat die Kosten von Unterbringung und Pflege in dem nicht unwahrscheinlichen Bedarfsfall tragen muss. Das m\u00fchsam abbezahlte (und im Falle meines Gro\u00dfvaters ebenso m\u00fchsam selbst gebaute) Haus wird eingesackt und verfl\u00fcssigt. Dass das Herzblut einer ganzen Familie mit Kindheits- und Lebenserinnerungen daran h\u00e4ngt, wird als reine Sentimentalit\u00e4t beiseite gewischt. Das ist etwa so wie mit dem Verbandsp\u00e4ckchen, das jeder Soldat in der Brusttasche mit sich herumtr\u00e4gt: Das hat er nicht dabei, um damit anderen im Falle des Falles helfen zu k\u00f6nnen &#8211; sondern einzig und allein, damit im Notfall f\u00fcr ihn selbst eins da ist. Damit beginnt der Kreis von neuem. Ohne geerbtes Haus, in dem er tats\u00e4chlich (anstatt nur gef\u00fchlt) mietfrei wohnen k\u00f6nnte, muss sich der Besitzlose sein eigenes Betongold bezahlen. Wenn er das Spiel denn mitmachen will. Ich mache es nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Laufe des Jahres 2010 &#8211; es kommt mir heute vor, als sei es vor hundert Jahren gewesen &#8211; entschied sich mein Gro\u00dfvater dazu, mir sein Haus, in dem ich aufgewachsen war, zu \u00fcberschreiben. 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